Purim - oder: Was Hamans Ohren mit Feminismus zu tun haben. 25. bis 26. Februar 2021 / 14.-15. Adar 5781 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de 8/8/5781 - Beitrag vom 20.02.2021


Purim - oder: Was Hamans Ohren mit Feminismus zu tun haben. 25. bis 26. Februar 2021 / 14.-15. Adar 5781
Lisa Goldberg

Frauen Power an Purim. Ein Beitrag zum Einstimmen, Informieren oder einfach zum in Erinnerung rufen. Wir schauen uns das traditionelle Fest in Gedenken an die Rettung des jüdischen Volkes vor dem Judenfeind Haman durch Königin Esther nochmal genauer an. Mit Veranstaltungshinweisen zu Purim in Berlin: Karneval De Purim im Ritter Butzke, Queer Purim Drinks and Party von Keshet Deutschland und der Purimball der Jüdischen Gemeinde zu Berlin unter dem Motto "Purimball goes Gatsby"




Die Geschichte des Purimfestes

Purim geht die Geschichte der Rettung der Jüdinnen und Juden im persischen Reich durch Königin Esther voraus. Stattgefunden haben soll sich dieses Ereignis im Jahr 3405 (356 v.d.Z.). Zu dieser Zeit folgte der Großteil des jüdischen Volkes der Anordnung des Königs Kyros und kehrte nach Jerusalem aus dem Exil zurück, um dort den jüdischen Tempel wiederaufzubauen.
Doch einige Juden wollten ihre neue Heimat nicht verlassen und blieben in Babylon. So auch ein schönes Mädchen mit Namen Esther, eine Waise, die bei ihrem Cousin Mordechai lebte.

Es kam der Tag, an dem der König von Persien, Achaschwerosch, seine Ehefrau Vaschti verstieß und eine neue Königin suchte. Denn Vaschti hatte sich zuvor der Autorität des Königs widersetzt und sich geweigert, gleich einem dekorativen Prestigeobjekt bei dem Festmahl, welches ihr Ehemann auf der Festung Shusha veranstaltete, vor den betrunkenen Männern aufzutreten um ihre Schönheit zu zeigen.
"Nicht den König allein hat die Königin Vaschti beleidigt, sondern alle Fürsten [...] Denn das Wort der Königin wird sich bei allen Frauen verbreiten und ihre Ehemänner in ihren Augen herabsetzen, indem es heißen wird, König Achaschwerosch hat befohlen, die Königin Vaschti vor ihn zu bringen, und sie kam nicht." (Esther 1. 16 f.)

Den "Ungehorsam" seiner Ehefrau wollte und konnte der König nicht auf sich sitzen lassen: denn er fürchtete, seinen Ruf zu verlieren…
So wurde Esther wegen ihrer Schönheit "zur Königin an der Seite des Königs Achaschwerosch an Vaschtis Statt" (Buch Esther 2:17).
Vorher allerdings musste Esther Mordechai versprechen, ihre jüdische Herkunft zu verheimlichen und so passte sie sich an den persischen Königshof an und hatte nur noch wenig Kontakt zu ihrem Volk.

Die Bibel erzählt, dass Haman, der oberste Minister Persiens des Königreichs von, von den Juden – so auch Mordechai – verlangte, vor ihm niederzuknien. Mordechai aber stand aufrecht und weigerte sich, der Forderung Hamans nachzukommen. Dieser Konflikt zwischen Haman und Mordechai gefährdete die Existenz des gesamten jüdischen Volks, welchem der Minister unterstellte, es sei ein unfriedliches aufmüpfiges Volk. Daraufhin forderte Haman das Leben jeder einzelnen Jüdin und Juden im ganzen Reich seines Königs, von Indien bis Äthiopien.
Mordechai musste daraufhin ein Los ziehen und so bestimmte dieses das Datum für die Vernichtung aller Juden in seinem Reich: den 14. Adar. Von "Pur" dem persischen Wort für Los, wurde ursprünglich das Wort Purim hergeleitet. Der 14. Adar im jüdischen Kalender ist bis heute der Tag des Purimfestes.

Obwohl Esther sowohl der Autorität des Königs als auch ihres Cousins Mordechai unterstand, ergriff sie letztendlich die Initiative. Esther und Mordechai riefen die Juden zu Gebet und Buße auf und Königin Esther lud auf den Rat ihres Cousins hin den König und Haman zwei Mal zu einem Festmahl ein.
Die ersten Male fragte der König, der sich sehr zu der schönen Esther hingezogen fühlte, was er ihr Gutes tun könne. Zwei Mal schwieg Esther. Nachdem der König jedoch zum dritten Mal nach ihrem Begehren fragte, riskierte sie beim von Wein begleiteten Essen ihr Leben. Sie berichtete dem König von dem Plan Hamans, aus Rache an Mordechai alle Jüdinnen und Juden des Landes töten zu wollen. Demnach müsse auch sie sterben, denn sie sei Jüdin. Der König wurde zornig und verurteilte Haman. Damit bewirkte Esther Hamans Fall und am Ende wurde Haman selbst an den Galgen gehängt, den er ursprünglich für Mordechai hat aufstellen lassen.
Mit ihrem Mut hatte Esther also den Komplott des Haman vereitelt.

Und so wurde der 14. Adar ein Fest und Freudentag, an dem die Jüdinnen und Juden ihren Sieg über die Feinde feierten. In der alten Festung Shusha fand das Siegesfest mit Mordechai in königlichen Gewändern gehüllt am 15. Adar statt. Deshalb ist das Fest bis heute weltweit als Shushan Purim bekannt.
"Mordechai schrieb alles auf, was geschehen war. Er schickte Schreiben an alle Juden in allen Provinzen des Königs Achaschwerosch nah und fern und machte ihnen zur Pflicht, den vierzehnten und den fünfzehnten Tag des Monats Adar in jedem Jahr als Festtag zu begehen. Es sollte der Monat werden, in dem sich ihr Kummer in Freude verwandelte und ihre Trauer in Glück. Sie sollten sie als Festtage mit Essen und Trinken begehen und sich gegenseitig beschenken, und auch den Armen sollten sie Geschenke geben." (Buch Esther, 9:20-22)

Feminismus an Purim. Mit Esther, einer biblischen Frau, in der Hauptrolle?

Esther spielt also für Purim als weibliche biblische Figur eine bedeutende Rolle. Nach der Aufforderung Mordechais und nach einigem Zögern, fastet Esther selbst und fordert das jüdische Volk ebenfalls zum Fasten auf. Sie greift als Frau in den Plan des Haman, einem bedeutenden Mann für das Reich Königs Achaschwerosch ein, allerdings stößt sie Gegensatz zu Vaschti nicht auf den Unmut der königlichen Autorität. Doch auch die Rolle der Esther wird in anderen Geschichtserzählungen kaum betont, stattdessen wird Mordechai als Held oder auch das "wahre Hirn hinter Esthers Erfolg" gefeiert, der am Ende königliche Gewänder tragen darf.

Die französische Rabbinerin Pauline Bebe, schreibt zu diesem Thema in ihrer Enzyklopädie "isha – Frau und Judentum" (2004). Sie deutet die biblische Geschichte von Purim so, dass Esther als Frau, Waise und Jüdin symbolisch für die Schwachen der Gesellschaft interpretiert werden könne und damit ein frühes Beispiel "einer Antiheldin" sei und für Widerstand und Emanzipation stünde.

Zur Erinnerung an die Heldin Vaschti

Bemerkenswert an dieser Geschichte ist die unterschiedliche Konstatierung des Verhaltens der beiden Frauen vom König selbst, sowie später von den Rabbinen – die sich bis heute auswirkt.
Denn viele jüdische Mädchen verkleiden sich an Purim gern als Königin Esther – aber nicht als Esthers Vorgängerin, der verbannten Königin Vaschti. Dies spiegelt die kontradiktorische rabbinische Interpretation der beiden Königinnen dar: Das Verhalten von Vaschti – ihre Weigerung, den betrunkenen Gästen des Königs ihre Schönheit zu zeigen – wurde von den (männlichen) Rabbinen als gesellschaftlich inakzeptabel interpretiert, da sie sich schließlich der Autorität ihres Ehegatten widersetzt habe. Esthers Einsatz für das jüdische Volk, zu dem sie den Kontakt während ihrer Zeit am Hof des Königs praktisch verloren hatte, wird hingegen als mutig und lobenswert idealisiert.

Mary Gendler, eine frühe Aktivistin der Jüdisch Feministischen Bewegung in den Vereinigten Staaten schlägt vor, "… dass Vaschti wieder auf den Thron gesetzt wird, zusammen mit ihrer Schwester Esther, damit sie zusammen die Seelen und Handlungen von Frauen leiten. Frauen, welche die Attribute dieser ungewöhnlichen Frauen in sich vereinen – Schönheit gemildert durch Charme, Stolz gedämpft durch Demut, Unabhängigkeit kontrolliert durch herzliche Treue, Mut, Würde – solche Frauen werden ganzheitlicher sein als jene, welche versuchen, Esther nachzueifern."

Mehr dazu lässt sich wunderbar bei Marianne Wallach-Faller: "Die Frau im Tallit. Judentum feministisch gelesen" (2002) nachlesen.

Purim das jüdische Karneval?

Weltweit wird Purim als das Fest der Freude und des Verkleidens gefeiert. Dieser Brauch des Sich-Verkleidens hat sich im Mittelalter unter dem Einfluss des venezianischen Karnevals entwickelt. Zunächst war es nur unter den italienischen Juden üblich, sich zu kostümieren. Erst allmählich verbreitete es sich von dort ins restliche jüdische Europa.

Das Lesen der Megillah

Im Talmud wurde festgelegt: "Frauen sind zum Lesen der Estherrolle verpflichtet, denn sie waren an diesem Wunder beteiligt." (Megilla 4a)
Es gilt als Mitzvah für alle Jüdinnen und Juden, an Purim die Megillah Esther (hebräische Pergamentrolle des Buches Esther) zu lesen oder zu hören. Einmal in der Nacht – und nochmal während des Tages.
Wenn die Megillah in diesen Tagen im G´ttesdienst gelesen wird, machen Kinder und Erwachsene mit Purimrasseln großen Krach und stampfen mit den Füßen auf, sobald der Name Hamans genannt wird.

Die Megillat Esther oder "das Buch Esther" soll von der Heldin und Mordechai selbst geschrieben worden sein und gilt damit als Quelle erster Hand. Auf spezielle Anfrage Esthers an den Sanhedrin wurde die Megillah als eines der 5 relativ kurzen Megillot (Festrollen), neben dem "Shir HaShirim" (Hoheslied), dem Buch Ruth, den Klageliedern und dem Kohelet mit in den biblischen Kanon aufgenommen.

Mischloach Manot le-Chag Purim!

Der Tag vor Purim ist bis heute, wie schon in der Geschichte für Esther, ein Fastentag (Fasttag "Taanit Esther"). Bei der Purim-Mahlzeit am Tag darauf darf allerdings nach Herzenslust zugeschlagen werden.

Mordechai schrieb alles auf, was geschehen war. Er schickte Schreiben an alle Juden in allen Provinzen des Königs Achaschwerosch nah und fern und machte ihnen zur Pflicht, den vierzehnten und den fünfzehnten Tag des sechsten Monats, Adar, an jedem Jahr als Festtag zu begehen. Das sind die Tage, an denen die Juden wieder Ruhe hatten vor ihren Feinden, es ist der Monat, in dem sich ihr Kummer in Freude verwandelte und ihre Trauer in Glück. Sie sollten sie als Festtage mit Essen und Trinken begehen und sich gegenseitig beschenken, und auch den Armen sollten sie Geschenke geben. (Buch Esther 9:20-22)

Es werden traditionell Körbe, mit Speisen und Getränken gefüllt und an Angehörige, NachbarInnen, FreundInnen oder arme Leute verschenkt. Diese Mitzvah wird auch Mischloach Manot oder "Schlachmones" bezeichnet, was so viel wie "Portion" bedeutet. Es werden zwei verschiedenartige Gegenstände, herkömmlich eine Mehlspeise und Obst/Feigen, verpackt, die idealerweise ohne Zubereitung direkt verzehrbar sind.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt an Purim ist die Wohltat, indem an Bedürftige insbesondere Geld gespendet wird. Tatsächlich steht diese Mitzvah über dem des Mischloach, d.h. wer vor der Wahl steht einen weiteren Präsentkorb an Bekannte zu verschicken oder zu spenden, sollte eher an die Bedürftigen denken und direkt Geld spenden (siehe "Kitzur Shulchan Aruch 141:1-2").
Doch was ist der eigentliche Grund für diese Mitzvah, abgesehen davon, dass jede und jeder sich selber über das Erhalten dieser kleinen Aufmerksamkeiten freut? Erst einmal geht es darum, dass es sich wirklich alle an Purim gut gehen lassen können, unabhängig von ihrer finanziellen Situation. Liebe und Freundschaft soll in der Jüdischen Gemeinschaft gestärkt werden und schon allein dadurch Hamans Unterstellung, dass es Unfrieden und Zwist innerhalb der Gemeinschaft gäbe, widerlegt werden. Purim ist eine wunderbare Gelegenheit zerbrochene oder nicht gepflegte Beziehungen wieder aufzunehmen, indem man durch ein Päckchen zeigt: Ich denke an Dich und ich möchte Dir eine Freude bereiten.

Die Gebote für Purim in Kürze:

An dem fröhlichsten und lautesten aller jüdischen Feiertage gilt es bei Geschenken, Essen und bunten Kostümen lediglich folgende Regeln zu beachten:

Du sollst glücklich sein
Du sollst dich betrinken
Du sollst dich verkleiden

Zum Purimfest bereiten und verschicken die Aschkenasim traditionell ein Purimgebäck zu: die Hamantaschen (Hamans Ohren), mit Pflaumenmus oder Mohnsamen gefüllte Teigbeutel in Dreieckform, in Erinnerung an die Dreispitzigen Hüte wie sie in der Zeit Esthers in Babylon getragen wurden.
Die herzhafte Variante sind die mit Käse gefüllten Kreplach.
In der sephardischen Tradition werden die Teigwaren in Form von Ohren (Orejas de Amán) zusätzlich noch frittiert und anschließend in Sirup gedippt.
Klicken Sie hier für das Rezept dieser traditionellen Süßigkeit.

Mehr zu Purim auf Hagalil.com:

www.hagalil.com

Waschti und Esther: www.hagalil.com

Das Buch Esther: www.hagalil.com

Ein Quiz für Kinder: "Fit für Purim"

Lieder zu Purim: www.hagalil.com und hebrewsongs.com und www.jewishfolksongs.com


Literatur:

Pauline Bebe: ISHA – Frau und Judentum. Enzyklopädie
Kovar Verlag, erschienen 2004
ISBN: 3-925845-97-6
Umfang: ca. 440 Seiten,
Gebunden mit Schutzumschlag
Preis: Euro 34,00

Marianne Wallach-Faller: "Die Frau im Tallit. Judentum feministisch gelesen
Herausgegeben von Doris Brodbeck und Yvonne Domhardt, mit einem Vorwort von Eveline Goodman-Thau und Marie-Theres Wacker
Broschur, 272 Seiten
ISBN 978-3-905313-65-9
CHF 34.00 / EUR 31.00
Chronos Verlag, erschienen 2000

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Die Enzyklopädie der Rabbinerin Pauline Bebe, der emanzipierten Jüdin, beleuchtet mit neuem Selbstverständnis eine Thematik, zu der es bisher auf dem deutschen Buchmarkt kaum Literatur gibt. (2004)


Jüdisches Leben

Beitrag vom 20.02.2021

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