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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 26.08.2003

Carola von Braun
R. Adrus-Wenner, S. Adler

Die Mitbegr├╝nderin und Vorstandsprecherin der ├╝berparteilichen Fraueninitiative Berlin - Stadt der Frauen (├╝PFI) im Interview mit AVIVA-BERLIN



[Foto: Carola v. Braun- ┬ę Sharon Adler]

Interview mit Carola v. Braun

Mitbegr├╝nderin und Vorstandsprecherin der ├╝berparteilichen Fraueninitiative Berlin - Stadt der Frauen (├╝PFI)


  • AVIVA-BERLIN: Die ├╝berparteiliche Fraueninitiative Berlin - Stadt der Frauen (├╝PFI) besteht seit 10 Jahren. Mit welchen Zielen und mit welchem Anspruch wurde sie seinerzeit gegr├╝ndet?
  • Carola v. Braun: Die ├╝berparteiliche Fraueninitiative Berlin - Stadt der Frauen ist ein Zusammenschluss von politisch engagierten Frauen aller Parteien und Projekte.
    Die ├╝PFI wurde 1992 von den frauenpolitischen Sprecherinnen des Abgeordnetenhauses und Vertreterinnen diverser Institutionen, Fraueneinrichtungen und -gruppen au├čerhalb des Parlaments beschlossen.

    Gr├╝ndungsmitglieder waren:
    • Prof. Dr.Jutta Limbach, Pr├Ąsidentin des Goethe-Instituts, Pr├Ąsidentin des Bundesverfassungsgerichts a.D., Justizsenatorin a.D.
    • Dr. Christine Bergmann, Bundesministerin f├╝r Jugend und Familien, Senatorin f├╝r Arbeit und Frauen a.D.
    • Sibyll Klotz, MdA B├╝ndnis 90/Die Gr├╝nen
    • Carola v. Braun, Referatsleiterin Berufliche Bildung bei der Senatsverwaltung f├╝r Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen, Landes- und Fraktionsvorsitzende der FDP a.D.

    Unser Ziel war immer ein effektives politisches Netzwerk von und f├╝r Frauen zu gestalten, ├ľffentlichkeit herzustellen f├╝r frauenpolitisch bedeutsame Themen,, die nicht oder nur einseitig behandelt werden und j├╝ngere Frauen mehr f├╝r das Anliegen der Frauenpolitischen Themen zu sensibilisieren. Wir wollen so auch dazu beitragen, dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen in der Gesellschaft gleichberechtigt sind.

  • [Foto: Carola v. Braun- ┬ę Sharon Adler]
  • AVIVA-BERLIN: Was konnte bisher verwirklicht werden?
  • Carola v. Braun: Wir sind stolz auf ein 10 j├Ąhriges erfolgreiches Arbeiten. Durch unsere Veranstaltungen und Aktivit├Ąten haben wir in der Vergangenheit eine breite Fach├Âffentlichkeit erreicht.

    Aus den letzten beiden Jahren hervorheben m├Âchte ich die Podiumsdiskussion im Jahre 2001 zum Thema "Frauenrechte in Afghanistan - was kann deutsche Politik tun?" Die Debatte wurde in den deutschen Bundestag eingebracht und ein Antrag zur Teilnahme von Frauen im Friedensprozess in Afghanistan verabschiedet.

    Auch haben wir intensivst an der Erstellung von Wahlpr├╝fsteinen mit Forderungen zur Frauen- und Gender-Mainstreaming-Politik gearbeitet. Au├čer der ├╝berparteilichen Fraueninitiative unterzeichneten drei weitere gro├če Berliner Frauennetzwerke bzw. -Verb├Ąnde diese Pr├╝fsteine. Die so geb├╝ndelte Frauen-Power bewirkte, dass die f├╝nf Spitzenkandidat/innen und deren Parteien schriftlich zu unseren Fragen Stellung nahmen. Die von uns eingebrachten Themen wurden schlie├člich zu einer der Grundlagen der Koalitionsverhandlungen. Sie sind heute Bestandteil der geltenden Koalitionsvereinbarungen des Berliner Senats.

    Last not least: Die Frauenpolitischen Sprecherinnen aller Parteien haben durchgesetzt, dass die Haushaltsmittel f├╝r die Fraueninfrastruktur und Frauenprojekte weit weniger gek├╝rzt wurden als in anderen Sparten.

  • AVIVA-BERLIN: Der Kongress 2002 steht unter dem Motto: "Gleichberechtigung - Verfassungswirklichkeit, Verfassungsrealit├Ąt in Deutschland". Wie sehen Sie als Vorstandssprecherin diese Themen in der Praxis umgesetzt?
  • Carola v. Braun: Es steht ein Generationenwechsel in der Frauenbewegung bevor. Und deshalb ist es Zeit, so etwas wie eine Bilanz zu ziehen, festzuhalten, welche "Bauwerke" der Gleichberechtigung von den jetzt agierenden Frauengenerationen aufgebaut wurden und auf welchen die Nachfolgerinnen weiterbauen k├Ânnen.
    Die Bilanz sieht stattlich aus: Immerhin - und das ist das entscheidende Thema des Kongresses - hat sich das Staatsverst├Ąndnis dank dem engagierten Einsatz der Frauenbewegung weiterentwickelt. Fr├╝her war der Staat derjenige, der nur Diskriminierung verhindern sollte. Heute hat der Staat ganz klar auch den Auftrag, Gleichberechtigung u m z u s e t z e n.

    Einen ganz wichtigen Schritt auf diesem Weg haben die damalige Justizsenatorin Prof. Limbach und manche ihre L├Ąnderkolleginnen im Bundesrat daf├╝r durchgesetzt. Jutta Limbach hat auf unserem Kongress eindr├╝cklich beschrieben, wie uns├Ąglich m├╝hselig dieser Prozess war und wie viele Steine bis zuletzt in den Weg gelegt wurden. Also dies ist schon einmal ein Riesenerfolg.

    Den zweiten gro├čen Erfolg haben die Frauen f├╝r sich selbst erreicht. Dank der hohen Bildungsbeteiligung von Frauen, die dank des Einsatzes der Frauenbewegung in den 70er Jahren startete, sind Frauen heute inzwischen durchschnittlich sogar h├Âher qualifiziert als M├Ąnner. Frauen haben ganze Berufssparten f├╝r sich erobert.
    Das Fernsehen - noch Anfang der 60er Jahre war eine Nachrichtensprecherin im Fernsehen v├Âllig undenkbar - Frauen haben das Kreditwesen der Banken erobert, sie sind gestandene Unternehmerinnen, 30% aller neu gegr├╝ndeten Unternehmen werden von Frauen gegr├╝ndet. Die Aufz├Ąhlung lie├če sich lange fortsetzen.

    [Foto: Carola v. Braun- ┬ę Sharon Adler] Gleichzeitig sind aber auch Rollback-Gefahren zu beobachten. Der Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt ist enorm gewachsen, Frauen sind schneller arbeitslos und bleiben l├Ąnger arbeitslos als M├Ąnner, auch in hochqualifizierten Bereichen. Frauen sind in F├╝hrungspositionen der Wirtschaft noch immer eine verschwindend geringe Minderheit, anders als in allen anderen europ├Ąischen L├Ąndern. Selbst in der T├╝rkei gibt es mehr Professorinnen als in Deutschland.
    Also die H├╝rden sind nach wie vor hoch. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland ist immer noch ein Trauerthema, absolut r├╝ckst├Ąndig.

    Die Gefahr ist jetzt, dass die junge Generation diese diskriminierenden Strukturen nicht erkennt und deshalb auch nichts gegen die Rolback-Gefahren unternimmt.
    Der Kongress soll auch dazu beitragen, die junge Frauengeneration auf diese Gefahrenhinzuweisen und sie dazu zu motivieren, in ihrem eigenen Interesse "am Ball" zu bleiben.

  • AVIVA-BERLIN: Wie realisieren Sie das partei├╝bergreifende Konzept der ├╝berparteilichen Fraueninitiative?
  • Carola v. Braun: Wir kommen aus allen politischen Lagern. Das tr├Ągt zu einer breit abgesicherten Grundsatzarbeit bei. Unser wichtigster Grundsatz ist, dass keine Frau ├╝berstimmt werden darf. Es kommen nur solche Vorg├Ąnge und Stellungnahmen zur Abstimmung, ├╝ber die wir uns ├╝ber alle politischen Grenzen hinweg einig sind. Die Ein├╝bung dieses Vorgehens ist m├╝hsam, - insbesondere in Wahlkampfzeiten - aber sie f├Ârdert die Effektivit├Ąt von Frauenpolitik und das Netzwerken zum einen und intensiviert au├čerdem das Demokratieverst├Ąndnis und die Sachbezogenheit von Politik. Das Vorgehen hilft auch den frauenpolitischen Sprecherinnen der Fraktionen. Sie k├Ânnen sich innerhalb ihrer Fraktionen mehr aus dem Fenster lehnen, mehr riskieren, wenn sie sich auf eine ├╝berparteilich abgestimmte Forderung der ├╝PFI berufen k├Ânnen.

  • AVIVA-BERLIN: Wo wird die ├╝berparteiliche Fraueninitiative Berlin - Stadt der Frauen (├╝PFI) aktiv und wo kann sie sich direkt einmischen?
  • Carola v. Braun: W├Ąhrend der rot-roten Koalitionsverhandlungen setzte sich die ├╝berparteiliche Fraueninitiative mit einem Offenen Brief an die Delegationen der Koalitionsverhandlungen daf├╝r ein, dass Frauen als Senatorinnen und Staatssekret├Ąrinnen berufen werden. Ohne den ├Âffentlichen Druck w├Ąre die Zahl der Frauen in der Senatsregierung mit Sicherheit noch geringer gewesen, zufriedenstellend war unser Erfolg bei Frauen in F├╝hrungspositionen dennoch nicht. Da gibt es noch viel zu tun.
    Wir konnten erreichen, dass die Sparzw├Ąnge auf die Budgets der Frauenprojekte gemindert werden konnten. Dies war dank der ├╝berparteilichen frauenpolitischen Vernetzung m├Âglich, die bis in den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses hinein Einfluss nahm.
    Die n├Ąchste gro├če Aufgabe ist die Umsetzung des Gendermainstreaming in der Verwaltung. Ich wei├č aus eigenem Eindruck, wie weit weg das Denken der Verwaltung noch ist, wenn es um Gendermainstreaming geht, also um die Grossaufgabe der Umstrukturierung von Verwaltungshandeln in Richtung eines geschlechtergerechten Verwaltungshandelns. Die Kollegen und Kolleginnen, die diese Aufgabe schultern sollen, k├Ânnen Unterst├╝tzung von au├čen sicher gut gebrauchen.

  • [Foto: Carola v. Braun- ┬ę Sharon Adler]
  • AVIVA-BERLIN: Agiert die Initiative europaweitweit?
  • Carola v. Braun: Wir haben von Anfang an ├╝ber die Landesgrenze hinausgewirkt.
    Unser gr├Â├čtes Projekt war 1998 der internationale Kongress "Europa - Union der B├╝rgerinnen", die vom Bundesministerium f├╝r Frauen, der Berliner Senatsfrauenverwaltung und der Europ├Ąischen Union finanziert wurde. ├╝ber 300 politisch aktive Frauen aus 26 L├Ąndern nahmen daran teil.
    Wir haben uns auf eingesetzt f├╝r Leila Zana, die kurdische Abgeordnete des t├╝rkischen Parlaments, die dort seit langem einsitzt f├╝r Dinge, die nach unserer Auffassung demokratisches Grundrecht sind, n├Ąmlich f├╝r die Verbesserung der Situation der kurdischen Minderheit. Auf unserem Kongress haben wir eine Entschlie├čung unterst├╝tzt, die gegen die Steinigung der Nigerianerin protestiert, der Ehebruch vorgeworfen wird.

  • AVIVA-BERLIN: Was sind Ihre Erfahrungen aus der Praxis als Referatsleiterin bei der Senatsverwaltung f├╝r Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen?
  • Carola v. Braun: Wir befassen uns hier damit, dass eine ausreichende Zahl von Ausbildungspl├Ątzen angeboten wird f├╝r alle Jugendlichen, die eine Ausbildung anstreben und daf├╝r geeignet sind. Wir sind gleichzeitig Kammer f├╝r die Berufe im Garten- und Landschaftsbau, f├╝r die Hauswirtschaft. Und wir befassen uns mit den grunds├Ątzlichen Fragen der Beruflichen Weiterbildung, die immer mehr in Bewegung ger├Ąt und politisch vor gro├čen Ver├Ąnderungen steht. Wir sind - wenn Sie so wollen - gleichzeitig ein bewahrendes, eher konservatives Aufgabengebiet, wenn es um die Qualit├Ątssicherung in der Beruflichen Bildung geht, aber auch ein progressives Themengebiet, wenn Sie an die explosionsartigen Ver├Ąnderungen in der Beruflichen Weiterbildung denken, die von der Europ├Ąischen Ebene her kommen. Eine insgesamt sehr spannende und befriedigende Aufgabe, und das sehen alle Kolleginnen und Kollegen genauso.

  • AVIVA-BERLIN: Bitte beschreiben Sie f├╝r unsere Leserinnen die Rolle der Medien bei der Realisierung von Gender Mainstreaming und Gleichberechtigung.
  • Carola v. Braun: Gerade die Pr├Ąsenz der Frauen in den Medien ist wichtig.
    Frauen werden ├Âfter als Objekt/e dargestellt, sie sind leider nicht Thema.
    Es ist oft nicht einfach f├╝r die Journalistinnen, bestimmte Themen in ihrer Redaktion durchzusetzen. Ich habe den Eindruck, dass das Wort "Frauenpolitik" oder "Frauenprojekte" in den Medien nicht vorkommen d├╝rfen. Medien k├Ânnen in Zukunft erheblich dazu beitragen, das Ziel von Gendermainstreaming in der ├Âffentlichkeit bekannter zu machen und daf├╝r zu werben. Bei der Zielsetzung des Gendermain-Streaming geht es schlie├člich um nichts Geringeres als um eine v├Âllige Neuausrichtung von Sichtweisen und Priorit├Ąten im Verwaltungshandeln.

  • [Foto: Carola v. Braun- ┬ę Sharon Adler]
  • AVIVA-BERLIN: Was ist f├╝r die Zukunft geplant?
  • Carola v. Braun: Unser wichtigstes Projekt f├╝r die Zukunft wird ab Oktober 2002 realisiert: ein erstes Seminar der interreligi├Âsen und interkulturellen Veranstaltungsreihe unter dem Motto: "Sarah-Hagar", Religion - Politik - Gender. Sarah und Hagar sind die Gr├╝ndungsm├╝tter der abrahamitischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Das Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, Frauen aus Politik, Kirchen und Religionsgemeinschaften zusammenzubringen, uns ├╝ber unsere gemeinsamen Wurzeln und unterschiedlichen gesellschaftlichen Sichtweisen zu informieren und so zu einem gefestigten Netzwerk zwischen allen diesen Frauen beizutragen. Die Veranstaltungsreihe wird sich auf zwei Jahre von 2002 bis 2004 erstrecken. Wir sind dankbar, dass die Finanzierung dieses umfangreichen Vorhabens durch das Bundesministerium f├╝r Familie, Senioren, Frauen und Jugend ├╝bernommen wurde.

  • AVIVA-BERLIN: Frau von Braun, Sie feiern in diesem Jahr nicht nur das 10 j├Ąhrige Jubil├Ąum der ├╝PFI, sondern blicken zur├╝ck auf ein erfolgsreiches und herausforderndes politisches Leben. Welche W├╝nsche haben Sie zu Ihrem 60. Geburtstag?
  • Carola v. Braun: Ich w├╝nsche mir mehr Zeit f├╝r meine Familie und meine Enkel.
    Als Politikerin f├╝hle ich mich in der Rolle der Elder Stateswoman wohl und werde auch weiterhin regen Anteil am politisch-gesellschaftlichen Leben in Berlin nehmen.
    Vor allem w├╝nsche ich mir, dass dem Fest zum zehnj├Ąhrigen Bestehen der ├╝PFI ein weiteres Fest zum 20-j├Ąhrigen Bestehen folgen wird und freue mich, wenn j├╝ngere Frauen in diese Aufgabe hineinwachsen wollen.

Women + Work Beitrag vom 26.08.2003 AVIVA-Redaktion 





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