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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 26.01.2016

Henriette Schroeder - Ein Hauch von Lippenstift f├╝r die W├╝rde. Weiblichkeit in Zeiten gro├čer Not. Verlosung
Teresa Lunz

Welche Rolle spielen Kosmetika und weibliche Eleganz noch im Angesicht von Katastrophen, Belagerungszust├Ąnden, Haft? Die Journalistin und Dokumentarfilmerin stellt 23 Frauen und ihre pers├Ânlichen...AVIVA verlost 2 B├╝cher



... Geschichten vor.

Schminken, die Haare richten, Parfum auftragen ÔÇô in Situationen, in denen das blo├če ├ťberleben z├Ąhlt, Zeichen von oberfl├Ąchlicher Eitelkeit? Oder aber von exzeptioneller Tapferkeit? Der Gabe, der Bedrohung erhobenen Hauptes Stand zu halten und soweit m├Âglich an seinem bisherigen Leben festzuhalten? Henriette Schroeder hat einen ungew├Âhnlichen Ansatz gew├Ąhlt, um die priorit├Ąren Bed├╝rfnisse von (weiblichen) Betroffenen in Krisengebieten, Arbeitslagern und unter anderen existenzbedrohenden Umst├Ąnden zu untersuchen: Die Rolle der Sch├Ânheitspflege, bei welcher der Lippenstift seit ├╝ber hundert Jahren eine Sonderrolle spielt.

23 Notsituationen, 23 Frauenschicksale

23 Frauen und ihre pers├Ânliche Leidensgeschichte hat die Autorin untersucht. Alle Frauen haben in den Gespr├Ąchen bzw. eigenen Berichten hervorgehoben, dass es Wichtigkeit behielt, sich zu pflegen und selbst unter Angst und Dem├╝tigung noch ├Ąsthetisch aufzutreten. Es ging ihnen darum, ihre ungebrochene weibliche Macht, ihren Stolz zu demonstrieren. "Schminken war Pflicht, jedesmal so, als ob es das letzte Mal sein w├╝rde", erinnert sich Senka Kurtovic, die drei Jahre als Journalistin im belagerten Sarajevo aushielt. Ein Lippenstift, belegen diese Zeugnisse, kann der letzte Anker sein, um an der alten Lebensf├╝hrung festzuhalten. Es geht um mehr als um Wahrung der ├ästhetik. N├Ąmlich um die Selbstbestimmung dar├╝ber, wie frau der Welt begegnet und wahrgenommen wird. In Stasi-Untersuchungshaftanstalten wurde der psychische Druck auf die Gefangenen gezielt verst├Ąrkt durch die Verweigerung von Spiegeln in den Zellen. Edda Sch├Ânherz, wegen Unterstellung von Fluchtpl├Ąnen in Hohensch├Ânhausen inhaftiert, res├╝miert r├╝ckblickend: "So erniedrigten sie uns, wir hatten ja keine Chance, gepflegt zu erscheinen." Mit der verweigerten ├ťberpr├╝fung des eigenen Erscheinungsbildes droht der Kontrollverlust. Die Betroffene sieht sich gen├Âtigt, ihre weibliche Identit├Ąt aufzugeben.

Pers├Ânliche Gespr├Ąche vermitteln Erfahrungen aus erster Hand

Die von der Autorin gef├╝hrten Gespr├Ąche mit den Frauen, die Not und Entbehrung erlebten, sind teils in der Interview-Form, teils als zusammenh├Ąngende Texte mit Zitaten der Befragten wiedergegeben. Immer ist den Redeanteilen der Zeitzeuginnen zentrale Bedeutung einger├Ąumt, Henriette Schroeder liefert durch Fragen und Kommentare nur Anst├Â├če, zu erz├Ąhlen. Das Buch ist reich bebildert, zeigt Kriegsschaupl├Ątze, die betroffenen Frauen w├Ąhrend Haft und Belagerung oder in der Folgezeit, dokumentiert ihren Weg fotografisch.

Alle Frauen teilen die Erfahrung: Es ist essentiell, das ├äu├čere zu pflegen. Mit der eigenen Vernachl├Ąssigung beginnt der Verfall, die Selbstaufgabe. Ein beeindruckendes Beispiel liefert die 33j├Ąhrige anonym gebliebene Yalda, die heute untergetaucht mit ihrem Sohn in Wien lebt. Sie ist aus ihrer Heimat Teheran geflohen, um dem ewigen Zwang zu entgehen. Im Interview sagt sie, dass Repression Angst sch├╝re. Verst├Â├če gegen die Repression wiederum nehmen die Angst und erm├Âglichen Freir├Ąume, kleine Vergn├╝gen. So erlebte sie vor ihrer Flucht Schmink- und Modeabende mit Freundinnen, die dem unentdeckten Experimentieren mit ihrer Weiblichkeit galten.

Zu weiteren Interviews traf Henriette Schroeder auch ├ťberlebende von Konzentrationslagern. Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde M├╝nchen, erz├Ąhlt von ihrer Mutter Fela, die den Holocaust mit falschen Papieren im besetzten Polen ├╝berlebt hatte: "F├╝r Fela war ein St├╝ck Seife mindestens so wichtig wie Nahrungsmittel." Die chinesisch-amerikanische Autorin Emily Wu, die w├Ąhrend der Kulturrevolution in China aufwuchs und die Umgestaltung des Landes zu einem kommunistischen Staat miterlebte, ├Ąu├čert im Interview: "Wir jungen M├Ądchen und Frauen verbrachten unendlich viele Stunden damit zu stricken, zu n├Ąhen, zu sticken oder Dekorationen f├╝r das Haus zu basteln. Unser Leben war so elend [...], dass wir alles taten, um es ertr├Ąglicher zu machen."
Die internationale Chefkorrespondentin des CNN Christiane Amanpour, konnte im belagerten Sarajevo selbst beobachten, wie Eleganz und modische Accessoires in Notsituationen Aufwertung erfahren: Kleidung, Make-up und Frisuren wurden zu "Symbolen des Widerstandes".

Erinnert wird auch an die jungen Frauen der Popgruppe "Pussy Riot", die wegen eines als skandal├Âs empfundenen Auftritts in Russland zu Haft in einer Str├Ąflingskolonie verurteilt wurden. Nadezhda Tolokonnikova offenbart, dass auch heute noch Institutionen existieren, die gezielt versuchen, ihre Insassinnen zu brechen: Das "Frausein" unm├Âglich zu machen.

Im letzten Kapitel berichtet die Literaturnobelpreistr├Ągerin Herta M├╝ller ├╝ber ihre Erfahrungen im sozialistischen Rum├Ąnien. Zu Verh├Âren der Geheimpolizei erschien sie stets sorgf├Ąltig zurechtgemacht, penibel geschminkt, erst recht dann, "wenn ich zur Erniedrigung befohlen wurde." Sie hebt hervor, wie jede Diktatur danach strebt, weibliche Individualit├Ąt in der Erscheinung abzuschaffen, indem allgemeine Anpassung verlangt wird. Jede aufwendige Zurechtmachung wird zur Transgression, f├╝hrt als nicht dem Regime konforme Haltung zu Verd├Ąchtigungen. Eine beispielsweise in Nordkorea noch heute praktizierte Methode, um das perfekte "Kollektiv" zu schaffen. Heute wiederum, so schlie├čt Herta M├╝ller, betreiben viele wohlhabende Russinnen modische Exzesse, um die traumatische Erfahrung des auf Gleichheit und Entbehrung beharrenden Sozialismus zu ├╝berwinden.

Keine Eitelkeit, sondern W├╝rde

Diese Verteidigung weiblicher Attribute ÔÇô wie rot geschminkter Lippen ÔÇô ist nicht gleichzusetzen mit nach au├čen gerichteter Gefallsucht. Eher mit dem Verlangen, vor sich selbst zu bestehen. So k├Ânnten die LeserInnen sich in der Auseinandersetzung mit der Thematik des Buches fragen: Geht es um die Beleuchtung weiblicher Eitelkeit? Die weibliche (Selbst-)Reduzierung auf den optischen Wert? Nein, legen die beleuchteten Schicksale offen. Es geht um eine besonders k├╝hne Manifestation weiblichen Stolzes. In vielen F├Ąllen sogar um eine Form des passiven Widerstandes, etwa gegen das Lagerregime im KZ.

Zur Autorin: Henriette Schroeder, 1961 in Bonn geboren, studierte Amerikanische Kulturgeschichte, Kunstgeschichte und Psychologie in M├╝nchen sowie Jewish Studies an der University in Washington, D. C. Sie besuchte die deutsche Journalistenschule in M├╝nchen. Von 1999 bis 2002 arbeitete sie in der Abteilung "Media Affairs" der OSZE in Kosovo sowie in Bosnien und Herzegowina. Henriette Schroeder ist Journalistin und Dokumentarfilmerin, in ihren Arbeiten befasst sie sich meist mit Zeitgeschichte sowie mit zentraleurop├Ąischer und j├╝discher Geschichte und Tradition. Sie lebt heute in Wien. (Quelle: Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Henriette Schroeder pr├Ąsentiert ein Panorama aus 23 "Geschichten ├╝ber W├╝rde und Weiblichkeit, ├╝ber W├╝rde und Sch├Ânheit, ├╝ber W├╝rde und Widerstand", (wie sie selbst in der Einleitung nennt), die sich so im Laufe der letzten 70 Jahre ereignet haben. Die von ihr gef├╝hrten Interviews sowie der Fokus auf die Verwendung von Lippenstift, Kamm und Seife als bisher weitgehend unbeachtetes Mittel zu Widerstand und Selbsterhaltung erm├Âglichen den Leser_innen eine neue Perspektive auf das Leben von Frauen, denen ihr Alltag entrissen wurde.

Henriette Schroeder
Ein Hauch von Lippenstift f├╝r die W├╝rde. Weiblichkeit in Zeiten gro├čer Not

Elisabeth-Sandmann-Verlag, erschienen September 2014
Hardcover, 304 Seiten
ISBN 978-3-938045-91-6
24,95 EUR
www.elisabeth-sandmann.de


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AVIVA-Berlin verlost 2 B├╝cher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Swetlana Alexijewitsch - Secondhand-Zeit. Leben auf den Tr├╝mmern des Sozialismus mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 31.03.2016 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de



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