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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 22.02.2011

61. Berlinale - Die PreisträgerInnen
Tatjana Zilg

Nahezu √ľbereinstimmend hofften Publikum und Presse auf die Auszeichnung des iranischen Soziodramas "Nader und Simin - A Separation" von Asghar Farhadi. Die Entscheidung der Jury √ľbertraf jedoch ...



... die Erwartung, indem sie das Filmteam gleich mit drei Preisen bedachte.

Der Goldene B√§r lag am Ende der Gala in den H√§nden des renommierten iranischen Regisseurs, davor gingen die Silbernen B√§ren f√ľr die beste Darstellerin sowie den besten Darsteller an das weibliche sowie das m√§nnliche Ensemble (Leila Hatami, Sarina Farhadi, Sareh Bayat und Peyman Moadi, Shahab Hosseini, Babak Karimi) des eindringlichen und mutigen Films. Ein solcher Dreier-Coup bei der Preisvergabe der Berlinale ist ausgesprochen selten. Auch dass ein Regisseur in zeitlich geringem Abstand mit seinen Filmen im Wettbewerb unter die GewinnerInnen gelangt, kommt nicht oft vor, obwohl h√§ufiger RegisseurInnen mit ihren Folgefilmen in den Wettbewerb zur√ľckkehren. Asghar Farhadi erhielt bereits bei der 59. Berlinale f√ľr "Darbareye Elly (All about Elly)" den Silbernen B√§ren f√ľr die beste Regie. Dass Filmemachen bei der sich weiter zuspitzenden Situation im Iran eine wichtige politische Bedeutung zuf√§llt, bewies die 61. Berlinale von Beginn an. In die Jury war der iranische Regisseur Jafar Panahi berufen worden, aber die Ausreise wurde ihm aufgrund seiner - international √§u√üerst umstrittenen - Verurteilung und Inhaftierung verweigert.

Politik und Mikrokosmen, Melancholie und dezenter Humor

"Nader und Simin - A Separation" bietet einen mikroskopischen Einblick in die bestehenden Gesellschaftsverh√§ltnisse anhand der Konfrontation zweier Ehepaare aus unterschiedlichen Schichten. Verbunden durch eine aufr√ľttelnde Einstiegsszene, in der eine Frau in aller Dringlichkeit ihren Wunsch betont, das Land zu verlassen, und dem ergreifenden letzten Bild eines jungen M√§dchens, das sich bei der Scheidung zwischen den Eltern entscheiden muss, erz√§hlt der Film seine Geschichte √ľber den eskalierenden Konflikt zwischen den beiden Familien. Die einzelnen Antriebe der Beteiligten ber√ľhren auf universeller Ebene, erm√∂glichen ein anderes Verst√§ndnis des Alltagslebens im Iran und helfen so ganz nebenbei, Klischeevorstellungen abzubauen.

Diese Aspekte sind ohnehin einer der gro√üen Reize eines Filmfestivals, das Wert darauf legt, eine umfangreiche Auswahl an Filmen aus allen Teilen der Welt einem internationalen Publikum zug√§nglich zu machen und dar√ľber hinaus als das Politischste aller internationalen Filmfestivals gilt. Das Programm aller Sektionen im Jahr 2011 erlaubte es, Inneneinsichten zu gewinnen und er√∂ffnete so oft neue Perspektiven auf durch Vorurteile besetzte Themen.
Nicht immer wurde dies so leichtg√§ngig umgesetzt wie in der deutschen Kom√∂die "Almanya" des Regisseurinnenduos Nesrin Samdereli und Yasemin Samdereli, die im Wettbewerb au√üer Konkurrenz lief und f√ľr viele Berlinale-Dauerkinog√§ste zum Festival-Highlight avancierte. Andere Filme zeigten sich eher melancholisch durchdrungen und sich im langsamen Tempo entfaltend.

Silberne Bären

Auf dem zweiten Platz bei der B√§renvergabe, dem Silbernen B√§ren und dem Gro√üen Preis der Jury, findet sich das in Schwarz-Wei√ü gehaltene, von Stummfilm√§sthetik inspirierte "A torin√≥i l√≥ (The Turin Horse)" des ungarischen Regisseurs von B√©la Tarr. Auch "El Premio" der argentinischen Regisseurin Paula Markovitch ist von Graustufen-Tongebungen und Schwarz-Wei√ü-Kontrasten gepr√§gt, wobei hier moderne Filmtechnik erm√∂glicht, Farben einzubinden, ohne die tonale Grundstimmung aufzuheben. In dem gekonnt reduzierten Setting einer Strandbaracke, einer urigen Landschaft am Meer und einem Schulgeb√§ude beschreibt sie einige Tage im Leben einer Mutter und ihrer siebenj√§hrigen Tochter, die auf der Flucht vor den Befehlsempf√§ngern eines diktatorischen Regimes sind und angespannt auf die Nachricht des Vaters und Lebenspartners warten. Die ungew√∂hnliche und packende Bildsprache des Films √ľberzeugte die Jury zu einer doppelten Vergabe des Silbernen B√§ren f√ľr eine herausragende k√ľnstlerische Leistung an den Kameramann Wojciech Staron und die Produktionsdesignerin Barbara Enriquez. Etwas √ľberraschend, dass der Film ansonsten leer ausging. Die ungew√∂hnlich intensive Performance der siebenj√§hrigen Kinderdarstellerin Paula Galinelli Hertzog galt als b√§renverd√§chtig.

"The Future" von Miranda July und "Odem" von Jonathan Sagall ohne Preise

Ganz leer aus bei der B√§renvergabe ging leider das somnambule "The Future" der Allround-K√ľnstlerin Miranda July. Sie spielt in ihrem experimentell-poetischen Beziehungsfilm auch die weibliche Hauptrolle. F√ľr ihr Regiedeb√ľt " Me and you and everyone we know" wurde sie 2005 auf dem Internationalen Festival in Cannes mit der Cam√©ra d¬īOr ausgezeichnet.
Ebenso ohne B√§ren blieb der israelische Wettbewerbsbeitrag "Odem", in welchem die Schauspielerinnen Clara Khoury, Nataly Attiya, Moran Rosenblatt und Ziv Weiner ihren schwierigen Rollen durch eine bestechende Intensit√§t Glaubhaftigkeit verleihen. Der israelische Regisseur und Drehbuchautor Jonathan Sagall wagt in seinem Film viel und holt sein Publikum erst sp√§t aus der Verst√∂rung wieder ab, wenn er zeigt, wie tr√ľgerisch Erinnerung sein kann und dass voreilige, einseitige Urteile oft der Wahrheit in keiner Weise gerecht werden k√∂nnen.

Die zwei um die B√§ren konkurrierenden deutschen Filmewurden von der Jury mit dem Silbernen B√§ren f√ľr die Beste Regie ("Schlafkrankheit" von Ulrich K√∂hler) und dem Alfred-Bauer-Preis ("Wer, wenn nicht wir" von Andreas Veiel) bedacht.

Die Auszeichnungen der unabhängigen Jurys

Daneben gab es viele weitere Preise, die durch die unabhängigen Jurys oder durch das Publikum vergeben wurden.

Die israelische Regisseurin Michal Aviad erhielt f√ľr ihren bewegenden und sensiblen Film "Lo Roim Alaich (Invisible)" den Preis der √Ėkumenischen Jury.
"Der Film handelt von Vergewaltigung - ein wichtiges und h√§ufiges soziales Problem k√∂rperlicher und seelischer Traumatisierung. (...) Dieser erste Spielfilm der Regisseurin beruht auf realen Fakten und zeigt den Einsatz f√ľr Frauenrechte und W√ľrde." (Ausschnitt Jurybegr√ľndung)

Der Forumsbeitrag "The Ballad of Genesis and Lady Jaye" von Marie Losier, ein emotionales Doku-Portrait √ľber das bereits verstorbene Bandmitglied von Psychic TV, die MusikerinJacqueline Breyer alias Lady Jaye, nahm die Jury des Caligari-Filmpreises f√ľr sich ein. Der Preis wird vom "Bundesverband kommunale Filmarbeit" und der Zeitschrift "film-dienst" gestiftet. Er ist mit 4.000 Euro dotiert, wobei die eine H√§lfte an die Regisseurin des Films geht, die andere den Verleih f√∂rdert.

Der Panorama-Publikumspreis wurde in den Kategorien "Spielfilm" und "Dokumentarfilm" vergeben. Die h√∂chsten positiven Stimmenzahlen konnten die spannungsreiche, spanisch-franz√∂sisch-mexikanische Koproduktion "Tambi√©n la lluvia (Even The Rain)" von Ic√≠ar Bolla√≠nder, die dem Publikum die gravierenden Probleme der indigenen Bev√∂lkerung in Bolivien auf innovative Art ans Herz legt, und der Dokumentarfilm "Im Himmel, Unter der Erde. Der J√ľdische Friedhof Wei√üensee" von Britta Wauer auf sich ziehen.

Ebenso auf bei den 61. Internationalen Filmfestspielen Berlin verliehen wurde der Femina Filmpreis 2011. Die Jury des 15. Femina Filmpreises hat am 19. Februar 2011 den mit 2.000 Euro dotierten Preis an die Kost√ľmbildnerin Julia Brandes f√ľr das Kost√ľmbild in dem Spielfilm "Lollipop Monster" von Ziska Riemann (Perspektive Deutsches Kino) vergeben.. Julia Brandes war √ľberrascht und stolz, als sie den Preis entgegennahm: "Es ist extrem viel Herzblut in diesen Film geflossen - von allen. Wir haben alles gegeben. Und wenn dieses "Alles" gesehen und anerkannt wird, ist das toll. Der Femina Filmpreis ist eine riesengro√üe Auszeichnung und macht mich sehr stolz."

Die "Initiative Friedensfilmpreis" stiftet in Verbindung mit den "√Ąrzten zur Verh√ľtung des Atomkriegs" (IPPNW) und der Heinrich-B√∂ll-Stiftung den mit 5.000 Euro dotierten Friedensfilmpreis. Die aus neun Mitgliedern bestehende Jury sichtet die Filme aus allen Sektionen und entschied sich 2011 f√ľr einen Beitrag aus der Generation, dem Kinderfilmfest. Die polnische Regisseurin Dorota Kedzierzawska begleitet in "Jutro bedzie lepiej (Tomorrow will be better)" drei russische Stra√üenkinder auf ihrem Weg zur Grenze, von deren √úberschreitung sie sich ein besseres Leben versprechen.

Lesen Sie auch unseren Artikel zur Preisvergabe zum 25. TEDDY AWARD.



Kultur Beitrag vom 22.02.2011 AVIVA-Redaktion 





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