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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 03.03.2005


World Women Work 2005 - Matthias Horx
AVIVA-Redaktion

Interview mit Matthias Horx, Zukunftsinstitut Horx GmbH




AVIVA-Berlin: Das Motto der WWW 2005: "Wandel als Chance". Zwischen Work-Life-Balance und Netzwerk-Ökonomie: Herausforderungen und Perspektiven in einem zunehmend globalisierten Lebensumfeld. Wo sehen Sie persönlich diese Herausforderungen und Perspektiven?
Matthias Horx: Also, wenn wir uns auf das Thema des Kongresses beziehen, stellt sich natürlich die Frage, wie Männer und Frauen miteinander weitermachen werden. Wir haben ja eine relativ lange Geschichte auf diesem Planeten gemeinsam hinter uns gebracht und die Frage ist: "What´s next". Wir haben jetzt 150 Jahre industrielle Kultur hinter uns, in der die Rollenverteilungen sehr starr geworden sind. Wir spüren aber alle, daß sich die ursprünglichen Bedingungen für diese Rollenverteilungen immer weiter auflösen. Die industrielle Produktion mit ihrer Körperkraftbetonung löst sich auf, die Bildungsverteilung zwischen den Geschlechtern gleicht sich aus und jetzt gilt es gewissermaßen "New Deals" zwischen Mann und Frau zu schaffen, und zwar auf den verschiedensten Ebenen.
Auf der einen Seite geht es um institutionelle Veränderungen unserer Gesellschaft, auf der anderen Seite um sozialtechnische Kompetenzen im Umgang miteinander, die beide Geschlechter erlernen müssen. Das ist ein weites Feld, die Frage ist eben: "Wo fängt man an?"

AVIVA-Berlin: Wo die Risiken?
Matthias Horx: Also ich sehe da eigentlich keine Risiken. Natürlich ist dieser Prozeß ein einzige Risiko, weil Männer, Frauen und Sex ist immer gefährlich. Das war in der Evolutionsgeschichte immer schon so. Aber ich glaube, daß wir uns zusammenraufen werden. Es gibt auch genügend Gründe dafür, eine Kultur des Unterschieds zu entwickeln. Man sieht ja auch, daß das in vielen anderen Ländern gelingt. Wenn man sich Frankreich, die Benelux-, skandinavischen oder angelsächsischen Länder anschaut, erkennt man heute schon einen anderen Einfluß der Frauen. Das hat zu einem Reichtum an Lebensqualität geführt - für Männer und für Frauen. Für mich selber kann ich sagen, in der Welt der 60er Jahre, wo die Frau Hausfrau und der Mann nie zu Hause ist, würde ich mich nicht wohl fühlen. Strikte Rollen bringen zwar Sicherheit, aber auch Langeweile mit sich.

AVIVA-Berlin: Welche Erwartungen haben Sie hinsichtlich Ihres Vortrags heute hier gehabt?
Matthias Horx: Ich wollte mal ausprobieren, ob so ein ironisch-provokativer Vortrag eines Mannes auf einer Frauenkonferenz auch funktioniert. Ich habe ja versucht, auch ein paar Tabus anzusprechen, z.B. die Geschichte des Opfer-Daseins: Wenn sich Frauen immer als Opfer wahrnehmen, stimmt das oft nicht mehr mit der Wirklichkeit überein. Ich glaube schon, daß man darüber nachdenken muß, wie sich Opfer-Konstruktionen auch verselbstständigen bzw. wie Frauen sich selber als Opfer konstruieren, um sich damit einen Vorteil zu verschaffen. In der Medizin gibt es den Begriff des Krankheitsvorteils, aber ich glaube wir sind heute einen Schritt weiter, wo ein Großteil der Männer auch andere Formen ausprobiert im Umgang mit dem anderen Geschlecht, wo wir aber auch mit alten Formeln der Emanzipationsdebatte, z.B. Gleichheit nicht mehr weiterkommen. Gesellschaftliche Debatten sind auch oft in den 60er und 70er Jahren hängengeblieben und das versuche ich hier ein bißchen zu provozieren. Letzten Endes ist es aber doch ein Kongress der Frauen und ich habe hier nicht allzu viel verloren.

AVIVA-Berlin: Nun sind die meisten Rednerinnen ja Führungspersönlichkeiten. Sind Sie denn der Meinung, daß man das Modell der Professionalisierung des Haushaltes anwenden kann auf den Durchschnitt der deutschen Bevölkerung?
Matthias Horx: Aber warum denn nicht? Das erinnert mich an meinen Urgroßvater, der immer gesagt hat: "Es werden nie mehr als 10% der Bevölkerung Auto fahren".

AVIVA-Berlin: Ich frage, da Ihnen die Statistiken darüber, wieviele Menschen sich tatsächliche Hausangestellte leisten können, ja sicherlich bekannt sind?
Matthias Horx: Ich kann Ihnen sagen, in einer Stadt wie Berlin haben 45% der Mittel- und Oberschicht eine - wenn auch meist schwarz arbeitende - Putzfrau. Das ist deutlich mehr als eine kleine Minderheit und es werden jedes Jahr mehr. Die Frage ist doch, ob man ökonomische Entwicklungen langfristig nicht auch als eine Verfügbarmachung von Dienstleistungen betrachten kann. Das hat natürlich mit Kaufkraft zu tun und hängt an der zentralen Frage, ob unser Wohlstand weiter wächst. Natürlich auch an der Frage, wer es macht und damit an der Immigration. Aber ich glaube schon, daß es in einer Wohlstandskultur ein gesellschaftlich sehr viel breiteres Modell werden kann. Außerdem ist es ja nur der eine Weg. Der andere Weg ist ja der, daß man den Haushalt reduziert. Wir habe ja heute auch eine viel größere Variationsbreite, so daß wir nicht mehr in diese Rollen rein müssen. Die Vollzeit-Hausfrau stirbt ja auch von der Nachfrageseite her aus.

AVIVA-Berlin: Was tun Sie in Ihrem Unternehmen/Ressort für den Bereich Frauenförderung?
Matthias Horx: Nichts. Ich bin in einem Frauen-Unternehmen und die Frauen haben da das Sagen und die sollen das machen. Ich bin froh, je mehr sie da auch machtmäßig entscheiden. Fördern muß man da glaube ich, gar nicht mehr, man muß zulassen.

AVIVA-Berlin: Was halten sie von gesetzlichen Richtlinien hinsichtlich der Gleichstellung?
Matthias Horx: Gleichstellung kann man gesetzlich, glaube ich, nicht garantieren. Was man natürlich machen kann, ist, daß man faire Grundregeln schafft. Es ist ganz einfach: Wenn Sie eine Ganztagsschule einführen, haben sie sofort die ganze Debatte vom Hals. Dann haben Sie Wahlfreiheit. Wenn Sie ein gutes Ganztags-Schulsystem haben, dann haben Sie schon etwa 70% der Vergleichung von Lebensverhältnissen, dann kann man sich immer noch individuell entscheiden. Alles darunter würde ich für unzureichend halten. Ich halte es auch für fraglich, ob die Kinder wirklich so viel wie möglich mit ihren Eltern zusammen sein wollen. Das haben wir als Eltern zwar so auf der Agenda, aber ich erlebe bei Kindern was ganz anderes. Spätestens wenn die 11 sind, verabschieden sie sich in ihre Cliquen und wenn dann nur die Cliquen sind - ohne das Elternhaus - ist das auch blöd. Also die Schule als dritter Ort erzeugt eine andere gesellschaftliche Kultur, die ich sehr gut finde. In Skandinavien wird soziales Leben und Lernen miteinander verbunden und wenn die Kinder nach Hause kommen, sind sie dann auch präsent. Oder in Frankreich verbringen die Mütter zwar nur drei, vier Stunden mit ihren Kindern, dann aber richtig. Dann sind die Mütter auch selbst sehr viel relaxter, weil ihre Arbeit sie auch befriedigt. Ich sitze auch manchmal mit meinem Sohn zusammen, er spielt am Computer, ich lese ein Buch oder bereite ein Projekt vor, diese fliessenden Übergänge von Arbeit und Freizeit werden in Zukunft ja auch viel mehr zunehmen.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank Für´s Interview


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Beitrag vom 03.03.2005

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