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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.10.2010

Hannah Arendt und Gershom Scholem - Der Briefwechsel
Claire Horst

Sie h├Ątten kaum unterschiedlicher sein k├Ânnen, die Heidegger-Sch├╝lerin Hannah Arendt und der Kabbala-Gelehrte Gershom Scholem. Und doch verband sie eine Freundschaft ├╝ber mehr als zwanzig Jahre.



Zun├Ąchst ist es der Selbstmord des gemeinsamen Freundes Walter Benjamin, der sie zusammenbringt. 1940, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, hat ihn der Mut verlassen. "Juden sterben in Europa und man verscharrt sie wie Hunde", mit diesen Worten teilt Arendt dem Freund Benjamins Tod mit.

Von ihren jeweiligen Schaffenszentren, den USA und Pal├Ąstina/Israel, betrachten Arendt und Scholem das Geschehen in Europa, tauschen sich ├╝ber die Entwicklung in Deutschland aus und bem├╝hen sich um eine Ver├Âffentlichung von Benjamins Werken. Ihren Anstrengungen ist es zu verdanken, dass seine Texte und Briefe nicht in den Kriegswirren verloren gingen. Zugleich zeigt der Briefwechsel auch die Animosit├Ąten zwischen Arendt und den Vertretern des Instituts f├╝r Sozialforschung, Horkheimer und Adorno, denen sie vorwirft, sich an Benjamins Arbeit zu bereichern.

Nicht nur Arendts Entt├Ąuschung ├╝ber die Nachkriegsentwicklung in Deutschland ÔÇô sie beklagt das Selbstmitleid der Deutschen ebenso wie den allgemeinen Wunsch, schnell zur Normalit├Ąt ├╝berzugehen ÔÇô, geht aus ihren Briefen hervor. Ebenso kritisch beleuchtet sie die politische Entwicklung der USA in der McCarthy-├ära.

Mit der Gr├╝ndung der JCR (Jewish Cultural Reconstruction) ├╝bernehmen Arendt und Scholem eine wichtige Aufgabe. Von den Nationalsozialisten geraubte j├╝dische B├╝cher und Kunstwerke sollen gesucht und den Eigent├╝merInnen bzw. j├╝dischen Institutionen ├╝bergeben werden. Beide reisen daher in den 1940er Jahren zum ersten Mal wieder nach Deutschland. In ihren Briefen dokumentieren sie den Kampf um diese Kulturg├╝ter.

Neben allt├Ąglichen Betrachtungen ├╝ber politische Fragen diskutieren Arendt und Scholem ihre jeweiligen Ver├Âffentlichungen. Genau daran entz├╝ndet sich ein Streit, der die Freundschaft abrupt enden l├Ąsst. Schon 1946 war ihr Briefwechsel anl├Ąsslich Arendts Artikel "Zionism Revisited" eskaliert, den Scholem f├╝r antizionistisch hielt. Sie hatte ihm geantwortet: "Wie ist es m├Âglich, dass ein Mensch sich ein Leben lang mit Philosophie und Theologie besch├Ąftigt und ernsthaft besch├Ąftigt, und dann ungest├Ârt und unbek├╝mmert (ÔÇŽ) sich als Bekenner eines Ismus herausstellt." Arendt legte damals trotz ihrer unterschiedlichen Auffassungen Wert auf ihre Freundschaft: "Mir sind menschliche Beziehungen meist sehr viel wichtiger als sogenannte ┬┤offene Aussprachen┬┤."

Der sp├Ątere Streit l├Ąsst sich nicht so einfach beenden. Arendts Buch zum Eichmann-Prozess in Jerusalem erbittert Scholem so sehr, dass die Freundschaft daran zerbricht. Arendts Kritik an den j├╝dischen Repr├Ąsentanten w├Ąhrend der Shoah, ihre Rede von der j├╝dischen "Mitschuld" st├Ârt ihn ebenso wie sie die von ihm geforderte "Liebe zum j├╝dischen Volk" als Patriotismus ablehnt.

AVIVA-Tipp: Der sehr sorgf├Ąltig edierte Band liefert nicht nur in zahlreichen Fu├čnoten aufschlussreiche Hintergrundinformationen zur Entstehungsgeschichte der Werke Arendts und Scholems. Unter den zus├Ątzlich angef├╝gten Dokumenten sind Arendts "Field Reports" f├╝r die JCR und ein Aufsatz, den sie zu Scholems Hauptwerk "Die j├╝dische Mystik in ihren Hauptstr├Âmungen" verfasste, zudem Aufs├Ątze der HerausgeberInnen zur JCR und zum Verh├Ąltnis Arendts und Scholems. Erw├Ąhnenswert ist auch der umfangreiche Literaturanhang und das Personenverzeichnis.

Zu den AutorInnen:

Hannah Arendt (1906-1975) fl├╝chtete aus Nazideutschland ├╝ber Frankreich und New York. Sie lebte und lehrte bis zu ihrem Tod in den USA. Bekannt wurde sie unter anderem durch ihre Werke "Elemente und Urspr├╝nge totaler Herrschaft" und "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalit├Ąt des B├Âsen."
Gershom Scholem (1897ÔÇô1982) verlie├č als ├╝berzeugter Zionist schon 1923 Deutschland. Bis zu seinem Tod lehrte er in Jerusalem. Mit seinen Werken begr├╝ndete er einen neuen Forschungszweig: die wissenschaftliche Erforschung der j├╝dischen Mystik, die ein neues Verst├Ąndnis des Judentums und der j├╝dischen Geschichte er├Âffnet hat.

Zu den HerausgeberInnen:

Marie Luise Knott, geboren 1953, lebt in Berlin. Sie ist freie Publizistin.
David Heredia, geboren 1972, lebt in Berlin. Er ist Historiker und Kulturwissenschaftler. (Verlagsinformationen)

Hannah Arendt / Gershom Scholem
Der Briefwechsel

Herausgegeben von Marie Luise Knott unter Mitarbeit von David Heredia
Suhrkamp Verlag, erschienen am 11.10.2010
Gebunden, 695 Seiten, mit ca. 20 Abbildungen
39,90 Euro
ISBN: 978-3-633-54234-5


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Hannah Arendt - Das private Adressbuch 1951-1975

Hannah Arendt - Leidenschaften, Menschen und B├╝cher

Hannah Arendt - Die verborgene Tradition. Essays

Hannah Arendt - Von Wahrheit und Politik. H├Ârbuch


Buecher Beitrag vom 16.10.2010 Claire Horst 





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