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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.11.2005

Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern
Karin Effing

Tschechiens bekannteste Schriftstellerin, Bozena Nemcov√°, schrieb in ihren letzten Tagen drei verzweifelte Briefentw√ľrfe. Dagmar Kn√∂pfel nahm sie als Grundlage f√ľr einen Film √ľber das Schreiben.



Bozena Nemcov√° ist hierzulande wenig bekannt. Das ist verwunderlich, denn in Tschechien war und ist sie eine gefeierte und verehrte Schriftstellerin. Mit dem Roman "Gro√ümutter" trug sie ihren Teil zum Entstehen einer eigenst√§ndigen tschechischen Literatur bei. Sie kam aus armen Verh√§ltnissen und wurde von ihrer Mutter schon fr√ľh in eine ungl√ľckliche Ehe mit dem fast doppelt so alten Josef Nemec gedr√§ngt. Innerhalb von f√ľnf Jahren brachte sie vier Kinder zur Welt. Trotzdem erlebte sie auf dem Hintergrund der nationalen Bewegung ihre pers√∂nliche Hochzeit und trat mit "Gro√ümutter" als gefeierte Schriftstellerin in Erscheinung. Neben dem eigenen Schreiben sammelte sie auch Sagen und M√§rchen und gab diese heraus. Trotz ihrer Ehe f√ľhrte sie zahlreiche Liebesaff√§ren. Finanzielle Probleme und ihr gewaltt√§tiger Ehemann √ľberschatteten ihre letzten Jahre. Sie erkrankte schwer und lebte in bitterer Armut. Die drei Briefentw√ľrfe "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern", bei der Friedenauer Presse Berlin erschienen, sind ihr letzter Versuch, sich √ľber das Schreiben zu behaupten.

Die Regisseurin Dagmar Kn√∂pfel entdeckte die Briefe der bekannten-unbekannten Schriftstellerin durch einen Freund und war sofort vom Sog der Texte fasziniert. Sie erarbeitete eine erste Drehbuchversion und erhielt das √ľberraschende Angebot des Stadttheater Heilbronn, den Stoff unter ihrer eigenen Regie auf die B√ľhne zu bringen. Nach dem Theatererfolg im Herbst 2000 begannen die ersten Schritte in Richtung Realisierung des Filmes. Dagmar Kn√∂pfel gab Corinna Harfouch die Briefentw√ľrfe zum Lesen, auch sie war von der Kraft der Schriftzeugnisse der talentierten Frau beeindruckt. Damit war die passende Besetzung der Hauptrolle gefunden.

Geschildert werden die letzten Tage und Monate der Schriftstellerin.
Ihren Tod vor Augen schreibt sie fieberhaft Briefe an ihren Gönner Vojtech Náprstek.
Dreimal setzt sie an, um bei jedem Versuch wieder zu verstummen. Zu peinigend sind die Umst√§nde, sie findet nicht die richtigen Worte, sie verliert sich in Erinnerungen an die sch√∂nen und glanzvollen Seiten ihres Lebens. Und au√üerdem m√∂chte sie es immer wieder besser machen. Sch√∂ner Schreiben, sich sch√∂nere Umst√§nde erschreiben. Dabei verliert sie den Adressaten scheinbar aus den Augen, √ľberw√§ltigt von ihrem Leid, f√ľr das sie glaubt, keine ad√§quaten Worte zu finden.
Dagmar Kn√∂pfel h√§lt sich in "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern" eng an die Briefentw√ľrfe. Die Zuschauerin erlebt die Schriftstellerin in ihrer Kammer beim Verfassen der Schriftst√ľcke. Verfilmtes Schreiben hat so seine T√ľcken, und auch in diesem Film gibt es einige Momente, in denen das Zusammenspiel von Schreiben und Sprechen und Darstellung des Geschrieben nicht so ganz gelingen wollen. Corinna Harfouch gibt ihr Gesicht und ihre Stimme jedoch ganz der Bozena Nemcov√° und die Sch√∂nheit und Kraft der Briefe, sowie der verzweifelte Kampf um Ausdruck der schwerkranken Frau, werden erfahrbar.
"Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern" ist kein leicht zu konsumierender Film. Vor den KinobesucherInnen wird Brief nach Brief geschaffen, mit allen Wiederholungen des Erz√§hlstranges und Abweichungen der Erinnerung. Er ist aber auch kein psychologischer Film. Daf√ľr wirkt die extreme h√§usliche Gewalt mit den "klassischen" Momenten von Kontrolle, Einsch√ľchterung und Erniedrigung, die Josef Nemec aus√ľbt, zu wenig glaubw√ľrdig. Weder die Opfer, Mutter und Kinder, noch der T√§ter √ľberzeugen aus dieser Sichtweise. Trennt man sich jedoch von diesen Erwartungen, kann man sich einlassen auf das, was der Film eben ist: ein Film √ľber das k√ľnstlerische Schaffen an der Grenze zum Wahnsinn. √úber das Schreiben selbst und die k√ľnstlerische Arbeit an der eigenen Realit√§t.

AVIVA-Tipp: Mit "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern" hat sich die Regisseurin Dagmar Kn√∂pfel keine einfache Aufgabe gestellt. Auf der Grundlage von drei Briefentw√ľrfen der Schriftstellerin Bozena Nemcov√° gibt sie Einblick in die letzten Tage der bei uns leider zu wenig bekannten Tschechin. LiteraturliebhaberInnen werden die wunderbaren Texte, zum Leben erweckt durch die Stimme und Gestalt Corinna Harfouchs, zu sch√§tzen wissen.

Lesen Sie auch unser Interview mit Corinna Harfouch.

Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern
Deutschland 2005, 109 Minuten
Regie und Drehbuch: Dagmar Knöpfel
DarstellerInnen: Corinna Harfouch, Boleslav Pol√≠vka, Petr Forman, Ondrej Vetch√Ĺ, Anna Pol√≠vkov√°
ProduzentInnen: Alena Rimbach, Herbert Rimbach
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Verleih: Movienet
Kinostart: 17.11.2005


AVIVA-Berlin verlost 3 x 2 Kinokarten f√ľr den Film "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern" sowie 3x den Roman "Gro√ümutter" zum Film. Bitte nennen Sie uns den Titel des bekanntesten Werkes der Autorin Bozena Nemcov√° und senden Sie bis zum 28.11.05 eine eMail an folgende Adresse: gewinnspiel@aviva-berlin.de



Bozena Nemcov√°
Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern

Drei Brief-Entw√ľrfe
Friedenauer Presse Verlag, erschienen Dezember 1997
30 Seiten, kartoniert
ISBN: 3-932109-03-1
9,50 Euro200300054075" target="blank">


Kultur Beitrag vom 17.11.2005 AVIVA-Redaktion 





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