Auf dem Rücken liegend, rauchend, zur Ikone - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Women + Work WorldWideWomen



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 06.02.2021


Auf dem Rücken liegend, rauchend, zur Ikone
Claudia Rothe

Fran Lebowitz ist die quintessentielle Personifikation von New Yorker Coolness und noch immer "the funniest woman in America", wie die Washington Post in den 1980ern titelte. Martin Scorsese hat ihr nun in seiner neuen Netflix-Doku-Serie "Pretend it´s a City" ein Denkmal gesetzt. Und: Es lohnt sich sehr, neben Scorseses filmischer Femmage noch einmal einen Blick auf das Leben und Werk dieser außergewöhnlichen Frau zu werfen.




In den 1970ern, mit Anfang 20, verbrachte sie jede Nacht in den legendären New Yorker Underground Clubs, zuerst im Max´s Kansas City, später im Studio 54, mit so illustren Zeitgenoss*innen wie David Bowie, den New York Dolls, Robert Mapplethorpe, Patti Smith und natürlich Andy Warhol. Viele diese*r Weggefährt*innen wurden damals zu engen Freund*innen, und Lebowitz gern gesehene Gästin auf jeder Party, da sie stets die unterhaltsamste Person im Raum war. Lebowitz gilt als Königin des "witty, dry humor", hat zu allem eine Meinung, und scheut sich auch nicht, diese jeder und jedem ins Gesicht zu sagen. Sie ist die erfrischende Abwechslung in einer Zeit, in der wir niemanden mehr verbal auf die Füße treten.

Flucht aus Suburbia

Aufgewachsen in einer jüdischen Familie im New Yorker Vorort Morristown, New Jersey, wurde sie nicht sehr religiös erzogen, besuchte sogar eine protestantische (Episcapalian) High-School und erhielt auch keine Bat Mitzvah. Wie für viele jüdische Amerikaner*innen zweiter Generation (ihre tschechisch-ungarischen Großeltern waren Anfang des 20. Jahrhunderts eingewandert), spielte das Praktizieren der Religion im Alltag keine ausgeprägte Rolle, ihre jüdische Identität dafür umso mehr. Lebowitz sagte dazu 2016 in einem Interview mit Johanna R Ginsberg in der New Jersey Jewish News: "I don´t really know how to describe it, the idea of people thinking of themselves as Jews, calling themselves Jews, feeling Jewish their entire lives, without once believing in God or going to synagogue or practicing any part of the religion. I can´t think of another religion of which that is true. <…> My Jewish identity is ethnic or cultural or whatever people call it now. But it´s not religious."

Als Lebowitz mit 19 Jahren dem Vorstadtleben nach Manhattan entfloh, hielt sie sich zuerst mit Gelegenheitsjobs, als Taxifahrerin, Putzfrau und Straßenverkäuferin über Wasser. In den frühen 1970ern konnte man mit dieser Art Jobs noch eine 120 Dollar teure Wohnung im West Village Manhattans finanzieren, allein um in New York zu leben. Heute eine sehr bizarre, undenkbare Vorstellung.

Sie hat dabei in Interviews oft betont, dass es für sie vor allem als lesbische Frau in den 1970ern unausweichlich war, ihr kleinstädtisches Umfeld in New Jersey zu verlassen und nach Manhattan zu gehen, da sie nur dort frei(er) und selbstbestimmt(er) leben konnte. Wie für fast alle LGBTIQ dieser Zeit, war es überhaupt nur möglich in der Großstadt (etwas) freier zu sein und auch dort nur in geschlossenen Räumen, den Clubs, den Bars, den Cafés. Auch im Bundesstaat New York stand Homosexualität noch bis Anfang der 1980er unter Strafe.

Kolumnistin für Andy Warhols "Interview Magazine"

Zuerst schrieb Lebowitz mit 21 für ein von Susan Graham Ungaro gegründetes Greenwich Village Kulturblatt names "Changes" für ein paar Dollar Filmreviews, bevor sie 1971 von Andy Warhol in die Factory geholt wurde. Warhol gab ihr zwei Kolumnen in seinem "Interview"-Magazine, das zu dieser Zeit vielleicht ein paar Hundert Leute lasen, allerdings alle wichtigen Repräsentant*innen der New Yorker Underground Bohème. Ihre humoristischen, viel zitierten Kolumnen "The Best of the Worst" (ebenfalls eine Filmkolumne über trashige B-Movies) und "I Cover the Waterfront" (Beobachtungen über die Kulturszene New Yorks) erschienen 1978 gesammelt als Lebowitz´ erstes Buch "Metropolitan Life" und machten sie mit 28 Jahren zur Bestseller-Autorin. Ihre zweite Veröffentlichung "Social Studies" von 1981, Lebowitz´ bis heute letztes Buch, zementierte ihren festen Platz als New Yorks schlagfertigste Intellektuelle. Seitdem leidet sie nach eigener Aussage seit vier Jahrzehnten unter "Writer´s Block". Ihrer Karriere hat dieser geringe Output wenig geschadet, bis heute wird sie auf jede Party eingeladen, zählte Diane von Fürstenberg, die bereits verstorbene Schriftstellerin Toni Morrison und Vanity Fair Editor Lisa Robinson zu ihrem engsten Kreis.

Ihre Kolumnen sind seit den 1980ern in unterschiedlicher Form mindestens fünfmal neu publiziert wurden und haben immer wieder neue Generationen von Leser*innen gefunden. Zuletzt erschienen sie als "Fran Lebowitz Reader", 2011. Darin finden sich so erhellende Lebensweisheiten, die auch heute noch Geltung besitzen, wie: "I believe in talking behind peoples´backs. That way, they hear it more than once." oder "I prefer dead writers because you don´t run into them at parties." Lebowitz´ Stil, in Form dieser kurzen beißenden Epigramme ähnelt dabei am ehesten der anderen großen New Yorker Society Kommentatorin und Partygängerin, Dorothy Parker.

Es erfordert ein besonderes Talent und vor allem eine große Portion Charisma, als Autorin so lange relevant zu bleiben, ohne jemals wieder ein Wort geschrieben zu haben. Dabei geht die Faszination von Lebowitz davon aus, dass heute niemand mehr so leben kann wie sie, ohne richtig zu arbeiten, einfach in den Tag hinein: und selbst in den 80ern musste sie von irgendetwas ihre Miete bezahlen? Lebowitz hat dafür aus ihrem eigentlich größten Talent - dem Reden (das Schreiben war für sie schon immer eine eher quälende Angelegenheit), eine Karriere gemacht, und tourt nun seit über 40 Jahren vor allem durch die Universtäten und Vortragssäle der USA.

Wie unterhaltsam das sein kann, beweist vor allem Martin Scorsese, vielleicht größter Fan ihrer trockenen Bonmots. Lebowitz muss in der siebenteiligen Netflix-Reihe nur ihren Mund öffnen, und Scorsese bricht bereits in schallendes Gelächter aus. Das kann mitunter befremdlich wirken, denn je mehr man sich mit ihrer Person beschäftigt, umso mehr Film- und Interviewmaterial gilt es aufzuspüren, in dem sie eigentlich noch amüsanter und scharfzüngiger ist, als in Scorseses Doku-Reihe.

Dauergast bei David Letterman

Legendär sind dabei vor allem ihre Auftritte bei David Lettermans "Late Night Show" in den 1980er und 90er Jahren. Mitte der 80er kam sie im fast vierteljährlichen Rhythmus in Lettermans Sendung, die sie auch dem nationalen US-amerikanischen Publikum bekannt machte (über die New Yorker Blase hinaus) und dabei selbst den professionellen Talkmaster Letterman an die Wand redete. Diese Scharfzüngigkeit hat Scorsese nun 40 Jahre später auf 210 Minuten Film gebannt und es ist mehr als unterhaltsam Lebowitz dabei zuzuschauen, wie sie in ihrem ikonischen Outfit aus Levi´s 501 Jeans, weißem Männershirt und Savile Row Jackett, stets mit Zigarette in der Hand, unsere Gegenwart auseinandernimmt.

Kennengelernt haben sich Scorsese und Lebowitz by the way höchstwahrscheinlich ebenfalls auf einer New Yorker Party, vor vielen Jahrzehnten, vielleicht dem Geburtstag von John Waters, aber wer weiß das schon noch.

Nach eigener Aussage hat Fran Lebowitz, abseits der Partys, ihr Leben auf der Couch liegend, rauchend und lesend verbracht. 12 000 Bücher hat sie im Laufe der Jahrzehnte gesammelt, besitzt bis heute keinen Computer, kein Smartphone und auch keine Schreibmaschine. Alle Texte, die jemals entstanden, schrieb sie mit der Hand und ließ sie von Freund*innen abtippen. Sie ist bis heute eine Anachronistin in einer digital-obsessiven Welt und so bleibt auch ihre schockierende Beobachtung, New Yorker*innen hätten mit dem Smartphone verlernt "richtig zu laufen", eine korrekte, aber traurige Wahrheit. Sie selbst ist vielleicht die letzte New Yorkerin, die noch mit offenen Augen durch ihre Stadt läuft, und damit ihre beste Beobachterin.

Es lohnt sich sehr, den "Fran Lebowitz Reader" auf dem Sofa liegend, rauchend, nochmal aufzuschlagen.



Weiterführende Links:

"Pretend it´s a City", Netflix, siebenteilige Serie > www.netflix.com

"The Fran Lebowitz Reader", Taschenbuch, 352 Seiten (Publisher´s Link) > www.penguinrandomhouse.com

Credit: Illustration von Amancia Hortera (with artist`s approval) > amanciahortera.com und Instagram: @amanciahortera


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Patti Smith – Im Jahr des Affen
In ihrem Erinnerungsbuch, das zwischen Fiktion und Realität changiert, beweist die einstige Punk-Ikone einmal mehr, dass sie in vielen Künsten zu Hause ist. Dabei lässt sie sich durch das Jahr des Affen treiben, das nach den chinesischen Tierkreiszeichen im Jahr 2016 stattfand, und wird von Erinnerungen und dem nahenden Tod von zwei Freunden und ihrem anstehenden 70. Geburtstag umfangen. (2020)

Rebecca Solnit – Unziemliches Verhalten. Wie ich Feministin wurde
Vergessen Sie den deutschen Titel, der mit dem Inhalt dieses Buches wirklich nichts zu tun hat. "Recollections of My Nonexistence" - so der Originaltitel – ist eines der besten, klügsten, berührendsten Bücher dieses Jahres. Die jüdische-amerikanische Kulturwissenschaftlerin, Journalistin, Essayistin und Schriftstellerin nimmt uns mit in ihre eigene Geschichte und deckt dabei die Strukturen des Unsichtbarmachens von Frauen auf. (2020)

Neuerscheinungen von und über Susan Sontag im Herbst 2020: Benjamin Moser – Sontag. Die Biografie. Sigrid Nunez – Sempre Susan. Erinnerungen an Susan Sontag. Susan Sontag – Wie wir jetzt leben. Erzählungen
Die jüdisch-amerikanische Intellektuelle und Publizistin Susan Sontag war zu Lebzeiten eine Ikone, und auch nach ihrem Tod vor 16 Jahren ist sie nie ganz aus dem Blick des öffentlichen Interesses verschwunden. Benjamin Moser hat eine beeindruckende Biografie über sie geschrieben, die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde und Sigrid Nunez erinnert sich gefühlvoll in "Sempre Susan" an ihre gemeinsame Zeit. Und schließlich die Erzählungen von Susan Sontag selbst, erstmalig aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Kathrin Razum. (2020)

Toni Morrison - Die Herkunft der Anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur
Aktueller denn je präsentieren sich die Essays der afroamerikanischen Schriftstellerin Toni Morrison. Ausgrenzung und das Definieren von Anderssein sind Themen, die nicht nur in den USA eine gefährliche Brisanz haben. Wer gehört dazu und wer nicht? Warum scheint der Mensch das Konzept der "anderen" zu brauchen? (2018)

Jessa Crispin - Warum ich keine Feministin bin. Ein feministisches Manifest
Was im Titel und Untertitel erst einmal widersprüchlich wirkt, klärt sich im Buch schnell auf: Nichts weniger als eine radikale Veränderung wünscht sich Crispin, eine Revolution, die zu grundlegenden Verbesserungen für alle führt. (2019)

Edith Wharton - Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart
Edith Wharton gewann 1920 als erste Frau den Pulitzer Preis für The Age of Innocence und war dreimal für den Literaturnobelpreis nominiert. In ihrer glänzenden Gesellschaftssatire porträtiert die 1862 in New York City geborene amerikanische Schriftstellerin Edith Wharton die Upper Class zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Geld, Oberflächlichkeit und Intrigen bestimmen den Alltag jener, zu denen Lily Bart unbedingt gehören möchte. Doch zu welchem Preis? (2018)

Dorothy Parker - Denn mein Herz ist frisch gebrochen. Gedichte
Satire, Spitzfindigkeit, Spott – die scharfzüngige Dorothy Parker, geborene Rothschild, die erste weibliche Theaterkritikerin New Yorks, präsentiert sich zu ihrem 50. Todestag am 7. Juni 2017 mit ihren Gedichten in einer neuen deutschen Übersetzung. (2017)

Rivka Galchen - Amerikanische Erfindungen
Die mehrfach ausgezeichnete jüdisch-kanadische-amerikanisches und in Brooklyn, Newy York, lebende Schriftstellerin ("Atmosphärische Störungen") und Journalistin/Kolumnistin legt nach: Zehn amüsante Kurzgeschichten zwischen Traum, Wirklichkeit und Alltag. (2017)

Alice Neel - Painter of Modern Life
Über fünf Dekaden lang hat die amerikanische Malerin Gesellschaft und Menschen in eindrücklichen Gemälden portraitiert. Als Sympathisantin des Kommunismus in den 1950er, Mitglied der renommierten New Yorker KünstlerInnenszene in den 1960er und Symbol der Frauenrechtbewegung in den 1970er Jahren, war sie immer ganz nah am Zeitgeschehen. Ihr Werk ist eine bewegende Chronologie des zwanzigsten Jahrhunderts und seiner Vielseitigkeit. (2017)

Gloria Steinem - My Life on the Road
Die Ikone des amerikanischen Feminismus ist Mutmacherin und Rebellin. Sie ist aber auch himmlische Barkeeperin und reisende Feministin. Ihr Kick ist es, "on the Road" zu sein und Fragen zu stellen. Die Biographie ist eine Rückschau auf ein bewegtes Leben. (2016)

Albertine Sarrazin – Astragalus
Der autobiografische Rohdiamant der "kleinen Heiligen der schreibenden Außenseiter" (Patti Smith) wurde fünfundvierzig Jahre nach ihrem Tod mit einem Nachwort ihres größten Fans neu verlegt und begleitet nun auch LeserInnen im Jahre 2013 aus ihren inneren Gefängnissen. (2013)

Sara Stridsberg - Traumfabrik und Valerie Solanas – SCUM
I regret that I missed". Wenn Valerie Solanas bekannt ist, dann vor allem für den gescheiterten Mordversuch an Andy Warhol. Aber wer war die Frau, die die "Society for cutting up men" gründete? (2010)

Marcia Pally - Liebeserklärungen aus Kreuzberg und Manhattan
Pallys`s satirische Kolumnen, entstanden aus der jahrelangen Zusammenarbeit der New Yorker Kulturwissenschaftlerin mit deutschen Medien, räumen mit Stereotypen dies- und jenseits des Atlantiks auf und dokumentieren kulturelle, wirtschaftliche und politische Phänomene mit äußerst spitzer Feder. (2010)

Suze Rotolo - Als sich die Zeiten zu ändern begannen. Erinnerungen an Greenwich Village in den Sechzigern
Patti Smith hat es gerade vorgemacht: Persönliche Erinnerungen lassen sich wunderbar mit der Erzählung einer ganzen Epoche verbinden. Suze Rotolo verfolgt ein ähnliches Prinzip. Aufhänger ihrer Memoiren ist die Zeit, die sie mit dem später weltberühmten Sänger Bob Dylan verbrachte. (2010)


Women + Work > WorldWideWomen

Beitrag vom 06.02.2021

AVIVA-Redaktion 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Ina Schmidt - Die Kraft der Verantwortung

. . . . PR . . . .

Ina Schmidt - Die Kraft der Verantwortung
Ob Klima, Politik, Arbeit oder Beziehung: Überall sollen wir verantwortungsvoll handeln. Wie aus dieser Pflicht eine liebende Sorge für die Zukunft wird, zeigt die Philosophin Ina Schmidt klug und lebensnah.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellungen unter: www.edition-koerber.de

fair share! Sichtbarkeit für Künstlerinnen

Online: UNIDAS: Frauen im Dialog. Begegnungen, Diskussionen und Impulsvorträge aus Salvador, Brasilien und Berlin, Deutschland.

Eine digitale, transatlantische Konferenz von UNIDAS - dem Netzwerk von Frauen aus Deutschland, Lateinamerika und der Karibik, dem Goethe-Institut, dem Auswärtigen Amt, und dem Frauenministerium des Bundesstaates von Bahia.

Nanna Johansson – Natürliche Schönheit

. . . . PR . . . .

Nanna Johansson - Natürliche Schönheit
Die schwedische Comiczeichnerin und Radiomoderatorin hinterfragt in ihrem feministisch-satirischen Comicband gängige Schönheitsideale und gibt mit ihren Comics intelligente Anleitungen zur Selbstliebe.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de


Kooperationen

Raupe und Schmetterling
Paula Panke
bücherfrauen - women in publishing
FCZB
GEDOK-Berlin
BEGiNE
gründerinnenzentrale
Frauenkreise