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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.12.2012

Nathan Englander - Wor├╝ber wir reden, wenn wir ├╝ber Anne Frank reden. Stories. Verlosung
Sigrid Brinkmann

In seiner Kindheit und Jugend gab es f├╝r den 1970 auf Long Island geborenen Nathan Englander nichts au├čer Thorastudium, Vorabendserien und... AVIVA verlost 3 B├╝cher



... Actionfilme mit Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone.

Gelegentlich versuchte seine aus dem Reformjudentum kommende Mutter, die erst durch die Heirat zum ultra-orthodoxen Glauben fand, ihren Kindern Respekt vor der Kunst in all ihren Formen mitzugeben. R├╝ckblickend, sagt Englander, hatte dies etwas Subversives und langfristig gesehen etwas Lebensrettendes. Literatur wurde f├╝r ihn so wichtig wie Nahrung und Licht.

Ausgerechnet in Jerusalem, wo Englander Anfang der neunziger Jahre j├╝dische Geschichte studierte, traf er die Entscheidung, weltlich zu leben. Er begann Geschichten zu schreiben, die um die Zw├Ąnge kreisen, denen sich fromme Juden fraglos unterordnen und konnte dabei auf die Mithilfe seiner Schwester rechnen, die ihn bis heute zuverl├Ąssig mit literaturtauglichen Anekdoten aus dem ultra-orthodoxen Milieu versorgt. Als Nathan Englander 1999 mit dem Erz├Ąhlband "Zur Linderung unertr├Ąglichen Verlangens" deb├╝tierte, lebte er schon in Argentinien und arbeitete an dem umfassenden Epos "Das Ministerium f├╝r besondere F├Ąlle". Abgeschlossen hat er den Roman nach acht Jahren in New York. Und dort erschien auch seine 2012 mit dem renommierten Frank O┬┤Connor-Preis ausgezeichnete Kurzgeschichtensammlung "Wor├╝ber wir reden, wenn wir ├╝ber Anne Frank reden". Sie beweist aufs Neue, Englanders Talent, Gewissensfragen mit Witz und argumentativer Sch├Ąrfe zu verhandeln.

Die Titelgeschichte zitiert ein Spiel, in das seine Schwester ihn und den Bruder h├Ąufig gezogen hatte, als sie noch klein waren. Einer musste sich beim Anne-Frank-Spiel in die Position eines Nichtjuden einf├╝hlen und die anderen entschieden dann, ob sie ihm glauben, dass er Juden bei Gefahr verstecken w├╝rde. Dieses Spiel, so Englander im R├╝ckblick, sei "pathologisch und paranoid", zumal Juden in Amerika eine gro├če Gemeinde bilden und keines seiner Familienmitglieder je einem Krieg ausgesetzt gewesen sei. In der Erz├Ąhlung aber h├Ąlt einer seiner moralisch so gefestigt auftretenden Charaktere dem "todernsten Gedankenexperiment" nicht stand. Die fromme Shoshana, Mutter von zehn Kindern, starrt ihren Mann nur wortlos an, als er sie inst├Ąndig bittet, ihm abzunehmen, dass er sie unter Lebensgefahr verstecken und retten w├╝rde. Auch die anderen Anwesenden bleiben stumm. "Keiner von uns vieren wird sagen, was nicht gesagt werden kann ÔÇô dass diese Frau glaubt, ihr Mann w├╝rde sie nicht verstecken. Was sollen wir tun? Was k├Ąme dabei heraus? Und so stehen wir da, wir vier, gefangen in der Speisekammer. Voller Angst, die T├╝r zu ├Âffnen und herauszulassen, was wir drinnen eingeschlossen haben".

In Nathan Englanders Stories werden souver├Ąn behauptete Lebens- und Glaubensgewissheiten h├Ąufig im Nu entwertet. Dass seine Geschichten meist im j├╝dischen Milieu spielen, ist f├╝r die Grundkonflikte, die er aufsp├╝rt, nicht entscheidend. Wie Leute widerstrebende Positionen mental zusammen zwingen und sie dies in keinerlei Konflikte st├╝rzt, das interessiert ihn. Die Alten sind in Nathan Englanders neuen Geschichten besonders hartherzige Charaktere. Geriatrische R├Ącher sozusagen. Mitleidlos erzwingen sie mit unschlagbaren Argumenten ihr formales Recht oder erpressen ihr Gegen├╝ber sch├Ąndlich. Aus Opfern werden selbstgerechte T├ĄterInnen. Zuwendung wird nicht durch Freundlichkeit erworben, sondern eingeklagt. Seine Figuren befinden sich mental und seelisch im Krieg - mit der Natur, mit NachbarInnen, mit politischen Gegnern und den eigenen Kindern.

Richtig sarkastisch wird Englander in der Geschichte "Ewige Nachbarn". Eine alte Siedlerin klagt mit schneidender K├Ąlte ein m├╝ndliches Versprechen ein und setzt sich dabei zutiefst ins Unrecht. Seit vierzig Jahren triumphiert die alt gewordene Frau ├╝ber ein St├╝ck Erde, das im Sechs-Tage-Krieg annektiert worden ist. Nacheinander verliert sie den Mann und drei S├Âhne. Verbittert vom Leben, erzwingt die Siedlerin "vom alten Schlag" vor einem rabbinischen Gericht die Dienste einer jungen Nachbarstochter. Hier zeigt sich, dass Nathan Englander atemberaubend scharf Argumentationsketten entwickeln kann. Gesetzliche Bestimmungen zu legitimieren oder zu bestreiten, das hat er an der Jeschiva gelernt. Die H├Ąrte dieser Geschichte aber habe ihm, als er die letzte Zeile geschrieben hatte, den Schlaf geraubt.

In Amerika und Israel hat sie die LeserInnenschaft denn auch stark polarisiert. Manche erkannten in der Story ein Pl├Ądoyer f├╝r den Siedlungsbau. Andere fanden, dass sie nur einen Schluss nahelegt: Israel muss sich aus den besetzten Gebieten zur├╝ckziehen, die Siedlungen m├╝ssen verschwinden. Nathan Englander gefallen solch widerstrebende Reaktionen, denn sie best├Ątigen ihn in der Annahme, dass es sich lohnt, anma├čendes Verhalten zu beobachten und Lebensl├╝gen mit sarkastischen Bemerkungen zu quittieren. Worauf er sich ebenso gl├Ąnzend versteht, ist es, uns tief zu r├╝hren mit Geschichten von Menschen, die sich die eigene Lebensgeschichte bruchst├╝ckhaft aneignen m├╝ssen.

AVIVA-Tipp: Bei Nathan Englander sind die Geschlagenen f├Ąhig, von ihrem eigenen Leid zu abstrahieren, weil sie es sich nicht nehmen lassen wollen, auf der Komplexit├Ąt von Leben zu bestehen.

Zum Autor: Nathan Englander wurde 1970 in New York geboren und wuchs in einer j├╝dischen Gemeinde in Long Island auf. Er studierte in Jerusalem und in New York Englische Literatur und J├╝dische Geschichte und lebte anschlie├čend einige Zeit in Argentinien und in Israel. Neben dem Schreiben arbeitete er auch als Fotograf und Filmemacher. Nathan Englander ist Autor des Erz├Ąhlbands "Zur Linderung unertr├Ąglichen Verlangens" und des Romans "Das Ministerium f├╝r besondere F├Ąlle". Er lebt derzeit in New York. Seine j├╝ngste Erz├Ąhlsammlung "Wor├╝ber wir reden, wenn wir ├╝ber Anne Frank reden" wurde von SchriftstellerkollegInnen, KritikerInnen wie LeserInnen begeistert aufgenommen und 2012 mit dem Frank O┬┤Connor Short Story Award ausgezeichnet.
Mehr Infos unter: www.nathanenglander.com

AVIVA-Berlin verlost 3 B├╝cher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Mirjam Pressler - Gr├╝├če und K├╝sse an alle - Anne Franks Familiengeschichte in Briefen bis zum 15.03.2013 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Nathan Englander
Wor├╝ber wir reden, wenn wir ├╝ber Anne Frank reden. Stories

Originaltitel: What We Talk When We Talk About Anne Frank
Originalverlag: Alfred A. Knopf
Aus dem Amerikanischen von Werner L├Âcher-Lawrence
Luchterhand Verlag, erschienen 3. September 2012
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 240 Seiten
ISBN: 978-3-630-87399-2
Euro 18,99

Gewinnspiele Beitrag vom 21.12.2012 AVIVA-Redaktion 





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