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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.01.2011

Gl├╝ckliche F├╝gung - Ein Film von Isabelle Stever
Evelyn Gaida

Als Frau alleine weggehen, nachts, an Silvester. Ein Tabubruch, der die Fantasie auf einen Trip schicken k├Ânnte durch die Finsternis gesellschaftlicher Voreingenommenheit oder die surrealen ...



... Farben der Nacht. Isabelle Stever entscheidet sich in ihrer Adaption einer gleichnamigen Kurzgeschichte von Anke Stelling f├╝r die Darstellung des Tristen, Starren, Leblosen. Die Hauptfigur des Films ist eine Frau (Annika Kuhl), f├╝r die sich niemand interessiert und von der man nichts erf├Ąhrt, au├čer, dass sie einmal Landesmeisterin in einer exotischen Schwimmdisziplin war und sehr ungl├╝cklich ist.

Stevers Bilder stehen da wie vergessene M├Âbel in leeren Zimmern, ebenso isoliert wie die verhinderte Protagonistin, die abgekapselt, verstockt und hilflos ihrem eigenen Leben zusieht. Das mag nach einem geschickten Kunstgriff klingen und ist wohl auch als solcher gedacht. "Bedeutungsschwangeres" Nichtssagen, Aneinander-Vorbeireden und starre Einstellungen im abendf├╝llenden Kinoformat ergeben jedoch ganz simpel eine ├╝berdimensionierte Leerstelle.

Schwanger wird auch Simone, eine einsame Enddrei├čigerin. An Silvester geht sie mit sich selbst aus, bestellt einige Getr├Ąnke, tanzt ein bisschen und findet sich am n├Ąchsten Morgen neben einem unbekannten, schlafenden Mann (Stefan Rudolf) in dessen Auto wieder. Sie zieht ihre Strumpfhose hoch und verschwindet.

Ein "irrsinniger Zufall" will es jedoch, dass Hannes, der werdende Vater, pl├Âtzlich im Aufzug steht, als Simone von ihrem Termin beim Gyn├Ąkologen kommt. Er ist Krankenpfleger in der Klinik, in der Simones Schwangerschaft festgestellt wird ÔÇô und freut sich ├╝ber das Kind.

Was folgt ist eine Aush├Âhlung s├Ąmtlicher Klischeemotive kleinb├╝rgerlichen Gl├╝cks: Der obligatorische Waldspaziergang mit rudiment├Ąrem gegenseitigem Austausch gen├╝gt ("Magst du Hunde?", "Bist du Vegetarierin?", "Sind wir jetzt eigentlich ein Paar?"), schon wird das Reihenh├Ąuschen am Waldrand renoviert und bezogen, empf├Ąngt Simone ihren Hannes als vorbildliche Hausfrau mit Kartoffelauflauf und allerlei Fleischkreationen, laufen beide im Partnerlook durch den Supermarkt und Verhandeln das Heiraten im selben Atemzug mit dem Anschaffen eines Rasenm├Ąhers.

Leider bleiben vor allem die Charaktere selbst hohl und unglaubw├╝rdig, bleibt die Absurdit├Ąt der Dialoge blo├č absurd. Simone: "Ich liebe dich." Hannes: "M├Âchtest du was essen?"
Hannes ist die Schweigsamkeit und Unselbst├Ąndigkeit seiner Freundin gerade recht, Simone reicht ihm als h├╝bsche "Leihmutter" seines Kindes offensichtlich vollkommen aus. Seine geradezu penetrante Freundlichkeit ist die s├Ąuselnde Maske eines gigantischen Desinteresses. Er stellt nie substanzielle Fragen, m├Âchte im wahrsten Sinne des Wortes nichts von Simone wissen, geht selbst ├╝ber den Ex-Freund (Arno Frisch) gleichm├╝tig hinweg, den er eines Abends zu Hause mit ihr antrifft. Hannes w├Ąre in jedem Psychothriller bestens aufgehoben, man wartet nur darauf, dass seine unnat├╝rliche Sanftheit einer psychopathischen Raserei weicht. Die Regisseurin bezeichnet ihn als "Freundlichkeitsmonster", das sie in einem Horrorfilm platziere.

Dieser Film tut es Hannes gleich: Er bringt ├╝ber Simones Hintergrund nichts in Erfahrung. Was machte sie, bevor sie als strickendes Heimchen am Herd ins Reihenhaus zog? Was hat es mit dem ebenso psychopathisch wirkenden Ex-Freund auf sich? Warum ist Simone nicht in der Lage, sich irgendwie mitzuteilen, warum verh├Ąlt sie sich so gehemmt und menschenscheu? Anfallweise bricht sie in Tr├Ąnen aus, st├╝rzt sich hochschwanger vom Fahrrad oder l├Âchert Hannes mit eifers├╝chtigen Fragen, die von einem ├╝berm├Ąchtigen Minderwertigkeitskomplex zeugen. Im Grunde kreist die Handlung um nichts, als ein omin├Âses Fragezeichen - und begegnet ihren eigenen Motiven mit gro├čer Ignoranz.

AVIVA-Fazit: Wen eine nicht so gl├╝ckliche F├╝gung in diesen Film verschl├Ągt, sollte sich etwas zum Stricken mitnehmen.

Zur Regisseurin: Isabelle Stever wurde 1963 in M├╝nchen geboren. Seit 1984 lebt sie in Berlin. Regelm├Ą├čige Mitarbeit an Kino- und Fernsehfilmen sowie Kunstausstellungen. Mathematikstudium an der Technischen Universit├Ąt Berlin, Diplom 1994 und Beginn des Regiestudiums an der Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin. Isabelle Stevers Abschlussfilm ERSTE EHE wird 2002 u.a. mit dem Regie-Nachwuchspreis First Steps als bester Spielfilm ausgezeichnet. 2005 folgt GISELA, der auf dem Internationalen Filmfestival Locarno uraufgef├╝hrt und u.a. mit dem ├Âsterreichischen Crossing Europe ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit 12 anderen RegisseurInnen verwirklicht Isabelle Stever das Filmprojekt DEUTSCHLAND 09, das im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wird.

Gl├╝ckliche F├╝gung
Deutschland 2010
Regie: Isabelle Stever
Buch: Isabelle Stever, Anke Stelling
DarstellerInnen: Annika Kuhl, Stefan Rudolf, Arno Frisch, Maria Simon, Juan Carlos Lopez, Hanns Zischler u.a.
Verleih: Movienet Film
Laufl├Ąnge: 90 Minuten
Kinostart: 20. Januar 2011

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.movienetfilm.de

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