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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.03.2010

Tanztr├Ąume - Jugendliche tanzen Kontakthof von Pina Bausch
Claire Horst

Das Motiv ist schon aus dem erfolgreichen Film "Rhythm is it" bekannt: Jugendliche ohne jede k├╝nstlerische Erfahrung stehen auf einer professionellen B├╝hne. Wie Simon Rattle hat auch die 2009...



...verstorbene Choreographin Pina Bausch ein Experiment gewagt: Ihr 1978 uraufgef├╝hrtes St├╝ck "Kontakthof" hat sie im Jahr 2008 mit Jugendlichen zwischen 14 und 18 inszeniert.

Die TeilnehmerInnen besuchen 14 verschiedene Schulen in Wuppertal, Sch├╝lerInnen aller Schulformen sind vertreten. Gemeinsam haben sie zun├Ąchst nichts, abgesehen von ihrer Unsicherheit und ihrer Neugierde.

Und genau das ist es auch, was Pina Bausch und ihre Mitarbeiterinnen Jo Ann Endicott und B├ęn├ędicte Billiet interessiert: Was kann ein 30 Jahre altes St├╝ck, in dem es um Beziehungen und Entt├Ąuschung, um Liebe und Ablehnung geht, Menschen ab 14 heute noch mitteilen? K├Ânnen sie damit ├╝berhaupt etwas anfangen?

Die Regisseurin Anne Linsel, die den Film mit dem Kameramann Rainer Hoffmann gedreht hat, kennt Bausch seit fast 40 Jahren. Vielleicht auch deshalb war es ihr m├Âglich, das Experiment von Anfang an mit der Kamera zu begleiten. In Gespr├Ąchen mit den jungen T├ĄnzerInnen wird schnell klar, dass hier etwas Au├čergew├Âhnliches passiert. Vorurteile zwischen GymnasiastInnen und Hauptsch├╝lerInnen? Nat├╝rlich gibt es die. Aber sie l├Âsen sich bald auf, wenn 40 Jugendliche ein halbes Jahr lang jeden Samstag gemeinsam proben.

K├Ârperliche Ber├╝hrungen machen einen gro├čen Teil der getanzten Kommunikation in dem St├╝ck aus. Zwei Menschen f├╝hlen sich zueinander hingezogen, sind aber zu sch├╝chtern, um aufeinander zuzugehen. Also sitzen sie an den zwei Seiten der B├╝hne, den Blick aufeinander gerichtet, winden sich vor Scham und - ziehen sich langsam aus. Wie schwierig es f├╝r die Jugendlichen ist, sich so zu ├Âffnen, wird deutlich, weil der Film den Entwicklungsprozess des St├╝ckes begleitet. , ist eine h├Ąufige Aussage der T├ĄnzerInnen, aber auch: "In Wirklichkeit war ich noch nie so z├Ąrtlich zu einem M├Ądchen, obwohl ich eine Freundin habe" oder: "Ich wei├č eigentlich gar nicht wie es ist, so richtig verliebt zu sein".

Man merkt den Jugendlichen, aber auch den Choreographinnen ihre Faszination an dem Prozess an. Dass in so kurzer Zeit eine derart gelungene Choreographie entsteht, dass die Jugendlichen es schaffen, ihre Hemmungen abzulegen und sich frei zu tanzen, ist bewundernswert und zu einem gro├čen Teil dem p├Ądagogischen Einf├╝hlungsverm├Âgen der Begleiterinnen anzurechnen.

Gemeinsam erarbeiten sie Dialogszenen, in denen die Jugendlichen von ihren ersten Liebeserfahrungen erz├Ąhlen - und nehmen dabei alles ernst, ob es um die Kindergartenliebe oder den ersten Seitensprung geht. Gerade die Interaktion mit dem anderen Geschlecht stellt die Sch├╝lerInnen vor gro├če Herausforderungen, die sie bravour├Âs meistern. In einer der beeindruckendsten Szenen wird ein M├Ądchen von mehreren Jungen zun├Ąchst gestreichelt, getr├Âstet und schlie├člich k├Ârperlich bedr├Ąngt. Die Gef├╝hle der Bedrohung und Einsch├╝chterung sind k├Ârperlich sp├╝rbar. Am Schluss finden alle Befragten, sie seien jetzt selbstbewusster, k├Ânnten sich besser darstellen. M├╝ndlich sei er jetzt in allen F├Ąchern auf eins, sagt ein Junge, der vorher sehr sch├╝chtern war. Es ist sehr anr├╝hrend, die Jugendlichen auf dieser Reise zu sich selbst zu begleiten.

Und auch pers├Ânliche Hintergr├╝nde haben sie durch die Arbeit an dem St├╝ck aufgearbeitet. Flucht- und Kriegserfahrungen, der Verlust geliebter Menschen, Teenager haben nicht weniger Lebenserfahrung als Erwachsene, auch wenn sie sie vielleicht anders verarbeiten. Der Film zeigt beeindruckend, wie Kunst Therapie werden kann. Herausragend sind die Leiterinnen der Proben, Jo Ann Endicott und B├ęn├ędicte Billiet, die sich nicht nur als hochprofessionelle und strenge Choreographinnen zeigen, sondern auch ein sehr pers├Ânliches Verh├Ąltnis zu den Jugendlichen aufbauen.

Pina Bausch hat ihr St├╝ck "Kontakthof" bereits 1999 mit unerfahrenen T├ĄnzerInnen inszeniert, als "Kontakthof mit Damen und Herren ab 65" wird es heute noch gespielt. Die Choreografin starb am 30. Juni 2009.

AVIVA-Tipp: "Tanztr├Ąume" ist eine gelungene Hommage an Pina Bausch und zugleich eine Hommage an den modernen Tanz. Seine HeldInnen sind aber vor allem die Jugendlichen, die ├╝ber sich hinauswachsen. Ein Film, der Lust auf Tanz weckt!

Zur Autorin: Pina Bausch wurde 1940 in Solingen geboren. Sie begann mit 14 Jahren ein Studium an der Folkwang Hochschule. Anschlie├čend war sie Special Student an der Juillard School of Music in New York und tanzte an mehreren Theatern in den USA. Ab 1962 tanzte sie im neugegr├╝ndeten Folkwang-Ballett, dessen Leitung sie 1969 ├╝bernahm. 1973 wurde sie Direktorin des neugegr├╝ndeten Tanztheaters Wuppertal. Sie wurde f├╝r ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet.

Zu den RegisseurInnen: Anne Linsel ist Kulturjournalistin und Publizistin. Sie studierte Kunst, Kunstgeschichte und Germanistik. Von 1984 bis 1989 moderierte sie das ZDF-Kulturmagazin "Aspekte", dann die "Sonntagsgespr├Ąche" und die Reihe "Zeugen des Jahrhunderts" im ZDF. Seither hat sie zahlreiche Beitr├Ąge f├╝r H├Ârfunk, Fernsehen und Zeitungen erstellt.

Rainer Hoffmann ist studierter Ingenieur. Er unternahm Forschungsreisen ins Eismeer, nach Gr├Ânland, Island und Labrador und war Fotograf f├╝r Hamburger Werbeagenturen. Er studierte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und war Dozent f├╝r Kamera und Bildgestaltung an der FH Hannover und an der Film- und Fernsehakademie DFFB Berlin. Seit 1995 ist er Kameramann und Filmemacher.

Tanztr├Ąume - Jugendliche tanzen Kontakthof von Pina Bausch.
Ein Dokumentarfilm von Anne Linsel und Rainer Hoffmann

realfictionfilme
Deutschland 2009, 89 Minuten
Buch und Regie: Anne Linsel
Kamera: Rainer Hoffmann bvk
Eine TAG/TRAUM Filmproduktion in Ko-Produktion mit WDR und in Zusammenarbeit mit ARTE.
Gef├Ârdert von Filmstiftung NRW, DFFF Deutscher Filmf├Ârderfonds, Der Ministerpr├Ąsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Werner Jackst├Ądt-Stiftung.
Kinostart: 18.03.2010

Der Film im Netz: Tanztr├Ąume

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Kultur Beitrag vom 10.03.2010 Claire Horst 





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