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AVIVA-BERLIN.de 11/21/5778 - Beitrag vom 06.04.2010

2010 - Berliner Sch├╝lerInnen finanzierten drei neue Stolpersteine
Nadja Grintzewitsch

In einem Unterrichtsprojekt setzte sich die Klasse 6a der Ernst-Habermann-Grundschule in Charlottenburg-Wilmersdorf mit dem Nationalsozialismus auseinander, las Erlebnisberichte von j├╝dischen...



...├ťberlebenden und befragte auch ZeitzeugInnen. Nun haben auf Initiative der Sch├╝lerInnen und ihrer engagierten Lehrerin am 15. April 2010 in der N├Ąhe der Schule drei Stolpersteine verlegt. Bereits vier Tage sp├Ąter fand im Bezirk die 800. Stolpersteinverlegung statt, zu der auch Angeh├Ârige der Opfer aus Israel anreisten.

Die Frage, in welchem Alter Kinder mit den Themen Nationalsozialismus und Holocaust in Ber├╝hrung kommen sollten, wurde schon oft kontrovers diskutiert. Die landl├Ąufige Meinung lautet in etwa, dass darin von Fall zu Fall unterschieden werden sollte, je nach Reife- und Bildungsgrad der Sch├╝lerInnen.

Die Idee, einen intensiven Unterrichtsplan mit einer sechsten Klasse zu erstellen, hatte Projektleiterin Britta Fellbaum. Sie war es auch, die auf den Gedanken kam, in der N├Ąhe der Schule Stolpersteine verlegen zu lassen. "Mein Ziel war es, die Kinder m├Âglichst fr├╝h f├╝r dieses Thema zu sensibilisieren", erkl├Ąrt Fellbaum, die erst seit kurzem als Referendarin an der Ernst-Habermann-Grundschule t├Ątig ist. In drei Unterrichtseinheiten f├╝hrte sie die Sch├╝lerInnen nach und nach an den Stoff heran.

Als erstes las die Klasse das Buch "Papa Weidt" von Inge Deutschkron und lernte die Schriftstellerin bei einem Besuch im Blindenmuseum Otto Weidt auch pers├Ânlich kennen. So bekamen die Kinder die M├Âglichkeit, eine der letzten Zeitzeuginnen live zu erleben und ihr Fragen zu stellen. "F├╝r die Klasse eine beeindruckende Erfahrung", so Fellbaum.

Anschlie├čend wurde das Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" behandelt, welches eigentlich erst f├╝r Jugendliche ab zw├Âlf Jahren gedacht ist. "Ich hatte das Gl├╝ck, mit einer tollen Klasse arbeiten zu d├╝rfen, die sehr reif f├╝r ihr Alter ist", lobt die Referendarin ihre Sch├╝tzlinge. Nat├╝rlich sprach sie im Vorfeld mit den Eltern der Sch├╝lerInnen und holte deren Einverst├Ąndnis ein.

Die letzte Unterrichtseinheit behandelte schlie├člich das Endziel der Verfolgungspolitik Hitlers, die Vernichtung der europ├Ąischen J├╝dinnen und Juden. Sehr vorsichtig und einf├╝hlsam f├╝hrte Britta Fellbaum die Kinder an dieses tragische Kapitel heran. Gemeinsam entschlossen sie schlie├člich, einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten. "Die Stolpersteinverlegung soll auch eine Art symbolische Beerdigung sein. Zweieinhalb Wochen lang verkauften die Kinder selbst gebackenen Kuchen, um die Steine zu finanzieren ÔÇô und nahmen dabei weitaus mehr ein, als urspr├╝nglich geplant war." Jedes Kind steuerte f├╝r diesen Zweck - mit Unterst├╝tzung der Eltern - zwei bis drei Backwerke bei.

Fellbaum selbst recherchierte nach einer j├╝dischen Familie, die in der unmittelbaren Umgebung der Schule gewohnt haben k├Ânnte. Sie sprach mit Wolfgang Knoll, dem ehrenamtlichen Ansprechpartner f├╝r all jene, die in Charlottenburg-Wilmersdorf einen Stolperstein legen wollen ÔÇô und erhielt den entscheidenden Tipp.

"Es handelt sich um Herbert und Alice Kabaker und ihre Tochter Liselotte, die nur wenige Hausnummern von der Ernst-Habermann-Grundschule entfernt wohnten", erkl├Ąrt Fellbaum. Herr und Frau Kabaker wurden beide an zwei unterschiedlichen Tagen im M├Ąrz 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt, wahrscheinlich wurden sie unmittelbar nach der Ankunft mit Giftgas ermordet. Bereits ein halbes Jahre zuvor war die Tochter Liselotte im Alter von 15 Jahren von Berlin nach Riga deportiert und am 29. Oktober 1942 erschossen worden. Eine entsprechende Anfrage an das Bundesarchiv ergab unter anderem eine detaillierte Auflistung der Gegenst├Ąnde, welche die Familie zwangsweise abgeben musste.

"Das Ziel von Stolpersteinen ist es, den Opfern ihre Namen zur├╝ckzugeben ÔÇô und zwar an dem Ort, an dem sie zuletzt freiwillig gelebt haben, also keine ┬┤Judenwohnungen┬┤", erl├Ąutert Wolfgang Knoll, der seit vielen Jahren an w├Ąhrend der Naziherrschaft verfolgte und ermordete Mitb├╝rgerInnen erinnert. Als er 2004 sein Ehrenamt aufnahm, lagen in Charlottenburg-Wilmersdorf nur f├╝nf solcher Steine. Am 19. April 2010 soll nun bereits der 800. Stolperstein feierlich verlegt werden. Zu diesem Anlass ist eine kleine Veranstaltung geplant, auch Angeh├Ârige der Opfer werden erwartet.

Wolfgang Knoll plant, die Anzahl der Steine bis zum Ende des Jahres auf 950 bis 1000 zu erh├Âhen. "Das ist trotzdem noch wenig, wenn man bedenkt, wie viele j├╝dische Opfer alleine aus den Bezirken Charlottenburg und Wilmersdorf stammten", seufzt er und lobt gleichzeitig das Engagement der Bev├Âlkerung: "Bislang wurde die Verlegung der Stolpersteine fast ausschlie├člich von B├╝rgerinitiativen finanziert." Es seien nicht nur Angeh├Ârige oder Sch├╝lerInnen, die Spenden sammelten, sondern auch HausbewohnerInnen, welche f├╝r ihre verschleppten VormieterInnen einen Stolperstein legen wollten, so Knoll weiter.

Initiativen wie die der Ernst-Habermann-Grundschule sind Vorbild f├╝r ein demokratisches und tolerantes Miteinander und machen Mut f├╝r die Zukunft. Sie garantieren, dass eine neue, offene Generation heranw├Ąchst, welche die Vergangenheit Deutschlands kennt und mit ihr umzugehen wei├č.
Schulstadtrat Reinhard Naumann w├╝rdigte in einer Pressemitteilung die Eigeninitiative der Klasse 6a und ihrer Lehrerin mit den Worten: "Ich freue mich, dass Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler aus Charlottenburg-Wilmersdorf ein solches Engagement und Interesse zeigen und an der feierlichen Verlegung dieser Steine teilnehmen werden."

Die Verlegung der Stolpersteine f├╝r Familie Kabaker fand am Donnerstag, den 15. April 2010, um 09:00 Uhr im Beisein der Sch├╝lerInnen in der Babelsberger Stra├če 11 statt.

Die 800. Stolpersteinverlegung im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf fand am 19. April 2010 um 9 Uhr im Beisein des stellvertretenden Bezirksb├╝rgermeisters Herrn Klaus-Dieter Gr├Âhler und des Koordinators des Stolperstein-Projekts im Bezirk, Wolfgang Knoll, statt.
Hans Cohn hat die Stolpersteine f├╝r seine Eltern Hugo G. Cohn und Margarete Cohn geborene Loewy in Auftrag gegeben, die am 9. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Hans Cohn konnte der Judenverfolgung mit einem Kindertransport nach Schweden entkommen und lebt heute in Tel Aviv. Zur Verlegung der Stolpersteine reist der 87-j├Ąhrige mit seiner Familie aus Israel an. Aus dem Haus Joachimstaler Stra├če 5 wurden acht weitere BewohnerInnen Opfer der Shoa: Elsbeth Edel, Fanny Jauernig, Hans Oppenheim, Siegfried Siedner, Szerme Stein, Ella Stein, Regina Treumann und Hermine Wolff. F├╝r sie wurden noch keine Stolpersteine verlegt.

Weitere Informationen zum Stolpersteinprojekt finden Sie unter:
www.stolpersteine.com
Hinweis: F├╝r Material- und Herstellungskosten berechnet G├╝nter Demnig, Initiator und Erfinder des Stolpersteinprojektes, derzeit 95 Euro.

Informationen zu Stolpersteinen in Ihrem Bezirk finden Sie unter:
www.berlin.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Stolperstein - Dokumentarfilm ├╝ber G├╝nter Demnigs Kunstprojekt

Stolpersteine - ein unbequemes Projekt

Zwei neue Stolpersteine in Neuk├Âlln

Jüdisches Leben Beitrag vom 06.04.2010 AVIVA-Redaktion 





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