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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.04.2013

Marie Darrieussecq - Prinzessinnen. Verlosung
Julia Lorenz

Madonna singt √ľber Defloration, Sophie Marceau knutscht sich durch "La Boum", und selbst in der franz√∂sischen Provinz wird klar: Der Sex ist... AVIVA verlost 2 B√ľcher



... im Mainstream angekommen. Und im Leben von Solange, die alles daran setzt, den "Initiationsritus" f√ľr Erwachsene endlich hinter sich zu bringen.

Was wenige Jahrzehnte vor ihrer Zeit zum guten Ton geh√∂rte, bereitet Teenager Solange Kopfzerbrechen: "Es gibt M√§dchen, die sind mit zwanzig noch Jungfrau. Nicht auszudenken." Alle anderen tun es schlie√ülich auch. Rose, die sich intellektuell und abgekl√§rt gibt, die angebliche Nymphomanin Delphine und Laetitia, die lieber Frauen k√ľsst: W√§hrend der Welthit "Like a virgin" aus allen Boxen schallt, tr√§umt die baskische Landjugend von Sex.
In Clèves, einem verschlafenen Provinznest, das TouristInnen weitaus mehr bietet als den jungen AnwohnerInnen, sucht Solange nach den Antworten auf die drängenden Fragen ihrer erwachenden Sexualität - und lässt sich zunächst mit einer betrunkenen Discobekanntschaft, später mit Arnaud, einem machistischen Pseudo-Intellektuellen, und schließlich mit ihrem fast doppelt so alten Ziehvater Monsieur Bihotz ein.

"Die Geschichte einer modernen Lolita" verspricht der Klappentext von "Prinzessinnen". Ein Vergleich, der nicht nur die Romanentwicklung vorwegzunehmen scheint, sondern LeserInnen auch auf eine falsche F√§hrte f√ľhrt: Im Gegensatz zu Nabokovs Protagonistin begibt sich Marie Darrieussecqs Solange freiwillig in ein sexuelles Abh√§ngigkeitsverh√§ltnis. Geplagt von pubert√§ren Selbstzweifeln und den st√§ndigen Vergleichen mit ihren Freundinnen, die schamlos blenden, um sich als reif und weltgewandt zu profilieren, definiert sie sich vor allem √ľber ihre Wirkung aufs andere Geschlecht. Plattit√ľden wie "Man muss in seiner Liga spielen" verinnerlicht Solange nach anf√§nglicher Ablehnung, l√§sst sich von Wichtigtuer Arnaud erniedrigen und schielt neidisch auf die gebr√§unten Schl√ľsselbeine der sch√∂nen Sixtine.

Vorgewarnt hat sie niemand - und das, obwohl sich die Spielregeln ge√§ndert haben: Nachdem die ideologischen Grabenk√§mpfe in den Sechzigern begonnen hatten, beherrschten Sex und Sexualit√§t in den Achtziger Jahren sowohl die Charts als auch den √∂ffentlichen Diskurs. Zum ersten Mal in der Geschichte waren junge M√§dchen nicht mehr dem Diktat der verklemmten Moralw√§chterInnen ausgesetzt. Daf√ľr kam der Druck nun von anderer Seite: "Es gab die ¬īVerpflichtung¬ī, seine Jungfr√§ulichkeit zu verlieren", erinnert sich Darrieussecq im Gespr√§ch mit der Interview-Lounge .

Und dieser Verpflichtung geht Solange nach - strategisch, mit beinahe technischer Pr√§zision und dennoch fiebrig und atemlos. Um der Schmerzhaftigkeit des Erwachsenwerdens beizukommen, √ľbertr√§gt die Autorin jenen Cocktail aus Rausch und Kalk√ľl auf ihren Erz√§hlstil und begleitet die Tour de Force ihrer jungen Protagonistin anhand von Fragmenten, Impressionen, Gedankenspr√ľngen und assoziativen streams of consciousness, die der/dem LeserIn viel Interpretationsverm√∂gen abverlangen. Das strengt an. Und tut weh: Leicht ist es nicht, Solange dabei zuzusehen, wie sie sich Selbstaufgabe und -betrug, k√∂rperlicher und seelischer Ausbeutung aussetzt. Vielleicht, weil die Erinnerungen an die eigene Pubert√§t noch immer recht lebendig sind.

AVIVA-Tipp: Jenseits der schw√§rmerischen Nostalgie vieler Coming-of-Age-Romane zeichnet Marie Darrieussecq ein ungeschminktes Portrait der Sexualit√§t junger M√§dchen und macht es sich dabei nicht leicht. Die n√ľchterne Pr√§zision, mit der die franz√∂sische Autorin zu Werke geht, ist ebenso atemberaubend wie verst√∂rend: "Prinzessinnen" verweigert Wertungen und Urteile, aber auch plumpen Sensationalismus. Das √ľberstrapazierte Lolita-Thema wird von Darrieussecq unter einem neuen Aspekt betrachtet - und gewinnt dadurch erst recht an Brisanz.

Zur Autorin: Marie Darrieussecq wurde 1969 in Bayonne geboren und studierte Literaturwissenschaft an der √Čcole Normale Sup√©rieure in Paris. Mit ihrem Roman "Schweinerei" feierte sie 1996 ihre ersten Erfolge. Sp√§ter folgten unter anderem "Gespenster sehen" (1999) und "Das Baby" (2004). Mit ihrem Mann, einem Astrophysiker, und ihren beiden Kindern lebt Darrieussecq als Schriftstellerin und Psychoanalytikerin in Paris.


AVIVA-Berlin verlost 2 B√ľcher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Lollipop Monster - ein Film von Ziska Riemann bis zum 30.06.2013 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Marie Darrieussecq
Prinzessinnen

Originaltitel: Clèves, erschienen 2011 bei P.O.L. in Paris
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Carl Hanser Verlag, M√ľnchen, erschienen im Januar 2013
304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
19,90 Euro
ISBN 978-3446241206
Weitere Infos unter:
www.hanser-literaturverlage.de

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Gewinnspiele Beitrag vom 04.04.2013 Julia Lorenz 





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