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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.03.2011

Adriana Altaras - Titos Brille. Der Roman und das Hörbuch, gelesen von der Autorin. Verlosung
Claire Horst

Die Geschichte ihrer "strapazi√∂sen Familie" will die Schauspielerin und Regisseurin in ihrem ersten Roman erz√§hlen. Strapaziert werden... AVIVA verlost 2 B√ľcher



... zum Gl√ľck nur die Nerven der Autorin, der unbeteiligten Leserin erscheinen die Erlebnisse der Autorin mindestens so am√ľsant wie irrwitzig.

Als ihre Eltern sterben, steht Adriana Altaras vor einer endlos scheinenden Hinterlassenschaft. Briefe und Fotos, Dokumente und M√∂belst√ľcke soll sie aussortieren und st√∂√üt dabei nicht nur auf bislang unbekannte Geschwister, sondern auch auf Nachweise f√ľr den besch√§menden Kampf ihrer j√ľdischen Eltern um Entsch√§digung.

Im italienisch besetzten Teil Jugoslawiens gelang es ihnen nicht nur, die Judenvernichtung zu √ľberleben, sondern der Familienlegende zufolge hat der Vater auch vierzig j√ľdische Kinder gerettet und sp√§ter Titos Brille repariert. Weder Belohnung noch Entsch√§digung haben die Eltern jemals erhalten. Diese Geschichte k√∂nnte voller Wut und Hass erz√§hlt werden. Altaras dagegen erz√§hlt sie mit sarkastischem Witz, mit einem Humor, den die gr√∂√üten Absurdit√§ten ihr nicht nehmen k√∂nnen. Dass die Toten mit ihr sprechen und sich st√§ndig in ihr Leben einmischen, nimmt sie sportlich, selbst wenn es sich keineswegs nur um nahestehende Tote handelt. Tanten, Onkel, die gesamte weit verstreute Verwandtschaft gibt Ratschl√§ge, macht Vorw√ľrfe, ruft Erinnerungen hoch ‚Äď aus einem Jenseits, an das Altaras nicht einmal wirklich glaubt.

Dass Altaras nichts schrecken kann, zeigt auch der Wettstreit mit ihrem besten Freund Raffi. Denn der versucht sein Liebesgl√ľck ausschlie√ülich mit j√ľdischen Frauen, w√§hrend Altaras mit einem blonden, nicht j√ľdischen Westfalen verheiratet ist. Selbst die wehm√ľtigen Erinnerungen ihrer "arischen" Schwiegermutter an die BDM-Zeit ertr√§gt sie mit leiser Verzweiflung. "Da gab es pl√∂tzlich so viel Platz in den Schwimmb√§dern, den Juden war es doch jetzt verboten zu baden, uns aber nicht...", erz√§hlt diese dann oder "Mein Vater ist nie in die Partei eingetreten ‚Äď sondern war sehr musikalisch."

Dass das Leben immer noch absurder ist als bef√ľrchtet, beweist schon eine der fr√ľhesten Erinnerungen der Autorin. Schon mit drei Jahren spielte sie in einem Film √ľber die heldenhaften Partisanen Jugoslawiens ein j√ľdisches M√§dchen. Noch bevor der Film abgedreht war, befand sich die Familie nach einem Schauprozess gegen den Vater auf der Flucht. Aufgewachsen bei der Tante in Italien und im deutschen Internat, wurde Altaras schon in jungen Jahren f√ľr alle Eventualit√§ten gewappnet.

Und verkraftet deshalb auch die Stauballergie, die sie den "deutschen Herrenmenschen" zu verdanken hat. "Ich spielte die T√ľrkin, die Serbin, die Kroatin, die Griechin, die Russin, die Sizilianerin ‚Äď wen auch immer. Fast immer putzte ich. Ich putzte derart viel im deutschen Fernsehen, dass ich inzwischen eine fette Stauballergie habe, die unheilbar scheint." Nachdem sie sich mit einem selbstverfassten St√ľck als J√ľdin "outet", wird ihr eine neue Zust√§ndigkeit angetragen: "Mit Biolek er√∂rterte ich den Zionismus und Ben Gurions Kochk√ľnste, bei Frau Christiansen durfte ich mit dem israelischen Botschafter und dem deutschen Innenminister √ľber Normalit√§t in Israel sprechen."

Irgendwie gelingt es Altaras, vom Tod ihrer Eltern, der gescheiterten Vergangenheitsbew√§ltigung der Deutschen, von der Internierung ihrer Mutter im Lager Rab zu berichten, ohne ihren Humor zu verlieren. Von der Bar-Mizwa ihres Sohnes, die zu Auseinandersetzungen mit orthodoxer Frauenfeindlichkeit und dem Wunsch Buddhistin zu werden f√ľhrt, √ľber die Einl√∂sung der Goldz√§hne ihrer Mutter, von der Psychotherapie f√ľr Nachkommen √úberlebender bis zur schwierigen Erbregelung mit der Halbschwester aus Zagreb verkn√ľpft Altaras Erinnerungen, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben.



Gleichzeitig mit dem Roman erscheint das H√∂rbuch, gelesen von der Autorin. Dieses Attribut ist nur in den seltensten F√§llen ein Qualit√§tsurteil. Bei Adriana Altaras ist das anders ‚Äď nicht umsonst ist sie ausgebildete Schauspielerin. Mit Begeisterung wirft sie sich in die Dialoge, singt und murmelt, wenn es so im Text steht. Diese theatralische Leseweise passt hervorragend zu ihrem Buch, das schlie√ülich von unz√§hligen H√∂hen und Tiefen erz√§hlt.

AVIVA-Tipp: Starke Nerven braucht es schon, um Altaras¬ī Schilderungen durchzustehen. Zwischen lautem Lachen und Wutanf√§llen macht die Leserin die gleichen Gef√ľhlsschwankungen durch wie die Autorin, und das spricht definitiv f√ľr den Roman. F√ľr das H√∂rbuch spricht die ebenso eindringliche wie humorvolle Umsetzung durch die Autorin.

Zur Autorin: Adriana Altaras wurde 1960 in Zagreb geboren, 1964 Umzug nach Italien, ab 1967 Schulbesuch abwechselnd in Deutschland und Italien. Sie studierte Schauspiel an der Berliner Hochschule der K√ľnste und an der New York University und ist seit 1983 in zahlreichen Filmen f√ľr Kino und Fernsehen zu sehen. Seit den 90er-Jahren inszeniert Adriana Altaras zudem regelm√§√üig an deutschen Schauspiel- und Opernh√§usern. Sie ist Mitbegr√ľnderin des Off-Theaters Zum Westlichen Stadthirschen, war Mitarbeiterin bei Steven Spielbergs Shoah Foundation und √ľbernahm 2002 die K√ľnstlerische Leitung der J√ľdischen Kulturtage in Berlin. In der Arena-Berlin inszenierte sie im Jahr 2003 die "Vagina-Monologe", im Maxim Gorki "Damen der Gesellschaft". Auszeichnungen u.a.: Bundesfilmpreis, Theaterpreis des Landes Nordrhein-Westfalen (zusammen mit Joachim Kr√≥l), Silberner B√§r f√ľr schauspielerische Leistungen (Berlinale 2000). Adriana Altaras lebt in Berlin, hat zwei S√∂hne und den braunen G√ľrtel in Karate. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: altaras.eu/altaras



AVIVA-Berlin verlost 2 B√ľcher. Bitte beantworten Sie dzu folgende Frage: Was antwortet Adriana Altaras im AVIVA-"Ausgelesen"-Interview auf die Frage: Welches Buch w√ľrden Sie niemals verborgen? und senden bis zum 05.05.2011 eine Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Adriana Altaras
Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie

ISBN: 978-3-462-04297-9
Erscheinungsdatum: 24. Februar 2011
272 Seiten, gebunden
18,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Ausgelesen"-Interview mit Adriana Altaras, März 2003

Interview mit Adriana Altaras, Dezember 2003 anlässlich ihrer Intendanz der "Vagina-Monologe"

Ruza Kanitz - Polenta oder Milchkaffee

Gewinnspiele Beitrag vom 30.03.2011 Claire Horst 





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