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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.11.2012

Die Stimme meines Vaters - Babamin Sesi. Ein Film von Orhan Eskiköy und Zeynel Dogan. Kinostart: 15. November 2012
Evelyn Gaida

Landschaftsbilder von berĂŒckender Schönheit: eine alte Frau steigt allein auf einen Bergkamm, um dort fĂŒr die RĂŒckkehr ihres Sohnes Hasan zu beten, der als kurdischer KĂ€mpfer in den Untergrund 




... gegangen ist. In "Die Stimme meines Vaters" durchbricht BasĂȘ, eine kurdische Alevitin in der TĂŒrkei, langsam ihr jahrelanges Schweigen und die VerdrĂ€ngung.

BasĂȘ blickt zurĂŒck auf ein Leben voller Entbehrungen und Arbeit: Allein hat sie die Kinder großgezogen, sich um die Schwiegereltern und das Haus gekĂŒmmert. Ihr Mann Mustafa musste in einem anderen Land Arbeit suchen, konnte nur alle zwei bis drei Jahre nach Hause zu seiner Familie kommen. Da BasĂȘ weder lesen noch schreiben gelernt hat, sind Tonbandaufnahmen das einzige Medium, durch das sie und Mustafa aus der Ferne miteinander kommunizieren können, bis er bei einem Arbeitsunfall ums Leben kommt. Auch im Alter beharrt sie auf ihrer SelbstĂ€ndigkeit und möchte lieber in ihrem eigenen Haus bleiben, statt zu ihrem jĂŒngeren Sohn Mehmet und seiner Frau in die Stadt zu ziehen. Nachdem Mehmet eines der TonbĂ€nder seiner Eltern in die HĂ€nde gefallen ist, lĂ€sst ihn das Bewusstsein nicht mehr los, seinen Vater nie gekannt zu haben. Er besucht seine Mutter und stellt Fragen, doch BasĂȘ bleibt verschlossen. Erst nach und nach öffnet sie sich zögerlich.

"Die Stimme meines Vaters" basiert auf einer wahren Geschichte, Co-Regisseur Zeynel Dogan und seine eigene Mutter BasĂȘ spielen die Hauptrollen. Sowohl den beiden HauptdarstellerInnen als auch der Regie gelingt die große Kunst, das Schweigen und die Stille zum Sprechen zu bringen - wie die TonbĂ€nder der Vergangenheit, die vor dem Hintergrund von Naturbildern, kargen Zimmern und BasĂȘs lauschendem, sich erinnerndem Gesicht zu hören sind. Die Kamera fokussiert zumeist unbewegt einen Bildausschnitt, in dem die Handlung ablĂ€uft, erzeugt eine zeitlos nachhallende Bildsprache. Die Metaphorik des Films erinnert an das geröllige "Leidland" Rilkes in der zehnten seiner berĂŒhmten Duineser Elegien: "Wir waren, / sagt sie, ein Großes Geschlecht, einmal, wir Klagen. Die VĂ€ter / trieben den Bergbau dort in dem großen Gebirg; bei Menschen / findest du manchmal ein StĂŒck geschliffenes Ur-Leid / oder, aus dem alten Vulkan, schlackig versteinerten Zorn."

Gerade die SpĂ€rlichkeit der Informationen, ihr mosaikartiges Auftauchen und der urwĂŒchsige Minimalismus des Films verleihen ihnen eine große Kraft und die Wucht des Unverhofften. In einem solchen Film kann ein flĂŒchtiges Detail unsagbar viel wirkmĂ€chtiger sein, als eine pompöse Hollywood-Produktion. Es wird nie angeprangert oder geklagt, es wird ruhig erzĂ€hlt. Die Kinder sollten sich integrieren und von den Schwierigkeiten nichts erfahren, damit sie ohne Hass aufwachsen könnten, sagt Mustafa auf einer der Tonbandaufnahmen. Als Mehmet im Keller seiner Mutter alte Zeitungsausschnitte findet, berichtet BasĂȘ schließlich von Massakern, die in der Stadt mit Beilen und Äxten an den AlevitInnen verĂŒbt wurden. Die Mitglieder dieser Glaubenslehre richten sich nicht nach der Scharia, werden in der TĂŒrkei noch heute stark benachteiligt und nicht als eigenstĂ€ndige Religion anerkannt. In der Schule sollten BasĂȘs Söhne nur tĂŒrkisch sprechen, statt kurdisch, und wurden auch von den Lehrern fĂŒr die Namen ihrer Eltern ausgelacht.

Die einfachen, zurĂŒckhaltenden Dialoge und Aussagen oder die schweigenden Gesichter BasĂȘs und Mehmets sprechen in einer Sprache wortlosen Verlusts von ihren generationenĂŒbergreifend fortdauernden inneren Konflikten, ihrer Entwurzelung und Beraubung. BasĂȘs leise, unauslöschliche ZĂ€higkeit, ihr ungebrochenes Verwachsensein mit der Natur ihrer Heimat – buchstĂ€blich vor Augen gefĂŒhrt von der Transporterladung frischer Erde, die Mehmet fĂŒr ihren Garten besorgt – zeugt gleichzeitig von etwas, das niemand ihr nehmen kann.

AVIVA-Tipp: "Die Stimme meines Vaters" ist ein herausragender, zeitloser Film voller Stille und großer Ausdruckskraft. Eine vorsichtige AnnĂ€herung zwischen Mutter und Sohn, zwischen der Gegenwart und der konflikt- und entbehrungsreichen Vergangenheit einer auseinandergerissenen kurdischen Familie in der TĂŒrkei.

Zu den Regisseuren: Orhan Eskiköy wurde 1980 in Istanbul geboren und studierte "Public Relation" an der FakultĂ€t fĂŒr Kommunikationswissenschaften der UniversitĂ€t in Ankara. WĂ€hrend dieser Zeit produzierte er bereits Filme und arbeitete als Kameramann und Regieassistent. Nach seinem Examen war er von 2005 bis 2007 Fachmann fĂŒr Videoproduktion im Zentrum fĂŒr Fernstudien. Mit ÖzgĂŒr und Zeynel Dogan grĂŒndete er 2008 PeriĂŸan Film. Seine Dokumentation "On The Way To School", die unter anderem vom Sundance Institut gefördert wurde, erreichte ĂŒber 100.000 ZuschauerInnen in tĂŒrkischen Kinos.
Zeynel Dogan arbeitete nach seinem Examen im Fachbereich "Journalismus" der FakultĂ€t fĂŒr Kommunikationswissenschaften der UniversitĂ€t Andalou von 2003 bis 2005 in Diyarbakir als Chefredakteur von GĂŒn TV. Heute ist er unabhĂ€ngiger kurdischer Dokumentarfilmemacher und Leiter des Medienzentrums von Diyarbakir, wo die Anwendung zeitgenössischer Videotechnik unterrichtet wird. Dogan ist auch Mitglied der Filmemacherinitiative bei PeriĂŸan Film. (Quelle: Aries Images)

Die Stimme meines Vaters
Babamin Sesi
TĂŒrkei/Deutschland/Frankreich 2012
Regie: Orhan Eskiköy und Zeynel Doðan
Buch: Orhan Eskiköy
DarstellerInnen: BasĂȘ Dogan, Zeynel Doan, GĂŒlizar Dogan u.a.
Verleih: Aries Images
LauflÀnge: 88 Minuten
FSK: 0
Kinostart: 15. November 2012

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.babamin-sesi.de

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