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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.04.2009

Ruth Kl├╝ger - Katastrophen
Claire Horst

Gro├čes Aufsehen erregte Ruth Kl├╝ger mit ihrem autobiografischen Roman "weiter leben. Eine Jugend", in dem sie ihre Kindheit im nationalsozialistischen Deutschland und in mehreren Konzentrationslagern schilderte.



Schonungslos und ohne dem Bed├╝rfnis vieler Deutscher nach abschlie├čender Vers├Âhnung nachzugeben, setzte sie sich darin mit den vielf├Ąltigen Verletzungen auseinander, die sie davongetragen hat.

Dass Ruth Kl├╝ger eigentlich Literaturwissenschaftlerin ist, ist der ├ľffentlichkeit weniger bekannt. Nach ihrer Emigration in die USA hatte sie dort Bibliothekswissenschaften und Germanistik studiert und sp├Ąter als Professorin in Kalifornien und G├Âttingen gelehrt. Kl├╝gers Interesse an der Literatur h├Ąngt dabei immer mit deren Bedeutung f├╝r die Gegenwart zusammen, mit werkimmanenten Interpretationen h├Ąlt sie sich nicht auf. Das ist es auch, was die Aufs├Ątze in "Katastrophen" so spannend macht. "Adalbert Stifter frage ich nach der Angst, die hinter den Barrikaden lauert, die er wie buntes Spielzeug vor einem immanenten Terror aufbaute. Verschiebt man seine biedermeierlichen Verschanzungen, so flackern die erahnten Katastrophen in den Ritzen auf, und ihr Licht f├Ąllt noch in unsere Fensterscheiben."

Die Katastrophen wie die Revolutionen unserer Gegenwart sind in der Vergangenheit schon angelegt, und von diesen Anlagen spricht die Literatur, wenn wir sie ÔÇô wie Ruth Kl├╝ger ÔÇô richtig lesen. Ein besonderes Augenmerk legt die Autorin auf die Darstellung von Juden und J├╝dinnen in der deutschen Literatur. So untersucht sie den Antisemitismus bei vermeintlich davon freizusprechenden Autoren wie Thomas Mann ebenso wie die Rolle, die er bei j├╝dischen ├Âsterreichischen AutorInnen spielt.

Erhellend ist ihr Aufsatz "Gibt es ein ╬äJudenproblem╬ä in der deutschen Nachkriegsliteratur?" Kl├╝ger r├Ąumt darin gr├╝ndlich mit der Vorstellung auf, mit dem Antisemitismus habe diese Epoche ein f├╝r allemal gebrochen. Sie weist nach, dass selbst Werke wie Bruno Apitz┬┤ "Nackt unter W├Âlfen" J├╝dInnen nur als hilflose Kinder darstellen, die auf die Hilfe des eigentlichen Helden, des "guten Deutschen" angewiesen sind.

In ihrer Dankesrede f├╝r den Thomas-Mann-Preis analysiert Kl├╝ger "Thomas Manns j├╝dische Gestalten" und macht dabei ├╝berraschende Entdeckungen. So zitiert sie aus einem Brief Manns den entlarvenden Ausschnitt: "[...] am wenigsten angenehm waren mir immer jene Dissimulanten und Verdr├Ąngungsk├╝nstler unter den Juden, die bereits in der Tatsache, dass jemand ein so markantes Ph├Ąnomen wie das j├╝dische nicht geradezu ├╝bersieht und aus der Welt leugnet, Antisemitismus erblicken."

Immer wieder verweist Kl├╝ger zur├╝ck auf ihr eigentliches Anliegen, die Bedeutung der Literatur f├╝r die Lebenswelt. Ihrer Meinung nach werden Werke mit klarem zeitgeschichtlichen Bezug h├Ąufig als unliterarisch abgelehnt. "Die literarische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus wird von seiten einer Literaturwissenschaft, die sich noch immer an den h├Âheren und ungenaueren Werten orientiert, vernachl├Ąssigt. Ich f├╝lle, beziehungsweise ich skizziere also eine L├╝cke der Literaturgeschichte."

Dieses Verfahren l├Ąsst sich auf Lessing und Kleist gleicherma├čen anwenden. "Die Hermannsschlacht" liest Kl├╝ger dann auch nicht als nationalistisches Werk, sondern als eine Auseinandersetzung mit dem antikolonialen Freiheitskampf Haitis. Kl├╝gers besondere Gabe ist es, dass sie in scheinbar historischen Werken Bez├╝ge entdeckt, die sich auf heutige politische K├Ąmpfe ├╝bertragen lassen.

Zu der Autorin/Herausgeberin:
Ruth Kl├╝ger, geb. 1931 in Wien, wurde nach Theresienstadt und in die Konzentrationslager Auschwitz und Gro├č-Rosen verschleppt. Nach dem Krieg emigrierte sie in die USA und lebt als Literaturwissenschaftlerin in Irvine/Kalifornien und G├Âttingen. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Rauriser Literaturpreis, Grimmelshausen-Preis, Marie-Luise-Kaschnitz-Preis, Prix M├ęmoire de la Shoa, Preis der Frankfurter Anthologie, Thomas-Mann-Preis der Stadt L├╝beck, Roswitha-Preis, Lessing-Preis des Freistaates Sachsen. Im Mai 2009 wird sie erste Gastprofessorin des Marcel Reich-Ranicki-Lehrstuhls f├╝r Deutsche Literatur an der Universit├Ąt Tel Aviv. Ihr Thema: "J├╝dische Autorinnen in der deutschsprachigen Literatur".

Weiterlesen: Ruth Kl├╝ger - unterwegs verloren

AVIVA-Tipp: Die Aufsatzsammlung "Katastrophen. ├ťber deutsche Literatur" erschien bereits 1994. Jetzt ist erneut aufgelegt worden, erg├Ąnzt durch zwei Dankesreden zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises und des Lessing-Preises. Dank Kl├╝gers klarer Sprache sind die Texte auch f├╝r nicht literaturwissenschaftlich ausgebildete LeserInnen ein Gewinn und erm├Âglichen eine neue Lesart klassischer Texte. "Die Autoren sprechen eine Sprache, wir eine andere, sie sind ges├Ąttigt von ihren, wir von unseren Erfahrungen, sie werfen uns mit ihren B├╝chern ein Seil zu und ziehen an dessen einem Ende, wir am anderen, zwischen uns ist die Spannung."

Lesen Sie auch das AVIVA-Interview mit Ruth Kl├╝ger

Ruth Kl├╝ger
Katastrophen
├ťber deutsche Literatur

Erweiterte Neuauflage
Wallstein Verlag, erschienen Februar 2009
Gebunden, 256 Seiten
ISBN: 978-3835304840
19,90 Euro

Buecher Beitrag vom 01.04.2009 Claire Horst 





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