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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.10.2016

K├Âpek - Geschichten aus Istanbul. Ein Film von Regisseurin Esen I┼čik. Ab 13. Oktober 2016 bundesweit im Kino
Hai-Hsin Lu

Istanbul, eine schillernde Metropole und drei ihrer Bewohner_innen, die unter den sozial-politischen Umst├Ąnden leiden: Ein Junge, der nicht zur Schule gehen kann, eine Frau, die die ├ťbergriffe ihres Ehemanns ertragen muss und eine Transsexuelle, die t├Ąglich Gewalt erf├Ąhrt und...



... ihre gro├če Liebe verliert.

Innerhalb weniger Monate ist die gesellschaftliche Situation der T├╝rkei eskaliert: Ein Milit├Ąrputsch, der blutig endete, eine Reihe von Terroranschl├Ągen und die sich stetig versch├Ąrfende Unterdr├╝ckung von Minderheiten, Regimekritiker_innen und Andersdenkenden jeder Art. Hande Kader, eine 23-j├Ąhrige Transfrau, beliebtes und bekanntes Gesicht der Istanbuler LGBT-Szene und engagierte Aktivistin, wurde im August 2016 verst├╝mmelt und verbrannt aufgefunden. Die Trauer und Wut, die mehrere Hundert Menschen am darauffolgenden Sonntag auf die Stra├če trieben, galt jedoch nicht ausschlie├člich Kader ÔÇô denn die ├ťbergriffe h├Ąufen sich, sie sind inzwischen f├╝r die Menschen ein kaum zu ertragender Dauerzustand.

H├Ąusliche Gewalt, Armut und Transphobie

Die t├╝rkisch-schweizerische Regisseurin Esen I┼čik greift in ihrem ersten Spielfilm "K├Âpek" die sozialpolitischen Umst├Ąnde in der T├╝rkei auf, indem sie mittels episodischer Erz├Ąhlung drei unterschiedliche Menschen in Instanbul portraitiert, die sich nie begegnen, deren Leben jedoch von ├Ąhnlichen Themen und Zw├Ąngen beherrscht werden. Der zehnj├Ąrhige Cemo verkauft auf der Stra├če Taschent├╝cher, um seine Familie zu unterst├╝tzen. Hayat ist verheiratet und Mutter einer Tochter ÔÇô sie darf ohne Erlaubnis ihres Ehemanns nicht das Haus verlassen, nicht einmal zum Einkaufen. Die transsexuelle Ebru verdient ihren Lebensunterhalt als Prostituierte und sehnt sich nach einem ehemaligen Geliebten, der sich gegen sie und f├╝r eine "vorzeigbare" Ehe entschieden hat.

Behandelt wie Hunde

"K├Âpek", das bedeutet auf T├╝rkisch "Hund". In der Handlung des Films l├Ąsst I┼čik den jungen Cemo tats├Ąchlich einen verlassenen Welpen auf der Stra├če finden, jedoch tr├Ągt das Wort einen symbolischen Wert, der sich auf die gesellschaftliche Notlage der drei dargestellten Charaktere bezieht. Der Kontrast zwischen Cemo und dem wohlhabenden M├Ądchen, das er heimlich verehrt, gibt einen erschreckenden Einblick in die Realit├Ąt der fehlenden Chancengleichheit: Zwei Kinder, das eine in Schuluniform und das andere mit einer Plastikt├╝te zwischen Autos stehend.
Die h├Ąusliche Gewalt, die Hayat erf├Ąhrt, wird von den "Ordnungsw├Ąchter_innen" und dem Staat geduldet, wenn nicht begr├╝├čt. Ihr Ehemann kann ohne weiteres ├╝ber ihren Alltag, ihre Existenz verf├╝gen. Ebru wiederum begegnet t├Ąglich transphobe Gewalt, die sie stoisch ertr├Ągt. Eine Beziehung zu dem Mann, den sie liebt, ist auf Grund gesellschaftlicher Intoleranz nicht m├Âglich. An dieser Stelle wird klar: Die drei Charaktere werden kaum besser behandelt als der Hund, der am Wegrand ausgesetzt und vergessen wurde.

"Ein langer, schmaler Weg"

Mit einem aufmerksamen Blick erz├Ąhlt die Regisseurin die Geschichten, die in Istanbul, ihrer Heimatstadt, so allt├Ąglich sind. In einem Interview mit dem Schweizer ZFF Daily berichtet sie, dass sie der Mord an der italienischen Aktionsk├╝nstlerin Pippa Bacca in der T├╝rkei zutiefst ber├╝hrt h├Ątte. Diese warb mit der Aktion "Br├Ąute on Tour" 2008 f├╝r Frieden in Krisengebieten. Das zeigt sich in einer Szene, in der Cemo an einer Gitarre-spielenden, jungen Frau im Brautkleid vorbeil├Ąuft, die singt: "Ich wandere auf einem langen, schmalen Weg. Ich wei├č nicht, wie mir ist. Ich wandere Tag und Nacht."

Dieser lange, schmale Weg ist der Lebensweg der drei Charaktere, die symbolische Figuren f├╝r all diejenigen sind, die unter den sozialpolitischen Umst├Ąnden leiden. Esen I┼čik, die die T├╝rkei 1990 verlie├č und in die Schweiz fl├╝chtete, ist mit Dissens und politischer Verfolgung nur allzu vertraut: sie erfuhr aufgrund ihrer kurdischen Wurzeln schon fr├╝h Diskriminierung und kam f├╝r ihre linkspolitischen Aktivit├Ąten 1989 f├╝r sechs Monate in Haft ÔÇô damals war sie 19 Jahre alt. Die Kritik, die sie durch das Medium Film ├Ąu├čert, ist nun aktueller denn je. Im Interview mit dem ZFF Daily sprach I┼čik auch ├╝ber die Schwierigkeit, kritische, politische Filme zu realisieren: "Viele T├╝ren bleiben verschlossen." F├╝r viele Oppositionelle, K├╝nstler_innen, Filmemacher_innen und Journalist_innen ist ihr Schaffen nicht mehr m├Âglich ÔÇô zahlreiche von ihnen sind in Haft oder wurden unter Zwang entlassen.

Ein stiller Aufschrei

Hande Kader ist eine von vielen Opfern der Unterdr├╝ckung, die die Lebensrealit├Ąt vieler T├╝rk_innen heute beherrscht. Esen I┼čik hat mit ihrem Film den stillen, oft unbemerkten Terror des Alltags pr├Ągnant eingefangen und auf die Leinwand gebracht. Der Film wurde f├╝r den besten Film und die beste Darstellerin mit dem Schweizer Fimpreis 2016 ausgezeichnet, und das zu Recht. Denn er ist ein Aufschrei, der die Zuschauer_innen wachr├╝ttelt.

AVIVA-Tipp: Ein Film, der die t├Ągliche erlebte Gewalt, die Ungerechtigkeit und Unterdr├╝ckung in der T├╝rkei thematisiert. Die Regisseurin bringt relevante Themen wie Gewalt gegen Frauen, sexuelle Minderheiten und Armut mit einem gesch├Ąrften Blick zusammen und zeichnet so ein Bild des heutigen Istanbuls. Ersch├╝tternd und sehenswert!

Zur Regisseurin: Esen I┼č─▒k, geboren 1971 in Istanbul, ist kurdisch-t├╝rkische Drehbuchautorin und Regisseurin. Sie war in der linkspolitischen Jugendbewegung aktiv, die sich nach dem Milit├Ąrputsch 1980 formierte und kam 1989 f├╝r sechs Monate in Haft. Im folgenden Jahr floh sie zusammen mit ihrem Freund in die Schweiz, wo sie seit 1990 lebt. Sie studierte an der Z├╝rcher Hochschule der K├╝nste im Fachbereich Film und Video und produzierte seit 1997 zahlreiche Kurzfilme, darunter "├ľlmeye Yatmak - Sich zum Sterben hinlegen" (1997), und "Du & Ich" (2012). Sie erh├Ąlt f├╝r "K├Âpek" nun zum dritten Mal den Schweizer Filmpreis. I┼č─▒k arbeitet au├čerdem im Frauenhaus und Beratungsstelle Z├╝rcher Oberland.
Weitere Informationen: www.srf.ch

K├Âpek ÔÇô Geschichten aus Istanbul
Schweiz/T├╝rkei 2015
Buch und Regie: Esen I┼č─▒k
DarstellerInnen: Oguzhan Sancar, Cagla Akalin, Beren Tuna, Baris Atay, Cemal Toktas
Verleih: GMfilms
Laufl├Ąnge: 94 Minuten
Kinostart: 13. Oktober 2016
www.gmfilms.de

Mehr Infos unter:

Twitter: Aktivist_innen starteten den Hashtag #HandeKadereSesVer ÔÇô "Hande Kader eine Stimme geben"

Change.org: Frau Merkel, Herr Juncker: Fordern Sie Meinungsfreiheit in der T├╝rkei! #FreeWordsTurkey

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Kultur Beitrag vom 15.10.2016 AVIVA-Redaktion 





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