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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.09.2014

Vulva 3.0. - Zwischen Tabu und Tuning. Ein Dokumentarfilm von Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann. Kinostart am 02. Oktober 2014
Claire Horst

Schon in den ersten zwei Minuten schwankt die Zuschauerin zwischen Am√ľsement und Entsetzen. Mit markiger Stimme und zackigen Bewegungen erl√§utert Dr. Uta Schlossberger, Fach√§rztin f√ľr Haut- und...



... Geschlechtskrankheiten, wie eine "schöne" Vagina auszusehen hat: symmetrisch und irgendwie "amerikanisch".

Die Frau, die gerade auf dem Behandlungsstuhl liegt und sich die Schamlippen aufspritzen lässt, stimmt ihr zu: "Geil!", kommentiert sie nach der Operation beim Blick in den Handspiegel und erklärt: "Wer ein bisschen Wert darauf legt, der sollte den Schritt ruhig gehen."

Eine Sch√∂nheitsoperation im Genitalbereich sei als Hilfeleistung f√ľr Frauen zu verstehen, findet Schlossberger, denn mit unterschiedlich gro√üen Schamlippen, k√∂nnten Frauen schlie√ülich nicht in die Sauna gehen. Nach diesem Auftakt ist es beruhigend zu h√∂ren, dass andere Gespr√§chspartnerInnen der Filmemacherinnen andere Formen der Besch√§ftigung mit der Vulva gew√§hlt haben.

Die meisten von ihnen interessiert weniger die √úbereinstimmung mit einem wie auch immer gearteten Sch√∂nheitsideal, sondern das Verschwinden des weiblichen Genitals aus der √∂ffentlichen Wahrnehmung, aus Kultur und Gesellschaft. So erz√§hlt die Gyn√§kologin Helga Seyler, dass sie bei ihrer Arbeit an einem Familienberatungszentrum keine Fotos oder naturgetreuen Modelle verwenden k√∂nne. Stattdessen pr√§sentiert sie ein kuscheliges Modell aus Stoff, das die Frauen weniger "schockig" f√§nden. Die Medizinhistorikerin Marion Hulverscheidt wiederum erz√§hlt mit gro√üer Begeisterung von ihren Entdeckungen: In medizinischen Lehrwerken 17. Jahrhundert sei die Klitoris naturgetreu als mehrere Zentimeter langes "Lustorgan" dargestellt worden. Heutzutage fehlten solche realistischen Darstellungen, und viele Frauen w√ľssten √ľber die eigene Anatomie nicht Bescheid.

Ekel vor dem eigenen K√∂rper ist weit verbreitet, diese Erfahrung haben auch andere Interviewte gemacht. Und wer diejenigen Filmsequenzen betrachtet, in denen plastische Chirurgen √ľber die "Fehlerhaftigkeit" asymmetrischer K√∂rperteile sprechen, in denen ein Erotikfotograf eine sichtbare Klitoris mit dem Druckstempel vom Foto entfernt, um "normalen" Vorlieben entgegenzukommen, wundert sich √ľber gar nichts mehr.

Trotzdem ist die Gesamtaussage des Films eine fr√∂hliche und best√§rkende, denn zu Wort kommen vor allem Frauen, die ein positives K√∂rperbild verbreiten m√∂chten. Von der Sexualp√§dagogin bis zur Medizinhistorikerin sprechen sie mit Selbstbewusstsein und Freude √ľber viel zu wenig vertraute K√∂rperteile.

Ganz unterschiedliche Gesichtspunkte werden betrachtet, wenn so vielf√§ltige Pers√∂nlichkeiten zu Wort kommen wie die Kulturwissenschaftlerin Mithu Melanie Sanyal, die Verlegerin Claudia Gehrke und die PorYes-Aktivistin Laura M√©ritt. So berichtet Sanyal von den Urspr√ľngen der Verachtung des weiblichen K√∂rpers in den europ√§ischen "Rassentheorien", erz√§hlt Gehrke von der K√∂rperfeindlichkeit vieler Menschen, die zu Anzeigen gegen sie und ihren Verlag gef√ľhrt hat, zeigt M√©ritt stolz ihre Sammlung von M√∂sen aus Stoff, Plastik oder auf Gem√§lden. Auch von uralten Mythen ist die Rede: "Das Zeigen der Vulva vertreibt B√§ren und L√∂wen, l√§sst den Weizen h√∂her wachsen, beruhigt Sturmfluten und D√§monen haben Angst davor. Der Teufel l√§uft weg. Das Zeigen der Vulva rettet die Welt."
Darstellungen der weiblichen Genitalien finden sich auf englischen Grabsteinen, japanischen Zeichnungen oder in der griechischen Mythologie.

Dass selbst Wilfried Schneider, Referent der Bundespr√ľfstelle f√ľr jugendgef√§hrdende Medien, die allgemein grassierende Angst vor nackten weiblichen K√∂rpern nicht verstehen kann, l√§sst diese noch absurder erscheinen.

Einen ganz anderen und ungleich ernsteren Aspekt des Themas beleuchtet die Dolmetscherin Jawahir Cumar. Sie ist die Gr√ľnderin von Stop Mutilation e.V., einem Verein, der sich der Aufkl√§rung √ľber und Bek√§mpfung von weiblicher Genitalverst√ľmmelung widmet. Cumar spricht nicht nur von der Gewalt, der Frauen und M√§dchen ausgesetzt werden, sondern auch von den Zuschreibungen durch Neugierige, die den betroffenen Frauen jede Selbstbestimmung und jedes Lustempfinden absprechen.

AVIVA-Tipp: Ein Film, der Spa√ü macht, irritiert und gleichzeitig informiert. Die Freude, mit der die Frauen √ľber den weiblichen K√∂rper sprechen, ist ansteckend. Sch√∂n w√§re es, wenn der Film dazu beitragen w√ľrde, diese Freude zu verbreiten.

Zu den Regisseurinnen:

Regisseurin Claudia Richarz
, geb. 1955, Studium an der Hochschule f√ľr bildende K√ľnste, Hamburg, Fachbereich Visuelle Kommunikation. Abschluss mit Diplom. Realisiert seit vielen Jahren dokumentarische Formate. Grimme-Preis 2000 f√ľr "Abnehmen in Essen" (10tlg Serie f√ľr WDR und Arte). Seit 2012 Produktion von DVDs √ľber Sexualit√§t und K√∂rperbewusstsein zusammen mit Ulrike Zimmermann.
Claudia Richarz im Netz: www.claudiaricharz.de

Regisseurin und Produzentin Ulrike Zimmermann, 1988 Diplom an der Hochschule f√ľr Bildende K√ľnste im Fachbereich Film. Gr√ľndung der MMM Filmproduktion 1989. Seit 1995 Arbeit als Produktions- und Herstellungsleitung sowie als freie Produzentin. Seit 2000 Inhaberin der MMM Film GmbH. 2001 Gr√ľndung der Laura Film, Stuttgart und MMM Film Berlin. 2006 Gr√ľndung von MMM Film Verleih. 2011 Gr√ľndung des Labels lauramedia.
Lesen Sie eine Rezension zu dem von ihr produzierten Film Fremde Haut auf AVIVA-Berlin.

Der Film im Netz: www.vulva3.de

Spielorte und Termine unter: www.vulva3.de/tour-germany

Vulva 3.0. - Zwischen Tabu und Tuning
Deutschland 2014, 79 min
Regie: Claudia Richarz, Ulrike Zimmermann
Buch: Ulrike Zimmermann
Kamera: Claudia Richarz
Produzentin: Ulrike Zimmermann
Verleih: Laura Media

Starttermin 02. Oktober 2014

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Mithu M. Sanyal - Vulva. Die Enth√ľllung des unsichtbaren Geschlechts

Ira Blazejewska - MösenProjekt

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Kultur Beitrag vom 29.09.2014 Claire Horst 





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