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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 07.02.2011

Die Kinder von Paris - ein Film von Rose Bosch
Anna Hohle

Die "Rafle du Vel`d`Hiv`" - jene am 16. Juli 1942 von franz√∂sischen Polizisten durchgef√ľhrte Massenrazzia unter der j√ľdischen Bev√∂lkerung von Paris - thematisiert die Regisseurin in diesem...



... bewegenden Drama.

Lange Zeit wurde in Frankreich √ľber ein ersch√ľtterndes St√ľck Zeitgeschichte geschwiegen: In wenigen Stunden verhafteten Polizisten der Vichy-Regierung in Kollaboration mit den deutschen Besatzern mehr als 13.000 Pariser J√ľdInnen - unter ihnen viele Kinder. Rose Bosch n√§hert sich in Die Kinder von Paris filmisch den Ereignissen jener Nacht. Sie orientiert sich dabei an den Erinnerungen von ZeitzeugInnen.

Historischer Hintergrund

Die Kinder von Paris behandelt die Verbrechen des Tages, der sp√§ter als "Schwarzer Donnerstag" bekannt wurde. Ziel der von langer Hand geplanten polizeilichen Gro√ürazzia war die Verhaftung jener ca. 28.000 immigrierten J√ľdInnen, die, bereits aus anderen europ√§ischen L√§ndern immigriert, ohne franz√∂sischen Pass in Paris und den umgebenden Gemeinden lebten. Koordiniert von Ministerpr√§sident Pierre Laval und unter dem Befehl des Pariser Polizeipr√§fekten Jean Leguay verhafteten franz√∂sische Polizisten 13.152 j√ľdische Frauen, M√§nner und Kinder in den fr√ľhen Morgenstunden des 16. Juli 1942. Rechtzeitig gewarnt, konnten knapp 15.000 weitere Menschen der Verhaftung entgehen.

Alleinstehende oder kinderlose M√§nner und Frauen gelangten sofort in das Transitlager Drancy. Der Rest, etwa 7.000 Menschen, unter ihnen 4.051 Kinder, au√üerdem Schwangere und alte Menschen, wurde √ľbergangsweise im V√©lodrome d`hiver eingesperrt - einem Radrennstadion im 15. Arrondissement nahe des Eiffelturms. Hier wurden sie f√ľnf Tage nahezu ohne Nahrung und Trinkwasser bei gro√üer Hitze und unter katastrophalen sanit√§ren Zust√§nden festgehalten. Etwa einhundert der eingeschlossenen Menschen begingen Selbstmord, auf Fl√ľchtende wurde geschossen. Am 20. Juli wurden die restlichen Gefangenen schlie√ülich in die Lager Beaune-La-Rolande und Pithiviers verbracht und von dort in die deutschen Vernichtungslager im Osten deportiert. Nur 25 der √ľber 13.000 am 16. Juli verhafteten J√ľdinnen und Juden √ľberlebten das Kriegsende. Keines der √ľber 4.000 Kinder war darunter.

Nach Kriegsende wurde die "Rafle du Vel`d`Hiv`" in Frankreich lange Zeit tabuisiert. Nur ungern wurde man an die Kollaboration mit den deutschen Besatzern erinnert. Erst 1995 formulierte der damalige Staatspr√§sident Jaques Chirac erstmals ein Schuldbekenntnis. Er sagte, dass "diese dunklen Stunden f√ľr immer die Geschichte Frankreichs beschmutzen [‚Ķ] An jenem Tag beging Frankreich, Heimat der Menschenrechte, einen nicht wieder gutzumachenden Schaden und lieferte seine Sch√ľtzlinge an ihre Henker aus".

Die Geschichte Joseph Weismanns

Im Zuge ihrer dreij√§hrigen Recherche zur "Rafle du Vel`d`Hiv" stie√ü Rose Bosch auf den Zeitzeugen Joseph Weismann. Er wuchs am Montmartre auf und wurde als Elfj√§hriger gemeinsam mit Eltern und Schwestern an jenem "Schwarzen Donnerstag" verhaftet. Nach f√ľnf Tagen Aufenthalt im Vel`d`Hiv` wurde die Familie in das Transitlager Beaune-La-Rolande deportiert. Von dort aus gelang Joseph als Einzigem aus seiner Familie die Flucht.

Bosch orientiert sich an Weismanns Biographie und erz√§hlt die Handlung des Films aus der Sicht des elfj√§hrigen Jungen Joseph (Hugo Leverdez). Auch die weiteren ProtagonistInnen sind realen Personen nachempfunden. Die Regisseurin hielt sich, Handlung und Charaktere betreffend, so weit wie m√∂glich an historische Berichte und nahm lediglich geringe √Ąnderungen an den Details vor.

Viele Verfolgte - einige wenige RetterInnen

Joseph Weismann lebt mit Eltern und Geschwistern im 18. Arrondissement in Paris. Obwohl Frankreich von deutschen Truppen besetzt ist, genie√üt er bislang die weitgehend unbeschwerte Existenz eines elfj√§hrigen Kindes. Dies √§ndert sich schlagartig, als im Fr√ľhsommer 1942 die j√ľdische Bev√∂lkerung von Paris als Zwangskennzeichnung den gelben Stern tragen muss. Von einem Tag auf den anderen sind Joseph und seine Familie den Schikanen der Besatzer und den Ressentiments von Teilen der Bev√∂lkerung ausgesetzt.

Den √Ąngsten und Bef√ľrchtungen von FreundInnen und Familie begegnet Josephs Vater Schmuel (Gad Elmaleh), selbst franz√∂sischer Kriegsveteran, mit Optimismus: Zu gro√ü ist sein Vertrauen in Staatschef Philippe P√©tain und in das demokratische Frankreich. Als Ger√ľchte um eine bevorstehende Verhaftungswelle aufkommen, glaubt er wie viele im Wohnhaus nicht an eine Eskalation. "Warum sollten sie Kinder verhaften ‚Äď die w√§ren ihnen doch nur eine Last?", argumentieren viele der M√ľtter. Und: "Wovon sollen wir einfachen Leute eine Ausreise √ľberhaupt bezahlen?"

So sind die meisten g√§nzlich unvorbereitet, als in den fr√ľhen Morgenstunden des 16. Juli schwere Stiefelschritte im Hausflur zu vernehmen sind. In den n√§chsten anderthalb Stunden breitet Rose Bosch vor dem Publikum das ersch√ľtternde Szenario organisierter Tyrannei und Menschenverachtung aus. Lediglich vereinzelt scheinen winzige Lichtblicke in Form der Anteilnahme Au√üenstehender in der d√ľsteren Szenerie aus Not und Gewalt auf. Da ist beispielsweise die engagierte protestantische Krankenschwester Annette Monod (M√©lanie Laurent), die Concierge, die vor den herannahenden Polizisten warnt oder der Feuerwehrmann, der entgegen dem Befehl die Eingeschlossenen mit Wasser aus Feuerwehrschl√§uchen versorgt. Fast sind die ZuschauerInnen versucht, solches angesichts der Unbarmherzigkeit der Geschehnisse f√ľr beruhigende, aber erfundene Tr√∂stungen zu handeln. Doch Rose Bosch h√§lt sich auch hier an historische Tatsachen: Annette Monod hat es wirklich gegeben - sie erhielt sp√§ter den Titel einer "Gerechten unter den V√∂lkern" in Yad Vashem, und auch die Episoden um den Feuerwehrmann und die Concierge sind aus ZeitzeugInnenberichten √ľberliefert.

Trotz jener vereinzelten Hoffnungsfunken bleibt Die Kinder von Paris ein verst√∂render Film, der die ZuschauerInnen im Innersten trifft, nicht zuletzt deshalb, weil die Hauptfiguren Kinder sind. Rose Bosch l√§sst uns mitverfolgen, wie sie den 16. Juli und die Brutalit√§t und Hoffnungslosigkeit der folgenden Tage und Wochen erleben. Das Entsetzen der Eltern, als sie sie in den n√§chsten Zug nach Osten steigen sollen, w√§hrend ihre Kinder im Transitlager zur√ľckbleiben, ist nicht in Worte zu fassen.

Filmausstattung und SchauspielerInnen

Der Film erhält seine Authentizität nicht zuletzt durch die aufwendige Ausstattung der Kulissen und die große Anzahl von StatistInnen. Szenenbilder Olivier Raoux baute die Kulisse des Winter-Velodroms am Set in Budapest originalgetreu nach. Mehr als 10.000 StatistInnen wurden engagiert, um die Dimensionen der gigantischen Razzia sichtbar zu machen. Überwältigend wirkt dann auch jene Szene, in welcher die ZuschauerInnen das Vel`d`Hiv` erstmals visuell "betreten". Die Kamera erfasst, ausgehend vom Gesicht der fassungslosen Annette, in langsamer Fahrt nach und nach die riesigen Ausmaße des Velodroms.

Auch die SchauspielerInnen leisten in diesem Film Au√üerordentliches. Sie stellen das Leid und die Verzweiflung von Menschen in einer Situation dar, die zu vergegenw√§rtigen die Vorstellungskraft der ZuschauerInnen im Grunde √ľbersteigt.

Der einzige Wermutstropfen in diesem ansonsten √ľberzeugenden und ergreifenden Film besteht in der vereinzelten √úberstrapazierung bestimmter filmischer Mittel, etwa dem Bild des kleinen Nonos, der seinen Teddyb√§ren exakt an der Stelle fallen l√§sst, an der Annette zum Stehen kommt, als sie dem abfahrenden Zug hinterherl√§uft. Details dieser Art lassen den Eindruck entstehen, sie seien dazu erdacht, bei den ZuschauerInnen zus√§tzlich Emotionen hervorzurufen. Tats√§chlich wirken sie in Verbindung mit der doch gerade durch ihre Authentizit√§t ergreifenden Handlung eher st√∂rend. Eine k√ľnstliche Generierung von Emotionen ist angesichts der blo√üen historischen Tatsachen, die f√ľr sich sprechen und garantiert niemanden gleichg√ľltig lassen, absolut nicht notwendig.
In Frankreich löste der Film unter anderem auch eine Debatte zum Thema Fiktion und Emotion im dokumentarischen Spielfilm aus.

AVIVA-Tipp: Rose Bosch verhilft mit diesem Film den Opfern der an jenem "Schwarzen Donnerstag" begangenen Verbrechen zur versp√§teten medialen Aufmerksamkeit. Au√üerhalb Frankreichs sind die Vorg√§nge im Zusammenhang mit der "Rafle du Vel`d`Hiv`" bislang wenig bekannt. Den Film sahen in Frankreich bereits √ľber drei Millionen ZuschauerInnen. Insofern hat Bosch ihr Bestreben, eine l√§ngst √ľberf√§llige Debatte anzusto√üen, erreicht. Die Kinder von Paris ist ein Film, den man nicht "empfehlen" kann, denn es bereitet wie bei allen Filmen dieser Thematik wahrhaft kein Vergn√ľgen, ihn anzusehen. Dennoch leistet er ein St√ľck Aufkl√§rung, wie sie auch hierzulande noch immer unverzichtbar ist.

Zur Regisseurin: Rose Bosch, war Reporterin beim franz√∂sischen Nachrichtenmagazin Le Point und arbeitete mehr als zehn Jahre an ihrem ersten Drehbuch f√ľr Ridley Scotts Kolumbus-Epos "1492 - die Eroberung des Paradieses" (1992) mit G√©rard Depardieu und Sigourney Weaver in den Hauptrollen. Au√üerdem f√ľhrte sie Regie f√ľr den Medizin-Thriller "Animal" (2005) und schrieb die Drehb√ľcher f√ľr "Pakt des Schweigens" (2003), "Er liebt sie, er liebt sie nicht" (1998) und "Verh√§ngnisvolles Alibi" (1998). Die Regisseurin hat auch einen pers√∂nlichen Bezug zum Thema Verfolgung in autorit√§ren Diktaturen: Ihr Vater wurde als katalonischer Anarchist zu Zeiten des Franco-Regimes interniert. Sie ist mit dem franz√∂sisch-israelischen Filmproduzenten Ilan Goldman verheiratet und hat mit ihm zwei S√∂hne. Die Kinder von Paris wurde von Goldman produziert.

Die Kinder von Paris
La Rafle
Frankreich 2010
Drehbuch und Regie: Rose Bosch
Produzent: Ilan Goldman
DarstellerInnen: Jean Reno, Mélanie Laurent, Gad Elmaleh, Anne Brochet, Thierry Fremont, Catherine Allegret, Denis Menouchet, Isabelle Gelinas, Hugo Leverdez, Mathieu Di Concetto, Romain Di Concetto, Olivier Cywie, Adele Exarchopoulos, Rebecca Marder u.a.
Verleih: Constantin Film
Lauflänge: 115 Minuten
Kinostart: 10. Februar 2010
FSK: ab 12
www.die-kinder-von-paris.de
www.larafle-lefilm.com

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Weiterlesen:

Claude Lévy/Paul Tillard: Der Schwarze Donnerstag. Kollaboration und Endlösung in Frankreich. Olten/Freiburg: Walter-Verlag 1968)
Die in diesem Werk angegebenen Zahlen der Verhaftungen am 16. Juli 1942 unterscheiden sich teilweise von den im Text genannten. In den letzten zwanzig Jahren gab es in Frankreich neue, umfangreiche Nachforschungen. Die oben genannten Zahlen entsprechen dem aktuellen Forschungsstand.





(Quelle: Constantin Film)

Kultur Beitrag vom 07.02.2011 AVIVA-Redaktion 





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