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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 08.04.2015

Charlotte Salomon ÔÇô Eine K├╝nstlerin zu Zeiten des Holocausts. Von Rachel Betteridge und Juana Wenning. Ein Beitrag im Rahmen des AVIVA-Recherche- und Dialogprojekts Lokale Geschichte_n
R. Betteridge und J. Wenning

Rachel und Juana gehen in die 10. Klasse der Nelson-Mandela-Schule in Charlottenburg. Sie haben zum Leben der j├╝dischen K├╝nstlerin Charlotte Salomon recherchiert, die ganz in der N├Ąhe der Schule...



... gewohnt hat und in Auschwitz ermordet wurde.

Hallo erstmal! Wir sind Rachel und Juana aus der Nelson-Mandela-Schule. Bevor wir auf unser Thema eingehen, wollen wir euch noch ein wenig ├╝ber uns erz├Ąhlen.

Juana

Ich bin Juana, 16 Jahre alt, und ich komme aus einer hoch mobilen Familie. Ich bin in Deutschland geboren und habe die ersten Jahre meines Lebens hier verbracht, aber dann wurde mir eine Reise nach Spanien angeboten, und ich war nat├╝rlich begeistert.

Doch diese Reise wurde zu einem Umzug, der aber leider nur sieben Monate gedauert hat, denn nach einer Weile hatte meine Mutter Sehnsucht nach ihrer Familie in Argentinien. Daher sind wir wieder umgezogen. In Argentinien hatte ich viel Familie: Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins. Aber das Herz will, was es will, und meine Mutter verliebte sich in einen (kaum zu glauben) deutschen Journalisten. Damit hatte ich einen neuen Stiefbruder und dann nach f├╝nf Jahren auch eine kleine Schwester. Nach sechs Jahren in Argentinien mussten wir mit der neu gegr├╝ndeten Familie ins Heilige Land ziehen. Israel war sch├Ân. Eine sehr sch├Âne Zeit hatte ich dort, und viele nette Leute habe ich auch kennengelernt.

Die verschiedenen Kulturen haben mich teilweise am Anfang etwas geschockt, aber nach einer Weile hatte ich mich daran gew├Âhnt und konnte gut damit umgehen. Auch Freundschaften und Liebe habe ich bis jetzt dort zur├╝ckgelassen. Naja, und jetzt bin ich wieder hier in Deutschland. Nat├╝rlich ist es hier auch sch├Ân, aber mir fehlen die vielen Kulturen auf einem kleinen Fleck. Neben der Schule mache ich noch "Aerial Silk" (Tuchturnen). Malen und zeichnen mag ich auch gerne.

Rachel

Mein Name ist Rachel und ich bin ebenso 16 Jahre alt. Ich lebe schon mein ganzes Leben in Berlin, jedoch kommt meine Familie zum Teil aus Deutschland, England, Irland und Neuseeland. Gro├če Teile meiner Familie habe ich erst vor ein paar Jahren kennen gelernt, wie zum Beispiel meinen Bruder. Erfahren haben meine Familie und ich erst vor ein paar Jahren, dass ich einen Halbbruder habe, der in Nordirland wohnt. Dieser hat ebenso einen Halbbruder. Also habe ich sozusagen zwei Br├╝der, Cousins, Tanten und Onkel hinzugewonnen. Mein Bruder ist aber vor etwa drei Jahren mit seiner Freundin nach Neuseeland ausgewandert. Weitere Teile meiner Familie hat meine Familie aus Zufall wieder gefunden. Meine Familie wuchs erneut.

Au├čerhalb der Schule habe ich fr├╝her geturnt, voltigiert, Akrobatik gemacht und bin auf die Artistenschule Berlin gegangen, bis ich meinen R├╝cken gesch├Ądigt habe. Seither ist singen ein gro├čes Hobby von mir, von dem ich hoffe, dass es sp├Ąter nicht nur ein Hobby sein wird.

Das Projekt

Alles fing damit an, dass wir ├╝ber Sharon geh├Ârt haben, was f├╝r ein Projekt sie f├╝r die Schule hat und was erwartet war. Wir haben dann selbst angefangen, ├╝ber Charlotte Salomon zu recherchieren und fanden einiges ├╝ber sie heraus. Da wir ihr Leben so interessant, ausdrucksstark und ber├╝hrend fanden, haben wir uns entschlossen, unsere MSA-Pr├Ąsentation ├╝ber Charlotte Salomon zu halten. Dann kam auch die Projektwoche in unserer Schule, und wir haben uns nat├╝rlich f├╝r das Projekt zu Charlotte Salomon angemeldet. Die ganze Arbeit fing damit an, dass wir uns selbst gefragt haben, was wir ├╝ber sie herausfinden wollten und was wir dann auch f├╝r unseren MSA verwenden k├Ânnten. Bei all den Ereignissen, die Charlotte zugesto├čen sind, haben wir uns oft gefragt, wie Menschen sich gegenseitig so brutal und gef├╝hllos behandeln k├Ânnen.



Ein Besuch in der Ausstellung "Wir waren Nachbarn" im Rathaus Sch├Âneberg hat uns gezeigt, wie viele Menschen aus Deutschland gefl├╝chtet sind und wie wenige ├╝berlebt haben. Nachdem die Projektwoche vorbei war, waren dann Rachel und ich selbst dran, uns etwas genauer mit dem Thema zu befassen. Da Charlotte nicht so bekannt ist und nur selten erw├Ąhnt wird, war es sehr schwer, viel ├╝ber sie herauszufinden. Wir waren bei ihrem Elternhaus und sind auch ihren Schulweg abgelaufen. Ebenso haben wir ihre Universit├Ąt in der Hardenbergstra├če besucht.

Wir haben uns viel mit ihrer Jugend, ihrer Zeit in Frankreich, ihrer Flucht und Deportation besch├Ąftigt. Trotz alldem hat die Recherche ├╝ber diese starke Frau doll Spa├č gemacht. Nat├╝rlich gab es leichtere Themen als dieses, aber daf├╝r k├Ânnen wir mit unserem auserw├Ąhlten Thema anderen mitteilen, wie spannend ihr Leben war.

Charlotte Salomons Leben

Charlotte Salomon, ein ganz besonderes M├Ądchen, das sich in seiner Einsam- und Nachdenklichkeit in die Kunst fl├╝chtete, erstellte nach der schwierigen Frage, ob sie sich das Leben nehmen sollte, eine Bilderreihe, die ihre ber├╝hrende Lebensgeschichte erz├Ąhlt.

Ein junges M├Ądchen wohnt mit ihrer Familie in einer gutb├╝rgerlichen Nachbarschaft. Die T├╝r eines der H├Ąuser in der Wielandstra├če ├Âffnet sich und Charlotte und ihre Mutter Franziska Salomon treten heraus. Sie f├╝hlen sich als J├╝dinnen sicher, wohl und akzeptiert. Alles scheint friedlich, bis Franziska eines Tages stirbt. "An einer Grippe", erz├Ąhlte man der damals achtj├Ąhrigen Charlotte.

Das Leben ging weiter, jedoch zog sich Charlotte immer weiter zur├╝ck und ist fr├╝hzeitig erwachsen geworden. Ihre Mutter hatte eine unglaublich wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt, denn ihr Vater Albert schenkte ihr nur wenig Aufmerksamkeit, da er mehr auf seine Karriere als Arzt konzentriert war. Charlotte hatte wechselnde Kinderm├Ądchen, weil diese nicht mit ihr klar kamen, bis eines Tages das Kinderm├Ądchen Hase auftauchte, mit dem sie sich gut verstand. Au├čerdem f├╝hrte Hase Charlotte an die Kunst heran, welche in ihrem Leben immer wichtiger werden sollte.

Im Jahre 1930 heiratete Albert Salomon die bekannte S├Ąngerin Paula Lindberg. Charlotte verehrte und beneidete sie gleicherma├čen: Sie musste mit Paulas Freunden um Aufmerksamkeit konkurrieren. Paula wurde aber zum Objekt von vielen ihrer Zeichnungen.

Charlotte besuchte die F├╝rstin-Bismarck-Schule (heute: Sophie-Charlotte-Oberschule), verlie├č diese jedoch ein Jahr vor dem Abitur nach der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933. Der Grund daf├╝r war sicherlich die Schikanierung der j├╝dischen Sch├╝ler. Charlotte wurde von Mitsch├╝lern und Bekannten als "so sehr zur├╝ckgezogen" und "wie ein Schatten ÔÇô da, aber nicht in ihrem K├Ârper" beschrieben. W├Ąhrenddessen verlor Albert seine Professur an der Berliner Universit├Ąt und seine Approbation als Arzt. Paula erhielt ├Âffentliches Auftrittsverbot und arbeitete danach im "J├╝dischen Kulturbund", eine von Nazis ├╝berwachte k├╝nstlerische Vereinigung "von Juden f├╝r Juden".



Charlotte bewarb sich an den Vereinigten Staatsschulen f├╝r Freie und angewandte Kunst. Im Februar 1936 bekam sie dank des Frontk├Ąmpferrechts v├Ąterlicherseits beim zweiten Anlauf einen Studienplatz. Sie gewann einen Preis, der ihr aber aberkannt wurde, da kein j├╝discher Name erscheinen sollte. Daraufhin brach sie das Studium ab.

Zwar wollte die Familie in ihrer Heimatstadt bei ihren Freunden und Bekannten bleiben, dies ├Ąnderte sich jedoch nach der Reichspogromnacht im Jahre 1938. Charlotte musste vor ihrem 21. Geburtstag zu ihren Gro├čeltern nach Villefranche, S├╝dfrankreich fl├╝chten. Denn sonst h├Ątte sie einen Pass gebraucht. Ein Besuch bei den Gro├čeltern war der offizielle Anlass. Die Eltern wollten sp├Ąter nachkommen, mussten jedoch in die Niederlande fl├╝chten. Die Gro├čeltern und Charlotte wohnten auf einem Anwesen der Amerikanerin Ottilie Moore, die auch andere Fl├╝chtlinge bei sich aufnahm.

Die Lage in Frankreich spitzte sich zu, auch hier waren sie nicht sicher. Unter zunehmender Angst st├╝rzte sich Charlottes Gro├čmutter aus dem Fenster. Erst jetzt erfuhr Charlotte, dass ihre Mutter nicht an einer Grippe gestorben war, sondern sich ebenso aus dem Fenster gest├╝rzt hatte. Auch erfuhr sie, dass dies nicht die einzigen F├Ąlle in ihrer Familie waren. Diese Vorbelastung und die Prophezeiung des Gro├čvaters, dass sie die n├Ąchste sein werde und die immer gr├Â├čer werdende Bedrohung durch die Nazis stellten sie vor die Frage "ob sie sich auch das Leben nehmen oder etwas ganz verr├╝ckt-besonderes tun sollte".

Nachdem Charlotte und ihr Gro├čvater in das Lager "Gurs" gebracht worden waren, ein Lager, vollgestopft mit Menschen, aber wegen des Alters des Gro├čvaters wieder entlassen worden waren, entschied sie sich f├╝r das "Verr├╝ckt-Besondere". Wegen der immer schlechter werdenden Beziehung zu ihrem Gro├čvater mietete sie nach der R├╝ckkehr ein Hotelzimmer in St. Jean Cap Ferrat. In den Jahren zwischen 1940-1942 entstand dort das autobiographische Werk "Leben? Oder Theater", bestehend aus etwa 800 Gouachen (gemalt hat sie jedoch 1325). Vermutlich war das Malen f├╝r sie eine Art Therapie, um die traumatisierenden Erlebnisse verarbeiten zu k├Ânnen. Ihr Werk ├╝bergab sie mit den Worten "Das ist mein Leben" an einen Arzt. Dieser sollte es sp├Ąter den Eltern ├╝bergeben, die es dem J├╝dischen Museum Amsterdam zur Verf├╝gung stellten.

Nach dem Tod ihres Gro├čvaters zog Charlotte zur├╝ck nach Villefranche und heiratete am 17. Juni 1943 den ├ľsterreicher Alexander Nagler. Vermutlich durch einen Verrat wurden sie am 24. September nach Drancy, und am 10. Oktober weiter nach Auschwitz deportiert. Weil Charlotte im f├╝nften Monat schwanger war, wurde sie mit gro├čer Wahrscheinlichkeit sofort ermordet. Alexander Nagler ist auf der Todesliste vom 1. Januar eingetragen.

Charlotte Salomon hat viel mehr Aufmerksamkeit verdient! Vielleicht tr├Ągt das Projekt ja dazu bei, dass sie und ihre Werke bekannter werden.



Dieser Beitrag entstand im Rahmen des AVIVA-Recherche- und Dialogprojekts "Lokale Geschichte_n"

Weitere Informationen ├╝ber Charlotte Salomon gibt es unter:

Jewish Womens┬┤ Archive

J├╝disches Museum Berlin

Gedenken an Charlotte Salomon in Yad Vashem

Der Nachlass von Charlotte Salomon befindet sich im Joods Historisch Museum Amsterdam, Charlotte Salomon Foundation

www.kunstaspekte.de/charlotte-salomon/

FemBio Frauen-Biographieforschung e.V.

Werke von Charlotte Salomon

Ein Tagebuch in Bildern 1917ÔÇô1943. Vorwort von Paul Tillich. Einleitung von Emil Straus. Rowohlt, Reinbek 1963

Leben oder Theater? Ein autobiographisches Singspiel in 769 Bildern. Mit einer Einleitung von Judith Herzberg. Kiepenheuer und Witsch, K├Âln 1981

B├╝cher ├╝ber Charlotte Salomon

Mary Felstiner: To Paint Her Life: Charlotte Salomon in the Nazi Era. New York: 1994, Berkeley: 1997

Christine Fischer-Defoy (Hrsg.): Charlotte Salomon. Leben oder Theater. Das Lebensbild einer j├╝dischen Malerin aus Berlin 1917ÔÇô1943. Arsenal, Berlin 1986

Hildegard Reinhardt: Charlotte Salomon. Malerin. In: Jutta Duck & Marina Sassenberg (Hrsg): J├╝dische Frauen im 19. und 20 Jahrhundert. Lexikon zu Leben und Werk. Rowohlt, Reinbek 1993

Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon. 1917ÔÇô1943. Bilder eines Lebens. J├╝discher Verlag im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 2001

Georg Stefan Troller: Charlotte Salomon. S. 243 in Ihr Unverge├člichen. 22 starke Begegnungen. Artemis & Winkler, D├╝sseldorf 2006

Edward van Voolen (Hrsg.): Charlotte Salomon. Leben? Oder Theater? Prestel, M├╝nchen [u.a.] 2004

Filme ├╝ber Charlotte Salomon

Frans Weisz, Judith Herzberg (1984): Charlotte. Originaltitel: Based on the life and work of Charlotte Salomon, BRD. Spielfilm, 95 min.

Frans Weisz (2012): Life? Or Theatre? www.youtube.com

Yael Loten: Death and the Maiden, Israel 2014 (Dokumentarfilm)

Richard Dindo, Esther Hoffenberg (1992): C┬┤est toute ma vie

Rainer Hagen, Hannelore Sch├Ąfer (1987): "Heben Sie es gut auf, es ist mein Leben". Das Album der Charlotte Salomon. TV-Videoaufnahme. Hamburg: NDR (Die eigene Geschichte).




"Lokale Geschichte(n) Charlottenburg-Wilmersdorf" wurde gef├Ârdert durch:






Copyright Text: Rachel Betteridge und Juana Wenning
Copyright Foto von Rachel Betteridge und Juana Wenning im Studio: Sharon Adler
Copyright Foto Sophie-Charlotte-Gymnasium und Stolperstein in der Wielandstra├če 15: Sharon Adler




Women + Work > Lokale Geschichte_n Beitrag vom 08.04.2015 AVIVA-Redaktion 





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