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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 24.09.2013


Spieltrieb. Nach der Romanvorlage von Juli Zeh. Kinostart: 10. Oktober 2013
Julia Lorenz

Eine "frühreife" Ausnahmeschülerin, ein diabolischer "Agent Provokateur" und ihr unbedarfter Lehrer - aus dem brisanten Dreiecksverhältnis des Erfolgsromans von Juli Zeh entwickelt sich unter ...




...der Regie Gregor Schnitzlers das Portrait einer modernen "Jugend ohne Gott".

"Ich bin ein Spieler, Kleines", lässt Alev Ada wissen.
"Spielst Du mit mir oder gegen mich? "
"Wirkliche Liebespaare sollten miteinander spielen."

Ada (Michelle Barthel) und Alev (Jannik Schümann) spielen also. Und zwar im Gegensatz zu den meisten Fünfzehnjährigen nicht mit dem Risiko, beim illegalen Alkoholkauf erwischt zu werden, sondern mit dem Schicksal eines Menschen: Ihrem Lehrer Szymon Smutek (Maximilian Brückner).

Ada, intelligent und gelangweilt von der intellektuellen Mittelmäßigkeit ihres Umfelds, ist eine klassische Außenseiterin: "Seit Ada im Alter von zwölf Jahren auf den Gedanken verfallen war, dass Sinnsuche nichts als ein Abfallprodukt der menschlichen Denkfähigkeit sei, galt sie als hochbegabt und schwer erziehbar", heißt es im Roman. Als Alev El Qamar - "Hobbys: Nachdenken, Atheismus, leichte Drogen" - zu Beginn des neuen Schuljahres in ihr Leben tritt, entwickelt sich eine Beziehung, die die beiden zunächst als klaren Gegenentwurf zu den jugendlichen Liebeleien ihrer KlassenkameradInnen verstehen: "Wir wären ein tolles Paar, wenn wir an die Liebe glauben würden", befindet Alev. Statt an profane Romantik glaubt er an die Grundsätze der Spieltheorie - und macht Ada zu seiner Komplizin im Spiel mit Smutek, das die Machtverhältnisse zwischen SchülerInnen und LehrerInnen neu ordnet.

Juli Zeh, bekannt geworden durch ihr Debut "Adler und Engel", löste 2004 mit "Spieltrieb" leidenschaftliche Debatten im Feuilleton aus: Von Lobeshymnen auf ihren Bruch mit der "braven Deutschleistungsprosa" (ZEIT) des hiesigen Literaturbetriebs bis hin zu Kritik an der "prätentiösen Geschwätzigkeit" der Charaktere (Frankfurter Allgemeine Zeitung) reichten die Bewertungen - nur ignorieren konnte den Roman über das perfide Experiment zweier Jugendlicher am gutbürgerlichen Ernst-Bloch-Gymnasium niemand: Zu erbarmungslos steuerte die Handlung auf die Tragödie zu, zu ungefällig brach die Abgründigkeit der jungen ProtagonistInnen mit den Erwartungen an Adoleszenz-Romane.
Der konsequente Nihilismus, den Juli Zeh ihren Figuren andichtet, begründet dabei einerseits den Reiz der Geschichte, andererseits überschreiten die philosophischen Exkurse der jungen AkteurInnen oft die Grenzen des Ertragbaren: Die Tatsache, dass Ada und Alev selten über etwas anderes als ethische Grundfragen diskutieren dürfen, handelt dem Roman ein Glaubwürdigkeitsproblem ein.

Umso verblüffender, wenn im Kino plötzlich eine geradezu nahbare Ada die Leinwand betritt und menschliche Gefühle für ihren Möchtegern-Intellektuellen mit Dandyfrisur, Anzug und Gottkomplex hegt. Regisseur Gregor Schnitzler verwandelt das Ernst-Bloch-Gymnasium von einem Hort der Anti-Moral, der ausschließlich von frühpubertären ExistenzialistInnen bevölkert zu sein scheint, in eine (fast) normale Schule. Mehr noch: Er deutet das Verhältnis der Hauptcharaktere nicht als asexuelle KomplizInnenschaft, sondern rückt Adas zunehmenden Wunsch nach körperlicher Liebe in den Fokus. Eine Interpretation, die der Geschichte eine völlig neue Dynamik verleiht: Folgt Ada Alevs Spiel aus eigener Überzeugung oder ist sie ihm schlichtweg verfallen?

Überhaupt hat sich Gregor Schnitzler für einen anderen Zugang entschieden, als die Romanvorlage vermuten lassen würde: Partyszenen, Popmusik (u.a. von Veronica Falls) und dramaturgische Vereinfachungen nehmen der Adaption die Schwere, ohne die moralische Grundfrage aus den Augen zu verlieren. Gegen Ende verlässt ihn leider trotzdem der Mut zum kontroversen Finale, die ZuschauerInnen dürfen den Saal mit einem wohligen Happy-End-Gefühl verlassen.

Das Ergebnis ist eine leichter zugängliche Version von Juli Zehs Werk: Weniger komplex, weniger düster, aber auch weniger konstruiert. Ob das ein Verlust oder ein Zugeständnis an die Lebensrealität der portraitierten Generation ist, steht sicherlich zur Debatte. Legitim ist es allemal: Regisseur Gregor Schnitzler beweist mit "Spieltrieb", dass eine Romanverfilmung nicht die bebilderte Version seiner literarischen Vorlage sein muss - sondern als Interpretation für sich stehen darf.

AVIVA-Tipp: Juli Zehs "Spieltrieb" wurde an anderer Stelle bereits als postideologisches Äquivalent zu Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott" bezeichnet. Darf ein/e RegisseurIn diesen Roman als Coming-of-Age-Story inszenieren?
Darf er. Mit ihrer narzisstischen "Wir-gegen-den-Rest-der-Welt"-Attitüde sind Gregor Schnitzlers ProtagonistInnen sicherlich keine SympathieträgerInnen, bleiben aber dennoch nicht völlig unnahbar. In der Kritik wurde der Versuch, den philosophischen Anspruch des Stoffs spielfilmtauglich umzusetzen, bisher positiv aufgenommen: Die Jury der Deutschen Film- und Medienbewertung FBW würdigte "Spieltrieb" zu Recht mit dem Prädikat "besonders wertvoll".

Zum Regisseur: Gregor Schnitzler, geboren 1964 in Berlin, begann nach dem Studium der Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften an der Hochschule der Künste in Berlin seine Karriere - zunächst als Regisseur von Werbespots und Musikvideos. Auf sein Kinodebut "Was tun, wenn´s brennt?" (2002) folgten u.a. "Soloalbum" (2003), die Verfilmung eines Romans von Benjamin von Stuckrad-Barre, sowie "Die Wolke" (2006), eine weitere Literaturadaption, für die er mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.
Weitere Infos: www.imdb.com

Zur Hauptdarstellerin: Michelle Barthel, geboren 1993, wirkte bereits 2003 in Jörg Grünlers Kinderfilm "Der zehnte Sommer" mit, bevor sie für ihre Rolle in Aelrun Goettes TV-Drama "Keine Angst" mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Nach Auftritten in einigen "Tatort"-Folgen und Fernsehproduktionen übernimmt sie in "Spieltrieb" ihre erste Hauptrolle in einem Kinofilm.
Weitere Infos: www.imdb.com

Spieltrieb
Deutschland 2012
Filmlänge: 102 Minuten
Regie: Gregor Schnitzler
DarstellerInnen: Michelle Barthel, Maximilian Brückner, Jannik Schümann, Richy Müller, Ulrike Folkerts, Sophie von Kessel
Drehbuch: Kathrin Richter und Jürgen Schlagenhof, basierend auf einem Roman von Juli Zeh
Produzent: Markus Zimmer
Ausführender Produzent: Herbert G. Kloiber
Kamera: Andreas Berger
Schnitt: Georg Söring
Szenenbild: Angelica Boehm
Kostüme: Caroline Sattler
Musik: Gerd Baumann
Verleih: Concorde Filmverleih

Kinostart: 10. Oktober 2013

Der Film im Netz: www.spieltrieb-derfilm.de und www.facebook.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Spieltrieb - ein Buch von Juli Zeh

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Beitrag vom 24.09.2013

Julia Lorenz 






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