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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 26.10.2012

Traditionelle Geschlechtsrollen verhindern gesellschaftliche Modernisierungsprozesse - Interview mit Dilek Kolat
Meyer, Adler

Wie ermutigt mensch M├Ądchen f├╝r MINT-Berufe, was hat das geplante Betreuungsgeld mit Integration zu tun und warum muss es endlich eine gesetzlichen Quote f├╝r Frauen in F├╝hrungspositionen geben?



Die Berliner Senatorin f├╝r Arbeit, Frauen und Integration, Dilek Kolat, sprach mit AVIVA-Berlin ├╝ber ihren Werdegang in Naturwissenschaft und Politik, den leidigen Gender Pay Gap und die Quote als probates Mittel gegen die gl├Ąserne Decke, denn "von allein wird sich nichts ├Ąndern".


AVIVA-Berlin: Sie haben eine erstaunliche politische Karriere hingelegt: Im Juni 2004 wurden Sie Kreisvorsitzende der SPD Tempelhof-Sch├Âneberg, und sind im Landesvorstand der SPD Berlin.
Bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus von Berlin im September 2006 erzielten Sie mit 41,2 Prozent der Stimmen in Ihrem Wahlkreis Tempelhof-Sch├Âneberg 3 nicht nur das Direktmandat, sondern auch das beste Erststimmenergebnis f├╝r die SPD.
Von 2006ÔÇô2011 waren Sie die stellvertretende Fraktionsvorsitzenden der SPD-Fraktion des Abgeordnetenhauses und schlie├člich hat der Regierende B├╝rgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, Sie am 28. November 2011 als Senatorin f├╝r Arbeit, Frauen und Integration des Landes Berlin nominiert. Am 30. November 2011 wurden Sie zur Senatorin ernannt und am 1. Dezember 2011 vereidigt.
Wann und warum haben Sie sich entschieden, in die Politik zu gehen?
Dilek Kolat: Die Grundlage daf├╝r ist ziemlich fr├╝h gelegt worden. Ich bin dem sozialdemokratischen Bildungssystem noch heute sehr dankbar. Ich konnte nur mit einer Hauptschulempfehlung eine Gesamtschule besuchen. Auf der Hauptschule w├Ąre mein Werdegang sicherlich nicht so erfolgreich gewesen. Damals habe ich festgestellt, dass Bildung der Schl├╝ssel zum sozialen Aufstieg ist. Ich habe mich w├Ąhrend meines Studiums schon f├╝r Bildungschancen eingesetzt mit konkreten Hilfsangeboten. Ich habe aber festgestellt, dass L├Âsungen in den Parlamenten und Parteien entwickelt werden. Die SPD hat mich sp├Ąter mit offenen Armen empfangen. Als Sozialdemokratin habe ├╝brigens nie daran gedacht, in eine andere Partei zu gehen.

AVIVA-Berlin: Was m├Âchten Sie in Ihrem Amt bewirken?
Dilek Kolat: Ich m├Âchte mit meiner Arbeit Teilhabe und Chancengleichheit f├╝r alle Berlinerinnen und Berliner m├Âglich machen. Dazu geh├Ârt vor allem auch der Zugang zu einer existenzsichernden Erwerbst├Ątigkeit. Dar├╝ber hinaus will ich dazu beitragen, dass Berlin eine soziale, solidarische und weltoffene Stadt ohne irgendwelche Diskriminierungen wird.

AVIVA-Berlin: Als Senatorin f├╝r Arbeit, Integration und Frauen ermutigen Sie junge Frauen, sich eine Ausbildung in naturwissenschaftlichen F├Ąchern zuzutrauen. Warum ist Ihnen dies ein pers├Ânliches Anliegen? Welche Instrumente k├Ânnen Politik und Wirtschaft ergreifen, um MINT-F├Ącher auch in den Schulen f├╝r M├Ądchen attraktiver zu machen?
Dilek Kolat: Ich wurde als Migrantin ohne Deutschkenntnisse eingeschult. Aber ich vertraute auf meine St├Ąrken, w├Ąhlte als einziges M├Ądchen Physik im Leistungskurs und studierte sp├Ąter Mathematik. Nehmen Sie das Beispiel des Girls┬┤ Days: Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Beh├Ârden ├Âffnen einmal im Jahr ihre T├╝ren und junge Frauen nutzen die Chance, vielf├Ąltige Eindr├╝cke und Erfahrungen in Berufen zu sammeln, in denen sie bislang noch unterrepr├Ąsentiert sind. Die Politik kann auf Frauen, die es in MINT-Berufen weit gebracht haben, als sichtbare Vorbilder hinweisen. Nur so k├Ânnen wir den noch immer engen Zusammenhang zwischen Berufswahl und Geschlecht st├Ąrker entkoppeln. Traditionelle Geschlechtsrollen verhindern auch heute noch individuelle Entwicklungs- und damit auch gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse.

AVIVA-Berlin: Sie setzen sich in Ihrem Amt und pers├Ânlich daf├╝r ein, dass Frauen in naturwissenschaftlichen Berufen als erstrebenswerter Normalzustand wahrgenommen werden.
Was raten Sie jungen Frauen, die heute eine Laufbahn in den MINT-F├Ąchern anstreben?
Dilek Kolat: Ganz egal, wie viele Hindernisse man Ihnen auch in den Weg legt: Behalten Sie ihr Ziel im Auge und lassen sie sich von niemandem einreden, Sie seien f├╝r eine solche Laufbahn nicht gut genug!

AVIVA-Berlin: Im B├╝ndnis "Frauen in F├╝hrungspositionen" bzw. "Frauen an die Spitze" arbeiten Sie mit der IHK zusammen, um die Karrierechancen von Frauen im Berufsleben zu verbessern.
Wie sehen Ihre gemeinsamen Schritte dorthin konkret aus?
Dilek Kolat: Zun├Ąchst einmal: ich finde es sehr schade, dass Qualifikation und Leistung allein bei Frauen oft nicht ausreichen, um in F├╝hrungspositionen zu gelangen. Deshalb bin ich davon ├╝berzeugt, dass wir eine gesetzliche Quote brauchen. Denn von allein wird sich nichts ├Ąndern. Nun zum dem mit der IHK abgeschlossenen lokalen B├╝ndnis zur Erh├Âhung des Anteils von Frauen in F├╝hrungspositionen. Berliner Unternehmen sollen davon ├╝berzeugt werden, dass Frauen in den Betrieben ein wichtiges Potenzial darstellen, das es aktiv zu nutzen gilt. K├╝nftig soll mehr Frauen gezielt eine Karrierechance er├Âffnet werden. Im Rahmen des B├╝ndnisses werden die Betriebe beraten. Gute Beispiele von bereits erfolgreich implementierten Umsetzungsideen sollen ihnen dabei hilfreiche Anregungen geben und sie zur gew├╝nschten Nachahmung animieren. Um dar├╝ber hinaus gezielt auch direkt auf der betrieblichen Ebene anzusetzen soll das B├╝ndnis bereits bestehende Beratungs- und Coaching Angebote b├╝ndeln und kommunizieren.

AVIVA-Berlin: Das geschlechtsspezifische Lohngef├Ąlle liegt in Berlin bei 16 Prozent.
Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Frauen nach wie vor in schlechter bezahlten Berufsgruppen ├╝berrepr├Ąsentiert sind?

Dilek Kolat: Eine Begr├╝ndung ist, dass Frauen immer noch den Hauptanteil bei Betreuungs- und Erziehungsaufgaben ├╝bernehmen. Erwerbsunterbrechungen, dann anschlie├čende Teilzeitbesch├Ąftigung f├╝hren zum GehaltsÔÇô und Karriereknick. Die Unternehmen m├╝ssen familienbewusste Personalpolitik oder ├╝berhaupt eine Personalpolitik, die sich auch an den Bed├╝rfnissen und famili├Ąren Verpflichtungen der Besch├Ąftigten orientiert, als wichtig erkennen.
Frauen verdienen auch deshalb weniger, weil sie h├Ąufig in Branchen arbeiten, wo die Geh├Ąlter gering sind und sie als Teilzeitbesch├Ąftigte weniger Aufstiegsm├Âglichkeiten haben.

AVIVA-Berlin: Wie bewerten Sie, speziell f├╝r Berliner Eltern, den Nutzen oder Schaden des geplanten Betreuungsgeldes, welches an Eltern ausgezahlt werden soll, die ihre Kinder nicht in eine staatliche Einrichtung geben?
Dilek Kolat: Ich rechne mit negativen Auswirkungen. Vor allem Frauen mit niedrigem Bildungsstand oder mit Migrationshintergrund werden noch eher darauf verzichten, ihr Kind in eine ├Âffentliche Einrichtung zu geben. Deshalb ist durch die geplante Einf├╝hrung eines Betreuungsgeldes die wichtige Integration von Frauen mit Kindern in den Arbeitsmarkt gef├Ąhrdet. Dar├╝ber hinaus werden bereits erzielte Fortschritte in der F├Ârderung der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund bedroht. Gerade f├╝r Kinder aus Migrantenfamilien stellt ein Kita-Besuch eine gro├če Chance dar, eventuell vorhandene Sprachdefizite rechtzeitig vor der Einschulung auszugleichen.

AVIVA-Berlin: Nach dem ├ťberfall auf Rabbiner Alter und seine Tochter haben Sie auf der Solidarit├Ątskundgebung in Friedenau am 02.09.2012 betont, dass diese Stadt ihn braucht, "weil Berlin das j├╝dische Leben hat, und immer haben will ÔÇô und daf├╝r werden wir uns immer einsetzen". Sie sagten auch, dass die islamischen Verb├Ąnde jetzt gefordert sind, das Thema aufzugreifen und in den interreligi├Âsen Dialog zu gehen. Wie kann dieser Dialog initiiert werden? Inwieweit k├Ânnen Ihrer Meinung nach die muslimischen Verb├Ąnde Antisemitismus entgegenwirken?
Dilek Kolat: Muslimische Verb├Ąnde k├Ânnen Antisemitismus entgegen wirken, indem sie menschenverachtende Haltungen wie Rassismus und Antisemitismus ├Âffentlich ├Ąchten und intern kommunizieren. Als positiv bewerte ich jede Zusammenarbeit mit j├╝dischen Gemeinschaften, zum Beispiel in der Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit. Solche Formen des Dialogs haben wir bereits vielfach ins Leben gerufen ÔÇô auch mit muslimischen Organisationen. Projekte im Landesprogramm gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus Berlins greifen unter Beteiligung muslimischer Partner das Thema des Antisemitismus auf.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg! Wir freuen uns auf eine konstruktive und erfolgreiche Zusammenarbeit.


Weitere Infos finden Sie unter:

www.dilek-kolat.com

und auf Dilek Kolats Facebook-Seite.

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Stimmen zum Hamburger Beschluss - Dilek Kolat, BAG und Deutscher Juristinnenbund e.V.

Sharon Adler erhielt Berliner Frauenpreis 2012. Im Rahmen eines Festakts hat Dilek Kolat den Preis an Sharon Adler am 8. M├Ąrz 2012, dem Internationalen Frauentag, ├╝berreicht.

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Interviews Beitrag vom 26.10.2012 AVIVA-Redaktion 





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