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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 31.05.2010

Mammut - Ein Film von Lukas Moodysson
Undine Zimmer

Lukas Moodysson beschäftigt sich mit dem Kontrast zwischen der armen und der reichen Welt und wie diese beiden Seiten des Universums ineinander verschränkt sind. Themen wie Prostitution, ...



...Gewalt gegen Kinder, Migration und Sextourismus verkn√ľpft er geschickt in zwei parallel laufenden Erz√§hlstr√§ngen. Im Mittelpunkt des Films stehen eine √Ąrztin und ein Kinderm√§dchen, die hart arbeiten um ihren Kindern ein gutes Leben und eine Zukunft zu geben - bis ihnen bewusst wird, dass sie die Kinder dadurch zu verlieren drohen.

Wie schon in seinen fr√ľheren Werken "Raus aus √Öm√•l", "Zusammen" und "A hole in my heart" fokussiert Moodysson auf die Kinder und zeigt dar√ľber auch die Konflikte ihrer Eltern. "Mammut" folgt drei Kindern, die auf den beiden entgegengesetzten Seiten der Welt leben, ihre Eltern aber befinden sich auf der jeweils anderen Seite - manchmal physisch, manchmal nur in Zeit und Raum.

Eine Frau geht in New York in ein Sportgesch√§ft. Sie kauft einen Basketball f√ľr ihren Sohn zum Geburtstag. An der Kasse sehen wir, dass der Ball die Aufschrift "Made in Philippines" tr√§gt. Gloria l√§chelt, als sie mit der T√ľte den Laden verl√§sst. Sie arbeitet bei einer amerikanischen Familie als Kinderm√§dchen, damit sie ihren eigenen Kindern, die zu Hause auf den Philippinen geblieben sind, Essen, ein gemeinsames Haus, Bildung und eine Zukunft geben kann. Manuel ist sieben, Salvador zehn Jahre alt, beide wohnen bei Glorias Mutter. Den Ball wird sie alleine nach Hause schicken. Eine Zukunft f√ľr alle zusammen gibt es nur, wenn Gloria in Amerika bleibt.

Ellen (Michelle Williams) ist Chirurgin in der Notaufnahme. Sie arbeitet viel und wohnt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in einem schick eingerichteten Loft in Brooklyn. Sie hat ein Kinderm√§dchen eingestellt, weil sie und ihr Mann wenig Zeit haben f√ľr die Tochter. Alle drei zusammen sind gl√ľcklich, dennoch hat Ellen das Gef√ľhl eine schlechte Mutter zu sein. Ihre Tochter Jackie interessiert sich pl√∂tzlich mehr f√ľr Glorias Muttersprache Tagalog, die Sprache der Filipinos, als f√ľr ihre geliebten Planeten. Auch als Ellen ihr ein teures Teleskop kauft und einen Abend √ľberraschend frei nimmt, um mit ihrer Tochter Zeit zu verbringen, will Jackie lieber mit Gloria zum Gottesdienst der Filipinos. Ellen bekommt Angst, dass sie sich entfremden.


© Memfis Film Jörgensen: Ellen und Leo




In Ellens Wohnung steht ein riesiger voller K√ľhlschrank. Ellen macht ihn auf, kann sich nicht entscheiden und schlie√üt ihn wieder ohne etwas herauszunehmen. Sie bestellt eine Pizza. Ersch√∂pft und traurig schl√§ft Ellen im Kinderzimmer in Jackies Bett ein. An der Wand h√§ngt eine riesige Weltkarte, um sie herum liegen Kuscheltiere und Spielsachen.

In Glorias Wohnung auf den Phillipinen stehen Plastikst√ľhle in einer engen K√ľche. Die Zimmer der Kinder sind mit Betten und Moskitonetzen eingerichtet. Die Gro√ümutter nimmt Glorias √§ltesten Sohn Salvador mit auf eine M√ľllhalde, wo Kinder und Erwachsene M√ľll sammeln und sich von dem, was noch essbar ist, ern√§hren. Sie will ihm zeigen, warum er stark sein soll, warum seine Mutter nicht bei ihm ist. Er soll ein besseres Leben haben als die Menschen, die er gerade beobachtet.

Ellens Ehemann Leo (Gael Garc√≠a Bernal) ist auf Gesch√§ftsreise in Thailand. Durch ihn als verspielten, neugierigen Tourist, kommt eine weitere Ebene in den Film. Wir folgen Leo im zweiten Erz√§hlstrang und beobachten seine Langeweile w√§hrend er auf das Ende der Vertragsverhandlungen wartet. Er verweigert sich gegen√ľber dem "Wir sind schlie√ülich in Bangkok" seines Partners, der nur an Clubs, Bars und Prostituierten interessiert ist und entscheidet sich, ein paar Tage an einen einsamen Strand abzuhauen. Dort begegnet auch Leo einer anderen Welt, die seine eigene in Frage stellt.


© Memfis Film Jörgensen: Leo



Regisseur Moodysson kennt keine Ber√ľhrungs√§ngste und war nie ein gew√∂hnlicher Filmemacher: Er filmte √ľber das Coming-out zweier Schulm√§dchen in "Raus aus √Öm√•l" (1998), Russischen M√§dchenhandel in "Lilja 4-ever" (2002) oder die Kluft zwischen Hippies und schwedischer B√ľrgerlichkeit - der Titel von Moodyssons erstem internationalen Erfolg "Zusammen" (2000) scheint so etwas wie eine verstecktes Motto geblieben zu sein. Das Zusammensein zwischen Menschen und das Bed√ľrfnis nach N√§he stehen im Brennpunkt seines Interesses. Dabei zeigt er uns auch, dass nicht nur Beziehungen an sich, sondern auch die zwischen Eltern und Kindern, immer globaler geworden sind.

AVIVA-Tipp: Dieser Film ist rund wie ein Basketball made in International. N√ľchtern beobachtet dieser Film seine Figuren auf drei Kontinenten, er bemitleidet sie nicht und heroisiert sie nicht. "Mammut" zeigt in gestochen scharfen Bildern Eltern die f√ľr ihre Kinder arbeiten, manchmal getrennt von ihnen auf der anderen Seite der Erdkugel. In "Mammut" kann ein Kugelschreiber zum Symbol f√ľr zwei Seiten der globalisierten Erde werden. Nur auf einer von ihnen ist er jedoch der wertvollste Kugelschreiber der Welt. Moodysson ist ein au√üergew√∂hnlicher Beobachter, der seinem Publikum seine Observationen auch vor Augen zu f√ľhren vermag. Er braucht dabei keine Ironie, keine r√ľhrselige Inszenierung, keine technische Effekthascherei. Zusammen mit wunderbaren SchauspielerInnen hat er mit "Mammut" einen bisweilen harten, einen spannenden und einen liebevollen Film geschaffen - mehr als sehenswert, vielleicht die beste Produktion des Jahres 2010.

Mammut
Schweden, Deutschland, Dänemark 2009
Regie und Drehbuch: Lukas Moodysson
DarstellerInnen: Michelle Williams, Gael García Bernal, Sophie Nyweide, Marife Necesito, Maria Del Carmen, Runsrinikornchot, Tom Mc Carthy, Jan Nicdao, Martin Delos Santos
Länge: 125 Minuten
Verleih: MFA+ FilmDistribution e.K.
FSK: Ab 12 Jahren
Filmstart: 10. Juni 2010

Der Film im Netz: mammut.mfa-film.de

Mehr zum Film:

Interview mit Lukas Moodysson √ľber "Mammut" auf Zeit Online

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Interview mit Lukas Moodysson √ľber "Mammut" auf AVIVA-Berlin

"Lilya 4-Ever" Ein Film von Lukas Moodysson

Kultur Beitrag vom 31.05.2010 Undine Zimmer 





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