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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.09.2009

Tears of April von Aku Louhimies
Claire Horst

Die Ank√ľndigung des Films l√§sst einen romantischen Film voller Tragik und Natursch√∂nheit erwarten. "Eingebettet in die zauberhafte Landschaft der finnischen Westk√ľste" erz√§hle der Regisseur...



... "die Geschichte einer bedingungslosen Liebe und von eindringlichen Momenten der Menschlichkeit", heißt es im Pressetext. Das ist nicht ganz falsch. Es geht auch um Liebe in diesem Film. Allerdings ganz anders, als wir es aus dem klassischen Beziehungsdrama kennen. Und auch das Wort "Menschlichkeit" erhält hier eine andere Bedeutung.

Finnland 1918, es herrscht der erbarmungslose Kampf der regierenden "Wei√üen" gegen die "Roten", kommunistische Widerstandsk√§mpferInnen. Vor diesem Hintergrund erz√§hlt Louhimies seine psychologisch hoch aufgeladene Handlung. Und bereits der furiose Einstieg macht deutlich, dass hier keine gew√∂hnliche Liebesgeschichte dargestellt wird: Eine Gruppe Partisaninnen wird gefangen genommen, brutal vergewaltigt und schlie√ülich ermordet. Der blutjunge, idealistische Soldat Aaro Harjula (Samuli Vauramo) jedoch hat sein Gerechtigkeitsempfinden noch nicht verloren. Er besteht darauf, die einzige √úberlebende Miina (Pihla Viitala) in die n√§chste Stadt vor ein ordentliches Gericht zu bringen. Dort gebe es einen humanistischen Richter, einen ber√ľhmten Schriftsteller, der sie gerecht behandeln werde.

Mit einem Ruderboot transportiert er die Gefangene gegen den Willen seiner Vorgesetzten zu dem Gericht auf dem Festland. In dramatischen Szenen kentert das Boot, stranden sie auf einer Insel, verliebt Aaro sich in die sch√∂ne Miina. Dabei f√§llt kaum ein Wort ‚Äď Landschaft und K√∂rpersprache der Personen sprechen f√ľr sich. In der K√ľstenstadt angekommen, muss Aaro erkennen, dass auch Emil Hallenberg (grandios: Eero Aho) durch den Krieg korrumpiert wurde. Gerechtigkeit gibt es nicht ‚Äď er ist zu einem Alkoholiker verkommen, der alle Angeklagten zum Tode verurteilt und sich danach bei Beethoven-Sonaten erholt. Aus Moralempfinden und aus Liebe lehnt Aaro sich gegen die Entscheidung des Richters auf ‚Äď ein Bruch in seinem Leben, hatte er doch bislang geglaubt, f√ľr eine gerechte Sache zu k√§mpfen.

Die Oberfl√§chenstruktur des Films ist damit beinahe komplett erz√§hlt. Und auf dieser Ebene scheint die Handlung nichts Neues: Ein Mann steht vor der Entscheidung zwischen seinem Dienstethos und seiner gro√üen Liebe. Scheinbar bleibt die Frau (die im gesamten Film kaum zwei S√§tze sagt) in der Rolle des Objektes. Doch der Schein tr√ľgt. Zwar gibt es auch hier eine Dreiecksbeziehung, Mittelpunkt unz√§hliger Filme, von "Casablanca" √ľber "Jules und Jim" bis zu "Jerichow". √úblicherweise wird der Kampf von zwei M√§nnern um eine Frau geschildert, w√§hrend die Frau das Objekt der m√§nnlichen Begierde bleibt.

Louhimies stellt all das auf den Kopf. Zwar ist es auch hier zun√§chst Aaro, der die Handlung vorantreibt. Er ist es, der eine moralische Entscheidung treffen muss. Mit ihm identifizieren sich die ZuschauerInnen. Aaro ist allerdings eine schwache Figur, deren Ideale komplett in die Br√ľche gehen. Sein Gegenspieler, Emil Hallenberg, ist ein ebenso gebrochener Mensch. Das Begehren hat hier eine andere Richtung: Aaro ist es, den der Richter will. Jede sexuelle Szene, und davon gibt es einige in dem Film, widerspricht dem klassischen Beziehungsgef√ľge. Sex wird in Form von Vergewaltigungen als Kriegswaffe eingesetzt, als Tauschhandel oder Bestechungsversuch benutzt. Dabei spielt die Bildersprache eine gro√üe Rolle: Sowohl hetero- wie homosexueller Sex gehorcht hier nicht den Regeln der Darstellung, an die wir gew√∂hnt sind.

Die Verwirrung, die Louhimies mit dem Niederrei√üen gewohnter Muster ausl√∂st, h√§ngt auch mit dem Aufbau des Films zusammen. Geschieht in der ersten halben Stunde fast nichts, haben die ZuschauerInnen Zeit, sich mit der kargen und abweisenden Landschaft des winterlichen Finnland vertraut zu machen ‚Äď und sich aufgrund der kaum vorhandenen Dialoge etwas zu langweilen. Streckenweise erinnert der erste Teil an die manchmal h√∂lzernen Gespr√§chsszenen eines Rosa von Praunheim. Und dann: In einer unglaublich starken, kammerspielartigen Szene rei√üt der gro√üartige Eero Aho als Richter Hallenberg das Steuer herum. Der auf Deutsch rezitierte "Erlk√∂nig" ist die Folie, vor der sich das Beziehungsgeflecht aufbaut: Brutalit√§t, Sex, Macht in einer Atmosph√§re, die von Attributen des Bildungsb√ľrgertums gepr√§gt ist.

Und von hier an ist der eigent√ľmliche Bann des Films nicht mehr zu durchbrechen. Psychologische Machtspiele, Sexualit√§t als Kampfmittel und schlie√ülich die Verkehrung von Subjekt und Objekt sind die zentralen Momente des Films. Aaro als Protagonist, eigentlich die klassische m√§nnliche Identifikationsfigur, ist ein Michael Kohlhaas, der sich selbst zugrunde richtet durch sein Beharren auf seinen Idealen. Er ist es, der sich opfert ‚Äď nicht die Frau. Die Frau, h√§ufig reines Abziehbild m√§nnlicher Fantasien, ist hier eine starke Pers√∂nlichkeit, obwohl sie keinen Einfluss auf das Geschehen hat. Den gesamten Film hindurch ist sie Gefangene, m√§nnlichen Interessen ausgeliefert. Und dennoch ist sie die einzige Figur, die ihren √úberzeugungen treu bleibt und √ľberlebt. Damit werden klassische Erz√§hlstrukturen auf den Kopf gestellt. Etwas widerspr√ľchlich dann ist das Ende, das eine positive Wendung ausdr√ľcken soll, die Hoffnung darauf, dass das menschliche Leben nicht auszurotten ist. Und dennoch wird damit das klassische Muster wieder durch die Hintert√ľr eingef√ľhrt: Unserer Biologie entkommen wir nicht, besonders dann nicht, wenn wir Frauen sind.

AVIVA-Tipp: Die SchauspielerInnen agieren mit einer derartigen Intensit√§t, dass beim Zuschauen schon einmal die Luft wegbleibt. Dennoch bleiben die Figuren merkw√ľrdig unnahbar und losgel√∂st von den ZuschauerInnen. Es ist eine Parabel, die hier aufgef√ľhrt wird, eine Auff√ľhrung existentieller menschlicher Konflikte. Dazu braucht der Regisseur keine realit√§tsnahen Identifikationsfiguren.

Irritierend und ungew√∂hnlich ist die Offenheit des Films f√ľr unterschiedliche Lesarten. Wer m√∂chte, kann ihn unter ganz anderen Vorzeichen betrachten und hier eine gro√üe Liebesgeschichte sehen. So erkl√§rt der Regisseur: "Ich wollte eine universelle Liebe erz√§hlen. F√ľr mich ist Liebe eine unergr√ľndliche Kraft, die keinen Regeln folgt." Der Darsteller des Emil Hallenberg sieht den historischen Kontext im Zentrum: "Die Ereignisse waren schon immer ein Widerspruch in unserer Geschichte, ein Trauma, √ľber das in Finnland noch oft geschwiegen wird. Unsere Generation ist die erste, die bereit ist, diese Wunden zu √∂ffnen." Darauf bezieht sich auch die Autorin der Romanvorlage, Leena Lander: "Eine Besonderheit bildeten im finnischen B√ľrgerkrieg die weiblichen Soldaten. Sie wurden expliziter verfolgt, gnadenlos bek√§mpft und verachtet."

Das Gro√üartige an diesem Film ist seine Vielschichtigkeit. Statt der angek√ľndigten "zauberhaften Landschaft" zeigt Kameramann Rauna Ronkainen eine schroffe und abweisende Natur, in der die Menschen ganz auf sich gestellt sind. Wundersch√∂n ist sie trotzdem. Und auch die Figuren sind alles zugleich: Liebende, Monster, unnahbare Theaterfiguren. Ein unglaublicher Film.

Zum Regisseur: Aku Louhimies wurde 1968 geboren. Er hat bereits vier Spielfilme und zahlreiche TV-Serien gedreht. Sein Deb√ľtfilm "Restless" (2000) war mit 290.000 BesucherInnen der erfolgreichste Kinofilm des Jahres in Finnland. Seine Serie "Irtiottoja" gewann zahlreiche Preise. "Frozen Land" (2005) erhielt auf dem Festival von G√∂teborg alle zu vergebenden Preise. Auch "Frozen City" (2006) wurde mehrfach ausgezeichnet.

Zur Autorin der Romanvorlage: Leena Lander ist eine der erfolgreichsten AutorInnen der finnischen Gegenwartsliteratur. Ihre Romantrilogie "Die Insel der schwarzen Schmetterlinge", "Mag der Sturm kommen" und "Im Sommerhaus" war ein gro√üer Erfolg. Ihr Roman "K√§sky", die Vorlage zum Film, erschien 2005 auf Deutsch unter dem Titel "Die Unbeugsame". Ihre Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in mehrere Sprachen √ľbersetzt.

Tears of April
Finnland 2008
109 Minuten
Finnisch mit deutschen Untertiteln
FSK 16
Nach dem Roman "Die Unbeugsame" von Leena Lander
Filmstart: 03. September 2009
Regie: Aku Louhimies
Buch: Jari Olavi Rantala
Kamera: Rauno Ronkainen F.S.C.
DarstellerInnen: Samuli Vauramo, Pihla Viitala, Eero Aho, Eemeli Louhimies und andere

Der Film im Netz: www.venusfilm.de

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Lars von Trier ‚Äď Dancer in the Dark

Kultur Beitrag vom 03.09.2009 Claire Horst 





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