No Place on Earth - Kein Platz zum Leben. Ab 09. Mai 2013 im Kino - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kultur
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Frauensommer 2018 - Mythos 68 WOHNE LIEBER UNGEW√ĖHNLICH
AVIVA-Berlin > Kultur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Kultur live
   Kino
   DVDs
   Veranstaltungen in Berlin
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 08.05.2013

No Place on Earth - Kein Platz zum Leben. Ab 09. Mai 2013 im Kino
Madeleine Jeschke

Janet Tobias bewegender Dokumentarfilm nach den Memoiren von Esther Stermer erz√§hlt von der √úberlebensgeschichte einer j√ľdischen Familie in der Ukraine, die sich, um der Verfolgung durch die Nazis..



... zu entgehen, anderthalb Jahre in fast ununterbrochener Finsternis in einer Höhle versteckt hatte.

Erz√§hlt wird die Geschichte der Gro√üfamilien Stermer und Wexler, zwei Familien der √ľber 1,5 Millionen Juden und J√ľdinnen, die vor dem Holocaust in der Ukraine lebten. Wie viele andere D√∂rfer der Gegend, gab es auch in Korolowka, dem Heimatort der Stermers, eine nachbarschaftliche Gemeinschaft aus Juden, Polen und Ukrainern. Das √§nderte sich Ende der 1930er Jahre mit dem zunehmenden Faschismus. Die politisch interessierte Matriachin Esther Stermer, die Polnisch, Jiddisch und Russisch sprach, war durch verschiedene Zeitungen √ľber das aktuelle Geschehen gut informiert und sich der aufkommenden Gefahr bewusst. 1939 verkaufte sie Haus und Hof, um mit ihrer Familie nach Kanada zu emigrieren. Fotos wurden gemacht, alle erforderlichen Ausreisepapiere beantragt, doch kurz bevor die Flucht ins rettende Ausland gelang, brach der Krieg aus. Drei Jahre lang konnten die j√ľdischen Familien noch unter immer gr√∂√üer werdenden Schwierigkeiten in ihrem Dorf existieren. Um der Deportation in ein Ghetto zu entgehen, beschloss Esther Stermer im Oktober 1942, dass sich die gesamte Familie verstecken musste. Damit traf sie eine mutige Entscheidung: Ihr Plan war es, mit der gesamten Familie, T√∂chter, S√∂hne und deren Kinder, in der nahegelegenen Verteba-H√∂hle im Tal von Bliche Zlota Schutz zu suchen. Dort versteckten sie sich zusammen mit anderen j√ľdischen Familien, nicht wissend, wie lange sie dort ausharren w√ľrden. Insgesamt waren es 28 Menschen, f√ľr die es auf der Erde "keinen Platz zum Leben" gab.

Im April 1943 wurde die Gruppe von der Gestapo aufgesp√ľrt, die meisten konnten sich √ľber einen einen geheimen, zuvor angelegten Ausgang retten, f√ľnf von ihnen wurden jedoch verhaftet, darunter auch Esther Stermers Schwester Leiche Wexler und ihr Sohn Leo. Die Gefangenen wurden, mit der Anweisung alle zu erschie√üen, der ukrainischen Polizei √ľbergeben. Die M√§nner der Stermer Familie handelten einen Deal aus, um ihre Angeh√∂rigen frei zu bekommen. Der Tausch sah vor, dass sie neben Gold auch f√ľnf Tote pr√§sentieren mussten, die der Gestapo als Beweis √ľbergeben werden konnten. Um dieser unmenschliche Forderung nachzukommen, suchten sie in den Gr√§bern auf dem j√ľdischen Friedhof nach "passenden" Verstorbenen. Bis auf eine Kinderleiche konnten sie diese Bedingung erf√ľllen. Die ukrainischen Polizisten hielten sich dennoch nicht an die Abmachung. Versprochen hatten sie den Gefangenen, sie k√∂nnten weglaufen, nachdem sie f√ľnf Mal in die Luft geschossen h√§tten. Sie schossen drei Mal in die Luft, ermordeten aber Leiche Wexler und ihren Sohn Leo.
Traumatisiert und am Ende ihrer Kr√§fte mussten die Familien schnell ein neues und sicheres Versteck finden. Nach verzweifelter Suche entdeckte Esther Stermers √§ltester Sohn, Nissel, ein Loch in der Erde, das sich als die √ľber 123 Kilometer lange "Priestergrotte" entpuppte. Insgesamt 38 Menschen rutschten durch einen engen Eingang voll von Matsch und Dreck, tief hinunter, in ein ungewisses Dunkel.

F√ľnf Familien k√§mpften hier um ihr √úberleben. Zwar gab es S√ľ√üwasserquellen, ansonsten aber fehlte es an allem. Die Stermer-Br√ľder gingen heimlich und unter gro√üen Gefahren ins Dorf, besorgten Nahrung und brachten sogar einen M√ľhlstein sowie andere brauchbare Gegenst√§nde in die H√∂hle. Insgesamt 511 Tage, bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 12. April 1944, harrten die Menschen in ihrem unterirdischen Versteck aus. Als sie wieder an die Oberfl√§che kamen, hatten die Frauen und Kinder seit √ľber einem Jahr kein Tageslicht mehr gesehen.

50 Jahre sp√§ter entdeckte der New Yorker H√∂hlenforscher Christopher Nicola in dieser H√∂hle Kn√∂pfe, Schuhe, Medizinfl√§schchen und andere Alltagsgegenst√§nde, die die Familien zur√ľcklie√üen. Der erstaunliche Fund erweckte seine Neugier. Auf wiederholte Nachfragen im Dorf antworteten ihm die DorfbewohnerInnen zun√§chst nur mit Schweigen. Es brauchte zehn Jahre Nachforschungen bis er schlie√ülich erfuhr, dass es sich um Relikte von f√ľnf j√ľdischen Gro√üfamilien handelte, die sich dort im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis versteckten. Ohne Nicolas zuf√§llige Entdeckung h√§tte diese Geschichte nie eine breitere √Ėffentlichkeit gefunden.

In "No Place on Earth", der im Rahmen des 19. J√ľdischen Filmfestivals Berlin und Brandenburg seine Deutschlandpremiere feierte, verbindet Janet Tobias beide Geschichten, die von Chris Nicolas langer und intensiver Recherche nach den BewohnerInnen der H√∂hle und jener, die dort unter unmenschlichen Bedingungen 18 Monate aushielten.

In Interviews mit den Überlebenden heute und basierend auf den Memoiren von Esther Stermer "We fight to survive" aus dem Jahr 1960, erzählt die Regisseurin die Geschichte der Familien und ihren Kampf ums Überleben unter der Erde.
Spielfilmsequenzen unterlegen das Gesprochene, ohne zu viel beizuf√ľgen. Besonders das behutsame Einsetzen von Beleuchtungsequipment zeichnet die nachgestellten Szenen aus und l√§sst die ZuschauerInnen die Realit√§t des Lebens in der Dunkelheit nachf√ľhlen.
Tobias schafft die Verbindung zur Gegenwart, indem sie Chris Nicolas Suche nacherz√§hlt. Am Ende des Films f√ľhrt er vier der sieben heute noch lebenden Familienmitglieder zur√ľck in die Ukraine. Nach 66 Jahren besuchten Saul Stermer, Sam Stermer, Sonia Dodyk und Sima Dodyk die H√∂hlen noch einmal. Saul Stermer war zu diesem Zeitpunkt 91 Jahre, die anderen waren alle √ľber 70 und 80 Jahre alt. Einige hatten ihre Enkelkinder mitgenommen, die im gleichen Alter waren wie sie damals. Auch sie sind in die H√∂hle hinabgestiegen, einer der bewegendsten Momente des Films.

"Jetzt wei√ü ich wo ich bin. Jetzt f√ľhle ich mich wohl." waren Saul Stermers Worte, nachdem das Filmteam auf seine Bitte hin die Lichter auszuschaltete. F√ľr die Familien war die unterirdische H√∂hle keine Bedrohung oder Gef√§ngnis, sie war eine Zuflucht, der einzige Ort an dem sie leben konnten. Himmel und H√∂lle tauschten die Pl√§tze. Laut Esther Stermer lebten die wahren D√§monen oberhalb der Erde.
Auch der Besuch des ehemaligen Heimatorts l√∂ste traurige Erinnerungen aus. "Wo sind blo√ü all die Menschen?" fragte Sam Stermer. Es leben heute keine Juden mehr in Korolowka. Von dem 1,5 Millionen J√ľdinnen und Juden in der Ukraine haben nur f√ľnf Prozent den Holocaust √ľberlebt.

AVIVA-Tipp: No place on Earth erh√§lt durch seine besondere Mischung aus Interviews und aufwendig gedrehten Spielfilmsequenzen eine, f√ľr einen Dokumentarfilm, au√üergew√∂hnliche Spannung. Die Verbindung von Chris Nicolas Suche nach den √úberlebenden und deren R√ľckkehr in die H√∂hlen bringt die Geschichte in die Gegenwart und macht sie f√ľr die ZuschauerInnen auf einer pers√∂nlicheren Ebene erfahrbar.

Zur Regisseurin: Janet Tobias studierte an der Yale Universit√§t und arbeitet als TV-Produzentin, Regisseurin und Drehbuchautorin. Sie wurde unter anderem mit dem Silver Gabel Award f√ľr den Dokumentarfilm "Juvenile Justice", ausgezeichnet, mit einem Emmy f√ľr "Life 360". Tobias erhielt weitere Fernseh- und Rundfunkpreise, sowie Auszeichnungen f√ľr herausragenden Journalismus. 2001 gr√ľndete sie ihre eigene TV- und Filmproduktionsgesellschaft, Sierra/Tango Productions. Mehr Infos unter: www.sierratangoproductions.com

No Place on Earth - Kein Platz zum Leben
Deutschland, USA, Großbritannien, 2012
Regie: Janet Tobias
Verleih: Senator Filmverleih
Produktion: Janet Tobias, Rafael Mamor, Paul Laikin, Nadav Schiman, Susan Barnett, Zita Kisgergely
Drehbuch: Paul Laikin
ProtagonistInnen: Christopher Nicola, Saul Stermer, Sam Stermer, Sonia Dodyk, Sima Dodyk
DarstellerInnen: Katalin L√°b√°n, Bal√°zs P√©ter Kiss, D√°niel Heged√ľs, Bal√°zs Barna H√≠dv√©gi, Orosz Andr√°s, Fruzsina Pelik√°n, Mira Bonelli, N√≥ra Kov√°cs, Bernadett S√°ra Borlai, Zs√∂mbey P√©ter, Norbert Gogan, R√©ka Gavaldi, Zucker Emanuell Vikt√≥ria Szil√°gyi, u.v.a.
Musik: John Piscitello
Ton: Lewis Goldstein
Kamera: César Chalone, Eduard Grau, Sean Kirby, Peter Simonite
Schnitt: Deirdre Slevin, Claus Wehlisch
Länge: 84 Minuten
Kinostart: 09. Mai 2013
www.noplaceonearthfilm.com

Weitere Informationen finden Sie unter:

National Geographic Adventure Magazine

Die Memoiren von Esther Stermer, "We fight to survive": www.goodreads.com

Off the Face of the Earth - Peter Lane Taylor

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Wunderkinder

Aharon Appelfeld - Katerina

Alexander Granach - Da geht ein Mensch. Ein Film von Angelika Wittlich

Der weisse Rabe - Max Mannheimer. Ein Film von Carolin Otto


Kultur Beitrag vom 08.05.2013 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken