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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.06.2013

re.act.feminism #2 ÔÇô a performing archive. Ausstellung bis 18. August 2013 in der Akademie der K├╝nste
Sabine Reichelt

Die Kuratorinnen Bettina Knaup und Beatrice Ellen Stammer r├╝cken queer-feministische Performancekunst der letzten 50 Jahre ins Rampenlicht. Unter den K├╝nstler_innen sind Gr├Â├čen wie Yoko Ono, ...



... Marina Abramovic oder VALIE EXPORT, aber auch j├╝ngere Performer_innen wie Mary Coble aus D├Ąnemark oder Ghazel aus dem Iran finden hier eine Plattform: Das Archiv zeigt eine Pluralit├Ąt an Generationen, Regionen, Kulturen und Perspektiven.

Die brasilianische K├╝nstlerin und Chemikerin Let├şcia Parente f├Ądelt den Faden durch das Nadel├Âhr und n├Ąht dann mit ge├╝bter und sicherer Hand "Made in Brazil" in ihre Fu├čsohle. Die Performance tr├Ągt den Namen "Marca Registrada" und entsteht 1975 w├Ąhrend der Milit├Ąrdiktatur in Brasilien. Die Kunstschaffende macht damals auf den zweischneidigen Wirtschaftsaufschwung des s├╝damerikanischen Landes aufmerksam.

2004 klebt sich Mary Coble, die aus den USA stammt und jetzt in Kopenhagen lebt, mit dickem schwarzen Klebeband ihre Br├╝ste ab und zieht das Band in den folgenden Minuten immer wieder herunter, klebt es wieder an, zieht es wieder ab etc. "Binding Ritual, Daily Routine" nennt sie ihre Performance, die Geschlechternormen und deren Gewalt kritisiert, die sie auf Menschen aus├╝ben. Beide Kunstwerke verursachen beim Betrachten geradezu k├Ârperliche Schmerzen und zeigen eindrucksvoll, wie Kunst beim konkreten Erfahren durch ein Publikum wirkt.

Let├şcia Parente: "Prepara├ž├úo I", 1976, Video still
Courtesy: Projeto Leticia Parente Collection


Die Ausstellung "re.act.feminism #2 ÔÇô a performing archive" h├Ąlt viele ├Ąhnliche Erfahrungen bereit, auch viele weniger schmerzhafte. Gezeigt werden aktuell ├╝ber 250 queer-feministische Film-, Video- und Fotoarbeiten von 180 K├╝nstler_innen und Kollektiven von den 1960er Jahren bis heute. Doch es handelt sich um ein "tempor├Ąres, wanderndes und wachsendes Archiv", wie Kuratorin Bettina Knaup betont. Von 2011 bis 2013 war die Pr├Ąsentation in ganz Europa auf Tour und reiste durch Partnerinstitutionen in Spanien, Polen, Kroatien, D├Ąnemark und Estland. ├ťberall kamen und kommen dabei weitere Arbeiten und K├╝nstler_innen hinzu.

Die Sammlung zeigt eine Vielfalt der Generationen, Kulturen, Regionen und Perspektiven. Die Performer_innen stammen aus Ost- und Westeuropa, dem Mittelmeerraum, den USA, den L├Ąndern Lateinamerikas und dem Nahen Osten. Ghazel ist eine iranische K├╝nstlerin, deren "Me series" (1997ÔÇô2008) in der Akademie der K├╝nste zu sehen ist. Einen Tschador tragend f├╝hrt sie dabei verschiedene Sportarten und T├Ątigkeiten aus, f├Ąhrt Wasserski, boxt und sonnt sich, und zeigt in diesen oft witzigen Szenen sich selbst zwischen den Kulturen und den eurozentristischen Blick auf muslimische Traditionen.

Ghazel: "Me series", 1997ÔÇô2008
┬ę Sabine Reichelt


Bettina Knaup und Beatrice Ellen Stammer kn├╝pfen mit ihrer Ausstellung in der Akademie der K├╝nste an eine Tradition an, die bereits 1976 begann. Damals wurden unter dem Titel "Soho ÔÇô Downtown Manhattan" Theater- und Musikveranstaltungen, Performances, Videos und Filme pr├Ąsentiert. Erste Einblicke in das "re.act.feminism"-Archiv konnten Interessierte au├čerdem 2008/09 erhalten, als es zum ersten Mal am Hanseatenweg gezeigt wurde. "Doch wie archiviert man eine so fl├╝chtige Kunst, die im Moment ihrer Auff├╝hrung immer wieder neu und anders entsteht?", fragt sich Nele Hertling, Vizepr├Ąsidentin der Akademie der K├╝nste. Die Exposition h├Ąlt Altes fest, bietet aber auch die M├Âglichkeit, das Neues entsteht.

Im Archivraum befinden sich Film-Stationen: In und auf Transportkisten stehen Bildschirme, Kopfh├Ârer liegen bereit. Die einzelnen Performances sind auf DVDs gebannt und nach K├╝nstler_innen katalogisiert. Jede_r kann so selbst entscheiden, was sie_er wann sehen will. Zum Beispiel den Kurzfilm"Trisal" von Gabriele St├Âtzer. Die K├╝nstlerin besch├Ąftigte sich 1986 in der DDR mit dem Mythos vom Goldenen Vlies des Widders, der erst Kinder vor dem Zorn ihrer Stiefmutter rettet und daf├╝r sp├Ąter als Dank den G┬┤tt_innen geopfert wird. Zu ihren Protagonistinnen schreibt St├Âtzer: "Ich vermittelte den Frauen ein anderes K├Ârpergef├╝hl, ich zog sie aus, entwickelte an ihnen ungewohnte Formen des k├Ârperlichen Sehens und Umgehens. Ich platzierte auf einem hockenden K├Ârper eine Reihe gekochter Eier entlang des R├╝ckgrates, filmte sie beim Fischrogenessen oder beim Zerschlagen roher Eier ├╝ber ihrem an F├╝├čen h├Ąngenden K├Ârper. Ich suchte und versuchte an ihnen den weiblichen K├Ârper."

Gabriele St├Âtzer: "Verschmelzung", 1983, Photo-book (detail), series of 12 b/w photographs
Courtesy: Gabriele St├Âtzer


Die bildende K├╝nstlerin und Schriftstellerin war zur DDR-Zeit in subkulturellen Kreisen aktiv, wurde massiv von der Stasi ├╝berwacht und musste schlie├člich ein grausames Jahr im Zuchthaus Hoheneck verbringen, weil sie Unterschriften gegen die Ausb├╝rgerung Wolf Biermanns gesammelt hatte. "Eigentlich bin ich nach der Wende erst durch dieses Archiv wieder als K├╝nstlerin existent geworden." Auch das leistet "re.act.feminism". "Jetzt gebe ich Seminare zu Performance-Kunst an der Uni Erfurt."

Dem Archivraum ist ein open space gegen├╝bergestellt. Er soll einen Austausch zwischen Berliner und internationaler Kunstszene schaffen. Dort finden parallel zur Ausstellung Workshops, Vortr├Ąge, Screenings, Universit├Ątsseminare und auch Performances statt. Ein Raum f├╝r das Fl├╝chtige. Zur Ausstellungser├Âffnung zeigt Lilibeth Cuenca Rasmussen aus Kopenhagen ihre Performance "The Instrumental Man", in der sie sich mit aktuellen M├Ąnnlichkeitsbildern der westlichen Welt auseinandersetzt. Im Archiv befindet sich von ihr "A Void" (2008), ein re-enactment von 14 bekannten Performances, unter ihnen "Cut Piece" von Yoko Ono, "Art must be beautiful, artist must be beautiful" von Marina Abramovic (beide ebenfalls Teile der Sammlung) oder Yves Kleins "Anthropometries of the Blue Period".

Lilibeth Cuenca Rasmussen und Mary Coble in der Akademie der K├╝nste
┬ę Sabine Reichelt


W├Ąhrend "A Void" explizit Bez├╝ge zwischen verschiedenen Werken und K├╝nstler_innen herstellt, finden sich auch bei anderen Teilen des Archivs zahlreiche thematische Verbindungen: Nat├╝rlich Geschlechternomen, aber auch K├Ârper, (Reproduktions-)Arbeit und Widerst├Ąndigkeit. Ein eigener Teil der Ausstellung ist Manifesten von Kunstschaffende gewidmet. Da ist der Aufruf von VALIE EXPORT (1972), Kunst als ein Instrument der Frauenbewegung zu nutzen: "UND ES IST AN DER ZEIT, da├č wir frauen das ausdrucksmittel kunst ben├╝tzen, um das bewu├čtsein aller zu beeinflussen, um unsere vorstellungen in die gesellschaftliche konstruktion der wirklichkeit einflie├čen zu lassen, um eine menschliche wirklichkeit zu schaffen." Oder eine zeitgen├Âssische Position wie das "Ultrafuturist Manifesto" von Boryana Rossa und Oleg Mavromatti (2004), die darin die volle Gleichstellung von Mensch und Maschine fordern entgegen dem "eternal human desire to enslave the ┬┤Other`, impersonated by the Robot, who is obliged to serve and do the dirty job instead of us."

Mary Coble wei├č genau, was sie an Live-Performances im Unterschied zu Video-Arbeiten sch├Ątzt: "Es ist auch f├╝r mich als K├╝nstlerin ein aufregendes Erlebnis, die Reaktionen des Publikums live zu sehen. Au├čerdem mag ich die vielen Sinneswahrnehmungen dabei: Ich h├Âre die Menschen, ich rieche sie. Und ich sp├╝re ihre Energie." Und ihre n├Ąchste Live-Performance? "Die wird im Herbst in Washington D.C. stattfinden. In den USA d├╝rfen schwule M├Ąnner kein Blut spenden. Auf diese Diskriminierung will ich hinweisen. Also werde ich mir Blut abnehmen lassen und dann mit meinem eigenen Blut schreiben, w├Ąhrend schwule M├Ąnner mich in einem Rahmen umsticken. Das Ganze wird in einer Galerie stattfinden und mehrere Tage dauern." Performance lebt!

Eintritt: zur Ausstellung 4 bzw. 6 Euro, bis 18 Jahre und am 1. Sonntag im Monat frei
├ľffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11ÔÇô19 Uhr
Veranstaltungsort: Akademie der K├╝nste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin

Das Begleitprogramm im open space: www.reactfeminism.de

Weitere Informationen zum Programm: www.adk.de

AVIVA-Tipp: Den Kuratorinnen ist es gelungen, ganz unterschiedliche Werke abseits des Kunstkanons zu zeigen, zu katalogisieren und zu archivieren. Jede_r Interessierte sollte sich ein(ig)e Stunde(n) der Mu├če g├Ânnen und nach eigenem Rhythmus und eigener Vorliebe ├ťberraschendes in den Filmen der Ausstellung entdecken, um sich inspirieren, ber├╝hren und aktivieren zu lassen.
Im August 2013 wird auch ein Katalog zum Archiv erscheinen, der unter anderem Forschungsergebnisse zum Projekt pr├Ąsentieren wird.

Weitere Informationen:

Informationen zur Ausstellung in Berlin: www.adk.de

Das Archiv im Internet: www.reactfeminism.de

www.leticiaparente.net

www.marycoble.com

Artikel ├╝ber Gabriele St├Âtzer in der "EMMA" (2009)

www.lilibethcuenca.com

www.valieexport.org

www.boryanarossa.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

re.act.feminism ÔÇô performancekunst der 1960er und 70er jahre heute, zur ersten re.act.feminism-Ausstellung in der Akademie der K├╝nste, 2008/09

re.act.feminism ÔÇô Interview mit Bettina Knaup und Beatrice E. Stammer (2008)

Interview mit VALIE EXPORT (2013)

Marina Abramovic: The Artist Is Present ÔÇô ein Film von Matthew Akers (2012)

Yoko Ono Talking (2008)



Kultur Beitrag vom 21.06.2013 Sabine Reichelt 





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