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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 25.05.2011

Waste Land - Ein Film von Lucy Walker. Kinostart 26. Mai 2011
Undine Zimmer

Die vielleicht gr├Â├čte M├╝llhalde Lateinamerikas Jardim Gramacho bei Rio de Janeiro ist ein stinkender Arbeitsplatz, aber auch ein Lebensraum. Der brasilianische K├╝nstler Vik Muniz erkundet in..



... "Waste Land" die "M├╝ll-Stadt" und ihre BewohnerInnen. Dabei entdeckt er Sch├Ânheit in dem, was andere wegwerfen, aber auch tragische Geschichten und ein St├╝ck von sich selbst. Er mischt alles zusammen und macht es zu Kunst.

Drei M├Ąnner stehen vor einem M├╝llsack, rei├čen ihn auseinander und sortieren seinen Inhalt. Sie lachen, machen Witze. M├╝ll erz├Ąhlt etwas ├╝ber seine Verursacher. Armer M├╝ll kommt in kleinen T├╝ten, Mittelklasse-M├╝ll in gro├čen, darin sind Verpackungen von technischen Ger├Ąten, alte Handys oder B├╝cher. Manche kosten im Laden noch immer eine ordentliche Summe.

Zumbi sammelt alle B├╝cher, die er auf der M├╝llhalde findet und bringt sie zu Tiao. Beide wollen eine Bibliothek mit den B├╝chern aus der M├╝llhalde aufbauen. So ist auch mal ein Buch von Machiavelli in den kleinen Baracken der Favela des Jardim Gramacho (Garten Gramacho) gelandet.

20 000 Menschen leben und arbeiten hier. Sie leben von und auf der M├╝llhalde. Wie die V├Âgel st├╝rzen sie sich auf die ankommenden Laster, die ihre Last in Bergen auf dem Gel├Ąnde ablassen. Alles was wiederverwertbar ist, Plastik, PVC, alte Schuhe, Eisen sammeln sie. 200 Tonnen wiederverwertbares Material tragen sie t├Ąglich zusammen. Wenn es dunkel geworden ist, arbeiten sie mit Taschenlampen weiter.

Dass ihre Arbeit als "Catadores" ("M├╝llpfl├╝cker"), wie sie auf Portugiesisch genannt werden, heute als eine offizielle Berufsbezeichnung anerkannt ist, haben sie Tiao zu verdanken. Er ist Pr├Ąsident der ACAMJG Assosiacion of Pickers of Jardim Gramacho. Mit ihr k├Ąmpft Tiao k├Ąmpft f├╝r die Rechte, Sicherheit, Krankenversorgung und Ausbildungsm├Âglichkeiten der Catadores und ihrer Kinder. Auch die politischen Ideen des Niccol├▓ Machiavelli h├Ątten ihn inspiriert immer weiter zu machen, erz├Ąhlt Tiao vor der Kamera.

Tiaos Geschichte ist die st├Ąrkste von den sieben Portraits, die der brasilianische K├╝nstler Vik Muniz w├Ąhrend seines zweij├Ąhrigen Aufenthalts auf dem Jardim Garmacho aufnimmt. Weil Tiao von Anfang an f├╝r Viele denkt. Muniz portr├Ątiert Tiao in einer Badewanne liegend, im Hintergrund die unendliche Weite des "Garbage Land". Ihn nimmt er mit nach London, als das Bild auf einer Aktion versteigert wird. Am Ende des Film ist es auch Tiao, der in einer brasilianischen Talkshow selbstbewusst den Moderator belehrt: "Wir sammeln keinen M├╝ll, wir recyceln." Catadores haben ein gro├čes Umweltbewusstsein. Niemand in Brasilien muss sich nach Tiaos Auftritt mehr sch├Ąmen Catador zu sein.

Der Film konzentriert sich auf die Begegnungen zwischen Vik Muniz und den Catadores und den Entstehungsprozess der Portraits. Die Fotografien werden auf den Boden eines Ateliers nachgezeichnet. Die Umrisse l├Ąsst Vik Muniz mit dem Material von der M├╝llhalde nachlegen. W├Ąhrend der gemeinsamen Arbeit entsteht eine N├Ąhe zwischen den Portraitierten und dem K├╝nstler. Gleichzeitig ist immer sp├╝rbar, dass Vik Muniz zu einer anderen Welt geh├Ârt. In der er ein amerikanisches Haus mit einer gro├čen Bibliothek besitzt und einen gewissen Komfort gew├Âhnt ist. Dass er auch in der Arbeit mit den Portraits die Anweisungen gibt. Dass er die Macht hat, in das Leben seiner Portraitierten einzugreifen und Hoffnungen weckt. Vielleicht ist es ihm deswegen so wichtig, immer wieder zu betonen, dass er aus einer armen brasilianischen Arbeiterfamilie stammt.

Die Bilder, die Vik Muniz erschafft, sind zauberhaft. F├╝r die Catadores bedeuten sie vor allem eine pers├Ânliche Entwicklung. Vik Muniz hat aus dem M├╝ll, mit dem sie t├Ąglich zu tun haben, etwas Sch├Ânes geschaffen, das sie sich nicht h├Ątten vorstellen k├Ânnen. Er hat ihnen M├Âglichkeiten gezeigt. Als die Catadores ihre eigenen Portraits, umringt von der Presse, im Museum von Rio de Janeiro pr├Ąsentieren, betreten die meisten zum ersten Mal in ihrem Leben ein Museum. Was sie aus der Erfahrung machen, bleibt am Ende ihnen selbst ├╝berlassen.

AVIVA-Tipp: Der Dokumentarfilm ist bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter Publikumspreise auf der Berlinale 2010 und dem Sundance Film Festival f├╝r den besten Dokumentarfilm. Dieses Jahr ist "Waste Land" f├╝r den Oscar nominiert. Neben der Entstehungsgeschichte der Portraits von Vik Muniz erz├Ąhlt "Waste Land" die Begegnung zwischen der K├╝nstlerwelt New Yorks und den simplen Lebensrealit├Ąten von Brasiliens "M├╝llpfl├╝ckern". In dieser Begegnung werden viele Konflikte sichtbar. Die Einzelschicksale der Catadores skizzieren auch ein Portrait der brasilianischen Gesellschaft. Durch ihre Geschichten erz├Ąhlen sie mehr als nur von sich selbst, ohne sich dessen bewusst zu sein. Vik Muniz ficht als Sohn aus einfachen Verh├Ąltnissen und privilegierter K├╝nstler seinen eigenen Konflikt mit sich selbst aus. Er h├Ątte selbst Catador werden k├Ânnen, stattdessen hat er in New York Karriere gemacht. Als Hintergrundfolie k├Ânnten die Welt des Jardim Gramacho und des Kunstbetriebs gegens├Ątzlicher nicht sein. Keine Minute langweilig, anr├╝hrend durch seine starken Hauptfiguren und kraftvollen Portraits.

Zur Regisseurin und Autorin: Lucy Walker hat mit ihren Dokumentarfilmen "Countdown to Zero" und "Blindsight" bereits au├čergew├Âhnliche Sujets aufgegriffen, wie blinde Bergsteiger in Tibet oder Terrorismus. Sie ist in London aufgewachsen und hat in New York Filmregie studiert. Mehr ├╝ber die Filmemacherin unter: www.imdb.com

├ťber den K├╝nstler: Vik Muniz ist in Sao Paulo, Brasilien geboren und lebt seit 30 Jahren in New York. Er arbeitet mit ganz unterschiedlichen Materialien, von Zucker bis Diamanten. Mit seiner Kunst engagiert er sich auch in sozialen Projekten. Mehr ├╝ber den K├╝nstler unter: www.vikmuniz.net

Waste Land
Brasilien, Gro├č Britannien 2010
Regie: Lucy Walker
Co-Regie: Joao Jardim, Karen Harley
Produktion: Angus Aynsley, Hank Levine
Musik: Moby
Mitwirkende: Vik Muniz, Fabio Ghivelder, Tiao (Sebastio Carlos dos Santos), Zumbi (Jose Carlos da Silva Bala Lopes, Suelem (Suelem Pereira Dias), Isis (Isis Rodrigures Garros), Irma (Leide Laurentina da Silva), Valter (Valter dos Santos), Magna (Magna de Franca Santos)
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Laufl├Ąnge: 98 Minuten
Kinostart: 26. Mai 2011
www.wastelandmovie.com

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Kultur Beitrag vom 25.05.2011 Undine Zimmer 





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