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AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 02.09.2011


Türkiyemspor Berlin e.V. braucht Verstärkung
Anja Kesting, Ilka Fleischer

Am letzten Augustwochenende startete die neue Saison für die Fußballerinnen von Türkiyemspor. Im Interview schildert Teambegleiterin Giovanna Krüger ihr Nachwuchsproblem – trotz des...




... Frauenfußballbooms.

AVIVA-Berlin: Im Nachklang der WM gibt es einen regelrechten Run auf Frauen- und Mädchen-Fußball-Teams, aber ihr sucht Verstärkung auf fast allen Ebenen. Wie kommt es, dass euch die Ladies – trotz eures guten Rufes – nicht die Bude einrennen?
Giovanna Krüger: Tatsächlich erlebt der Frauen- und Mädchenfußball im Moment regen Zulauf, so dass manche Vereine in der neuen Saison mehrere Teams einer Altersstufe in den Spielbetrieb schicken. Bei uns ist es allerdings so, dass wir unsere Teams gerade zusammenstreichen müssen, um überhaupt auf je elf Spielerinnen zu kommen. Obwohl wir an Multikulturalität kaum zu überbieten sind, wird auf Grund des Namens Türkiyemspor immer wieder angenommen, dass bei uns ausschließlich Türkinnen spielen. Meine Tochter Karla (blond...!) wird z. B. oft erstaunt gefragt, ob sie denn Türkin wäre, wenn sie erwähnt, dass sie bei Türkiyemspor Fußball spielt. Wir sind zwar bekannt "wie ein bunter Hund", und man ist auch ein wenig neidisch, was wir so alles an Aktivitäten bieten, aber das Vorurteil scheint zu überwiegen – daher der geringe Zulauf.

AVIVA-Berlin: Wo braucht ihr denn aktuell mehr Zulauf? In welchen Bereichen sucht ihr Verstärkung?
Giovanna Krüger: Wir suchen Spielerinnen, TrainerInnen und BegleiterInnen – und keineR muss bei uns Türkisch sprechen! Vor allem brauchen wir ganz dringend engagierte BegleiterInnen für unsere ziemlich wilden U17 Mädchen. Außerdem TrainerInnen und BegleiterInnen auch für die U15 und U11. Bei uns kann (bislang) zwar niemand bezahlt werden, dafür haben wir aber eine Menge Spaß und lernen viel mit- und voneinander – nicht nur auf dem Spielfeld...

AVIVA-Berlin: Was sind denn die wichtigsten Mehrwerte, Lernerfolge und Spaßfaktoren für die Mädchen?
Giovanna Krüger: Im Hinblick auf das interkulturelle Miteinander ist für unsere Mädchen wichtig, dass sie sich seit Jahren kennen und "begleiten". Bei uns erleben sie zusammen ihre Pubertät, und es entstehen Beziehungen, die sonst so nicht entstanden wären. Bei den Mädchen, die ich seit sechs Jahren betreue, hat eine richtige Entwicklung stattgefunden: Die Frage, ob du deutsch, türkisch, kurdisch, Muslima oder Christin bist, ist inzwischen total uninteressant für die Mädels. Ein weiterer wichtiger Mehrwert ist, dass der Fußball die Mädchen stärkt. Er gibt ihnen Selbstbewusstsein und die Fähigkeit im Team zusammenzuarbeiten. Durch den gemeinsamen Sport erkennen die Mädchen, dass sie Hürden überwinden können, wenn sie gemeinsam ein Ziel verfolgen, einander Vertrauen schenken – und sich auch mal zusammenreißen.

AVIVA-Berlin: Da kommen sicher die TrainerInnen und BegleiterInnen ins Spiel... Was ziehen die aus ihrem freiwilligen Engagement bei Türkiyemspor?
Giovanna Krüger: Vor allem macht die "Arbeit" mit den Mädchen großen Spaß, und es ist einfach schön, diese spezielle Dynamik in der Kabine mitzuerleben. Für mich ist unser Engagement aber auch im politischen Feld anzusiedeln, obwohl der Sportverein ein klassisch ehrenamtliches Betätigungsfeld ist. In diesem Zusammenhang liegt der Reiz z.B. darin, außersportliche Aktivitäten zu begleiten, wie die Winterreise der Mädchen nach Jerusalem. Sie besuchten dort ein israelisch-palästinensisches Mädchenteam, das im Oktober 2010 zu Gast in Berlin und Türkiyemspor war.

AVIVA-Berlin: Du hast vorhin schon angedeutet, dass ihr viele auch nicht-sportliche Aktivitäten anbietet. Was macht ihr denn noch außerhalb des Fußballfelds?
Giovanna Krüger: Türkiyemspor steht nicht nur auf dem Papier und nicht nur auf dem Fußballplatz für gelebte interkulturelle Kommunikation. Daher sind wir InitiatorInnen und PartnerInnen bei Aktionen, Kampagnen und Veranstaltungen, die sich für das Zusammenleben verschiedenster Kulturen einsetzen. In den letzten Jahren waren wir z.B. PartnerInnen beim Mädchensportfest "Leyla rennt", bei der Kampagne "Keine Gewalt gegen Frauen", bei den respect-gaymes des LSVD und beim AvitallsCup, der von der jüdischen Kantorin Avitall Gerstetter ins Leben gerufen wurde. Außerdem unterstützen wir mit Benefiz-Spielen soziales Engagement verschiedenster Gruppen (u. a. Krebshilfe, Leukämiehilfe).

AVIVA-Berlin: Da ihr keine Fördermittel bekommt und sich auch (noch) keinE SponsorIn gefunden hat, ist ja bestimmt so mancher Aktivitäten-Wunsch offengeblieben. Was würdet ihr mit einer größeren Spende unternehmen?
Giovanna Krüger: Was wir alles mit Geld machen würden? Erstmal unsere Trainer bezahlen, die viel mehr leisten, als den Mädchen das Fußball spielen beizubringen. Außerdem würden wir Vereinsräume anmieten – nur für unsere Mädchen und Frauen. Wir würden auch gern mehr Workshops anbieten zu Themen wie Gewalt in der Familie/gegen Frauen, Identitäten, Homophobie/Diskriminierung, Sprachkurse, Nachhilfe, Kinderbetreuung für fußballspielende Mütter. Und unsere Reisen würden wir sehr gerne ausbauen, um unseren Mädels mehr Jugend-Kulturbegegnungen zu ermöglichen – auch außerhalb Berlins.

AVIVA-Berlin: Bleibt zu hoffen, dass sich diese Wünsche bald realisieren lassen. Ein Bruchteil des Herrenfußballbudgets würde ja schon genügen... Vielen Dank für das Gespräch!


Die Frauen - und Mädchenabteilung von Türkiyemspor Berlin e.V.
Türkiyemspor Berlin hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1978 für ein friedliches Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft eingesetzt und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden. Nach der wachsenden Fußballbegeisterung von Frauen und Mädchen im Rahmen der Fußballweltmeiserschaft 2002 entwickelte Dipl. Pädagoge Harald Aumeier für Türkiyemspor ein Konzept, das den spezifischen Chancen und Problemen bei der Installation von Mädchen- und Frauensport Rechnung trägt und den Aufbau "von unten nach oben" im jährlichen Rhythmus vorsieht. Durch dieses System wurde seit der Gründung im Jahr 2004 von Saison zu Saison ein weiteres Team installiert, so dass die Frauen - und Mädchenabteilung von Türkiyemspor Berlin mittlerweile fünf Teams mit insgesamt ca. 80 Spielerinnen umfasst: von den E Mädchen U11, über die D Mädchen U13, C Mädchen U15 und B Mädchen U17 bis zum Frauenteam.



Mitmachen?
Wer Interesse hat, als Spielerin, TrainerIn oder BetreuerIn bei den Mädchen-/Frauen-Teams von Türkiyeemspor 1978 e.V. tätig zu werden, wendet sich bitte an: tuerkiyemspor.female@googlemail.com

Hintergrundinfos zur Frauen - und Mädchenabteilung finden Sie hier:

tuerkiyemsporfemale/Konzepte

Weitere Informationen finden Sie unter:

tuerkiyemsporfemale.com

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AVIVA-Redaktion