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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.09.2014

Herta M├╝ller. Gedichtbilder. LUMAS Berlin zeigt bis zum 26. Oktober zwanzig ausgew├Ąhlte Wortkunstcollagen der Literaturnobelpreistr├Ągerin
Dorothee Kr├Âger

Collagen wie das Leben: "So viel drauf, aber am Rand ist es zu Ende". Aus Bauhaus- oder Biomarktprospekten schneidet die Schriftstellerin die W├Ârter f├╝r ihre postkartengro├čen Montage-Geschichten aus



Die "Qual der Wahl" hatte nicht nur die Mitbegr├╝nderin der LUMAS Berlin Stefanie Harig bei der Auswahl von 20 Collagen Herta M├╝llers f├╝r die Ausstellung "Gedichtbilder". Die Literaturnobelpreistr├Ągerin selbst trifft bei jeder Collagenanfertigung eine Vielzahl von Entscheidungen, von denen sie auf der Pressekonferenz am 11. September 2014 berichtet.
"Jedes Wort ist wichtig", betont sie. Aus diesem Grund bedarf es einer dezidierten Entscheidung, welches Wort aus ihrer Sammlung, die nach eigenen Angaben aus einhunderttausend W├Ârtern besteht, einen Platz im begrenzten Raum einer Karteikarte findet.

"kam ein Wind So/
FRISCH WIE milch/
SO ALT WiE Lehm,/
wurde anschmiegsam und/
SAH mich von innen an

(Collage "Kam ein Wind")

"Ein Wort kann alles zugrunde richten" - Herta M├╝llers Begegnung von Kunst und Literatur

Herta M├╝llers Collagen f├╝hren gesammelte W├Ârter durch Humor und Reim zu virtuosen Komposita zusammen. Die kurzen Texte erzeugen h├Ąufig ein skurriles, der Bauart der Collagen entsprechendes Montagebild im Kopf. "Worte sind sie selbst und werden nur zu etwas anderem im Zusammenhang", beschreibt die Schriftstellerin, nach ihrer Faszination f├╝r das einzelne Wort gefragt. Ihre Sprachbilder vereinen auf kleinstem Raum weit ausladendes Bildmaterial, das zuf├Ąllig und bestimmt zugleich, mal schwerm├╝tig und melancholisch, dann wieder mit Leichtigkeit und Ironie, Begegnungen, Aussagen und ├ťberlegungen komprimiert.

Ihre W├Ârter entnimmt sie unter anderem den Katalogen und Zeitschriften von Verlagsprogrammen, Bauhauskatalogen und Bioladenprospekten mit ihrer "freundlichen, naturnahen Schrift". Auf allen Collagekarten ist zudem ein Bild zu sehen, das sich dem Text thematisch n├Ąhert.

"Mein Vaterland war/ ein Apfelkern man/ irrte umher zwischen/ Sichel und Stern" (Collage "Ein Apfelkern") - Reimen als Strategie

Bei ihrer Begeisterung f├╝r Wortmontage geht es der in Rum├Ąnien aufgewachsenen Herta M├╝ller nicht darum, ihr durch diese Ausdrucksform eine Bezeichnung, etwa als bildende K├╝nstlerin oder Bildautorin, zu geben. Vielmehr weist sie darauf hin: "Was das ist, wei├č ich nicht". Das zentrale Element ihrer Wortkunst, der Reim, begleitet sie bereits als "unaufhaltsame Maschine" durch die Zeit der Diktatur Ceaucescus. Als Strategie gegen das Gef├╝hl der Ausweglosigkeit und Hilflosigkeit, aber auch vor einem Verh├Âr nutzte sie den Reim, um sich Mut zu machen. Mit FreundInnen formulierte sie die Reden des Diktators reimend um. Der Reim, den sie bisher nur aus langweiligen Schulb├╝chern kannte, wurde zum Schild gegen die furchtbaren Parteigedichte.

In den 1990er Jahren hielten die Reime Einzug in die ersten Collagen, die sie zu dieser Zeit erstellte. Es waren Postkarten, die sie selbst gestaltete und verschickte. Dem Format ist sie bis heute treu geblieben. Die W├Ârter, die Herta M├╝ller ausw├Ąhlt und ÔÇôschneidet, m├╝ssen klar und einfach sein. Sie selbst sieht diesen Geschmack inspiriert durch die deutsche Schriftstellerin Inge M├╝ller und den ├Âsterreichischen Lyriker Theodor Kramer.

"Das feurige Gesp├╝r f├╝r/ Unbewohntes und/ es ist nicht von hier" (aus der Collage "Gelbrockmuster") - Gebaute Parallelen zum eigenen Leben

Nicht nur die Entstehung ihrer Wortkunst sieht die Schriftstellerin, die f├╝r ihren Roman "Atemschaukel" 2009 den Literaturnobelpreis erhielt, mit dem eigenen Leben verbunden. Auch die Collagen selbst weisen ihrer Ansicht nach strukturell Parallelen auf. Wie im Leben sei auf den Karten: "So viel drauf, aber am Rand ist es zu Ende". Die Gestaltung habe daher etwas sehr Sinnliches f├╝r sie. Denn was einmal festgeklebt sei, k├Ânne nicht mehr ge├Ąndert werden.

Meistens fingen die Bilder im Kopf an, erkl├Ąrt die 61-J├Ąhrige, gefragt nach der Herangehensweise. Um dieses Bild auf einer Karte zu visualisieren, suche sie in ihren "Wortschr├Ąnken", in dem die seit Jahren gesammelten Worte gelagert sind, nach den passenden Begriffen. W├Ąhrend der Suche ergebe sich eine Spontaneit├Ąt, da ihr auch andere W├Ârter "├╝ber den Weg" liefen, die passender seien. Zudem spiele der Reim, der die Texte strukturiert, ebenso eine Rolle bei der Gestaltung der Montagen."Es wird ja gebaut", sagt sie, und die Bauweise ihrer Wortmontagen betrachtet sie selbst zunehmend unter ├Ąsthetischem Aspekt. Die Graphik und die Hintergrundfarbe einzelner W├Ârter sei ihr in den 1990ern nicht so wichtig gewesen wie heute. Es komme ihr mittlerweile st├Ąrker darauf an, dass das Gesamtbild einer Collage nicht nur inhaltlich jedes Wort berechtige, sondern auch ├Ąsthetisch. So durchlaufe ein Werk Phasen der "Anl├Ąufe, Versuche und Umwege" bis es zu seiner Endg├╝ltigkeit gelange.

Sie tr├Ągt das Herz als Kopf/ in die grau gewebte Nacht (aus der Collage "Eine apfelrote Tasche") - Selbstreflexion

Eine fertig gestellte Arbeit b├Âte der Schriftstellerin zudem retrospektiv die M├Âglichkeit, sich ├╝ber vieles bewusst zu werden. Beispielsweise f├Ąnde sie, dass ihre W├Ârter insgesamt h├Ąufig verschiedene Gelbt├Âne aufweisen. Oskar Pastoir, dessen Geschichte sie in "Atemschaukel" aufnimmt, habe ihr vor seinem Tod gesagt: "Wenn ich sterbe wird alles orange". Herta M├╝ller, beschreibt mit einem intensiven Blick in die Runde, dass ihr daraufhin alles, sowohl die B├Ąume als auch die H├Ąuser, gelb erschien. Als habe er tats├Ąchlich diesen furchtbaren Einfluss, der sich nun in den Collagen wiederspiegelt. Die Farbe rot hingegen tauche selten auf, da sie diese nach wie vor "noch sehr parteiisch" assoziiere.

Ob sie pers├Ânlich mit Oskar Pastoirs Geschichte im Reinen sei. Diese Frage wurde letztendlich auch gestellt. Es ist ihr anzusehen, dass sie dieses Thema ersch├Âpft, dass sie nicht von neuem dar├╝ber sprechen m├Âchte. Der enge Freund der K├╝nstlerin, dessen Schilderungen den Grundstoff ihres Literaturnobelpreisbuches legten, arbeitete f├╝nf Jahre in einem Arbeitslager und wurde nach seiner R├╝ckkehr aufgrund von sieben Gedichten durch den rum├Ąnischen Geheimdienst Securitate der "antisowjetischen Hetze" (M├╝ller) bezichtigt. Ihn verband eine enge Freundschaft mit Herta M├╝ller, die zuletzt in den Medien stand, weil seine Arbeit f├╝r Securitate enth├╝llt wurde. M├╝ller best├Ątigt noch einmal, auf der Seite ihres Freund zu stehen, indem sie eine seiner Aufzeichnungen zitiert: "unschuldig schuldig geworden."

Ihre Antwort auf die zugespitzte Frage "Haben Sie es als Literaturnobelpreistr├Ągerin n├Âtig, Ihre Literatur zu Plakaten zu machen?" portraitiert eine bescheidene Schriftstellerin: Die mitklingende ├ťberheblichkeit lehnt sie entschieden ab. Auch den Collagen schreibt sie einen bedeutenden "Nachklang" zu, wie er sonst nur in Verbindung mit ihrer Literatur gebracht wird. W├Ąhrend des Pressegespr├Ąchs ist Herta M├╝ller aufmerksam und blickt den Fragenstellenden direkt in die Augen. Ihre Antworten sind ├╝berlegt und erweisen sich nicht als Reproduktionen von bereits Gesagtem.

Herta M├╝ller und LUMAS

Die Editionsgalerie LUMAS, die 2004 die erste Dependance am Hackeschen Markt in Berlin er├Âffnete und mittlerweile mit 30 Galerien weltweit vertreten ist, nimmt sich zum Ziel "den Kunstmarkt auf den Kopf zu stellen". Das Konzept besteht darin, zeitgen├Âssische Kunst in limitierten Auflagen, meist 75-150 St├╝ck, zu vergleichsweise erschwinglichen Preisen zu verkaufen. Die handsignierten Originalarbeiten von K├╝nstlerInnen wie Jane Bown oder Joseph Beuys sind in nach dem Einrichtungskonzept "The Collector┬┤s Home" gestalteten Galerien ausgestellt und zu erwerben. Hier wird empfohlen: Wenn Sie sich in ein Bild verliebt haben, warten Sie nicht allzu lange. Je fr├╝her Sie ein Werk erwerben, desto g├╝nstiger erhalten Sie es."

Verliebt hat sich auch die Initiatorin Stefanie Harig in die Collagen Herta M├╝llers, mit der sie daraufhin im Jahr 2013 in Kontakt trat und die Idee ├Ąu├čerte, die Collagen der Schriftstellerin "aus B├╝chern zu befreien und an die Wand zu bringen". Es kam zu einer Zusammenarbeit, durch welche dem Publikum nun ausgew├Ąhlte Collagen pr├Ąsentiert und zum Verkauf angeboten werden. Die Werke sind von den Originalen abfotografiert, in zwei verschiedenen Gr├Â├čen abgezogen und gerahmt, handsigniert je in hundertfacher Auflage in einer Preisspanne von 90 ÔÇô 1399 Euro zu erwerben.

├ťber die Schriftstellerin Herta M├╝ller:

1953 in Rum├Ąnien geboren, verlie├č Herta M├╝ller 1987 ihre Heimat nach einem Publikationsverbot und Repressionen durch den rum├Ąnischen Geheimdienst Securitate. Seither lebt die sie in Berlin. Die Erfahrungen in einem totalit├Ąren System pr├Ągen bis heute ihr Schreiben. Internationale Anerkennung erlangte M├╝ller 2009, als sie mit dem Nobelpreis f├╝r Literatur ausgezeichnet wurde.
Herta M├╝ller im Netz:
www.hertamueller.de

Aktuelles ├╝ber Herta M├╝ller:

SPIEGEL ONLINE, Literaturnobelpreistr├Ągerin: Berliner Senat diskutiert ├╝ber Ehrenb├╝rgerinnenw├╝rde f├╝r Herta M├╝ller

Herta M├╝ller
"Gedichtbilder"
Ausstellungsdauer:
12. September bis 26. Oktober 2014
Veranstalter: Editionsgalerie LUMAS Berlin
Veranstaltungsort: LUMAS Berlin, Rosenthaler Stra├če 40/41, 10178 Berlin
├ľffnungszeiten: Montag bis Samstag 11-20 Uhr. Sonntag 13-19 Uhr

www.lumas.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Herta M├╝ller - Lebensangst und Worthunger

Literaturnobelpreis f├╝r Herta M├╝ller (2009)

Ines Geipel - Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945 - 1989

(Quelle: Editionsgalerie LUMAS Berlin)

Copyright Foto: Dorothee Kr├Âger

Kultur Beitrag vom 14.09.2014 AVIVA-Redaktion 





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