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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.12.2011

Gertrud Lehnert - Herzanker. Dichterinnen und die Liebe
Evelyn Gaida

Der Titel und die lila-schmachtige Geschenkbuchgestaltung tĂ€uschen. Ein besonderes Geschenk ist dieses Buch jedoch tatsĂ€chlich: Fern jeder pathetischen Überladung, mit Klarheit und ...



... wissenschaftlicher Distanz stellt die Literaturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert in dreizehn DichterinnenportrĂ€ts eine kleine Literaturgeschichte der Liebeslyrik zusammen, von der Renaissance bis zur Gegenwart: Angefangen mit der italienischen MarkgrĂ€fin und Michelangelo-Freundin Vittoria Colonna ĂŒber Annette von Droste-HĂŒlshoff, Elizabeth Barrett Browning und Emily Dickinson bis hin zu Else Lasker-SchĂŒler, Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath und Margaret Atwood. Vergessene und berĂŒhmte Namen finden hier zur gegenseitigen ErgĂ€nzung zusammen.

"Frauen und Liebe – fĂŒr uns heute scheint das eine klassische, ja lĂ€ngst klischeehafte Allianz. Frauen sind emotional, MĂ€nner sachlich und cool," so Lehnert. Bis ins 18. Jahrhundert hinein und darĂŒber hinaus war dagegen auch die Liebesdichtung wie die Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Kunst und Literatur im Allgemeinen eine MĂ€nnerdomĂ€ne: "Über Frauen wurde geschrieben. Sie wurden literarisch geliebt, sie durften literarisch lieben. Und sie schwiegen. Zumindest war das die Norm. (
) Manche Frauen freilich maßten sich an, ihre Stimme öffentlich zu erheben, sie maßten sich Autorschaft an – und sie maßten sich aktives Selber-Lieben und Selber-Leiden an."

Dieses Buch ist eine faszinierende Zeitreise. Pointiert stellt Lehnert VerĂ€nderungen der sprachlichen Verarbeitung des Liebens im Lauf der Epochen und ihre kulturellen Voraussetzungen heraus. Stilistische Schnitzer der Autorin wie einige Wiederholungen in der Formulierung, manchmal etwas abrupte AbschlĂŒsse der PortrĂ€ts und fehlende Angaben zu den Abbildungen treten so in den Hintergrund. Es entsteht eine wertvolle und inspirierende Sammlung der unterschiedlichsten dichterischen Herangehensweisen, Sprachstile, LebensverlĂ€ufe, Charaktere, Bekanntheitsgrade und soziokulturellen Konditionen, die dennoch entscheidende Gemeinsamkeiten aufweisen.

Kaum eine dieser Dichterinnen, die nicht mit den gesellschaftlichen Normen kollidierte. Immer wieder treten erstaunliche FreirĂ€ume zutage, die sich die portrĂ€tierten Autorinnen versiert zu schaffen wussten, immer wieder auch der ĂŒbermĂ€chtige Druck, die GĂ€ngelung, Ausgrenzung, die unertrĂ€gliche Zerrissenheit und das erzwungene Schweigen.

Lehnerts inhaltliche und sprachliche ZurĂŒckhaltung geben der eigenen Phantasie viel Raum, ebenso der IntensitĂ€t zitierter GedichtauszĂŒge, die mit zunehmender ModernitĂ€t und Individualisierung aus den nĂŒchternen Beschreibungen der Literaturprofessorin manchmal geradezu hervorbrechen. Am Ende des Aufsatzes ĂŒber Else Lasker-SchĂŒler und deren oft hymnisch-sehnsĂŒchtige Liebeslyrik stellt Lehnert ein unbeschreibliches Zitat der Dichterin: "Meine Freiheit / Soll mir niemand rauben. / Sterb ich am Wegrand wo, / Liebe Mutter, / Kommst du und hebst mich / Auf deinen FlĂŒgeln zum Himmel."

"Herzanker" sei auch ein Buch ĂŒber die Melancholie, schreibt Lehnert in der Einleitung. GlĂŒckliche, erfĂŒllte Liebe und Dichten scheinen sich den ausgewĂ€hlten Biographien zufolge paradoxerweise geradezu auszuschließen. Ihr selbstĂ€ndiges Denken und Dichten oder ihre gesellschaftliche Stellung machten viele dieser hochintelligenten und -sensiblen Lyrikerinnen nach Auffassung ihrer Zeit als Ehefrauen untauglich. Um schreiben zu können, flĂŒchteten sie sich ins Kloster(!), wie die mexikanische Dichterin, Wissenschaftlerin und Nonne wider Willen Sor Juana InĂ©s de la Cruz (1648/51-1695), oder in die Psychosomatik, wie Droste-HĂŒlshoff, Barrett Browning und Dickinson, die immer noch dem Regiment ihrer Familien unterstanden.

Sie verschmĂ€hten oder wurden verschmĂ€ht, Dichtung, persönliches Erleben und Kulturdiagnose verschmelzen zunehmend miteinander. Auch die Rebellin und BohĂ©mienne RenĂ©e Vivien fand im ausgehenden 19. Jahrhundert weder GlĂŒck noch ErfĂŒllung in mehreren Beziehungen zu Frauen. Sylvia Plath zerbrach an einem völlig ausufernden Anspruch an sich selbst: Sie wollte perfekte Ehefrau, Mutter, BerufstĂ€tige und KĂŒnstlerin sein, ein frĂŒhes, zwanghaftes Kunstbild der "modernen Frau". "Todesarten" nannte Ingeborg Bachmann ihr unvollendetes Roman-Projekt, in dem sie unter anderem ihre Beziehungen zu MĂ€nnern wie Max Frisch und Paul Celan verarbeitet.

An siebter Stelle der PortrĂ€ts und auf halber Strecke des Buches steht jedoch ein Wunder: Die englische Dichterin Elizabeth Barrett Browning (1806-1861) versteckte sich, von einem mysteriösen RĂŒckenleiden an ihr Zimmer gefesselt, panisch vor der Liebe – und wurde in Gestalt des Dichters Robert Browning dennoch von ihr gefunden. Von einer Liebe, die sich durch nichts vertreiben ließ: Barrett Brownings stĂ€ndig neue WiderstĂ€nde und AusflĂŒchte richteten sich Lehnert zufolge "nicht gegen ihn persönlich, sondern entsprangen einer grundsĂ€tzlichen Haltung, die sich zusammensetzte aus Angst vor NĂ€he, Angst vor EnttĂ€uschung, Angst zu enttĂ€uschen, vor allem auch aus der hypochondrischen Angst vor jeder Aufregung."

Schließlich brach die Dichterin mit ihrem tyrannischen Vater, flĂŒchtete mit Browning im Alter von vierzig Jahren nach Italien und heiratete ihn, wodurch auch ihre Krankheit eine sprunghafte Besserung erfuhr. Durch die gegenseitige Inspiration entstanden unter anderem Barrett Brownings "Sonette aus dem Portugiesischen", von Rainer Maria Rilke ins Deutsche ĂŒbertragen: "Wie ich dich liebe? Laß mich zĂ€hlen wie. / Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit, / als meine Seele blindlings reicht, wenn sie / ihr Dasein abfĂŒhlt und die Ewigkeit."

AVIVA-Tipp: Gibt es etwas Schöneres als Liebe und Lyrik? Pathosfrei und pointiert zusammenfassend fĂŒhrt die Literaturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert am Beispiel dieser Sammlung von DichterinnenportrĂ€ts durch die Literaturgeschichte der Liebeslyrik. Eine echte Freude auf jedem Gabentisch! Oder sich einfach selbst beschenken.

Zur Autorin: Gertrud Lehnert ist Professorin fĂŒr Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der UniversitĂ€t Potsdam und lebt in Berlin. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Geschichte der Lyrik, Modegeschichte und -theorie, Raum- und Emotionsforschung sowie die Gender Studies. Im Verlag Krug & Schadenberg erschien 2000 ihr Buch "Lesben und Mode. Im Aufbau Verlag erschienen ihre Essays "Mit dem Handy in der Peepshow" (1999) und "Die Leserin" (2000), im Aufbau Taschenbuch Verlag zuletzt "Frauen, die man kennen muß" (2006). (Quelle: Aufbau Verlag)

Gertrud Lehnert
Herzanker. Dichterinnen und die Liebe

Aufbau Verlag, erschienen im April 2011
Gebunden, 368 Seiten
ISBN 978-3-351-03345-3
15,00 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter: www.aufbau-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Lesben und Mode" von Gertrud Lehnert

Lesben und Mode, Interview mit Gertrud Lehnert

"Im Zimmer meines Lebens. Biografische Essays ĂŒber Sylvia Plath, Gertrude Stein, Virginia Woolf, Marina Zwetajewa u.a." von Simone Frieling

"Auszeit" von Claudia Breitsprecher

"Dein Herz sei mein" von Karin Kallmaker

"Geschrieben fĂŒr Dich" von Sylvia Brownrigg

Literatur Beitrag vom 19.12.2011 Evelyn Gaida 





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