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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.12.2013

Erna Puterman - Freiwillig bin ich da nicht hingegangen
S├╝kran Topuz

In der Fontanepromenade 15 in Kreuzberg stand das ber├╝chtigte "Zwangsarbeitsamt", von dem aus j├╝dische Frauen und M├Ąnner zur Fabrikarbeit verurteilt wurden. Die Projektkoordinatorin S├╝kran Topuz...



... hat mit der heute in Los Angeles lebenden Tochter einer dort registrierten J├╝din via Skype gesprochen. Hier erz├Ąhlt sie ihre eigene Geschichte und die der ├ťberlebenden, Erna Puterman:

Mit f├╝nf Jahren komme ich aus Ostanatolien in eine kleine Stadt in Westdeutschland und wachse hier auf. Um der Enge der Kleinstadt zu entgehen zieht es mich nach dem Abitur zum Studium nach Berlin. Es muss aber Kreuzberg sein, weil es so bunt ist und ich hier am wenigsten auffalle.

In Berlin nehme ich Geschichte stark im ├Âffentlichen Raum wiedergespiegelt wahr. Insbesondere die Stolpersteine bringen mich immer wieder zum Nachdenken. Vor meiner Haust├╝r erinnern zwei Steine an Menschen, die hier gewohnt und gelebt haben. Die Geschichte Deutschlands, die ich bis dahin in der Familie und Schule erfahre, wird so um eine neue Perspektive der Wahrnehmung erweitert.

In diesem Jahr kommt ein weiteres geschichtstr├Ąchtiges Geb├Ąude dazu. Die von den Nazis bezeichnete "Dienststelle f├╝r Juden" als Teil des Berliner Arbeitsamtes in der Fontanepromenade 15. Eine engagierte Kreuzbergerin, Stella Flatten, entdeckt mit ihrem dreij├Ąhrigen Sohn das Geb├Ąude, geht dessen Geschichte nach und realisiert nach langer Recherche 2013 das Erinnerungsprojekt "Fontanepromenade 15".

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Die j├╝dische Bev├Âlkerung Berlins, nach der Machtergreifung der Nazis in einem schleichenden Prozess ihrer Rechte und Menschenw├╝rde beraubt, m├╝ssen sich ab dem 23. Dezember 1938 an diesem Ort melden und werden in ihnen zugewiesenen Betrieben, ├╝berwiegend in Fabriken und sp├Ąter in der R├╝stungsindustrie, zur Zwangsarbeit verpflichtet. Wer nicht als arbeitsf├Ąhig gilt, wird zur Deportation freigegeben. Wie viele andere muss sich auch Erna Puterman hier registrieren lassen.



Die Fontanepromenade 15 im Jahr 1949


Erna Puterman kommt am 11. September 1919 als Tochter von Henriette Gersten, geborene Hirschfeld, und Leiser Gersten in Berlin auf die Welt. Ihre Mutter stammt aus dem Kreis Strasburg in Westpreu├čen, ihr Vater aus Ulanow, Galizien.

Erna lebt mit ihren Eltern und den Geschwistern Betty, Jakob und Friedel in Wedding. Betty, die ├Ąlteste der Geschwister, besucht ein j├╝disches Gymnasium. Betty ist Ernas Vorbild, sie ist sehr intelligent und spricht Englisch, Franz├Âsisch und Esperanto. Ihr Bruder Jakob ist zeichnerisch sehr begabt und besucht die "Israelitische Taubstummenanstalt" in Wei├čensee. Friedel ist das Nesth├Ąkchen, f├╝r sie n├Ąht Erna sch├Âne Kleider. Erna selbst besucht die Volksschule.

Die Kinder wachsen in einem orthodoxen Elternhaus auf. Es wird koscher gekocht, die j├╝dischen Feiertage eingehalten und die fu├čl├Ąufig erreichbare Synagoge "Beth Zion" in der Brunnenstra├če 20 regelm├Ą├čig besucht. Der Schabbat wird meistens mit den Gro├čeltern begangen. Die von den Eltern gef├╝hrte Eier- und Lebensmittelhandlung bleibt "Feiertagshalber geschlossen". Die Beziehung zu den "christlichen" Nachbar_innen ist gut, zu einigen der Frauen sagt Erna Tante. Im Hof, auf der Stra├če oder im Humboldthain spielen j├╝dische und nichtj├╝dische Kinder zusammen. Der Vater, Leiser Gersten, stirbt 1928.

Bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr erlebt Erna das "J├╝disch-Sein" als Normalit├Ąt. Doch die Machtergreifung der Nazis setzt dem ein grausames Ende. Das Stra├čenbild ├Ąndert sich. Die H├Ąuserw├Ąnde sind beschmiert mit Spr├╝chen, wie "Juden haut ab nach Pal├Ąstina". Vor den j├╝dischen Gesch├Ąften schikanieren SA-Leute die Menschen und rufen zum Boykott auf. L├Ąden werden gepl├╝ndert und Menschen, die sich dagegen wehren, geschlagen und gefoltert.

Ernas Mutter muss bald den Laden schlie├čen, weil sie nicht mehr beliefert wird.
Von ihren Klassenkameradinnen wird Erna, die einzige J├╝din in der Klasse, angefeindet. 1935 treten die "N├╝rnberger Rassengesetze" in Kraft und Erna muss die Schule verlassen. Sie darf keinen Lehrberuf ergreifen. Auch die kleine Friedel muss zun├Ąchst von der Volkschule in die j├╝dische Schule wechseln, bis sie dann gar keine Schule mehr besuchen darf. Zu dem Zeitpunkt ist Friedel elf Jahre alt.



Eine der zwei B├Ąnke vor der Fontanepromenade 15, die 2013 im Gedenken an die Shoah gelb gestrichen und mit dem Vermerk "Nur f├╝r Juden" versehen wurden


Betty, inzwischen verheiratet und Mutter eines zehn Monate alten Babys, ihr Name ist Eveline, folgt ihrem Ehemann, der aufgrund seines polnisch-j├╝dischen Hintergrundes 1938 nach Polen abgeschoben wird, nach Warschau. Elias Gr├╝bl ist in Leipzig geboren und war noch nie zuvor in seinem Leben in Polen. Erna sieht sie nie wieder.

Friedel, die Erna erst nach achtzehn Jahren wieder begegnen wird, hat das Gl├╝ck, 1939, im Alter von dreizehn Jahren, mit der Kinder-Alijah nach Pal├Ąstina auszuwandern. Der Zug nach Italien f├Ąhrt vom Anhalter-Bahnhof ab, die Familie darf nicht bis zur Abfahrt des Zuges bleiben, da Ausgehverbot f├╝r Juden herrscht.

Jakob h├Ąlt sich als Grafiker ├╝ber Wasser, Erna findet eine Arbeitsstelle als einfache N├Ąherin. Hier lernt sie Frieda Adam kennen, von der sie sp├Ąter sagen wird, dass sie ihr das Leben gerettet hat. Es gibt viele Situationen, in denen sich Frieda positioniert. Mittlerweile m├╝ssen j├╝dische Frauen den Zusatznamen "Sara" und j├╝dische M├Ąnner den Zusatznamen "Israel" f├╝hren. Eine Kollegin f├╝hlt sich dadurch gest├Ąrkt und ruft Erna "Sara". Frieda ermahnt die Kollegin, Erna weiterhin mit ihrem richtigen Namen anzusprechen. Auf der Stra├če besteht Frieda darauf, neben ihren Kolleginnen zu laufen, die den gelben Stern tragen m├╝ssen.

Erna muss kurz vor Kriegsausbruch die Stelle verlassen und sich beim Zwangsarbeitsamt in der Fontanepromenade melden. Sie wird zur Zwangsarbeit bei Siemens verpflichtet. Eine Wiedergutmachung daf├╝r bleibt ihr verwehrt und Erna wird weiterhin beteuern m├╝ssen, "Die sagen zwar, sie haben keine Zwangsarbeiter besch├Ąftigt, aber freiwillig bin ich da nicht hingegangen" *

1942 wird Henriette Gersten ins Sammellager in die Gro├če Hamburger Stra├če gebracht und sp├Ąter in Auschwitz ermordet. ├ťber einen Bekannten schickt die Mutter ihre letzte Botschaft an Erna: Sie ┬┤soll versuchen auf ihren Bruder aufzupassen und ihr ist es wohler, wenn sie drau├čen sind wie drinnen. Sie sollen sich um Gottes willen nicht freiwillig melden┬┤.*

Als dann Jakob und Erna abgeholt werden sollen, tauchen sie unter. Erna findet Zuflucht bei Frieda Adam. ├ťber zwei Jahre muss Erna f├╝r ihren Bruder und sich verschiedene Verstecke organisieren. Es folgt eine Zeit der st├Ąndigen Angst, Ort- und Identit├Ątswechsel, HungerÔÇŽ Die einzige Konstante in der Zeit ist Frieda Adam.

Frieda Adam hat drei kleine Kinder, ihr Ehemann ist einfacher Soldat. Frieda kommt aus einer Arbeiterfamilie. Die Familie ist den Nazis gegen├╝ber kritisch eingestellt. Friedas Vater muss eine zweieinhalbj├Ąhrige Haftstrafe absitzen, weil er f├╝r die Ehefrauen der aufgrund ihrer politischen Einstellung verhafteten Kollegen finanzielle Hilfen sammelt.

Als Friedas Ehemann herausfindet, dass sie Erna bei sich versteckt, erpresst er sie. Erna muss ein neues Versteck suchen. Doch die Frauen bleiben dennoch in Kontakt und soweit es geht unterst├╝tzt Frieda Erna weiterhin.

Erna erlebt das Kriegsende in Wei├čensee, Jakob in Charlottenburg.
1952 zieht Erna mit ihrer Tochter Jeanette und ihrem Ehemann nach Westberlin. Frieda bleibt im Osten. Nun unterst├╝tzt Erna soweit sie kann Frieda. Jeanette bewirkt, dass Frieda als "Gerechte unter den V├Âlkern" geehrt wird und Erna erk├Ąmpft f├╝r sie das Bundesverdienstkreuz.

Jeanette wandert nach Beendigung der Schule zu ihrer Tante Friedel in die USA aus und ist bis heute mit Friedas Enkeltochter sehr gut befreundet.

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Kurz bevor ich den Artikel beende, fragt mich mein Sohn, worum es sich dabei handelt und ich erz├Ąhle ihm Ernas Geschichte. Es ist mir wichtig, ich will es ihm nicht verschweigen und ich m├Âchte ihm ein Beispiel geben, wie ein Mensch sich f├╝r seine Mitmenschen einsetzen kann, denen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung wiederfahren.

Bei meiner Arbeit als Koordinatorin im Projekt Stadtteilm├╝tter in Kreuzberg in Tr├Ągerschaft des Diakonischen Werks Berlin Stadtmitte habe ich viele intensive Gespr├Ąche mit Stadtteilm├╝ttern nach unseren Seminaren zum Nationalsozialismus, die wir in Kooperation mit Aktion S├╝hnezeichen Friedensdiensten gemacht haben, gef├╝hrt. In den Gespr├Ąchen erfahre ich immer wieder, dass die Besch├Ąftigung mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus auch f├╝r Menschen, die in der neueren Zeit nach Deutschland eingewandert sind, sehr wichtig ist.

Mich freut es sehr, dass ab Dezember 2013 das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte in Kooperation mit Stella Flatten und anderen Initiativen eine Veranstaltungsreihe in der Fontanepromenade 15 als "Ort der Erinnerung und des aktiven Gedenkens" durchf├╝hren wird.




S├╝kran Topuz, geboren 1972 in Tunceli (T├╝rkei). Migration nach Deutschland mit f├╝nf Jahren. Wahlheimat Berlin. Identit├Ąten viele, gef├╝hlte und zugeschriebene. Vom Elternhaus mitgenommene Werte: Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit.



* Zitate aus: Visual History Archive der USC Shoah Foundation, 1996


┬ę Foto der Fontanepromenade im Jahr 1949: Stella Flatten
┬ę Foto der gelben Bank in der Fontanepromenade, 2013: Madeleine Jeschke
┬ę Foto von S├╝kran Topuz: Sharon Adler

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.flattenflatten.com

"Fontanepromenade 15" deutscher Trailer des Films auf vimeo

Visual History Archive der USC Shoah Foundation an der Freien Universit├Ąt Berlin

Stadtteilm├╝tter und Stadtteilv├Ąter Kreuzberg

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ort des Erinnerns - Das Berliner Zwangsarbeitsamt f├╝r Juden von 1938 - 1945



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Women + Work > Lokale Geschichte_n Beitrag vom 04.12.2013 AVIVA-Redaktion 





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