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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.10.2007

Gudrun Blankenburg, Friedenau ÔÇô K├╝nstlerort und Wohnidyll
Yvonne de Andr├ęs

Friedenau ist ein Ort mit idyllischem Flair. Die gr├╝ne Lunge Berlins wurde Wohn- und Arbeitsort der Inspiration f├╝r K├╝nstlerInnen: Ruhige Seitenstra├čen, raue Zeiten und neue Karrieren.



Friedenau wurde 1871 von dem Stadtentwickler Johann Anton Wilhelm von Carstenn-Lichterfelde f├╝r die Menschen angelegt, die der Berliner Mietskaserne entfliehen wollten. Frau Blankenburg, die Stadtteilchronistin, schreibt: "Der Stil der Bebauung, bescheidene Landh├Ąuser mit einem kleinen Garten, deckte die Sehnsucht nach st├Ądtischem Komfort in l├Ąndlicher Umgebung ab und die Raumwirkung entsprach der Vision einer Gartenidylle." Seinen Namen erhielt die Landhauskolonie von Hedwig Frege, die 1874 f├╝r diese friedliche Gegend den Namen Friedenau ausw├Ąhlte.

Ab 1887 konnte das Carstennsche Konzept nicht mehr aufrechterhalten werden, Landhausvillen mussten weichen und mehrst├Âckige herrschaftliche Mietsh├Ąuser wurden hier errichtet. Lange blieb Friedenau deshalb eine Baustelle.

Um die Jahrhundertwende bot Friedenau f├╝r viele K├╝nstlerInnen preiswerte Dachateliers, die hoch attraktiv waren. "Unter den D├Ąchern schufen sie sich eine Gegenwelt", schreibt die Autorin. So konnten sie an der pulsierenden Gro├čstadt teilhaben und lebten doch fernab von ihr. Hier wohnte die Bildhauerin und Grafikerin Ren├ęe Sintenis, die Malerin Lotte Laserstein, deren Bilder in 2006 im Ephraimpalais und im Verborgenen Museum gezeigt wurden, die Collagistin Hannah H├Âch, deren Arbeiten die Berlinische Galerie vom 06.04. bis 02.07.2007 in einer faszinierenden ├ťbersichtsschau zeigte, die Schriftstellerin Dinah Nelken und die politische Denkerin Rosa Luxemburg, um nur die bekanntesten Namen zu erw├Ąhnen.

Bereits mit den ersten Stra├čenschl├Ągereien 1928 zerbrach diese Idylle. 1926 gr├╝ndete sich in Friedenau die erste NSDAP Ortgruppe, die es auf j├╝dische Einrichtungen wie die Lesehalle und das Bezirkssekretariat IV der Berliner J├╝dischen Gemeinde oder auf die KPD-BesucherInnen der Roten Pappschachtel abgesehen hatte. Oswald Schulz, der NSDAP-Ortsgruppenleiter, wird f├╝r sein parteitreues Durchgreifen 1933 mit dem Posten des B├╝rgermeisters von Sch├Âneberg belohnt.

Friedenau ist aber auch ein Ort j├╝discher Not und des Widerstandes. Edith Wolff, genannt Ewo, gr├╝ndete zusammen mit dem Lehrer Jizchak Schwersenz und anderen untergetauchten j├╝dischen FreundInnen die religi├Âs-zionistische Widerstandsgruppe Chug Chazuli (Kreis der Pioniere). In der N├Ąhe befanden sich weitere Widerstandsgruppen, so Die rote Kapelle, die Gruppe um Hans Coppi oder das Ehepaar Greta und Adam Kuckhoff. Die Stolpersteine beginnen die Namen der Ermordeten wieder in unser Ged├Ąchtnis zu rufen.

Mitte der 1960er Jahre wird Friedenau noch einmal ein Ort der DichterInnen. Sie leben heute nicht mehr. Lauschig aber ist es hier weiterhin. Zu entdecken gibt es hier vieles: spannende Buchhandlungen und das Das Literaturhotel Berlin
(www.literaturhotel-berlin.de) der Schriftstellerin Christa Moog. Der Stadtteil befindet sich im Umbruch.

Zur Autorin: Gudrun Blankenburg ist Autorin und Stadtf├╝hrerin. Sie hat sich auf Touren im Stadtbezirk Sch├Âneberg spezialisiert. Weitere Informationen finden sich unter: www.berlin-spuren.de

AVIVA-Tipp: Ein sorgf├Ąltiges, stimmungsvolles Buch ├╝ber die Geschichte eines Stadtteils. Viele kleine Geschichten und Bilder laden zum Schm├Âkern ein. Leider ist das Querformat nicht unbedingt f├╝r einen Stadt-Spaziergang geeignet, denn das Buch passt nicht in eine Jackentasche. Das Kapitel "Raue Tage in Friedenau" umfasst sowohl die NS-Zeit als auch die Zeit bis in die 50er Jahre. Das ist verwunderlich, denn ansonsten setzt sich Frau Blankenburg durchaus intensiv mit der NS-Zeit auseinander.

Gudrun Blankenburg
Friedenau - K├╝nstlerort und Wohnidyll

Die Geschichte eines Berliner Stadtteils.
Frieling & Huffmann Verlag, erschienen September 2006
60 Abbildungen, davon 30 farbige, kartoniert - 120 Seiten
ISBN: 3828023509
EAN: 9783828023505
19,90 Euro

Literatur Beitrag vom 29.10.2007 Yvonne de Andr├ęs 





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