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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 12.04.2010

Kein Ort. Fluchtwege von Tschetschenen in Europa - Ein Film von Kerstin Nickig
Undine Zimmer

"Kein Ort" erz├Ąhlt das Schicksal vier tschetschenischer Fl├╝chtlinge: darunter ein Offizier, ein Journalist, eine Familie mit einer kranken Tochter und ein junger Arbeiter mit Familie. Alle...



... tr├Ąumen und hoffen auf ein Leben in einem Europa, "wo ein Menschenleben noch etwas wert ist". Regisseurin Kerstin Nickig ist ihren ProtagonistInnen ein Jahr lang gefolgt und hat damit ein Portrait von Europas Grenzen aus der Perspektive der Fl├╝chtlinge eingefangen.

Im Jahr 2008 waren Fl├╝chtlinge aus dem Nordkaukasus die zweitgr├Â├čte Gruppe von AsylbewerberInnen in der EU. Vier Schicksale werden in "Kein Ort" erz├Ąhlt. Vier Versuche irgendwo anzukommen und ein normales Leben f├╝hren zu k├Ânnen, gepr├Ągt von Alptr├Ąumen, ├ängsten, Trauer um verstorbene Verwandte - aber in Sicherheit. "Kein(en) Ort" finden Ali, Wacha, Ruslan, Tamara und Abu in Polen, in ├ľsterreich und in der Ukraine. Die meisten kommen jedoch nirgendwo an, sie bleiben eingeschlossen in einem Warteraum der europ├Ąischen B├╝rokratie bedroht von der Abschiebung. Den Stimmen ihrer ProtagonistInnen, stellt Nickig Interviews mit VertreterInnen von Migrationsbeh├Ârden gegen├╝ber, die erl├Ąutern, auf welchen Wegen die Fl├╝chtlinge nach Europa gelangen und welche Verfahren sie durchlaufen m├╝ssen.

Die Anschl├Ąge vom 29. M├Ąrz 2010 auf die Moskauer Metro erinnerten schmerzhaft daran, dass der Krieg im Kaukasus bisher nur von russischer Seite als beendet erkl├Ąrt wurde. Aber ist der Nordkaukasus nur eine russische oder bereits eine internationale Angelegenheit geworden? Diese Frage stellte k├╝rzlich die russische B├╝rgerrechtlerin Ljudmila Alexejewa in den deutschen Medien. Der Film "Kein Ort" schlie├čt sich dieser Frage an. Sollte sich Europa mit seiner Asylpolitik vielleicht doch mehr einmischen? Kann Europa diejenigen unterst├╝tzen, die genug haben von den Kriegen und dem Kampf gegen den Terror? Asyl in Europa zu suchen, ist f├╝r diese Menschen der Kampf ums ├ťberleben, f├╝r den sie bei Schleppern oder Beh├Ârden teuer bezahlen m├╝ssen, weil sie an Menschenrechte glauben und daf├╝r in ihrer Heimat verfolgt werden.

"Salam aleikum Europa", so beginnt der inguschetische Journalist Ali seine gesprochenen Briefe an "Europa". In ihnen erz├Ąhlt er von seiner Resignation, der immer wieder aufgeschobenen Entscheidung um den polnischen Asylantrag, von den Hoffnungen seiner Frau auf ein besseres Leben, von der Folter, die er erlitten hat, weil er die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja unterst├╝tzte, von drei Kriegen und von den Zelten im Lubliner Stadtpark in Polen, wo die M├Ąnner der tschetschenischen Familien schlafen m├╝ssen, weil die Stadt den Fl├╝chtlingen keine Wohnungen zur Verf├╝gung stellt. Warten oder illegal weiterreisen? , das ist die Frage, die ihn nicht zur Ruhe kommen l├Ąsst. Sein Fazit deckt sich mit den Erfahrungen der anderen ProtagonistInnen des Films:

"Der EU-B├╝rokrat arbeitet ein Formular ab, in dem genau beschrieben ist, wie ein Asylsuchender aussehen, was er sagen und welche Papiere er mitbringen muss. Er muss diesen Mensch dann nur noch mit seiner Schablone vergleichen und die Entscheidung treffen. Aber eine Frage h├Ątte ich schon: Wo gibt es einen Test, mit dem man herausfinden kann, was dieser oder jener Mensch durchgemacht hat?"

Eine gl├╝ckliche Ausnahme bildet die Geschichte des politischen Aktivisten Wacha, der in ├ľsterreich politisches Asyl erhalten und dort auch eine neue Liebe und eine neue Heimat gefunden hat. Durch seine Kontakte setzt er sich auch f├╝r seinen Sohn ein, der von der Armee desertiert ist und dessen Leben in Gefahr schwebt, als er von den Beh├Ârden geschnappt wird.

Hintergrund

Der Tschetschenienkrieg hat seit 1994 die ganze Region des Nordkaukasus politisch und wirtschaftlich destabilisiert. Viele Menschen sind von ihren Erlebnissen schwer traumatisiert. Bis heute werden in Tschetschenien und in den Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan fast t├Ąglich ZivilistInnen ermordet, entf├╝hrt und gefoltert. Meist wissen ihre Verwandten nicht, welche der vielen militanten Gruppen verantwortlich ist: Russischer Geheimdienst, Milit├Ąreinheiten aus Moskau, Leute des tschetschenischen Despoten Ramzan Kadyrov bzw. andere lokaler Machthaber oder Guerillagruppierungen. Aus den Medien sind Anschl├Ąge auf MenschenrechtlerInnen bekannt, wie die Ermordung der Journalistin und Aktivistin f├╝r Menschenrechte Anna Politkowskaja am 7. Oktober 2006 in Moskau. des Rechtsanwalt Stanislaw Markelow, der sich f├╝r Opfer von Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien einsetzte, im Januar 2009 in Moskau und der Memorial-Mitarbeiterin Natalja Estemirowa im Juli 2009 in Grosny. Ihnen hat die Regisseurin diesen Film gewidmet.

├ťber die Regisseurin
Kerstin Nickig
, geboren 1971 in Duisburg, Rheinhausen, studierte Russistik und Germanistik in K├Âln und Moskau. Sie absolvierte Nebenstudien in Filmregie an der Hochschule f├╝r Film- und Fernsehen in Potsdam und der Nationalen Filmschule in Lodz/ Polen und arbeitete in Nichtregierungsorganisationen in Deutschland und Russland. Seit 2004 lebt und arbeitet Kerstin Nickig als freie Filmemacherin mit Schwerpunkt Dokumentarfilm in Berlin. Sie verbrachte insgesamt vier Jahre in Russland.

AVIVA-Tipp: Dieser Film ist zuallererst ein Film ├╝ber Europa. Die Regisseurin Nickig thematisiert darin das Leben in der Illegalit├Ąt. Wie hofft man, wenn man wie Ruslan kein Recht auf Arbeit hat, keine Aufenthaltsgenehmigung, keine Papiere und keine Staatsb├╝rgerschaft? Die ZuschauerInnen werden zeitweise selbst zur Anw├ĄrterIn und blicken in die Warter├Ąume auf m├╝de Frauen und Kinder. "Kein Ort" ist eine bewegende und eindringliche Dokumentation, die durch die Einzelschicksale ber├╝hrt und eine vergessene Region wieder in das Bewusstsein der europ├Ąischen ZuschauerIn zur├╝ckholen m├Âchte. Unbedingt reingehen und hingucken!

Auf der Webseite zum Film finden sich weitere Informationen zur Situation in Tschetschenien, dem Asylverfahren, Alis Tagebuchaufzeichnungen und zahlreiche weiterf├╝hrende Links.

Kein Ort. Fluchtwege von Tschetschenen in Europa
Bundesrepublik Deutschland 2009
Originalversion (deutsch, englisch, polnisch, russisch, tschetschenisch) mit deutschen Untertiteln
Eine deutsch-polnische Koproduktion von time prints, Berlin und Metro Films, Warschau in Koproduktion mit ZDF/3sat und TVP S.A.
Produzent: Michael Truckenbrodt
Buch und Regie: Kerstin Nickig
Laufzeit: 89 min.
Kinostart: 15.04.2010
Verleih: GMfilms
www.nowhere-in-europe.de

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Mord an Natalja Estemirowa

Mord an Anna Politkowskaja


Kultur Beitrag vom 12.04.2010 Undine Zimmer 





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