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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.05.2013

Lore - Ein Film von Cate Shortland nach dem Roman The Dark Room von Rachel Seiffert. Ab 31. Mai 2013 auf DVD
Martina Wittneben

Als ihre Eltern als Nazis verhaftet werden, sind die 15-j├Ąhrige Lore und ihre vier j├╝ngeren Geschwister auf sich allein gestellt. Die beschwerliche Reise quer durch das von Alliierten besetzte..



... Deutschland l├Ąsst das heile Bild, an das sich Lore klammert, St├╝ck f├╝r St├╝ck zerbrechen.

... beschwerliche Reise quer durch das von Alliierten besetzte Deutschland l├Ąsst das heile Bild, an das sich Lore klammert, St├╝ck f├╝r St├╝ck zerbrechen.

Als Lores Vater (Hans-Jochen Wagner) nach Jahren in Wei├črussland 1945 in das gutsituierte Haus der Familie in S├╝ddeutschland zur├╝ckkehrt, muss alles ganz schnell gehen. Doch auch die hastige Flucht der Eltern, beide hochrangige Nazi-Funktion├Ąre, kann nicht verhindern, dass sie von den Amerikanern zur Rechenschaft gezogen werden. Als der Vater festgenommen wird und auch der Mutter (Ursina Lardi) klar wird, dass sie ihrem Schicksal nicht entkommen kann, ├╝berl├Ąsst sie die Kinder sich selbst. "Du musst dir keine Sorgen machen", sagt sie zu Lore (Saskia Rosendahl) als sie geht. "Ich mache mir keine Sorgen", sagt Lore mit dem Gesichtsausdruck eines M├Ądchens, das gelernt hat, f├╝r eine h├Âhere Sache seine Gef├╝hle zu unterdr├╝cken. Als ihr bewusst wird, dass sie tats├Ąchlich auf sich gestellt ist mit der etwas j├╝ngeren Schwester und den vier kleinen Br├╝dern, von denen einer noch ein Baby ist, rennt sie in einem Impuls der Mutter hinterher. Es kommt zu einer kurzen Begegnung, einem Augenkontakt - ohne Worte, ohne Umarmung, ohne Tr├Ąnen. Dann dreht sich die Mutter um, l├Ąsst die Tochter stehen und geht.

Gleich in dieser Schl├╝sselszene zu Beginn des Films wird die Pers├Ânlichkeit Lores offenbar, die von einem Bed├╝rfnis nach N├Ąhe bei gleichzeitigem Abt├Âten dieser Sehnsucht aus Treue zur anerzogenen Naziideologie zerrissen wird. Eine Zerrissenheit, die Saskia Rosendahl in einer gro├čartigen und f├╝r eine 18-J├Ąhrige ├╝beraus reifen schauspielerischen Leistung zum Ausdruck bringt.
Wie von ihrer Mutter angewiesen, macht sich Lore mit ihren Geschwistern auf den beschwerlichen Weg durch das vom Krieg verw├╝stete Land, um sich aus dem S├╝den zur Gro├čmutter an die Nordsee durchzuschlagen. Ohne Passierschein m├╝ssen die Kinder gr├Â├čere Ansiedlungen umgehen, unwegsame W├Ąlder durchqueren, sind Hunger und K├Ąlte ausgesetzt und treffen auf Menschen, die nichts ohne Gegenleistung tun. Sogar ihren kleinen Bruder schl├Ągt man Lore als Bezahlung vor, weil ein S├Ąugling mehr Essensmarken bringt.

Als sich der geheimnisvolle, wortkarge Thomas der Gruppe anschlie├čt und Lore auf seinen Papieren entdeckt, dass er, ein j├╝discher KZ-├ťberlebender ist, spitzt sich ihr innerer Konflikt immer mehr zu. Der Spagat zwischen aufkeimender Pubert├Ąt und Bed├╝rfnis nach N├Ąhe, sowie der Angst, ihren Glaubens├Ątzen untreu zu werden, geben der Figur Lores eine H├Ąrte und Rauheit der Welt und auch sich selbst gegen├╝ber, die die Zuschauerin oft befremden. Gleichzeitig spiegelt dieser Spagat mit schmerzlicher Intensit├Ąt die Not einer ├╝berforderten und verst├Ârten Kinderseele wieder, die Adam Arkapaw mit der Kamera in Bildern von atemberaubend melancholischer Poesie festh├Ąlt. Eine Bildsprache, die einer Hand, die vertr├Ąumt im klaren Wasser eines Sees spielt, eine ebenso lange Gro├čaufnahme schenkt wie den Ameisen, die auf einer Leiche krabbeln. Es ist eine lyrische Filmsprache mit bisweilen m├Ąrchenhaft traumwandlerischen Z├╝gen, die wunderbar zu der Wahrnehmung der Kinder passt, aus deren Perspektive der Film konsequent erz├Ąhlt ist.

Mit "Lore" verfilmte Cate Shortland den Booker-Price-nominierten Roman "Die Dunkle Kammer" von Rachel Seiffert. Vor allem trieb sie die Frage an, was es bedeutet, Kinder von T├ĄterInnen zu sein. Bei ihrer Recherche stie├č sie auf die Aussagen der drei Kinder des NS-Architekten Albert Speer. Sie hatten ihren Vater nie Fragen zum Holocaust und seiner Rolle im NS-Staat gestellt, oder wie dessen Tochter Hilde Schramm "nur bis zu einem bestimmten Punkt", weil sie "die Antworten nicht ertragen h├Ątten". Auch Lore hat gelernt, keine Fragen zu stellen und weicht Antworten aus, weil sie zu schmerzhaft sind. Nur l├Ąsst die Realit├Ąt, die sich vor ihren Augen auftut, ihre Zweifel und damit die Risse in der Fassade ihrer alten Welt immer gr├Â├čer werden. Ganz subtil bohrt sich der Stachel der Erkenntnis in Lores Bewusstsein, dass die Eltern sie belogen haben und sich hinter dem Schleier der nationalsozialistischen "Idylle" eine Welt voller Grausamkeit, Mord und Schuld verbirgt. Eine Welt, in der die eigenen Eltern zu T├ĄterInnen werden und sie, die Tochter, ein Kind von T├ĄterInnen.

Die Reise durch das in Schutt und Asche liegende Kriegsdeutschland wird dabei immer mehr auch zur inneren Reise Lores. Eine Reise, an deren Ende zwar die Ankunft bei der Gro├čmutter, gleichzeitig aber auch der endg├╝ltige Verlust einer Illusion von Halt und Geborgenheit stehen.

Zur Regisseurin: Cate Shortland, geboren 1968 in Australien. Nachdem bereits ihre ersten vier Kurzfilme international ausgezeichnet wurden, hat das Spielfilm-Debut "Somersault ÔÇô wie Parfum in der Luft" vor acht Jahren in der Rubrik "Un Certain Regard" bei den Filmfestspielen in Cannes weltweit f├╝r Aufmerksamkeit gesorgt und zahlreiche Preise gewonnen. Dort wie auch jetzt in ihrem zweiten Film zeigt die Regisseurin ein feines Gesp├╝r f├╝r junge DarstellerInnen. "Lore" hat f├╝r die Regisseurin auch einen starken pers├Ânlichen Bezug, weil die deutsch-j├╝dische Familie ihres Mannes 1936 Berlin verlassen musste. F├╝r die Fotos, die die Filmfigur Thomas in der Brieftasche mit sich tr├Ągt, verwendete sie authentische Familienfotos. Die deutsch-australisch-britische Koproduktion "Lore", die von der Regisseurin bewusst in deutscher Sprache gedreht ist, hat 2012 beim Internationalen Filmfestival in Locarno ├╝berzeugt und den Publikumspreis gewonnen. Australien reichte "Lore" offiziell f├╝r den diesj├Ąhrigen Oscar als "Bester Fremdsprachiger Film" ein. Au├čerdem wurde Lore mit vier Nominierungen zum Deutschen Filmpreis ausgezeichnet (Bester Film, Beste Kamera, Beste Musik, Bestes Kost├╝mbild). Weitere Auszeichnungen: Filmfest Hamburg 2012: Preis der Hamburger Filmkritik, Hessischer Filmpreis 2012


AVIVA-Tipp: "Lore" ist ein Film von gro├čer atmosph├Ąrischer Dichte, der durch eindringliche Bildkompositionen und die fulminante schauspielerische Leistung seiner jungen Hauptdarstellerin tief ber├╝hrt. Aus der Perspektive eines Kindes und seiner Geschwister wirft "Lore" einen verst├Ârenden Blick auf die letzen Tage von Nazideutschland und hinterl├Ąsst Bilder, die ├╝ber den Film hinaus nachwirken.

Lore
Deutschland, Australien, UK, 2012
Regie: Cate Shortland
Drehbuch: Cate Shortland, Robin Mukherjee nach dem Roman "The Dark Room" von Rachel Seiffert
DarstellerInnen: Saskia Rosendahl, Kai Malina, Nele Trebs, Ursina Lardi, Hans-Jochen Wagner, Mika Seidel, Andr├ę Fried, Eva-Maria Hagen
Produktion: Karsten St├Âter, Liz Watts, Paul Welsh, Benny Drechsel
Label: Piffl Medien/good!movies. V├ľ: 31. Mai 2013
DVD - Ausstattung
Laufzeit:109 min + Bonus
Sprachen: Deutsch, Untertitel: Englisch, Franz├Âsisch
Extras: Making of, Kinotrailer, ausf├╝hrliches Booklet
FSK: 16
Indigo-Bestell-Nr.:DV 974098 ++ EAN:4047179740982

Weitere Infos und den Trailer finden Sie unter: www.lore-der-film.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Somerset ÔÇô Wie ein Parfum in der Luft

Interview mit Cate Shortland (2005)

Die Lebenden. Ein Film von Barbara Albert

Karin Weimann - Sisyphos┬┤ Erbe. Von der M├Âglichkeit schulischen Gedenkens (2013)

Hilde Schramm - Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959. Nachforschungen (2012)


Kultur Beitrag vom 30.05.2013 AVIVA-Redaktion 





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