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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.02.2010

Jud S├╝ss - Film ohne Gewissen
Tatjana Zilg

Oskar Roehler ger├Ąt mit seinem biographisch angelegten Film ├╝ber den Schauspieler Ferdinand Marian, der 1940 die Hauptrolle in einer Propaganda-Adaption der Nazis von "Jud S├╝ss" spielte, weit ...



... jenseits seiner selbst gesetzten Anspr├╝che.

Ein ausgesprochen heikles Thema hat sich der bekannte Regisseur des Neuen deutschen Films ("Der alte Affe Angst", "Elementarteilchen" und "Lulu und Jimi") dieses Mal vorgenommen. Mit "Jud S├╝ss - Film ohne Gewissen" hat er sich zum Ziel gesetzt, "die Mechanismen machtpolitischer Manipulation aufzudecken und ihre schrecklichen Folgen zu zeigen." In der Praxis beschr├Ąnkt sich das Produktionsteam vor allem auf die Verworrenheit des Schauspielers in dem Nationalsozialistischen System.

Die Entstehung und der sp├Ątere Einsatz zu Propagandazwecken von "Jud S├╝ss" wird aus dem Blickwinkel von Ferdinand Marian erz├Ąhlt. Der Enddrei├čiger ist ein mittelm├Ą├čig erfolgreicher Theater- und Filmdarsteller, der Ausgleich in zahlreichen Aff├Ąren und im Alkohol sucht. Er f├╝hrt eine Ehe mit der Halbj├╝din Anna Altmann, die gezwungen wurde, ihre Schauspielkarriere aufzugeben. Verk├Ârpert wird sie von der wie immer brillanten Martina Gedeck (Goldene Kamera 2003, Deutscher Filmpreis 2002).

Der Drehbuchautor Klaus Richter gab der wirklichen Anna Marian einen j├╝dischen Hintergrund, was jedoch nicht der Realit├Ąt entspricht. Beabsichtigt war es, so die Erpressbarkeit von Ferdinand Marian plausibler zu machen. Nachteil ist, dass sein tats├Ąchliches Handeln dadurch nicht greifbarer wird, da hier mehr der pers├Ânlich begr├╝ndete Wunsch nach Anerkennung und Erfolg im Vordergrund gestanden zu haben scheint. Dieses wird zwar erkenntlich, aber durch die Angst vor Entdeckung der j├╝dischen Identit├Ąt seiner Frau wesentlich verst├Ąrkt.

Diese doch sehr wesentlichen Ver├Ąnderungen sind nat├╝rlich schwierig, weil so das Verhalten des wahren Ferdinand Marian nicht durchdrungen wird. Die Vermutung bleibt bestehen: Er war schlichtweg ein Trittbrettfahrer wie so viele andere auf dem Weg in die regimegetreue K├╝nstler-High Society, der seine Zweifel an seinem eigenen Handeln schnell mit Alkohol wegsp├╝lte.

Die Rolle der Anna Altmann wird, gemessen zu ihrer Bedeutung, im Skript eher kurz abgehandelt bis sie eines Tages ganz fort ist. In einem knappen Telefonat erf├Ąhrt Marian, dass sie deportiert wurde, was ihn innerlich zun├Ąchst ersch├╝ttert, ihn aber weitermachen l├Ąsst, ohne dass er sich bem├╝ht, den Verbleib seiner Frau zu kl├Ąren. W├Ąhrend einer Propagandareise in den besetzten Gebieten geht er eine neue Beziehung ein.

Die zweite Hauptrolle wird auf den Reichsminister f├╝r Volksaufkl├Ąrung und Propaganda Joseph Goebbels zentriert, ebenfalls prominent besetzt mit Moritz Bleibtreu. Der 2006 mit dem Silbernen B├Ąr f├╝r den Besten Schauspieler bedachte Bleitreu ist mit dem Metier des B├Âsewichts gut vertraut, in den letzten Jahren war er des ├Âfteren als (Ex)-Gangster auf den Leinw├Ąnden zu erblicken. So gibt er hier einen Goebbels, der in seiner Selbst├╝berzeugung abst├Â├čt und zugleich diabolisches Charisma verspr├╝ht - und wenn dieses nicht zum Ziel f├╝hrt, seinen Willen ohne Skrupel mit aller Macht durch setzt. Dabei scheint ein clownesk-augenzwinkernder Humor durch, so dass es nicht verwundert, dass Bleibtreu auf der Pressekonferenz der 60. Berlinale den Vergleich mit "Inglorious Bastards" andeutete, um die ├ťberh├Âhungen und ├ťberspitzungen von "Jud S├╝ss - Film ohne Gewissen" zu rechtfertigen. (Die gro├če Mittagsvorf├╝hrung vor der internationalen Presse im Februar 2010 endete mit Buh-Rufen.)

Der Vergleich mit "Inglorious Bastards" hinkt. Geht es hier doch ganz und gar nicht um eine historische Verdrehung, die den Nazi-Umtrieben ein Ende setzt, welches die Welt vor dem Schlimmsten bewahrt h├Ątte, sondern um die schmerzende Frage, warum sich die meisten Menschen w├Ąhrend der Herrschaft eines diktatorischen Regimes nicht f├╝r dauerhaften Widerstand entscheiden und zu Mitl├Ąufern werden, ge├╝bt im Wegsehen und -h├Âren.
Es wird gezeigt, dass die Schauspielerschaft im Nazi-Deutschland sich durchaus ├╝ber die Strukturen der mehr und mehr zu Propagandazwecken genutzten "Filmkultur" klar war. Als Goebbels die Hauptrolle des "Jud S├╝ss" unter der Regie von Veit Harlan besetzen will, verpatzen die Aspiranten bewusst das Casting, so dass Marian schlie├člich mit allen Mitteln davon ├╝berzeugt wird, das Wagnis einzugehen.

Gegen Ende der Pressekonferenz auf der Berlinale kam die wichtige Frage auf, warum die Figur des Veit Harlans im Film so wenig ausgebaut wurde und nur im Abspann erw├Ąhnt wird, dass dieser nach Kriegsende einer Strafverfolgung entging, als Regisseur weiterarbeiten konnte und einige mittelm├Ą├čige Filme drehte. Da wirkte die Antwort von Oskar Roehler allzu schwach, dass ihm dies w├Ąhrend der Regiearbeit gar nicht bekannt gewesen sei.
Sicherlich ist ein Spielfilm nach wahren Begebenheiten nicht mit einem Dokumentarfilm gleichzusetzen und kann sich fiktive Freiheiten nehmen. Anderseits sollte der Wissensdrang des Publikums bei so brisanten historischen Stoffen auch nicht leichtfertig vor den Kopf gesto├čen werden.
An einigen Stellen h├Ątte da mehr herausgeholt werden k├Ânnen: Die Vorarbeiten zu der Goebbels-Produktion "Jud S├╝ss", die Verbreitung des fertigen Films in Deutschland und die Reaktionen der Bev├Âlkerung darauf (es ist bekannt, dass es zu ├ťbergriffen nach den Kinobesuchen kam), die weitere Karriere Marians sowie der Umgang mit den Beteiligten nach 1945.

AVIVA-Fazit: Als Einf├╝hrung zum Thema "Kultur und Propaganda" reicht das Gebotene nicht. Zudem ist es ausgesprochen zweifelhaft, ob die Bildsprache Oskar Roehlers das passende Mittel ist, um eine "Erotik der Macht" des Nazi-Deutschland darzustellen.

Jud S├╝ss - Film ohne Gewissen
├ľsterreich, Deutschland, 2010
Regie: Oskar Roehler
DarstellerInnen: Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus von Dohnanyi, Armin Rohde
Script: K. Richter
Filmstart: 23.09.2010
Verleih: Concorde
L├Ąnge 114 Minuten
Inspiriert durch "Ich war Jud S├╝ss ÔÇô Die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian" von Prof. Friedrich Knilli (Henschel Verlag, Berlin 2000).

Die historische Pers├Ânlichkeit Joseph Ben Issachar S├╝sskind Oppenheimer lebte von 1698 bis 1738 in Heidelberg und Stuttgart und diente als Vorlage f├╝r Wilhelm Hauffs Novelle "Jud S├╝ss" von 1827 und Lion Feuchtwangers Roman "Jud S├╝ss" von 1925.

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.jud-suess-film.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Harlan - Im Schatten von Jud S├╝ss


Kultur Beitrag vom 21.02.2010 AVIVA-Redaktion 





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