Der Traum lebt mein Leben zu Ende. Das Leben der Dichterin Rose Ausländer. Auf DVD - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Film



AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 19.09.2011


Der Traum lebt mein Leben zu Ende. Das Leben der Dichterin Rose Ausländer. Auf DVD
Nina Breher

Wer ist diese Frau, der nach dem Holocaust die Sprache zur einzigen Heimat wurde? Katharina Schubert begibt sich auf die Spuren des Lebens einer großen Dichterin und zeigt Bilder von heute,...




...unterlegt mit Rose Ausländers (1901-1988) Lyrik.

Eine zerbrechliche, aber auf wundersame Weise dennoch starke Stimme spricht aus dem Off über ihre Kindheit: "In jedem Winkel / war ein Wunder untergebracht." Es sind Aufnahmen der Stimme von Rose Ausländer selbst. Die Kamera unterlegt sie mit Bildern von Czernowitz, der traditionellen Hauptstadt der Bukowina, die bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte, dann von Rumänien annektiert wurde, anschließend zur UDSSR gezählt wurde und heute in der Ukraine liegt. Es war die Heimat der Jüdin Rose Ausländer, die zu den bedeutendsten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts gezählt wird. Nach dem zweiten Weltkrieg, den sie unter den widrigsten Umständen in einem Keller im Czernowitzer Ghetto überlebt, sind viele ihrer FreundInnen ermordet und die jüdische Kultur der Stadt zerstört. Die damals 43-jährige verlässt die "Landschaft, die (sie) erfand" ("Bukowina II") – und wird fortan nirgendwo mehr eine örtliche Heimat finden.

"Mein Vaterland
ist tot
sie haben es begraben
im Feuer

Ich lebe
in meinem Mutterland
Wort"


Sie ist Heimatlose, Getriebene, Verlassene, aber keine Verlorene. "Ein Leben im Wort", der Arbeitstitel des Films, drückt es bereits aus: Die Sprache ist Ausländers einzige Zuflucht. Sie nimmt sie während des ersten Weltkriegs mit nach Wien, New York und wieder zurück in die alte Heimat Czernowitz. Als ihr damaliger Lebenspartner Helios Hecht den Versuch unternimmt, ihre Sprache zu enteignen, indem er ihre Gedichte ohne ihr Wissen veröffentlicht, verlässt die damals 34-jährige ihn. Die Sprache ist ihr wertvollstes Gut, ihr treuester Begleiter: "Und das Wort / ist unser Traum / und der Traum / ist unser Leben." ("Am Anfang")

1940 begleiten ihre Worte sie mit ins Gefängnis - sie wurde der Spionage verdächtigt. Und schließlich landet sie im Czernowitzer Ghetto, wo sie einer anderen großen Stimme des Holocausts begegnet – Paul Celan. Ausländers Gedichte sind anders als seine, und doch erscheinen sie aus heutiger Perspektive seltsam miteinander verwoben in den Motiven und in dem Stocken, das sie produzieren.

Ausländer überlebt die Zeit des Nationalsozialismus wie durch ein Wunder und kehrt nach New York zurück, wo sie bis 1956 nur noch auf Englisch dichten kann – will. Doch schließlich holt Ausländer die Sprache zurück zu sich, sie erobert sie zurück. Die Inhalte ihrer Lyrik bleiben zwar dieselben, doch Form und Stil haben sich durch das Erlebte entscheidend verändert. Letztendlich kehrt sie 1963 zurück in den deutschsprachigen Raum, erst nach Wien, dann nach Düsseldorf.

In "Der Traum lebt mein Leben zu Ende" nimmt uns die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Regisseurin Katharina Schubert mit an die verschiedenen Orte, an denen Ausländer lebte, aber mental obdachlos blieb. Ihre Worte begleiten die Filmaufnahmen und beweisen die Zeitlosigkeit ihrer Gedichte. So entstehen phänomenale Aufnahmen der New Yorker Subway oder des heutigen Czernowitz´, die ohne die Untermalung mit Lyrik banal wären, in Verbindung mit ihr aber Gänsehaut auslösen. Ohne sich in Interpretationen zu verlieren gelingt es dem Film auf diese Weise, die ungeheure Wortgewalt der bildhaften Sprache einer großen Dichterin zu würdigen.

Ob ihre letzten Lebensjahre im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf in selbst verhängter Bettruhe von Stärke zeugt oder zu bedauern sind, bleibt dem/der BetrachterIn überlassen. In jedem Fall ist die kreativste Zeit Rose Ausländers. Freiwillig isoliert von der Außenwelt überarbeitet sie alte Gedichte und schafft bis zum Jahre 1986 neue. Ausländer ist eine der wenigen LyrikerInnen, die ihrem Werk bewusst ein Ende setzt und es als abgeschlossen erklärt.

AVIVA-Tipp: Der Dokumentarfilm berichtet nicht nur über das aufwühlende und bislang nicht hinreichend erforschte Leben von Rose Ausländer, sondern führt zugleich in ihre Dichtung ein. Eine Verbindung von Biographie und Werk ist nicht immer eine glückliche, doch hier gelingt sie bestens.


"Ich schreibe mich
ins Nichts
es wird mich ewig
aufbewahren."



Der Traum lebt mein Leben zu Ende
Das Leben der Dichterin Rose Ausländer

Deutschland 2010
90 Min., Farbe und s/w
PAL, Format: 16:9
Sprache: deutsch
Regie und Drehbuch: Katharina Schubert
Mitwirkende: Rose Ausländer, Peter Rychlo, Tilde Schottenfeld, Helmut Braun
Verleih: Basis-Film Verleih Berlin
FSK: keine Altersbeschränkung
19,90,- Euro
www.basisfilm.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Rose Ausländer – Deiner Stimme Schatten

...und das Herz wird mir schwer dabei – herausgegeben von Gertrud Ranner, Axel Halling u.a. ist ein Buch, in dem sich neunzehn jüdische Überlebende an ihre alte Heimat Czernowitz erinnern.

Ich will Dich. Begegnungen mit Hilde Domin, ein Dokumentarfilm von Anna Ditges.

Kerstin Decker – Mein Herz - Niemandem. Das Leben der Else Lasker-Schüler

Mein blaues Klavier, die letzten Gedichte von Else Lasker-Schüler, die in Jerusalem entstanden.

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Quellen: www.fembio.org, www.pkgodzik.de, www.drag.ch, www.basisfilm.de


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Beitrag vom 19.09.2011

AVIVA-Redaktion 






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KINDER DER HOFFNUNG. Kinostart 4. November 2021

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KINDER DER HOFFNUNG von Yael Reuveny
Seit zehn Jahren lebt die israelische Regisseurin Yael Reuveny (SCHNEE VON GESTERN) in Berlin. In Super-8-Aufnahmen aus ihrer Kindheit und Kurzporträts ihrer Mitschüler*innen in Israel heute dokumentiert sie, was aus den Träumen und Idealen ihrer Generation geworden ist. KINDER DER HOFFNUNG kommt zum Jahrestag der Ermordung von Jitzchak Rabin im Jahr 1995 ins Kino.
Mehr zum Film, der Trailer und Kinotour unter: www.filmkinotext.de/kinder-der-hoffnung.html

MITRA. Kinostart: 18.11.2021

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MITRA
Inspiriert vom Schicksal seiner Familie erzählt Regisseur Kaweh Modiri die Geschichte der Iranerin Haleh, die 37 Jahre nach der Hinrichtung ihrer Tochter die Frau wieder trifft, die sie dafür verantwortlich macht. Paraderollen für Jasmin Tabatabai, Shabnam Tolouei und Singer-Songwriter Mohsen Namjoo, der auch die Filmmusik komponierte.
Mehr zum Film und der Trailer unter: www.camino-film.com/filme/mitra

PLAN A – Was würdest du tun? Ab 9. Dezember 2021 im Kino

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PLAN A – Was würdest du tun?
1945 plant eine Gruppe Holocaust-Überlebender die größte Racheaktion der Geschichte: Für jeden jede/n ermordete/n Jüdin/Juden soll ein/e Deutsche/r sterben. Doch kurz bevor der erste Giftanschlag ausgeführt werden kann, wird der Plan aufgedeckt.
Mehr zum Film, Kinotour mit Filmgespräch, den teilnehmenden Kinos und der Trailer unter: www.camino-film.com/filme/plan-a

Das Glück zu leben - The euphoria of being. Ab 30.09.2021 im Kino

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Das Glück zu leben - The euphoria of being
Dokumentarfilm von Réka Szabó über die Entstehung einer Tanzperformance, in der die 90-jährige Éva Fahidi im getanzten Dialog mit einer jungen Tänzerin über ihr Leben und Schicksal erzählt, als einzige ihrer Familie das KZ Auschwitz überlebt zu haben.
Mehr zum Film und der Trailer unter: www.filmkinotext.de/das-glueck-zu-leben

Zuhurs Töchter. Kinostart am 04.11.2021

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Zuhurs Töchter
Das Regie-Team Laurentia Genske und Robin Humboldt zeichnet in ihrem neuen Werk das Porträt der beiden Transgender-Teenager Lohan und Samar, die in ihrer neuen Heimat Deutschland endlich ihre weibliche Identität entfalten können.
Mehr zum Film und der Trailer unter: www.camino-film.com/filme/ zuhurstoechter

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Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
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Online: Die Videoaufzeichnung der Panel-Diskussion "Fragmented Narratives"

Erinnerungspolitiken im Spiegel von Rassismus und Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart.
Mit Dr. Lea Wohl von Haselberg, Veronika Kracher, Dr. Ingrid Strobl, Dr. Michal B Ron. Moderiert von Sharon Adler. Im Rahmen der Ausstellung mit Werken von Elianna Renner und Sharon Paz bei alpha nova & galerie futura

Roamers – Follow your Likes, Kinostart: 22. Juli 2021

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 Roamers – Follow your Likes
Der Dokumentarfilm ROAMERS erzählt von der Suche "Digitaler Nomaden" auf der Jagd nach dem nächsten, perfekten Moment nach Sinn und Halt in einer neuen, digitalen Welt unzähliger Möglichkeiten.
Mehr zum Film und Termine der Kinotour in Anwesenheit der Regisseurin Lena Leonhardt unter: www.camino-film.com/filme/roamers

Dear Future Children. Ab 14. Oktober 2021 im Kino

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Dear Future Children
Drei Länder, drei Konflikte, drei Frauen und ein ähnliches Schicksal: Doch sie haben nicht vor aufzugeben: Hilda in Uganda, Rayen in Santiago de Chile, und Pepper in Hongkong. Sie kämpfen weiter. Für ihre und unsere zukünftigen Kinder.
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Walter Kaufmann – Welch ein Leben! Bundesweiter Kinostart am 30.9.21

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