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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.11.2007

28. Geschwister-Scholl-Preis posthum f├╝r Anna Politkovskaja
Franziska Eva-Maria Steier

Das "Russische Tagebuch" von Anna Politkovskaja (1958 ÔÇô 2006) erh├Ąlt den Geschwister-Scholl-Preis 2007 von der Stadt M├╝nchen und dem Landesverband Bayern des B├Ârsenvereins des Deutschen Buchhandels.



Ziel des Geschwister-Scholl-Preises ist es, j├Ąhrlich ein Buch auszuzeichnen, das von geistiger Unabh├Ąngigkeit zeugt, das geeignet ist, b├╝rgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ├Ąsthetischen Mut zu f├Ârdern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird in diesem Jahr zum 28. Mal vergeben.

Die Begr├╝ndung der Jury:
Anna Politkovskaja, die am 7. Oktober 2006 in ihrem Haus in Moskau erschossen wurde (AVIVA-Berlin berichtete), hat in diesem Buch von 2003 bis 2005 die politische Szenerie ihres Landes minuti├Âs beschrieben. In Reportagen, Medienanalysen, Interviews, Wahlobservationen, Kriegsberichten, Greueltaten in Tschetschenien und Prozessbeobachtungen zeigte die Journalistin der Zeitung "Nowaja gaseta" einen Machtmissbrauch in allen Bereichen der ├ľffentlichkeit, von der Manipulation politischer Prozesse ├╝ber Verfehlungen der Justiz bis zur Beeintr├Ąchtigung der Pressefreiheit. Mit analytischer Sch├Ąrfe benannte sie Verletzungen fundamentaler Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und deren Auswirkungen auf eine Bev├Âlkerung, die sich resigniert aus der politischen Verantwortung verabschiedet hat.

In ihren Recherchen zu den Hintergr├╝nden und Allt├Ąglichkeiten des Krieges in Tschetschenien geht sie Menschenrechtsverletzungen nach, kompromisslos konfrontierte sie in ihren Interviews die Verantwortlichen. Voller Mitgef├╝hl schilderte Anna Politkovskaja die Situation von Menschen, die ohne eigene Schuld in ein R├Ąderwerk von Willk├╝r und Terror gerieten ÔÇô Soldaten, versehrte Veteranen, Angeh├Ârige von Verschleppten, Gefolterten und Gefallenen sowie ├ťberlebende des Anschlages auf die Schule in Beslan. Unnachgiebig appelliert Politkovskaja an die Mitverantwortung der westlichen Welt f├╝r die Demokratisierungsprozesse auch in ihrem Land.

Anna Politkovskaja war eine unbestechliche Journalistin, deren moralische Anspr├╝che es ihr nicht erlaubten, sich zur├╝ckzunehmen, selbst wo sie Gefahr f├╝r ihr Leben sah. Es ist nicht zu viel gesagt, dass sie bereit war, f├╝r Texte wie das "Russische Tagebuch" zu sterben. Ihren Tod hat sie in Kauf genommen, aus Solidarit├Ąt mit den Menschen, f├╝r die sie schrieb, in Verteidigung des Rechtes auf freie Information und aus Hingabe an das Prinzip demokratischer Rechtsstaatlichkeit. Ihr Engagement galt nicht zuletzt denen, die nach uns kommen, den Kindern und EnkelInnen. Ihr unbeugsamer Mut, gerade im Angesicht ihrer berechtigten ├ängste in einer immer bedrohlicher werdenden Situation, gibt ein Beispiel f├╝r Zivilcourage und moralische Integrit├Ąt weit ├╝ber ihren Berufsstand und ihr eigenes Land hinaus.
Besetzung der Jury

Der Jury unter dem Vorsitz von Dr. Hans-Georg K├╝ppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt M├╝nchen, und Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des B├Ârsenvereins des Deutschen Buchhandels ÔÇô Landesverband Bayern e.V., geh├Ârten an:

  • Christoph Buchwald (Verleger)
  • Sabine Dultz (M├╝nchner Merkur)
  • Dr. Ingeborg Harms (Publizistin und Literaturkritikerin)
  • Dr. Dieter He├č (Bayerischer Rundfunk)
  • Prof. Dr. Hans G├╝nter Hockerts (Lehrstuhl f├╝r Zeitgeschichte, Universit├Ąt M├╝nchen)
  • Dr. Susanne Mayer (Die Zeit)
  • Dr. Gustav Seibt (Historiker und Publizist)
  • Gitta Severloh (Hessischer Rundfunk)
  • Sabine Zaplin (Schriftstellerin)

    Bisherige Preistr├ĄgerInnen waren unter anderem: Soazig Aaron, Saul Friedl├Ąnder, Peter Gay, Georges-Arthur Goldschmidt, Arno Gruen, J├╝rgen Habermas, Raul Hilberg, Rolf Hochhuth, Victor Klemperer, Necla Kelek, Heribert Prantl, Mark Roseman, Lea Rosh, Mihail Sebastian, Helmuth James von Moltke, Grete Weil und Christa Wolf.

    Der Preis wurde bei einem Festakt am 26. November 2007 in der Ludwig-Maximilians-Universit├Ąt, Geschwister-Scholl-Platz 1, in M├╝nchen von Oberb├╝rgermeisterin Christian Ude verliehen. Entgegengenommen haben ihn Yuri Safronov, stellvertretender Chefredakteur der Zeitung "Nowaja gaseta", und Ilya Politkovsky, der Sohn von Anna Politkovskaja. Ein Teil des Preisgeldes geht nach dem Willen ihrer Familie an die russische Stiftung "Pravo Materi", die sich f├╝r die Rechte von Eltern einsetzt, deren Kinder in der russischen Armee umgekommen sind.
    Auch heute noch zeigen ├ťbergriffe russischer Beh├Ârden auf VertreterInnen der Presse und der Oppositionsparteien, dass die Grundrechte in Russland weiterhin stark eingeschr├Ąnkt sind. Der Mord an Anna Politkovskaja hatte den erschreckenden Zustand der Pressefreiheit in Russland ├╝ber Nacht der Welt vor Augen gef├╝hrt.

    Weitere Infos zum Geschwister-Scholl-Preis unter: www.buchhandel-bayern.de

    (Quelle: B├Ârsenverein des Deutschen Buchhandels)

    Anna Politkovskaja
    Russisches Tagebuch

    Aus dem Russischen von Hannelore Umbreit und Alfred Frank
    DuMont Literatur- und Kunstverlag, K├Âln 2007
    458 Seiten
    ISBN: 978-3-8321-8022-5
    24,90 Euro

  • Gewinnspiele Beitrag vom 27.11.2007 AVIVA-Redaktion 





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