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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 18.05.2006


Svetlana Kuznetsova will alles
Sylvia Rochow

2004 gewann die Russin völlig überraschend die US Open. Nach langer Durstrecke meldet sie sich in 2006 in der Weltspitze zurück. AVIVA sprach im Rahmen der Qatar Telecom German Open 2006 mit ihr.




© Fotos: Bonnie Glänzer
AVIVA-Berlin: Die Qatar Tennis Federation (QTF) veranstaltet ja seit dem vergangenen Jahr nicht nur das WTA-Turnier in Doha, sondern auch die Ladies German Open in Berlin. Welches Turnier gefällt Ihnen besser?
Svetlana Kuznetsova: Ich mag beide Turniere sehr gerne. Aber da ich in Spanien wohne und trainiere, gefällt mir das Turnier in Europa, also hier in Berlin, doch etwas besser. So richtig vergleichen kann man die Veranstaltungen aber eigentlich nicht. In Doha spielen wir auf Hartplatz und es ist immer sehr heiß. Die German Open werden auf Sand ausgetragen und meistens sind die Temperaturen doch etwas angenehmer.

AVIVA-Berlin: Was bekommen Sie als Spielerin von den Problemen mit, die die German Open in den letzten Jahren hatten?
Svetlana Kuznetsova: Ich weiß, dass es Probleme gab, und ich bin sehr froh, dass der qatarische Verband hier hilft. Ich würde mich freuen, wenn das Turnier auch in Zukunft in Berlin fortbestehen könnte.

AVIVA-Berlin: Wie gefällt Ihnen die Stadt?
Svetlana Kuznetsova: Ich mag Berlin sehr gerne, ich liebe es, hierher zu kommen...

AVIVA-Berlin: ...Es leben auch viele Russen in Berlin...
Svetlana Kuznetsova: ...Ja, ja, ich weiß. Es gibt russische Restaurants, und sogar einen russischen Radiosender und eine russische Diskothek.

AVIVA-Berlin: Waren Sie mal in einem der russischen Restaurants?
Svetlana Kuznetsova: Nein, aber ich war einmal in der russischen Diskothek. Aber nur für zehn Minuten, ich wollte wissen, was da los ist...

AVIVA-Berlin: ...Und?
Svetlana Kuznetsova: Russische Musik, überraschender Weise (lacht).

AVIVA-Berlin: Wenn eine Spielerin bei einem Grand Slam-Sieg so jung ist, wie Sie es mit Ihren 19 Jahren bei den US Open 2004 waren, dauert es manchmal eine ganze Weile, bis sie realisiert, was da eigentlich passiert ist. Ihre Resultate nach dem Triumph in New York und im ganzen letzten Jahr waren dementsprechend auch sehr schwankend. Aber jetzt scheinen Sie mit Ihrem Spiel ein deutlich konstanteres Level erreicht zu haben. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Svetlana Kuznetsova: Ja, Sie haben Recht, damals war ich einfach nur fasziniert davon, was mein Sieg ausgelöst hat. Ich war erst 19, gewinne plötzlich die US Open, danach wurde der Druck dann einfach zu groß. Ich hatte ja durchaus schon vorher gut gespielt, gehörte bestimmt zu den besten zehn, zwölf Spielerinnen auf der Tour, aber ich war überhaupt noch nicht bereit für so einen großen Titel. Und dann spielt man ein gutes Turnier, und plötzlich erwarten die Leute alles von einem. Ich habe zu dieser Zeit viel zu viele Turniere gespielt, auch ziemlich erfolgreich. Aber dadurch wurde der Druck nur immer größer, und irgendwann konnte ich nicht mehr, hatte keine Energie mehr. Auf einen Schlag war mein ganzes Selbstvertrauen weg. Das kann man dann natürlich auch nicht so schnell wieder aufbauen und zu dem Druck kamen irgendwann auch noch Verletzungen.
Ende des letzten Jahres habe ich mir dann einfach Zeit für mich genommen. Ich hatte gemerkt, dass ich etwas ändern muss, dass es so nicht weitergehen kann und habe abseits des Platzes wichtige Entscheidungen für mich getroffen.

AVIVA-Berlin: Können Sie uns verraten, was für Entscheidungen das waren?
Svetlana Kuznetsova: Na ja, da möchte ich eigentlich nicht im Detail drüber reden. Es ging um ganz grundsätzliche Entscheidungen für mein Leben. Wo und mit wem ich trainieren will, wo ich lebe, für wen ich spiele. Ich spiele jetzt nur noch für mich, für niemanden sonst. Diese Entscheidungen musste ich treffen, ganz für mich allein. Ich habe sie aus meinem Herzen getroffen - es war mir egal, was mein Umfeld sagt, egal, wie nahe mir die Leute stehen - es ist schließlich mein Leben, und jeder hat nur eins.

AVIVA-Berlin: Sie trainieren in der Academia Sánchez-Casal in Spanien. Haben Sie gar nicht daran gedacht, die Akademie zu verlassen und es mit einem anderen Trainer zu versuchen, als der Erfolg im letzten Jahr ausblieb?
Svetlana Kuznetsova: Nein, zu keinem Zeitpunkt. In Barcelona sind die Leute, die immer an mich geglaubt haben, auch, als es 2005 nicht gut für mich lief. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, die Akademie zu verlassen, egal, was von außen geredet wird. Und jetzt, wo ich wieder Erfolg habe, zeigt es sich, dass das die richtige Entscheidung gewesen ist.

AVIVA-Berlin: Wie wird entschieden, welcher Coach Sie zu den Turnieren begleitet?
Svetlana Kuznetsova: Im Gegensatz zu früher wechseln wir das jetzt nicht mehr ab, ich reise in den letzten Monaten mit einem festen Trainer aus der Akademie, Stefan Ortega. Er ist übrigens halb Deutscher, halb Spanier.

AVIVA-Berlin: Hat er Ihnen denn mal etwas auf deutsch beigebracht?
Svetlana Kuznetsova: Eins, zwei, drei. Ich will alles (lacht). Ich hatte mal ein T-Shirt, da stand das drauf, deshalb erinnere ich mich noch daran.

AVIVA-Berlin: Sie haben es bereits angesprochen, 2006 verläuft für Sie bisher sehr erfolgreich. Sie standen gerade erst im Finale in Warschau, im März in Key Biscsayne konnten Sie endlich wieder einen Turniersieg feiern. War es Ihnen wichtiger, überhaupt wieder einen Titel geholt zu haben, oder hatte auch der Tier I-Status des Turniers eine besondere Bedeutung für Sie?
Svetlana Kuznetsova: Das Entscheidende war eigentlich, dass es ein Tier I ist. Das Turnier ist das größte nach den vier Grand Slams überhaupt, es geht ja auch über zwei Wochen, und ich musste unter anderem gegen Hingis, Mauresmo und Sharapova spielen.

AVIVA-Berlin: Apropos Amélie Mauresmo. Sie spielen seit Wimbledon 2005 zusammen Doppel, haben dort auch gleich auf Anhieb das Finale erreicht. Wie haben Sie sie denn überredet, es miteinander zu versuchen? Amélie hat sich ja bisher eigentlich vor allem aufs Einzel konzentriert.
Svetlana Kuznetsova: Na ja, meine damalige Doppelpartnerin, Alicia Molik aus Australien, hatte mir vor dem Turnier mitgeteilt, dass sie verletzungsbedingt nicht würde spielen können. Da ich sehr gerne Doppel spiele, habe ich mich nach einer anderen Partnerin umgesehen. Dann bin ich auf Amélie gekommen, und als ich sie gefragt habe, war sie einverstanden, dass wir es einmal miteinander versuchen könnten. Wir haben uns auf dem Court gleich gut verstanden und viel Spaß gehabt, seitdem spielen wir zusammen.

AVIVA-Berlin: Dann muss es in Key Biscayne eine besondere Situation für Sie gewesen sein, gegen Ihre Doppelpartnerin anzutreten?
Svetlana Kuznetsova: Ja, selbstverständlich. Zum Einen, weil wir gut befreundet sind, und zum Anderen natürlich auch, weil sie die Nummer 1 ist. Aber ich denke, ich habe ein gutes Match gespielt.

AVIVA-Berlin: Gut ist untertrieben, Sie haben nahezu perfektes Tennis gespielt - nichtsdestotrotz wirkten Sie nach dem Match nicht gerade glücklich...
Svetlana Kuznetsova: ...Wie sollte ich auch? Natürlich habe ich mich einerseits gefreut, gewonnen zu haben, aber auf der anderen Seite hatte ich ja eine Freundin geschlagen.

AVIVA-Berlin: Schauen Sie sich vor einem Turnier eigentlich die Auslosung an?
Svetlana Kuznetsova: Nein, es ist mir lieber, wenn ich gar nicht weiß, wie die Auslosung aussieht. Ich erkundige mich immer nur, gegen wen ich in der nächsten Runde spielen muss. Um alles andere kümmert sich mein Trainer, er beobachtet zum Beispiel auch meine nächste Gegnerin. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass ich komischerweise immer dann besonders gut gespielt habe, wenn ich eine schwere Auslosung erwischt hatte. In Charleston war sie vermeintlich am leichtesten - gewonnen habe ich trotzdem nicht dort, sondern in Key Biscayne.

AVIVA-Berlin: Sie sind jetzt wieder in den Top Ten der Weltrangliste. Welche Ziele haben Sie sich für 2006 gesteckt?
Svetlana Kuznetsova: Eigentlich keine konkreten. Ich versuche, jedes Match bei jedem Turnier zu genießen und mich immer weiter zu verbessern. Wenn das funktioniert, kommt alles andere sowieso von allein. Dieses Jahr will ich vor allem einfach nur spielen, die Matches genießen und mein Bestes geben. Der Rest ergibt sich dann schon von selbst.

AVIVA-Berlin: Gibt es ein Grand Slam-Turnier, für das Sie sich besonders viel vorgenommen haben?
Svetlana Kuznetsova: Am liebsten wäre es mir, wenn ich bei den French Open gut abschneiden würde. Aber bisher hatte ich gerade in Paris immer sehr schwere Auslosungen. Generell denke ich, dass mir Hardcourt am meisten liegt, danach kommt Rasen wie in Wimbledon, und erst dann Sand wie bei den French Open.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!


Women + Work

Beitrag vom 18.05.2006

Sylvia Rochow 






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