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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.07.2008

Jenny Erpenbeck - Heimsuchung
Yvonne de Andr├ęs

Der Garten Eden der Autorin liegt am Westufer des Scharm├╝tzelsees, dem M├Ąrkischen Meer. Der Roman behandelt zw├Âlf Lebensl├Ąufe und Schicksale, die sich um dieses Haus ranken.



"Heimat planen (...). Vier W├Ąnde um ein St├╝ck Luft, ein St├╝ck Luft sich mit steinerner Kralle aus allem, was w├Ąchst und wabert, herausrei├čen, und dingfest machen. Heimat. Ein Haus die dritte Haut, nach der Haut aus Fleisch und der Kleidung. Heimstatt." schreibt Jenny Erpenbeck ├╝ber "das Haus". Dessen BewohnerInnen erleben Gl├╝ck und Ungl├╝ck, und das Haus im m├Ąrkischen Idyll ist ein wichtiger Referenzpunkt f├╝r alle, die hier ihre Zeit verbracht haben. Der Zeitbogen beginnt in der Weimarer Republik und erstreckt sich bis in die Nachwendezeit.

Die Geschichte beginnt, als ein Gro├čbauer, Vater von vier unverheirateten T├Âchtern, in der Weimarer Republik sein Land parzelliert und an einen Architekten und an einen j├╝dischen Tuchfabrikanten verkauft. Der Berliner Architekt, aus dem Stab von Albert Speer, baut auf seiner "Scholle" und erweitert 1939 g├╝nstig seine Immobilie. Sein Nachbar Artur und seine Herzallerliebste Hermine, wollen Deutschland wegen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten verlassen. Ein Teil der j├╝dischen Familie kann sich nach S├╝dafrika retten, doch f├╝r die Eltern treffen die Papiere zu sp├Ąt ein. Statt auszureisen, m├╝ssen sie 1940 einen Gaswagen in Kulmhof bei Litzmannstadt besteigen.

Der Architekt verbringt die Zeit des Nationalsozialismus bis Mitte der vierziger Jahre in der DDR in dem Haus. Mit Kriegsende kommen die Russen in das Haus am See. Auch der Architekt verl├Ąsst Anfang der 50er Jahre ├╝berst├╝rzt sein Bungalow am See. Er hat f├╝r einen gro├čen Bauauftrag Material aus dem Westen verwendet und soll daf├╝r ins Gef├Ąngnis kommen. Die aus dem russischen Exil zur├╝ckkehrende Schriftstellerin und ihr Mann geh├Âren der DDR Nomenklatura an. Es sind Jenny Erpenbecks Gro├čeltern, die in der Uferstra├če 13 in Diensdorf ein Sommerhaus beziehen. In dieses Haus sind die Gro├čeltern Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner heimgekehrt.

Deren Erfahrungen im Nationalsozialismus, im Exil und in der DDR beschreibt Jenny Erpenbeck so: "Damals haben sie das Schweigen gelernt, und dieses Schweigen war nach allen Entbehrungen das gr├Â├čte Geschenk an ihren Traum, der so gro├č blieb, dass jeder einzelne Genosse ganz allein war, wenn er darin umherging." Nach der Wende werden Restitutionsanspr├╝che von verschiedenen Erbenparteien gestellt. Mit wehleidigem, romantisch verkl├Ąrten Ton schildert sie die Gewalt des BGB Paragraphen 985, der die Anspruchsgrundlage der Kl├ĄgerInnen auf die Herausgabe begr├╝ndet. Das Haus verwahrlost und bevor es komplett durch Abbruch verschwindet, wohnt Jenny Erpenbeck noch einige Tage hier und l├Ąsst ihre Erinnerungen aus Kindertagen lebendig werden. "Wie mit Schlingen band die Zeit den Ort dort fest, wo er war, band die Erde an sich selbst fest, und band die Erde fest, und band sie an der Erde fest."

Der G├Ąrtner, der f├╝r fast alle verschiedenen BewohnerInnen des Hauses t├Ątig war, ist ein schweigsamer Mensch. "Er spricht wenig, und zu den Ereignissen im Dorf ├Ąu├čert er sich ├╝berhaupt nie". Sein Kosmos ist der Garten, der Kreislauf der Natur und deren Zeitachse.

Zur Autorin: Jenny Erpenbeck wurde 1967 als Tochter einer Intellektuellenfamilie in Ostberlin geboren. Ihr Vater, John Erpenbeck, ist Physiker und Schriftsteller; ihre Mutter Doris Kilias eine renommierte ├ťbersetzerin. Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner waren ihre Gro├čeltern. Jenny Erpenbeck studierte Theaterwissenschaften und Musiktheater-Regie. F├╝r ihre B├╝cher erhielt sie zahlreiche Preise, u.a. 2001 den Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, 2008 den Solothurner Literaturpreis f├╝r "Heimsuchung". Jenny Erpenbeck schreibt Prosa, H├Ârspiele und Theaterst├╝cke. Ihre wichtigsten Ver├Âffentlichungen sind: 1999 "Geschichte vom alten Kind" und 2004 "W├Ârterbuch".
Jenny Erpenbeck lebt als freie Schriftstellerin und Regisseurin in Berlin und ist Mutter eines Sohnes.
Lesen Sie auch unsere Rezension zu "W├Ârterbuch" und unser Interview mit Jenny Erpenbeck aus 2005.

AVIVA-Tipp: Ein romantisches Buch und ein ostalgischer Blick auf die Kindheit der Jenny Erpenbeck.


Jenny Erpenbeck
Heimsuchung

Eichborn Verlag, erschienen Februar 2008
gebunden - 190 Seiten
ISBN: 9783821857732
17,95 Euro

Literatur Beitrag vom 09.07.2008 Yvonne de Andr├ęs 





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