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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.08.2012

Als Gro├čvater Rita Hayworth liebte - Ein Film von Iva Svarcov├á aus dem Jahr 2001. Ab 21. August 2012 auf DVD
Laura W├Âsch

In einer skurril-melancholischen Kom├Âdie erz├Ąhlt die Regisseurin die Geschichte einer EinwandererInnenfamilie, die im Westdeutschland der Siebziger Jahre nach einem neuen Lebensmittelpunkt sucht.



Anl├Ąsslich des Jahrestags der gewaltsamen Niederschlagung des "Prager Fr├╝hlings" am 21. August 1968 erscheint exklusiv bei Basis-Film der vielfach ausgezeichnete Spielfilm von Iva Svarcov├í aus dem Jahr 2001 auf DVD.


"Ein kleiner Schritt f├╝r mich, ein gro├čer Schritt f├╝r die Menschheit."

W├Ąhrend Neil Amstrong seine ersten Fu├čabdr├╝cke auf dem Mond hinterl├Ąsst, ├╝bertritt Hannahs (Karen Fischer) Familie, kurz nach dem gewaltsamen Ende des Prager Fr├╝hlings, die Grenze ihres Herkunftslandes. Was die Familie hinter dem Grenzposten erwartet, ist ebenso unbekanntes Terrain: das Wirtschaftswunder Deutschland. Hannahs Grenz├╝berschreitung in eine neue Welt bleibt jedoch von der Menschheit unbeobachtet - alle bestaunen die Astronauten im All, w├Ąhrend das Leben einiger Menschen auf Erden weniger glamour├Âse Bahnen einschl├Ągt, sich deren Zentrum verliert.

Hannah und ihre Familie emigiriert bei Nacht, ihr Ziel bestimmt der Zufall eines M├╝nzwurfs. Den geliebten Gro├čvater m├╝ssen sie in der Heimat zur├╝cklassen. Eine solche Strapaze komme f├╝r einen alten Herrn wohl nicht mehr in Frage. "Eine Emigration dauert manchmal ein ganzes Leben", erkl├Ąrt er seiner Enkelin. Auf Gro├čvater Zigmund (Vlastimil Brodsk├Ż) konnte sich Hannah stets verlassen wie auf den allabendlichen Moment, wenn der Mond am Himmel auftaucht. Seine ├ťberzeugungen waren manifest, an ihnen entlang konnte Hannah sich ihre eigenen Meinungen bilden. Dass sie dem Verfassungschutz in Deutschland seine kommunistische Vergangenheit besser verschweigen h├Ątte sollen, sieht Hannah nicht ein. Auch ihre Schwester Maruschka (Veronica Albrecht) verh├Ąlt sich wenig diplomatisch und ergibt sich den Verwirrungen ihres neuen Lebens. "Ich will nach Hause" sagt sie permanent. Zun├Ąchst auf Tschechisch, dann auf Deutsch, sp├Ąter verweigert sie verbalen Austausch. Emigrieren macht keinen Spa├č. Vater Kuba (Vladim├şr Hajdu), ein in der CSSR verfolgter Intellektueller, muss sich nun auf dem Bau sein Geld verdienen, Mama Lida (Ewa Gawryluk) ergibt sich dem Konsumrausch, Tochter Hannah plappert antikapitalistische Parolen nach.

Regisseurin Iva Svarcov├í zeichnet in ihrem Film Bilder zweier Gesellschaften, die sich politisch wie ideologisch im Widerspruch zueinander entwickeln. W├Ąhrend sich in den Nachbarl├Ąndern der Sozialismus zunehmend ausbreitet, boomt in Westdeutschland der Kapitalismus. Iva Svarcov├í, geboren in der CSSR, greift dabei auf ihre eigenen Erlebnisse aus jener Zeit zur├╝ck, in der sie als Kind ihre Heimat in Richtung Deutschland verlassen musste. Ihre Erfahrungen spiegeln sich in der Erlebniswelt ihrer Hauptprotagonistin Hannah wieder. Deren Ansichten sind jedoch weniger diplomatisch, mehr ehrlich und schonungslos. An jener Stelle, an der Hannahs Weltbild bereits schemenhafte Formen angenommen hatte, ist nun nur mehr Platz f├╝r Trotz und Melancholie. Sie f├╝hlt sich betrogen. Auch die Verschwiegenheit ihrer Schwester Maruschka veranschaulicht die konsequente ├ťberforderung. Was den Schwestern bleibt, ist ein ver-r├╝cktes Weltbild, dessen Konturen erst nach und nach neu gezeichnet werden m├╝ssen. F├╝r zwei kleine M├Ądchen eine gro├če Aufgabe.

Ambivalent bleibt auch Scarvoc├ís Blick auf die westdeutsche Gesellschaft. Sie spielt mit dem Klischee der bigotten Kleinfamilie, die am Mittagstisch betet, aber untereinander nicht viel zu sagen hat, der Wagnerianer im gegen├╝berliegenden Wohnblock hingegen wird nicht zwangsweise als Altnazi abgestempelt. Fast p├Ądagogisch st├Â├čt die Regisseurin Hannah behutsam auf Dinge, die ihr helfen sollen, den Blick auf die Welt selbst zu sch├Ąrfen. Wohl oder ├╝bel muss Hannah lernen, ohne die ideologische Instanz des Gro├čvaters leben zu k├Ânnen. Jedoch erst nach dessen Tod begreift sie, dass sie die Verantwortung f├╝r ihr Leben selbst in die Hand nehmen, sie sich selbst Mittelpunkt sein muss. F├╝r sie bedeutsame Schritte, sind wom├Âglich nur kleine Schritte f├╝r die Menschheit, kommt sie zum Schluss und musste daf├╝r nur ihre eigene Umlaufbahn verlassen.

Zur Regisseurin: Iva Svarcov├í, geboren 1961 in Tschechien, studierte Film an der DFFB. Sie wirkte als Regisseurin, Drebuchautorin und Produzentin an vielen Kurzfilmen mit, unter anderem "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm wei├č" (2004), "Blick durchs Fenster" (1994), "B├Âhmische D├Ârfer" (1994), "Mulo - eine ''Zigeuner''-Geschichte" (1993), "Schalom, und Guten Tag, Tatjana" (1991) und "Die Frau seines Lebens" (1990). Ihre Arbeiten wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Publikumspreis Bester Spielfilm auf den Internationalen Grenzland-Filmtage Selb, dem Bundeskurzfilmpreis, dem Prix Futura, dem Prix Europa und dem Max Oph├╝ls Preis. Ihr Kinodebut "Als Gro├čvater Rita Hayworth liebte" wurde 2000 auf dem FilmFestival Cottbus uraufgef├╝hrt und gewann den ersten Preis im Wettbewerb des Kinder- und Jugendfilms.

AVIVA-Tipp: Svarcov├í skizziert ein ├Ąu├čerst vielschichtiges Weltbild, das sich gleicherma├čen aus einer Au├čen-, wie Innenansicht entwirft. Die tendenziell k├╝hle Realit├Ąt von EinwandererInnenfamilien taucht sie in ein w├Ąrmendes Licht, ohne die Realit├Ąt komplett zu verschleiern. Entstanden ist ein melancholisch-liebevoller, undogmatischer Film ├╝ber das Fremdsein und Erwachsenwerden.

Als Gro├čvater Rita Hayworth liebte
Ohne L├Ąndercode
Buch und Regie: Iva Svarcová
DarstellerInnen: Karen Fischer, Vlastimil Brodksk├Ż, Veronika Albrechtov├í, Ewa Gawryluk, Vladimir Hajdu, Charles Bauer, Dagmar Manzel, Jiri Menzel
Verleih: Basis-Film Verleih GmbH
V├ľ: 21. August 2012
Laufzeit: 87 Minuten
Technische Details:
Bildformat: 16:9 (1:1,85)
Tonformat: Dolby Digital 2.0/5.1
Sprachen: OF in tschechisch und deutsch, mit abwechselnden deutschen und tschechischen Untertiteln.
FSK ab 6 freigegeben
DVD-Start: 21. August 2012
www.basisfilm.de


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Kultur Beitrag vom 22.08.2012 AVIVA-Redaktion 





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