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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 03.02.2006

Katharina Wackernagel im Interview
Tatjana Zilg

Im Kino ist sie als die neunzehnj├Ąhrige Joe zu sehen, die entgegen aller Widerst├Ąnde Boxerin werden m├Âchte. Sie erz├Ąhlt von den Dreharbeiten und mit hoher Empathie von den inneren Konflikten der Joe



Katharina Wackernagel stammt aus einer Schauspielerfamilie und stand schon seit ihrer fr├╝hen Kindheit auf der Theaterb├╝hne. Zwischen 1997 und 1999 begeisterte sie als Tanja in der gleichnamigen ARD-Serie das Fernsehpublikum und wurde f├╝r ihre schauspielerische Leistung mit einem "Goldenen L├Âwen", dem Fernsehpreis f├╝r die Beste Seriendarstellerin, bedacht.
Ihre Karriere lief danach weiter sehr erfolgreich mit Rollen in TV-Produktionen wie "Das Wunder von Lengede" (2003), "Die letzte Schlacht" (2004) und "Bettgefl├╝ster & Babygl├╝ck" (2004). Seit 2002 spielt Katharina Wackernagel in der Fernsehreihe "Bloch" die Tochter Leonie. Zuletzt vor der Kamera stand sie f├╝r die TV-Produktionen "Die Luftbr├╝cke - Nur der Himmel war frei", "Schnee im Sommer", "Ich Narr des Gl├╝cks - Das Leben des Heinrich Heine" sowie im Herbst 2005 f├╝r "Eine einzige Tablette (AT)", ein historisches Drama unter der Regie von Adolf Winkelmann.
Neben dem Fernsehen eroberte sie auch die gro├če Leinwand. In S├Ânke Wortmann┬┤s "Das Wunder von Bern" (2003) war sie als Ehefrau des Sportjournalisten Ackermann zu sehen, Joe in die "Die Boxerin" ist ihre erste Kino-Hauptrolle.

AVIVA-Berlin: Der Film spielt in l├Ąndlicher Umgebung in der N├Ąhe von Eberswalde. Die Gegend dort ist ein sozialer Brennpunkt, es gibt gerade unter jungen Menschen viel Hoffnungslosigkeit. Sie selbst sind eine erfolgreiche Schauspielerin. Wie haben Sie sich hineingef├╝hlt in diese Welt, die doch wahrscheinlich sehr unterschiedlich ist zu Ihrer eigenen?
Katharina Wackernagel: Als ich das Buch gelesen habe, war mir schnell sehr klar, wie Joe ist und warum sie so ist. Ich konnte mir das so gut vorstellen, dass sich f├╝r mich nicht die Frage gestellt hat, ob ich dort vielleicht nicht hineinpasse oder ob ich sie vielleicht nicht spielen k├Ânnte. Ich habe gut nachvollziehen k├Ânnen, wie es ist, in dieser Situation aufzuwachsen. Ich war zuvor schon einige Male in Bernau und Eberswalde und als wir dann dort gedreht haben, konnte ich Joe sehr gut verstehen. Etwa, warum sie sagt, es gibt hier nicht so viele Wege, die man sich aussuchen kann, zu gehen. Es kann sehr schwierig sein, an einem solchen Ort zu leben. Wenn man im Aufbruch, auf der Suche ist, kann das eine totale Barriere sein.

AVIVA-Berlin: Welche Eigenschaften haben Sie am Charakter der Joe fasziniert? Sehen Sie sie als Rebellin, die gegen diese Barrieren ank├Ąmpfen muss?
Katharina Wackernagel: Ich finde nicht, dass Joe eine Rebellin ist in dem Sinne, dass sie alles anders machen m├Âchte als sie es in ihrer Umgebung erlebt. Sie will eigentlich ├╝berall dazugeh├Âren - sowohl zu Mandy und den Girlies im Cafe Corso als auch zu den Jungs in ihrem Boxclub. Einerseits will sie trainieren, weil sie fest daran glaubt, dass sie eine gute Boxerin werden kann. Andererseits reicht ihr das nicht, dass sie dort trainieren kann. Sie provoziert die Jungs in erster Linie damit, dass sie dazugeh├Âren will. Deshalb wird sie so oft weggesto├čen. Sie will allen Leuten zeigen: "Nehmt mich doch so wie ich bin". Das ist aber nicht gefragt. Und das kann ich total gut verstehen. Ich habe das auf einer anderen Ebene kennengelernt, dieses Gef├╝hl von "Ich m├Âchte zwar dazugeh├Âren, ich m├Âchte aber nicht den Preis daf├╝r bezahlen, indem ich mich daf├╝r ver├Ąndern oder mich anpassen muss." Da bin ich selbst schon oft mit angeeckt.

AVIVA-Berlin: Joe reagiert in vielen Szenen schnell sehr aggressiv. Fiel Ihnen das anfangs schwer?
Katharina Wackernagel: Joe reagiert zwar aggressiv in dem Sinne, dass sie bereit ist, einen Schreibtisch umzuwerfen oder einen Sprudelkasten nach einer Frau zu werfen. Das sind jedoch alles Momente, in denen sie sehr hilflos ist. Ich denke, es erz├Ąhlt viel ├╝ber einen Menschen, wie er sich verh├Ąlt, wenn er in die Enge getrieben wird. In ihrem Zuhause hat sie niemanden, mit dem sie reden kann. Die gleichaltrigen M├Ądchen wollen nichts mit ihr zu tun haben, mit ihrer Mutter kann sie auch nicht reden. Wenn jemand nie gelernt hat zu reden und sich ungerecht behandelt f├╝hlt, kann es eine normale Reaktion sein, den anderen wegzuschubsen. Wenn man sich nicht anders ausdr├╝cken kann, bleibt einen nichts anderes ├╝brig, als zuzuschlagen oder den Schreibtisch umzuwerfen, um eine Distanz aufzubauen. Es geschieht aus einer Unsicherheit und einer Angst heraus.

AVIVA-Berlin: Wie haben Sie sich auf die Boxszenen vorbereitet? Haben Sie sich auch K├Ąmpfe angeschaut, sich mit Profi-Frauenboxerinnen getroffen?
Katharina Wackernagel: Ich habe insgesamt f├╝nf Monate trainiert f├╝r den Film, aber nicht in einem Frauenboxclub. Nur ganz am Anfang habe ich in Kreuzberg einen Wochenend-Workshop gemacht, das war aber gerade zu Beginn nicht so einfach f├╝r mich. Ich hatte dann einen eigenen Trainer, mit dem ich dann vier- bis f├╝nfmal die Woche zwei oder drei Stunden am Tag trainiert habe. Zum Ende habe ich einen Monat mit Thurid Do├č trainiert, der Boxerin, gegen die ich im Film in einem ersten gro├čen Wettkampf antrete. W├Ąhrend dieser Zeit habe ich K├Ąmpfe im Fernsehen angesehen, aber nur unter dem Aspekt, zu beobachten, wie die Boxer sich bewegen. Ich bin dadurch nicht zu einer leidenschaftlichen Zuschauerin des Boxsports geworden.

AVIVA-Berlin: Joe ist ihre Frauen-Freundschaft mit Stella au├čerordentlich wichtig. Ziehen Sie auch eher wenige, aber sehr intensive Freundschaften vor oder sind Sie eher ein Cliquenmensch?
Katharina Wackernagel: Cliquen habe ich nie gehabt, aber ich habe ziemlich viele Freunde. Ich habe in der Schulzeit auch nie eine Phase gehabt, in der ich immer mit einer Gruppe von Jungs oder M├Ądels abgehangen habe. Ich hatte immer eine sehr enge, dichte Verbindung zu einer Freundin oder einen Freund. Das funktioniert meistens nicht in einer Gruppe. Ich h├Ątte schon gr├Â├čere Schwierigkeiten, alle meine Freunde zusammenzurufen in dem Sinne "Ihr seid alle meine Freunde, also versteht euch jetzt auch untereinander". Da w├Ąre ich die ganze Zeit hin- und hergerissen, w├Ąre besorgt, ob sich alle gut verstehen.
Die Freundschaft, die Jo und Stella miteinander haben, ist noch einmal etwas spezielleres. Sie zerf├Ąllt in zwei Seiten: Wer braucht wen f├╝r sich? Ich finde, im Film wird sehr gut dargestellt, dass es in Frauenfreundschaften oft eine gibt, die st├Ąrker ist, die vorprescht, die Halt anbietet. Manche Frauen suchen in einer Freundin jemand, wo sie die St├Ąrkere sein k├Ânnen. Eigentlich bin ich aber froh, solche Freundschaften selbst nicht zu haben.

AVIVA-Berlin: M├╝ssen Frauen in sozial benachteiligter Position sich auch im ├╝bertragenen Sinne durchboxen?
Katharina Wackernagel: Ich glaube schon daran, dass Frauen oft gezwungen sind, einen anderen Weg zu gehen, dass sie analytischer und vielschichtiger sein m├╝ssen. Bei M├Ąnnern wird es akzeptiert, dass sie immer geradlinig und zielstrebig sind, von einer Frau wird oft erwartet, viele Sachen gleichzeitig zu tun. Inzwischen ist es zwar akzeptiert, dass eine Frau Karriere macht, aber sobald sie Kinder hat, ist sie diejenige, die nach der Betreuung der Kinder befragt wird. Die Frau wird viel schneller als Mutter in Frage gestellt, wenn sie gleichzeitig ihre Karriere vorantreiben m├Âchte. Zum Beispiel w├╝rde ein Politiker in einem Interview nie nach seinen kleinen Kindern gefragt werden, Frauen m├╝ssen sich da jedoch oft rechtfertigen. Durchboxen ist vielleicht etwas grob gesagt, aber dennoch m├╝ssen Frauen viel mehr an ihrer Deckung und ihrer Verteidigung arbeiten.

AVIVA-Berlin: Welche Szene gef├Ąllt Ihnen pers├Ânlich am besten in dem Film?
Katharina Wackernagel: Ich mag die Szene mit Stella am Strand total gerne, diese Autofahrt dahin. Aber ich mag auch die Szene mit Mario an der W├╝rstchenbude sehr. Und den Kampf. Es gibt viele Szenen, von denen ich finde, dass sie sehr gelungen sind.

AVIVA-Berlin: Im Bezug auf Mario ist mir aufgefallen, dass Joe┬┤s Beziehung mit ihm im Mittelteil sehr pr├Ąsent ist. Sie scheint zu glauben, er h├Ątte kein Verst├Ąndnis f├╝r ihr Boxtraining. Dann gibt es einen Schnitt, sie trennt sich von ihm und er ist auch v├Âllig aus dem Film drau├čen.
Katharina Wackernagel: Sie h├Ârt nicht wegen Mario mit dem Boxen auf. Sie h├Ârt auf, weil Stella sie verl├Ąsst. Ich glaube, das ist ausschlaggebend daf├╝r, dass sie mit nichts mehr richtig klarkommt. Sie merkt zwar einerseits, dass sie sich nach einem Zuhause sehnt, und f├Ąngt nach dem Einzug bei Mario sofort an, dort Hausfrau zu spielen. Aber dann merkt sie, dass sie das ├╝berhaupt nicht kann. Es gibt bei ihr jedoch nur ein Entweder/Oder, sie kann Mario ihre Gef├╝hle nicht verst├Ąndlich mitteilen. Erst ist der Typ pl├Âtzlich da, es gibt nur noch ihn f├╝r sie. Dann ist sie v├Âllig geschockt, als Stella kommt und sagt: "Ich bin nur f├╝r dich wichtig, wenn es dir schlecht geht und du jemanden zum reden brauchst, das will ich nicht mehr". Joe wei├č nicht mehr weiter und vergrault aus ihrem eigenen Frust heraus Mario. Das Gespr├Ąch am K├╝chentisch in seiner Wohnung, wo die Beziehung in die Br├╝che geht, ist letztendlich ein Kampf. Zwei Leute sitzen sich gegen├╝ber und reden dar├╝ber, ob sie sich lieben, aber keiner traut sich, etwas dar├╝ber zu sagen.

AVIVA-Berlin: Der Film ist der Abschlussfilm der Regisseurin Catharina Deus. Sie konnte mit dem Projekt ein etabliertes Team von SchauspielerInnen gewinnen, obwohl die Gage gering war. Gibt es denn zu wenig gute Drehb├╝cher, die so schnell ├╝berzeugen? Was war Ihre Motivation, die Rolle anzunehmen?
Katharina Wackernagel: Ich glaube schon, dass es viele gute B├╝cher gibt, aber es gibt ebenso viele gute SchauspielerInnen. Zudem hat man einfach Lust, auch mal etwas anderes zu machen. Unabh├Ąngig vom Budget gesehen ist es so, dass Catharina Deus mit "Der Boxerin" ihren Abschlussfilm gemacht und sich sehr lange gemeinsam mit der Drehbuchautorin Martina Klein auf den Film vorbereitet hat. Es ist ein tolles Gef├╝hl mit einer Regisseurin zusammenzuarbeiten, die soviel Energie in ihr Projekt hineingibt. Sie wei├č alles ├╝ber die Figuren, ihre Motivation, sie ist bei der Entstehungsgeschichte des Buches dabei gewesen. Obwohl die Gage, die ich bekam, relativ gering war, ist es f├╝r mich insofern ein Luxusprojekt gewesen, indem ich sagen konnte, ich nehme mir f├╝nf Monate Zeit nur f├╝r das Boxtraining. Ich hatte immer die M├Âglichkeit, mich mit der Regisseurin zu treffen, mit ihr zu reden. Ich wurde auch in die Castings der anderen SchauspielerInnen einbezogen.

AVIVA-Berlin: Joe in "Die Boxerin" ist Ihre erste gro├če Hauptrolle auf der Kinoleinwand. Worin sehen Sie die wesentlichen Unterschiede zwischen TV-Produktionen und Kinofilmen?
Katharina Wackernagel: Das ist mir nicht so wichtig, f├╝r mein Spiel ist es unwesentlich, ob mit einer 16-mm oder einer 35-mm Kamera gedreht wird. Es gibt Produktionen, die mich pers├Ânlich mehr interessieren, andere, die mich vom Thema her nicht so ansprechen, wo ich mich dann aber an der Figur orientiere. Es geht mir immer darum, ob eine Geschichte f├╝r mich interessant ist und ob eine Rolle so angelegt ist, dass ich Lust habe, mich mit ihr auseinander zusetzen. Ich w├╝rde auch nicht sagen, mich interessiert ein Genre mehr als das andere. F├╝r mich geht es darum, die Menschen und das, was ihnen passiert, glaubw├╝rdig darzustellen, ob es nun humorvoll, komisch oder traurig ist.
Grunds├Ątzliche Unterschiede zwischen TV und Kino sehe ich da nicht. Trotzdem gibt es vom Drehablauf Unterschiede. Ich w├╝rde jetzt aus dem Grund keine Serie mehr machen wollen, weil ich einfach das Konzept einer Serie, sehr viel drehen zu m├╝ssen und Figuren so anzulegen, dass sie in alle Richtungen dehnbar sind, schon gut kenne und nicht unbedingt Lust h├Ątte, noch einmal 39 Folgen lang eine Figur zu spielen.

AVIVA-Berlin: Ihre beiden Kurzfilme "Think Positive!" und "Think Positive! Redux!", bei denen Sie Regie f├╝hrten, wurden gleich mit Preisen ausgezeichnet. M├Âchten Sie sich sp├Ąter einmal mehr zu Regie hinentwickeln?
Katharina Wackernagel: Das ist derselbe Film, wir hatten ihn noch einmal bearbeitet. Mein Schwerpunkt ist auf jeden Fall Schauspiel, aber ich m├Âchte auch wieder Regie machen. Mein Bruder Jonas Grosch, mit dem ich zusammenlebe, ist Drehbuchautor. Er hat viele der Drehb├╝cher geschrieben, die wir zusammen umgesetzt haben. Bei den meisten habe ich nur gespielt, bei einen habe ich auch Regie gef├╝hrt. Er hat einen langen Film geschrieben, den ich sehr sch├Ân finde und den ich gerne einmal machen w├╝rde. Aber das ist jetzt noch nicht konkret. Filme, die man selber umsetzen m├Âchte - das dauert immer ziemlich lange, bis es wirklich geht, einfach auch des Geldes wegen. Aber grunds├Ątzliches Interesse ist da.

AVIVA-Berlin: Was ist denn das Thema des Drehbuches?
Katharina Wackernagel: Es ist ein Road-Movie, eine Geschichte von zwei Frauen, die durch Schweden fahren.

AVIVA-Berlin: Was w├╝nschen Sie sich f├╝r die Zukunft?
Katharina Wackernagel: Mein Werdegang hat mit der Serie "Tanja" begonnen. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich mich von der Serie wegentwickeln konnte, bis mir vielschichtigere Figuren angeboten wurden. Seit drei, vier Jahren habe ich mich dann in den verschiedensten Bereichen gut etabliert. Rollen in den verschiedensten Genres, mit unterschiedlichen Charakteren wurden mir angeboten. Die letzten zwei Jahre habe ich sehr viel gearbeitet, was ich sehr genossen habe. Was ich auch toll fand, war, dass es ganz unterschiedliche Frauenrollen waren. Ich hoffe, dass das so weitergeht und dass ich die M├Âglichkeit habe, noch viel auszuprobieren.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!

Lesen Sie auch die Filmrezension zum Film "Die Boxerin".

Women + Work Beitrag vom 03.02.2006 AVIVA-Redaktion 





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