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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 02.05.2016

EVA HESSE. Kinostart: 28. April 2016
Sharon Adler

Marcie Begleiters Dokumentarfilm erz├Ąhlt die Geschichte der hochtalentierten K├╝nstlerin ÔÇô ein j├╝disches Fl├╝chtlingskind aus Hamburg, das sich an die Spitze der US-Kunstszene k├Ąmpfte und bis zu ihrem fr├╝hen Tod 1970 mit 34 Jahren die Kunstgeschichte ver├Ąndert hat.



"Ich will meinen eigenen Weg finden. Es macht mir nichts aus, Meilen von jedem anderen entfernt zu sein, die besten K├╝nstler waren die, die alleine standen."
Eva Hesse, 1970

├ťber Eva Hesse kann wohl kaum gesprochen werden, ohne in Superlativen zu schwelgen. Sie gilt als die herausragende Vertreterin der avantgardistischen Minimal- und Prozesskunst. In ihren H├Ąnden wurde jedes Material, jedes Objekt zu Kunst. Mutig ├╝berschritt sie Grenzen, arbeitete ohne Unterlass. Alles war Inspiration f├╝r sie. Neben ihren fr├╝hen Drawings und Skulpturen experimentierte sie sp├Ąter mit Latex, Glasfaser und Polyester und schuf Werke von intensiver Sch├Ânheit.

Eva Hesse wusste schon fr├╝h, dass sie K├╝nstlerin und ausschlie├člich K├╝nstlerin sein wollte: "Es ist mein Hauptbestreben, ├╝ber das hinauszugehen, was ich wei├č und was ich wissen kann. Ich m├Âchte meine Kunst ausdehnen auf etwas, das noch nicht existiert".

10 Mio. USD kosten Eva Hesses Werke heute, und viele bedeutende H├Ąuser, darunter das MoMa, das Guggenheim, die Tate Modern und das Museum Ludwig besitzen wichtige Arbeiten von ihr.

"Eva Hesse ist eine extrem relevante K├╝nstlerin, die f├╝r einen ├ťbergang und eine Verwandlung der Kunst der 1960er steht." Nicholas Serota, Director Tate Museums, 2013

Die Hamburger Kunsthalle widmete ihr 2013/2014 ÔÇô gemeinsam mit der K├╝nstlerin Gertrud Goldschmidt - die Ausstellung "One More than One". Zu sehen waren 50 Skulpturen und Zeichnungen, darunter ihre f├╝nfteilige Arbeit Sans II (1968), Repetition Nineteen (1968) und Accession (1968) sowie Zeichnungen wie die von der Minimal Art gepr├Ągten Grid Drawings, die repetitiven Circle Drawings oder die sp├Ąten, Window Drawings, die Hesse selbst als "paper paintings" bezeichnete.

Anl├Ąsslich der Ausstellung konnte die Autorin und Regisseurin Marcy Begleiter den Dokumentarfilm ├╝ber Leben, Werk und Wirkung von Eva Hesse produzieren, denn nun bot sich zum ersten Mal die Gelegenheit, viele ihrer komplexen Hauptwerke auch filmisch abbilden zu k├Ânnen.
Marcy Begleiter hatte zuvor schon jahrelang zu Eva Hesse recherchiert und geschrieben. In 2010 produzierte sie ihr Theaterst├╝ck "Meditations: Eva Hesse" und 2014 f├╝r die Hamburger Kunsthalle den Kurzfilm "Eva Hesse, Walking the Edge". U.a. mit Unterst├╝tzung des Goethe-Instituts konnte sie den Stoff schlie├člich zu einem abendf├╝llenden Dokumentarfilm weiterentwickeln.
Einf├╝hlsam und kreativ hat sie nicht nur die Kunst und die wegweisende K├╝nstlerin selbst, sondern auch deren kreatives Arbeitsumfeld im New York der 60er Jahre portr├Ątiert:

"Eva Hesse hat mich inspiriert. Sie hat niemals aufgegeben, ist immer ihren Weg gegangen und hat Gro├čes geschafft.ÔÇť

Marcie Begleiter, Professorin am Art Center College of Design Los Angeles und Dozentin an der Internationalen Filmschule K├Âln, ist wie ihre Protagonistin J├╝din mit deutschen Wurzeln. Als Vertreterin der zweiten Generation lebt auch sie noch heute mit dem st├Ąndigen Gef├╝hl um den Verlust und die Verfolgung. Gemeinsam ist diesen beiden Frauen auch der Kampf um Anerkennung als Frau in einer m├Ąnnerdominierten Welt.

Ihr Film erz├Ąhlt die Geschichte Eva Hesses von den Anf├Ąngen bis zu ihrem tragischen Ende. In ihrer nur f├╝nf Jahre dauernden Schaffenszeit hat diese Ausnahmek├╝nstlerin ein umfangreiches Werk geschaffen hat, das unerschrocken Minimal Art und Surrealismus vereint und k├╝nstlerisch neue Wege beschreitet. Trotz der fr├╝hen Erfolge und der ├Âffentlichen Anerkennung hatte Eva Hesse zeitlebens Selbstzweifel, vor allem aber Verlust├Ąngste, die in ihrer Kindheit und Jugend vor dem Hintergrund der Vertreibung und Ermordung der Familie durch die Nazis und dem daraus resultierenden Selbstmord der Mutter in der Woche von Evas 10. Geburtstag begr├╝ndet waren.

Eva Hesse wurde am 11. Januar 1936 als zweites Kind des Anwalts Wilhelm Hesse und seiner Frau, der K├╝nstlerin Ruth Marcus Hesse, im J├╝dischen Krankenhaus in Hamburg geboren. Bereits 1933 wurde der Vater mit Berufsverbot belegt und durfte nicht mehr arbeiten.
Kurz nach den antisemitischen Novemberpogromen 1938 in Deutschland schicken die Eltern die damals Zweij├Ąhrige und ihre sechsj├Ąhrige Schwester mit einem der Kindertransporte nach HollandÔÇô ihre Eltern k├Ânnen wenig sp├Ąter ebenfalls emigrieren. Gemeinsam kann die Familie gerade noch vor Kriegsausbruch ├╝ber England in die USA emigrieren und l├Ąsst sich in New York nieder. Fast alle Verwandten werden in Konzentrationslagern ermordet.

Eva Hesse besucht zun├Ąchst die New Yorker High School of Industrial Arts und erlangt einen Abschluss als Schaufensterdekorateurin. Anschlie├čend belegt sie Kurse in Werbegraphik am Pratt Institute of Design. Im Herbst 1953 beginnt sie an der Art Students League Zeichenunterricht zu nehmen, im September 1954 schreibt sie sich an der Cooper Union in New York ein. Nachdem die Zeitschrift Seventeen einen Artikel ├╝ber die junge talentierte K├╝nstlerin ver├Âffentlicht hatte, wurde die Kunstwelt auf sie aufmerksam. Schon fr├╝h hatte sie wichtige Ausstellungen (John Heller Gallery, Allan Stone Gallery, Fischbach Gallery). Mit ihrem Ehemann, dem Bildhauer Tom Doyle, wird sie nach Deutschland eingeladen, wo beide ihr Atelier in der ehemaligen Textilfabrik des Sammlerehepaars Scheidt einrichten, arbeiten und von dort Reisen in alle Museen Europas unternehmen.
Als sie die ehemalige Wohnung der Familie in der Isestra├če 98 aufsuchen wollte, wurde ihr das verwehrt...

Eva Hesse starb 1970 in New York an einem Hirntumor. Sie arbeitete bis zuletzt und hinterlie├č ein Oeuvre, das die Geschichte der Kunst ver├Ąnderte. Dennoch ist die K├╝nstlerin in Deutschland heute eher unbekannt.
Regisseurin Marcie Begleiter hat aus privatem und ├Âffentlichen Archivmaterial, den Tagebucheintr├Ągen Eva Hesses sowie aus Gespr├Ąchen mit K├╝nstlerfreund_innen, Galeristen und Galeristinnen, das komplexe Leben und Werk der K├╝nstlerin zu einem filmischen Kunstwerk gemacht. Vor allem Evas Schwester, Helen Hesse Charash, liefert einen tiefen Einblick in die Lebensfreude, aber auch Zerrissenheit der K├╝nstlerin, die viel zu fr├╝h gestorben ist.

AVIVA-Tipp. Ein gleicherma├čen informatives wie ber├╝hrendes Portrait dieser Ausnahmek├╝nstlerin, die in einem Zeitraum von nur f├╝nf Jahren ein Werk geschaffen hat, das einzigartig und ├╝berw├Ąltigend ist. What a loss! Danke an Marcie Begleiter, die mit ihrem Dokumentarfilm dem Mensch und der K├╝nstlerin ein Denkmal geschaffen hat, in dem sich die sensible Eva Hesse trotz ihrer allgegenw├Ąrtigen Selbstzweifel wiedergefunden h├Ątte.

EVA HESSE auf dem DOK.fest M├╝nchen:
Sa. 07.05.16 um 16:00 Uhr, Pinakothek der Moderne
So. 15.05.16 um 11:00 Uhr, Pinakothek der Moderne

EVA HESSE
ein Dokumentarfilm von Marcie Begleiter

Deutschland / USA 2016
MIT: Nicolas Serota, Robert und Sylvia Plimack Mangold, Richard Serra, Dan Graham und Hans Haacke
Kamera: Nancy Schreiber, Ed Moore, Liza Bambenek
Montage: Azin Samari
Musik: Andreas Sch├Ąfer, Raffael Seyfried
Ton: Stephan Wilke, Alexander Weuffen
Produzent_innen: Marcie Begleiter, Karen Shapiro, Michael P. Aust
105 Minuten - OmdtU
Verleih: Real Fiction Filmverleih
KINOSTART: 28. April 2016
Kinostart: 28. April 2016

Mehr Infos und der Trailer unter: www.realfictionfilme.de

Mehr Infos zu Marcie Begleiter und Eva Hesse unter:
www.marciebegleiter.com und www.facebook.com/evahessedoc


Weitere Informationen zu Eva Hesse im Jewish Women┬┤s Archive:
Jewish Women┬┤s Archive und im "Guide to the Papers of the Helen and Eva Hesse Family 1882-1956" des Leo Baeck Institutes: findingaids.cjh.org


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Eva Hesse - One More than One
"Can It Be Different Each Time?", fragte die New Yorker K├╝nstlerin. Der Ausstellungskatalog geht dieser Frage mit Abbildungen ihrer Werkausstellung in Hamburg, Tagebuchnotizen, Interviews und Zeitungsartikeln in biographisch-philosophischer Melange nach.

Ein Portr├Ąt von Eva Hesse
Am 11. Januar 2011 w├Ąre Eva Hesse, US-amerikanische K├╝nstlerin deutsch-j├╝discher Herkunft, 75 Jahre alt geworden. "Ein Leben voller traumatischer Ereignisse". Dies k├Ânnte als ├ťberschrift zu dem kurzen Leben einer Hochbegabten stehen. Dem Naziregime entkommen, pr├Ągen sie die Nachwirkungen der Shoah sowie private Schicksalsschl├Ąge in ihrem Verh├Ąltnis zum Leben zutiefst und inspirieren sie zu einen k├╝nstlerischen Weltentwurf zwischen den Gegens├Ątzen Chaos und Ordnung. (2011)

Elfi Hartenstein - J├╝dische Frauen im New Yorker Exil
J├╝disch, weiblich, im Exil. Wer denkt da nicht an die Ehefrauen ber├╝hmter j├╝discher Intellektueller? Was ist aber mit den vielen unbekannten Biografien j├╝discher Exilantinnen? Was bedeutet Exil? (2011)

Edward van Voolen - 50 J├╝dische K├╝nstler, die man kennen sollte
Der Kunsthistoriker und Rabbiner hat sich bereits in seinem Buch "J├╝dische Identit├Ąt in der zeitgen├Âssischen Architektur" mit dem Einfluss von Herkunft und Kultur, Ausgrenzung und Verfolgung auf das Schaffen von K├╝nstlerInnen besch├Ąftigt. (2012)




(Quellen: Real Fiction Filmverleih, AVIVA-Berlin, Jewish Women┬┤s Archive)


Kultur Beitrag vom 02.05.2016 Sharon Adler 





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