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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.03.2010

Mira Magén - Die Zeit wird es zeigen - Verlosung
Claire Horst

Breiter gefĂ€chert als in ihren frĂŒheren Romanen ist die ErzĂ€hlperspektive im neuen Werk der hoch gelobten israelischen Schriftstellerin. AVIVA verlost 3 BĂŒcher



Nicht nur Anna, die 13jÀhrige Hauptfigur, lÀsst Magén erzÀhlen, sondern auch ihre Eltern Cheli und Mike, deren junger Angestellter Edisso und ihre Tante Sara kommen zur Sprache.

Anna gehört zu den seltenen Romanfiguren, die man von der ersten Seite an ins Herz schließt. Mit unerschĂŒtterlicher Energie trainiert sie ihre dĂŒnnen Beinchen, die bei jedem Schritt aneinander schlagen. Dass ihr Gehirn wĂ€hrend der Geburt nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde, ist der Grund fĂŒr ihre Behinderung und auch fĂŒr ihr Hadern mit Gott. Der Zweifel an Gott oder sogar die feste Überzeugung von seiner Nichtexistenz begleitet alle ProtagonistInnen des Romans, und dennoch spielt er in ihrer Gedankenwelt eine große Rolle.

Annas grĂ¶ĂŸter Wunsch ist es, Fahrrad fahren zu lernen - weil ihre Koordination eingeschrĂ€nkt ist, darf sie das nicht. Als sie eines Tages ein verlassenes Fahrrad findet und mit ihrem fĂŒnfjĂ€hrigen Bruder auf dem GepĂ€cktrĂ€ger losfĂ€hrt, geschieht eine Katastrophe: Tom fĂ€llt herunter und ins Koma. Anna erzĂ€hlt niemandem von ihrer Rolle bei dem Unfall und verschließt sich immer mehr in sich selbst. "Die Engel schauten zu und schwiegen. Und wenn einer von ihnen vorlaut wurde und fragte, warum, antwortete Er, wieso warum, nur so, und warnte ihn davor, sich nicht auf das Niveau der Menschen herabzulassen, die fĂŒr alles einen Grund suchten und ihr kurzes Leben mit Fragen vergeudeten, die ihren Verstand ĂŒberstiegen."

Aus Annas Augen und aus denen ihrer Angehörigen verfolgen die LeserInnen die nĂ€chsten Wochen im Leben der Familie. Sie sind bestimmt von Angst, vom Hadern mit Gott, aber auch von der Auseinandersetzung mit politischen Reizthemen des modernen Israel. Sara, die Tante, ist mit einem tief religiösen Siedler verheiratet und mit ihrem achten Kind schwanger. Annas sĂ€kulare Eltern dagegen leben eine offene Beziehung, in der beiden auch VerhĂ€ltnisse mit anderen erlaubt sind. Der in Äthiopien geborene Edisso, einer der sympathischsten Charaktere des Buches, leidet am allgegenwĂ€rtigen Rassismus auch unter Juden und JĂŒdinnen. "Neger, mehr Brot!", befehlen ihm KundInnen, wenn er im Imbissladen von Annas Eltern bedient. Und so gern diese ihn haben: Sein Tageslohn betrĂ€gt so viel wie der Preis einer Flasche Cola im gleichen Laden.

Die ZufĂ€lligkeit von Lebenswegen ist eins der zentralen Themen des Romans. Wie die Schwestern Cheli und Sara sich fĂŒr zwei kontrĂ€re Modelle entschieden haben und immer wieder vor der Frage stehen, ob ihr Weg der richtige ist, gilt fĂŒr alle ProtagonistInnen: Sicherheit gibt es nicht. Der Zweifel bleibt. MagĂ©n behandelt diese komplexen und existentiellen Fragen in einer poetischen und dennoch glasklaren Sprache. Ihre Figuren sind keine perfekten Menschen, jede und jeder ist mit Fehlern behaftet, und gerade deshalb werden sie zu Identifikationsfiguren.

So unterschiedliche Themen wie die Zerbrechlichkeit der Liebe, soziale Gerechtigkeit in einem Land der GegensĂ€tze, die Bedeutung der ReligiositĂ€t in einem als "jĂŒdisch" definierten Staat und die IdentitĂ€tssuche Jugendlicher verschmilzt die Autorin zu einem berĂŒhrenden FamilienportrĂ€t. Der Vergleich mit Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen", den Cheli liest, drĂ€ngt sich auf. Anders als Franzen behĂ€lt MagĂ©n jedoch durchgĂ€ngig ihren liebevollen Blick auf die Familie bei. Ihre Fehler sind nachvollziehbar, geleitet werden sie immer von der Liebe zueinander - und sind damit vielleicht doch etwas zu rosig gezeichnet.

AVIVA-Tipp: Nicht nur an Israel interessierte oder jĂŒdische LeserInnen werden mit "Die Zeit wird es zeigen" etwas anfangen können. Dennoch ist es eine besondere Leistung des Romans, differenzierte Einblicke in die Lebenswelt von Israelis verschiedener gesellschaftlicher Klassen zu bieten. Die Probleme, mit denen die ProtagonistInnen sich herumschlagen, sind dagegen universell – MagĂ©n weist in Figurenzeichnung und Sprache ein großes EinfĂŒhlungsvermögen auf.

Zur Autorin: Mira MagĂ©n, Anfang der fĂŒnfziger Jahre in Kfar Saba (Israel) geboren, blieb der orthodoxen, ostjĂŒdisch geprĂ€gten Welt ihrer Kindheit bis heute verbunden, die Stationen ihrer Biographie verraten jedoch eine Revolte: Studium der Psychologie und Soziologie, Ehe und Kinder, alle fĂŒnf Jahre ein anderer Beruf - Lehrerin, SekretĂ€rin, Krankenschwester und schließlich Schriftstellerin. MagĂ©n zĂ€hlt neben Zeruya Shalev zu den bedeutendsten Autorinnen ihres Landes. Ihr Werk, das Romane und ErzĂ€hlungen umfasst, wurde u.a. mit dem Preis des Premierministers 2005 ausgezeichnet. Mira MagĂ©n lebt in Jerusalem und hĂ€lt viel beachtete Poetik-Vorlesungen, derzeit an der HebrĂ€ischen UniversitĂ€t Jerusalem. (Verlagsinformationen)


AVIVA-Berlin verlost 3 BĂŒcher. Bitte nennen Sie uns die Namen von drei ProtagonistInnen aus Mira MagĂ©ns BĂŒchern und schicken diese bis zum 15. April 2010 an: info@aviva-berlin.de


Mira Magén
Die Zeit wird es zeigen

dtv premium, 1. Auflage, Januar 2010
Aus dem HebrÀischen von Mirjam Pressler
400 Seiten
ISBN 978-3-423-24747-4
14,90 Euro


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Gewinnspiele Beitrag vom 10.03.2010 Claire Horst 





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