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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.11.2014

Hallo?! Eine J├╝din, eine Muslimin, ist da Struktur? Sandra Kreisler und Idil Baydar
Sandra Kreisler, Idil Baydar

Ein Gespr├Ąch ├╝ber Politik, Religion, Shakshuka und Schulsysteme, frei nach dem Motto "Deutschland redet" zwischen der Schauspielerin und Kabarettistin Idil Baydar und der Regisseurin, Autorin und ...



...S├Ąngerin Sandra Kreisler.

Die beiden K├╝nstlerinnen sch├Ątzen sich als Kolleginnen. Im Kontext j├╝disch/muslimisch haben sie sich nicht explizit wahrgenommen. In einem zweist├╝ndigen lebhaften Gespr├Ąch in der AVIVA-Redaktion r├Ąumen die beiden Frauen, die sich zwar schon vorher einmal in privaten Zusammenh├Ąngen und als Kunstfigur oder K├╝nstlerin auf der B├╝hne gesehen, aber nicht n├Ąher pers├Ânlich kennen gelernt haben, mit Klischees auf und rechnen ab: mit Deutschland.

Auf die Frage, wie sie die Thematik j├╝disch/muslimisch aus diesem Blickwinkel, vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer B├╝hnenprogramme betrachten w├╝rden, ergeben sich nicht nur viele Gemeinsamkeiten und Erkenntnisse, sondern auch neue Perspektiven.


Idil Baydar: Das ist ja eben das Verr├╝ckte. Mir kommt es ja so vor, als w├╝rde das Politische sehr mit dem Privaten vermischt. Ich f├╝hle mich in meinem Alltag nicht sehr muslimisch. Weil ich einfach so gut wie nichts tue, was mir muslimisch vorkommt. Na ja, vielleicht Dinge, die mir nicht, daf├╝r aber anderen auffallen. Das bezieht sich meistens auf famili├Ąre Dinge, ob das meine Oma ist, oder eine Freundin oder eine Tante oder ein Opa oder ein Comedian den ich lustig finde, der was mit t├╝rkisch sein oder muslimisch sein zu tun hat....

Sandra Kreisler: Ich muss auch sagen, als wir uns kennen gelernt haben, habe ich dich als eine j├╝ngere Kollegin wahrgenommen, die eine spannende Geschichte macht. Und das war f├╝r mich das vorherrschende Ding. Ah, super endlich mal eine Frau, eine junge Frau, die eine Geschichte macht und noch dazu sich auch noch lustig macht ├╝ber diese ganzen, ich nenne sie: "Ischen", (ich weiss schon, dass das eigentlich was anderes heisst, aber die sagen immer "Isch" statt "Ich", deshalb nenne ich sie so.)
Was kriegst du denn in deiner Show f├╝r ein "Response" von den Zuschauern?

Idil Baydar: Du meinst jetzt hinsichtlich "muslimisch"? Eher nicht so viel, weil ich das nicht explizit bediene. In dem Moment, in dem ich jedoch das Wort "Kopftuch" benutze, gibt es zehn Leute, die mich hassen, obwohl die den Satz nicht mal verstanden haben, und zehn Leute, die es gut finden. Das ist einfach ein wahnsinnig polemisches Thema geworden.

Sandra Kreisler: Aber wird ganz selbstverst├Ąndlich dar├╝ber diskutiert oder wird nur diskutiert, wenn irgendeiner quasi von au├čen kommt und ein politisches Gespr├Ąch f├╝hren will? Also: wird es thematisiert?

Idil Baydar: Eine Diskussion untereinander ist wirklich schwierig. Auch in meinem Freundeskreis - da ist eine Perserin, da ist eine Azerbaijanerin, da ist eine aus der T├╝rkei. Wenn eine davon ein religi├Âses Empfinden hat, dann ist es f├╝r uns schon schwierig, bestimmte Themen zu diskutieren. Irgendwie hast Du immer das Gef├╝hl, dass diejenige nicht mit Abstand diskutieren kann, was auch okay ist, weil sie ja mittendrin steckt. ich ziehe es dann eher vor, diejenige nicht zu kr├Ąnken, nur weil ich vielleicht etwas nicht verstehe. Dann versuche ich, meine Informationen woanders zu holen.

Sandra Kreisler: Im Judentum gibt es von Megaorthodox bis Mittelorthodox ja jede Menge. Ich habe vor kurzem in Pforzheim in der J├╝dischen Gemeinde gespielt, das war deswegen sehr lustig, weil die es nicht geschafft haben, mir einen Spiegel in die Garderobe zu stellen. Es musste erst die Putzfrau zum Rabbi gehen, um zu fragen, ob der einen Spiegel hat und der Rabbi hat einen Spiegel hingestellt, kam aber nicht zur Vorstellung, weil er Frauen nicht singen h├Âren darf. Im Judentum gibt es viele Abstufungen der Religi├Âsit├Ąt. In Israel wirdÔÇÖs noch komplizierter, da gibtÔÇÖs die, die haben die Pejes vor den Ohren und welche, die haben die Pejes hinter den Ohren, und kleine und gr├Âssere Kippot ÔÇô und alle wissen dann genau, wer welchen Rebbe toll findet. In Pforzheim sa├čen wir jedenfalls nach meiner Show alle zusammen, und der eine lebte koscher, der andere lebte nicht koscher, a├č aber kein Schweinefleisch und der dritte lebte gar nix und a├č auch Schweinefleisch und man sa├č fr├Âhlich zusammen und lachte und machte dieselben Witze. Ist das innermuslimisch auch so?

Idil Baydar: Das k├Ânnte ich jetzt gar nicht bejahen oder verneinen, weil ich gar nicht so tief in einem muslimischen Kreis bin. Ich komme aus einem Elternhaus in dem ich eher spirituell als muslimisch aufgewachsen bin.

Sandra Kreisler: Wo bist du eigentlich geboren?

Idil Baydar: In Celle, also Niedersachsen. Meine Eltern kamen aus Ankara.

Sandra Kreisler: Okay, also ein t├╝rkischer Hintergrund. Und das waren aber auch immer ganz moderne, westlich orientierte Menschen...?

Idil Baydar: Ja die kommen aus einer anderen Zeit, aus den 75ern, da war auch der Islam in der T├╝rkei nicht gerade "High Moon"...

Sandra Kreisler: Was halten denn deine Eltern von Herrn Erdogan und seinem Rechtsruck?

Idil Baydar: Mein Vater war Atat├╝rk-"Anh├Ąnger", ihm ging es eher immer um die Demokratie, um das Mitgestalten. Das war ihm extrem wichtig.

Sandra Kreisler: Okay, also "Religion ist cool, hat aber nichts mit der Regierung zu tun".

Idil Baydar: Genau, das hat er auch immer betont. Wenn ich ihn frage "Papa, was passiert nach dem Tod f├╝r dich?" sagt er "N├╝scht, ich geh aus, Ende aus". Also da kommt kein: "Partys mit 100 Kamelen und Jungfrauen" und was nicht alles, das findet da nicht statt....

AVIVA-Berlin, Sharon Adler: Idil, dein aktuelles Programm hei├čt "Deutschland wir m├╝ssen reden". Sandra, wenn du ein Programm unter diesem Motto gestalten w├╝rdest, wie w├╝rdest Du das angehen?

Sandra Kreisler: Also unter dem Titel "Deutschland wir m├╝ssen reden" w├╝rde ich zuerst, weil es mich ja pers├Ânlich betrifft, den ansteigenden Antisemitismus ansprechen und die Art und Weise, wie man diesen ganzen platten Mediengeschichten Glauben schenken kann. Ich frage mich, wie so viele Deutsche es hinkriegen, nicht eine einzige Gehirnzelle einzusetzen - weil sie nicht erkennen, dass Dinge einfach so nicht stimmen k├Ânnen, wie sie einem von den Medien erz├Ąhlt werden. Ich verstehe das nicht, denn wenn man da einmal dar├╝ber nachdenkt, merkt man schon: das kann ja einfach nicht so stimmen, wie es erz├Ąhlt wird.

Islamhasser und Antisemiten

AVIVA-Berlin, Sharon Adler:
Idil, Du hast ja auch in der R├╝tli-Schule mit Sch├╝lern gearbeitet. Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen ist ja tats├Ąchlich ein Thema, das man nicht wegdiskutieren kann.

Sandra Kreisler: Also in Wahrheit finde ich den Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen, die f├╝r sich selber keine Zukunft in diesem Lande sehen, nicht als Antisemitismus, durch den ich mich bedroht f├╝hle. Ich f├╝hle mich bedroht, wenn jemand bei einer Demonstration von muslimischen Jugendlichen eine Israel-Fahne zum Fenster raush├Ąngt und die deutschen Polizisten dann die israelische Fahne verbieten, w├Ąhrend sie die muslimischen Jugendlichen nicht massregeln. Meine Bedrohung sind die Deutschen. Meine Bedrohung ist eine M├╝nchener Richterin, die sagt, Antisemitismus gibt es nur im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg.
Die muslimischen Jugendlichen kennen ja meist auch keine Juden.

Idil Baydar: Ja genau, richtig, die kennen auch keine Juden, das ist also alles nur ├╝bernommen. Ich merke das auch immer wieder, muss aber auch sagen und das finde ich ganz speziell, interessanterweise sage ich auch immer "Deutschland" wir m├╝ssen reden, weil es auch ein Ph├Ąnomen ist, was hier passiert.

Sandra Kreisler: Warum, denkst Du, hat das gerade mit Deutschland zu tun?

Idil Baydar: Seit Jahrzehnten ist die arabische Gemeinde viel gr├Â├čer geworden als die t├╝rkische. Seit Jahrzehnten kommen Menschen aus arabischen Kriegsgebieten. Was, glaube ich, au├čer Acht gelassen wird, ist, dass diese Leute auch alleine gelassen werden. Sie sind traumatisiert, da ist eine komplett andere Kultur und da fehlt vielleicht auch ein gewisses Ma├č an Grundbildung, um mit gewissen Dingen umgehen zu k├Ânnen. Dann ist es eventuell viel leichter, Aggressionen und Verzweiflungen und vor allen Dingen auch Ohnmacht so auszudr├╝cken, dass man vermeintlich Macht ├╝ber etwas hat, was man dann verurteilt.
Alle in der deutschen Gesellschaft reagieren auf das Wort "Jude". Wieviel Aufmerksamkeit kannst du durch dieses eine Wort generieren! Das ist der Wahnsinn.

AVIVA-Berlin, Sharon Adler: Das k├Ânnte der Startschuss f├╝r ein gemeinsames B├╝hnenprogramm sein!

Sandra Kreisler: Gute Idee! Ich w├╝rde versuchen, wenn wir gemeinsam ein Programm machen w├╝rden, auch zu gucken, wie viel von dem Antisemitismus der jetzt den muslimischen Jugendlichen hier in Deutschland zugesprochen wird, eigentlich aus dem deutschen Denken, und wie viel tats├Ąchlich vom Islam kommt. Ich habe heute wieder gelesen, dass es im Koran zwei Stellen gibt, wo sogar geschrieben steht, dass Israel den Juden geh├Ârt.
Aber das wird v├Âllig ignoriert, also es n├╝tzt nichts. Es ist nat├╝rlich politisch viel n├╝tzlicher, wenn man jemanden hat, der "Schuld" ist ÔÇô das lenkt von den eigenen Shortcomings ab. Netanyahu kriegt ja auch innenpolitisch nichts gebacken und es ist alles zu teuer und die Leute wissen nicht, wie sie mit f├╝nf Jobs gleichzeitig ├╝ber die Runden kommen sollen. Da ist es nat├╝rlich sehr praktisch, wenn du au├čenpolitisch einen Feind hast. Genauso ist es mit Gaza und den Pal├Ąstinensern und den ganzen arabischen L├Ąndern von oben, die auch innenpolitisch nichts gebacken kriegen und sehr froh sind, dass sie au├čen einen Feind haben ÔÇô und das kriegen sie ja dann auch noch ├╝ber Hilfsgelder bezahlt.

Idil Baydar: Ja, das ist wirklich bedrohlich.

AVIVA-Berlin, Sharon Adler: Aber das ist Alltag in Deutschland. Und genau deswegen machen wir dieses Projekt.

Sandra Kreisler: Ich diskutiere ja immer wahnsinnig viel auf Facebook, eben auch ├╝ber Israel. Und jetzt erlebe ich ganz stark Antisemitismus von linker Seite. Und von rechter Seite kommt jetzt auf einmal "Islam-Bashing". Und das finde ich ganz schwierig. Da bin ich ja nicht selber betroffen, da kenne ich mich nicht aus damit, und ich wei├č nicht, wo man die Grenze ziehen kann, ob man sagen kann, es ist tats├Ąchlich die islamische Religion. Andererseits, im Koran steht, dass Israel den Juden geh├Ârt und dass die Juden eh super und Volk des Buches sind. Aber bei dieser ganzen Radikalisierung, die hier jetzt stattfindet...
Ist es die Religion, die den Urboden gibt f├╝r diese Entwicklung, oder sind es Einzelne? Stimmt es, dass man im Koran immer nur die zuletzt geschriebene Sure als g├╝ltig erachten darf, oder stimmt das nicht?

Idil Baydar: Das Einzige was ich dar├╝ber wei├č, ist, dass es in der muslimischen Welt vier Institute gibt, die den Koran auslegen d├╝rfen. Und alle vier sind anders ausgerichtet. Das komplette politische Spektrum findest du, wenn du so willst, auch in der Religion. Ich f├╝hle diese Uneinigkeit, die in der muslimischen Welt herrscht, und f├╝hle mich deshalb auch nicht so sehr dort hingezogen. Ich finde, die gem├Ą├čigten Stimmen h├Ârst du viel zu selten. Warum eigentlich?

Sandra Kreisler: Wie kann man denn die Gem├Ą├čigten st├Ąrken, damit sie mehr Einfluss bekommen? Es gibt ja hier auch den Hamed Abdel-Samad, der mit dem Broder tourt ÔÇô der sagt immer wieder ausgesprochen wahre Dinge, aber beide sind f├╝r mein pers├Ânliches Gef├╝hl auch manchmal einen Tacken zu Rechts. Dann gibtÔÇÖs einen israelischen Pal├Ąstinenser, Ahmad Mansour, der ist ganz gut, und sagt gute Sachen, aber er ist halt auch nur in den intellektuellen, nicht in den Mainstream-Medien vertreten. Und wie kann man denn als Nicht-Muslima die liberalen Str├Âmungen lautst├Ąrkem├Ą├čig verst├Ąrken?

Idil Baydar: Wei├čt du, wann der Islam super funktioniert? Wenn du arm bist. Es geht nur um Arm und Reich. Es geht nicht um Religionen, das sind alles nur Instrumente.

Sandra Kreisler: Das ist ein sehr kluger Gedanke.

Idil Baydar: Wenn du im Islam arm bist, funktioniert alles fantastisch. Du kommst an alles ran, es ist eine Gemeinschaft, jeder denkt an dich. Wenn du als achtzigj├Ąhrige Oma Probleme h├Ąttest, w├╝rde irgendeine Nachbarin auf dich aufpassen. In der T├╝rkei gibt es ein Sprichwort, das hei├čt: "F├╝r die Armen gibt es Gott, weil die Reichen haben Geld".

Sandra Kreisler: Das finde ich interessant, dass das ein Krieg *Reich gegen Arm* ist. Aber eigentlich ist ja gerade so, dass der IS ja stinkend reich ist. Die haben jede Menge Kohle.

Idil Baydar: Die propagieren aber nat├╝rlich etwas v├Âllig anderes. Aber ich wei├č ja nicht ob sich das nur auf die Waffen bezieht, die sie haben.

Sandra Kreisler: Im Judentum gibt es Religi├Âse, es gibt weniger Religi├Âse, aber du hast einen ganz breiten Fundus an Kultur und Traditionen, aus denen du sch├Âpfst. Die von allen irgendwie toll gefunden werden, wo du ganz fr├╝h schon anf├Ąngst zu denken und zu fragen. Es ist ein wesentliches Merkmal der Kultur, Dinge zu hinterfragen und nicht einfach nur auswendig zu lernen. Das gibt dir einen pers├Ânlichen Reichtum und das gibt dir durchaus, auch wenn du wenig Geld hast, eine gewisse Sicherheit.

Schulsysteme

Sandra Kreisler:
Wenn von vornherein der Lehrer sagt, "Aus euch wird ja nix", dann sagt das Kind automatisch "Ich will ja gar nicht, das aus mir etwas wird". Und genau da muss man ansetzen. Ich finde, dass Sarrazin und Buschkowsky nur in diese Kerbe schlagen, und dann wundern sie sich, wenn das eine selbsterf├╝llende Prophezeiung wird.

Idil Baydar: Ganz genau! Das besagt ja auch die Jugendpsychologie; die sogenannten "Schattenkinder" bekommen Aufmerksamkeit dar├╝ber, dass sie m├Âglichst schlecht sind. Sie fallen mit etwas Normalem nicht oder zu selten positiv auf, was auch an ├╝berforderten Lehrern liegt...

Extremismus

Sandra Kreisler:
Wie kann ich den Islam kritisieren, deutlich kritisieren, ohne Muslime zu kritisieren? Oder: "Wie kann ich die Muslime kritisieren, ohne den ganzen Islam zu kritisieren"? Wei├čt du was ich meine?

Idil Baydar: Also wirklich die Dinge zu ordnen und zu differenzieren, gerade auch sprachlich. Dass man zum Beispiel nicht sagt: "Alle Juden ..." oder "Alle Muslime ..." sondern: "der und der ..." oder "das und das ..."

Sandra Kreisler: Aber ab wann ist man extremistisch? Ist man extremistisch ab dem Moment, ab dem man jemandem den Kopf abschneiden m├Âchte oder ist man extremistisch, wenn man Burka tr├Ągt oder ist man Extremist ab dem Moment wo man seine Frau oder T├Âchter dazu zwingt, auch wenn sie nicht wollen?

Idil Baydar: F├╝r mich ist es extremistisch, wenn jemand ganz klar durch sein Verhalten, seine Optik oder vor allem durch das, was er sagt, ausdr├╝ckt, dass er mir Schaden zuf├╝gen will, weil ich nicht seinem Religionssystem entspreche. Das ist f├╝r mich extremistisch. Die Frau in der Burka st├Ârt mich doch ├╝berhaupt nicht.

Sandra Kreisler: Ja, aber das Problem ist ja auch, dass du auf wirkliche Gewalt nicht ohne Gewalt antworten kannst. Frieden hin, Frieden her - ich bin auch ein gro├čer Pazifist, aber ich bin kein Pazifist, wenn jemand kommt und mir den Kopf abschneiden will. Dann werde ich nicht sagen k├Ânnen "Komm, wir k├Ânnen doch dr├╝ber reden", wie Frau K├Ą├čmann. Wenn die kommen und dir den Kopf abschneiden wollen, musst du schie├čen, ob du willst oder nicht.

Idil Baydar: Wir k├Ânnen uns Pazifismus erlauben, weil wir hier in einem emotionalen Luxus leben. Diesen Luxus k├Ânnen sich die Armen nicht leisten. Du ├╝berlegst zweimal, ob du dich mit der Nachbarin anlegst, die hat n├Ąmlich gute Kontakte da und da hin und dann kriegst du das und das billiger und automatisch macht das was mit dir. Dann entwickelst du keinen aufr├╝hrerischen sondern einen relativ opportunistischen Charakter. Und das hat was mit Geld zu tun, mit Armut und mit Macht.


├ťberlegungen zu einer gemeinsamen Show rundeten dieses intensive Gespr├Ąch ab.
Mehr soll an dieser Stelle jedoch noch nicht verraten werden, es bleibt also spannend. Zu gegebener Zeit werden wir uns wieder in der Redaktion zum Austausch zusammenfinden und auf AVIVA-Berlin dar├╝ber berichten.

Zu den K├╝nstlerinnen



Sandra Kreisler
, 1961 in M├╝nchen geboren und amerikanische Staatsb├╝rgerin wuchs durch ihre Eltern Topsy K├╝ppers und Georg Kreisler im direkten Umfeld von Literatur, Theater, insbesondere des literarischen Chansons und des Kabaretts auf.
Die Lale-Andersen Preistr├Ągerin (2006/07) besch├Ąftigt sich neben ihren regelm├Ą├čigen B├╝hnen-, Funk- und Fernsehauftritten seit 2002 zunehmend mit dem Unterrichten von Acting-While-Singing, einer aus der amerikanischen Ausbildungspraxis stammenden Methode der Chanson-Interpretation.
B├╝hnendebut 1984, Filmdebut 1987, Solo-Chansondebut 1994. Sie arbeitet als freiberufliche S├Ąngerin, Schauspielerin, Lehrerin, Interpretationscoach, Sprecherin, Autorin und Regisseurin in Wien und Berlin.
Weitere Infos unter: www.sandrakreisler.de und www.wortfront.de
Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:
Sandra Kreisler - Das Chansonbuch. Interpretation und B├╝hnenpr├Ąsentation
Interview mit Sandra Kreisler (2009)

Idil Baydar wuchs als Tochter t├╝rkischer Einwanderer in Celle, Niedersachsen auf und besuchte eine Waldorfschule. Heute lebt sie als Schauspielerin in Berlin-Kreuzberg und arbeitet auch f├╝r Jugendeinrichtungen.
In der Berliner R├╝tli-Schule arbeitete sie mit "echten" Migrationskindern und lernte so deren Lebensverh├Ąltnisse, die Denkweise, die Art zu sprechen kennen, ebenso die kulturelle Zwiegespaltenheit und nicht selten auch eine Doppelmoral.
Ihre klischeehaft angelegten Kunstfiguren, die Berlinerin Gerda Grischke, und Jilet Ayse, eine 18-j├Ąhrige Kreuzberger T├╝rkin, wurden ├╝ber Youtube bekannt.
Die Medien wurden schnell aufmerksam, zahlreiche Interviews und Zeitungsartikel folgten, sowie Fernsehauftritte (z.B. StandUpMigranten, NightWash, Pufpaffs Happy Hour, Ladies Night). Ihre "B├╝hnenheimat" fand Idil Baydar in der Bar Jeder Vernunft in Berlin.
Mit ihrem Showprogramm "Deutschland - wir m├╝ssen reden" geht sie auch auf Deutschlandtour.
Weitere Infos unter: www.idilbaydar.de




Copyright Fotos von Sandra Kreisler und Idil Baydar: Sharon Adler
Transkription des Interviews: Chaleena Bienecke


Women + Work > Schalom Aleikum Beitrag vom 03.11.2014 AVIVA-Redaktion 





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