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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.10.2008

T├╝rkische Autorinnen im Fokus
Leudolph, Korthase, Adler

Wie viele t├╝rkische AutorInnen kennen Sie? Wenige oder gar keine? AVIVA-Berlin stellt Ihnen eine Auswahl von Neuerscheinungen im Herbst 2008 vor, die in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden erg├Ąnzt wird.



Viele der Werke thematisieren das Leben in einem fremden Land, in "Almanya" und die Spannung zwischen einer islamisch und einer westlich gepr├Ągten Gesellschaft. Aber lesen Sie selbst und erfahren Sie nicht nur mehr ├╝ber unseren vertrauten, aber doch so fremden europ├Ąischen NachbarInnen, sondern auch ├╝ber die deutsche Kultur aus einer anderen Perspektive.

Septembertee oder das geliehene Leben. Von Renan Demirkan
"Sie sehen, Heimat ist nicht mein Problem.
Mein Problem ist:
Ich habe kein Zuhaus,
nicht die Sicherheit,
eine L├╝cke auszuf├╝llen,
dazuzugeh├Âren, ... "


Res├╝mierende Worte, die Renan Demirkan, eine deutsch-t├╝rkische Schauspielerin und Schriftstellerin im Epilog zu ihrem autobiographischen Werk "Septembertee oder das geliehene Leben." vermerkt. Das "Dazuzugeh├Âren" ist eines der zentralen Themen ihres Buches, denn als 7-J├Ąhrige kam sie mit ihren Eltern und der j├╝ngeren Schwester nach Deutschland. Ein "geliehenes Leben" sei es gewesen. Vor allem f├╝r ihre Mutter, die nie vollkommen in Deutschland ankam und sich immer nach der Heimat in der T├╝rkei sehnte. Deren Tod nach einem langen Krebsleiden ersch├╝ttert die Autorin zutiefst und weckt Reflektionen ├╝ber Heimat, Familie und Zugeh├Ârigkeit. Wie einfach und schnell auf einmal alle Formalit├Ąten im deutschen B├╝rokratiesystem erledigt sind, l├Ąsst Renan Demirkan fassungslos realisieren, dass es das erste und letzte Mal ist, dass die Mutter "von den deutschen Beh├Âren nicht wie eine Ausl├Ąnderin behandelt wurde." Gleichzeitig reift in ihr die bittere Erkenntnis, dass derjenige, der nicht in eine Gesellschaft geboren wird, wohl nie richtig dazugeh├Âren kann.

AVIVA-Tipp: Renan Demirkans Buch spielt nicht mit Klischees, sondern erz├Ąhlt sehr pers├Ânlich, mit einem Funken Bitterkeit, aber auch mit viel W├Ąrme und Wohlwollen gegen├╝ber Deutschland von der Geschichte ihrer Familie. Erg├Ąnzt wird diese Geschichte durch allgemeine, oft auch philosophische Reflexionen ├╝ber das Ph├Ąnomen der Emigration, ├╝ber Heimat und Heimatlosigkeit und ├╝ber Selbstverwirklichung.

Zur Autorin: Renan Demirkan wurde 1955 in Ankara geboren und emigrierte 1962 mit ihrer Familie nach Deutschland. F├╝r ihre Leistungen als Schauspielerin und Schriftstellerin erhielt sie unz├Ąhlige Ehrungen, so f├╝r ihren Roman "Schwarzer Tee mit drei St├╝ck Zucker" im Jahre 1998 das Bundesverdienstkreuz.

Septembertee oder das geliehene Leben
Renan Demirkan
Gustav Kiepenheuer Verlag, erschienen September 2008
Hardcover, 169 Seiten
ISBN 978-3-378-01098-7
16,95 Euro


"Arabboy". Von G├╝ner Yasemin Balci
Rashid wird in Berlin Neuk├Âlln als ├Ąltester Sohn eines pal├Ąstinensischen Mutter und eines libanesisch-kurdischen Vaters geboren. Seine Familie geh├Ârt zu einer Gruppe von mehr als 6.000 LibanesInnen, die w├Ąhrend des libanesischen B├╝rgerkrieges zwischen 1975 und 1989 ihr Land verlassen mussten. Wirklich angekommen in Deutschland sind die Eltern nie, alles Deutsche gilt ihnen als "haram", als S├╝nde, der Kontakt zu Deutschen wird soweit wie m├Âglich vermieden.

Seine ersten Lebensjahre verbringt Rashid im "Araberhaus", eine Asylunterkunft in der die siebenk├Âpfige Familie eineinhalb Zimmer bewohnt. Sp├Ąter erh├Ąlt die Familie eine eigene Wohnung in der Rollbergsiedlung. Um der Enge zu Hause und den Gewaltausbr├╝chen seines Vaters zu entgehen, verbringt der Junge schon fr├╝h viel Zeit auf der Stra├če. Hier lernt er alles, was ihn in sp├Ąteren Jahren zu einem jugendlichen Intensivt├Ąter werden l├Ąsst, er findet Gefallen daran, anderen Menschen Schmerzen zu bereiten und macht sich durch seine jederzeit pr├Ąsente Gewaltbereitschaft schnell einen Namen im Kiez.

Die Regeln in Rashids Welt sind einfach: Wer sich unterkriegen l├Ąsst wird zum "Opfer" und ist dann vogelfrei. Ebenso verheerend sind seine Ansichten ├╝ber Frauen: sie sind entweder "Nutten" oder "Heilige", in beiden F├Ąllen haben sie M├Ąnnern zu gehorchen.

Rashid hat das Potenzial, ein gr├Â├čerer Kopf in der organisierten Kriminalit├Ąt zu werden, doch es kommt anders. Eines Abends wird ihm die Droge Tilidin angeboten und er wird sie fortan jeden Tag nehmen. Schritt f├╝r Schritt geht es abw├Ąrts und Rashid merkt nicht, wie er selbst zum Opfer wird.

Zur Autorin: G├╝ner Yasemin Balci ist 1975 in Berlin-Neuk├Âlln geboren und aufgewachsen. Sie studierte Erziehungs- und Literaturwissenschaften und arbeitete im Modellprojekt "Kiezorientierte Gewalt- und Kriminalit├Ątspr├Ąvention" im sozialen Brennpunkt Neuk├Âllns, im Rollbergviertel, und im M├Ądchentreff MaDonna mit vielen Jugendlichen mit t├╝rkischem und arabischen Migrationshintergrund. Heute ist sie Redakteurin f├╝r das ZDF-Magazin "Frontal21".

AVIVA-Tipp: G├╝ner Yasemin Balci legt einen brisanten, ├╝ber weite Strecken schockierenden Roman vor, der auf einer wahren Geschichte basiert. Im Grunde ist Rashid ein normales Kind, das sich nach Anerkennung sehnt, sie aber nur mit dem Mittel der Gewalt bekommt. Hier haben alle Institutionen versagt, die ein Kind auffangen k├Ânnten: Seine Eltern, die in der neuen Umgebung ├╝berfordert sind und deren Erziehungstil unvorstellbar gewalt├Ątig ist. LehrerInnen, die vor dem respektlosen Jungen kapitulieren. SozialarbeiterInnen, die sich aus Angst und falschem Stolz auf der Nase herumtanzen lassen, und nicht zuletzt der Staat, der mit einer nicht vorhandenen Integrationspolitik die Weichen f├╝r eine Parallelgesellschaft stellt, die sich der Mehrheitsgesellschaft entzieht und deren Regeln nicht akzeptiert. "Arabboy" ist die Geschichte eines jugendlichen Intensivt├Ąters, dessen Voraussetzungen f├╝r einen normalen Werdegang denkbar schlecht sind.

Arabboy ÔÇô Eine Jugend in Deutschland oder das kurze Leben des Rashid A
G├╝ner Yasemin Balci
S. Fischer Verlag, erschienen September 2008
Broschur, 288 Seiten
ISBN 978-3-10004813-4
14 Euro


"Istanbul Blues. Die T├╝rkei zwischen Tradition und Moderne". Von Annette Gro├čbongardt
Britta Leudolph
Seit l├Ąngerem strebt die T├╝rkei eine Mitgliedschaft in der Europ├Ąischen Union an, doch es halten sich hartn├Ąckig Vorbehalte in so manchem Kopf. Wirtschaftlich erlebt die T├╝rkei einen seit Jahren anhaltenden Aufschwung, aber wie gro├č sind die kulturellen Unterschiede?
Annette Gro├čbongardt begibt sich auf eine Entdeckungstour durch die 14-Millionen-Stadt Istanbul, eine Metropole voller Gegens├Ątze. "In Istanbul zeigt die T├╝rkei, wie sie westliche Spa├čkultur mit dem Islam vereint, wie sie den Spagat zwischen Minarett und Minirock schafft."

Neben Szenevierteln mit Musikkneipen und Bars finden sich im Stadtzentrum tiefreligi├Âse Bezirke, in denen Frauen "[...] von Kopf bis Fu├č schwarz verschleiert sind, M├Ąnner religi├Âse B├Ąrte und Kappen tragen [...]" und man nach Fernsehen, Banken und auch Alkohol vergeblich suchen wird.

Die Autorin bleibt aber nicht an der Oberfl├Ąche. Sie geht auf die Geschichte der T├╝rkei ein, l├Ąsst PolitikerInnen aus den unterschiedlichen Lagern zu Worte kommen, spricht mit religi├Âsen VertreterInnen, aber auch mit Menschen, die man tagt├Ąglich auf der Stra├če trifft. So entsteht ein Portrait eines auf der einen Seite modernen Landes mit einer fortschrittlichen Verfassung, in der unter anderem die Trennung von Staat und Religion festgeschrieben ist. Auf der anderen Seite wird aber auch die Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne deutlich sichtbar, wie sie sich etwa im Kopftuchstreit ├Ąu├čert. So steht die T├╝rkei heute vor enormen Herausforderungen, hat aber auch viel Potenzial, diese zu meistern.

Zur Autorin: Annette Gro├čbongardt wurde 1961 in Gie├čen geboren. Sie studierte Romanistik und Germanistik. Ihre journalistische Laufbahn begann sie bei der "Frankfurter Neuen Presse" und der Nachrichtenagentur AFP. Seit 1994 arbeitet sie f├╝r den "Spiegel", zun├Ąchst als Redakteurin im Deutschlandressort, sp├Ąter, von 1998 bis 2005 als Korrespondentin in Jerusalem und bis Ende 2007 in Istanbul. Zurzeit lebt sie mit ihrer Familie in Stuttgart.

AVIVA-Tipp: "Istanbul Blues" macht neugierig auf die Stadt, aber auch auf die T├╝rkei. Annette Gro├čbongardt berichtet von den Spannungen, die die heutige t├╝rkische Gesellschaft pr├Ągen und erz├Ąhlt die Geschichten unterschiedlicher Menschen, spricht mit einem Professoren f├╝r Theologie und islamisches Recht ebenso wie mit einer erfolgreichen Unternehmerin oder auch einem Tagel├Âhner. So f├Ąngt sie das Lebensgef├╝hl in der Stadt am Bosporus ein und gibt einen Einblick in den Alltag.

Istanbul Blues ÔÇô Die T├╝rkei zwischen Tradition und Moderne
Annette Gro├čbongardt
Rowohlt Berlin, erschienen September 2008
Hardcover, 224 Seiten
ISBN 978-3-87134-617-0
17,90 Euro


"In meiner Not rief ich die Eule. Eine junge T├╝rkin in Deutschland". Von Bet├╝l Licht
Fatma ist acht Jahre alt, als ihre Eltern beschlie├čen nach Deutschland zu emigrieren. Ihr Lebens- und Leidensbericht beginnt am Bahnhof, wo sie und ihre zwei Geschwister die Eltern verabschieden, die erst mal ohne die Kinder in die Ferne ziehen. Fatma, ihre dreieinhalb Jahre j├╝ngere Schwester und der zwei Jahre ├Ąltere Bruder bleiben bei den Gro├čm├╝ttern in der T├╝rkei.

Mit der Abreise der Eltern beginnt f├╝r die kleine Fatma ein Martyrium, denn, so wird sie sp├Ąter als Erwachsene sagen, "der Lauf des Schicksals kann nicht angehalten werden. Er hat begonnen mit der Entscheidung, nach Deutschland zu ziehen". Die Gro├čmutter m├╝tterlicherseits qu├Ąlt sie tagt├Ąglich, misshandelt sie k├Ârperlich und seelisch aufs Schwerste. Fatmas einziger Zufluchtsort ist ihre Phantasiewelt, in der sie sich der Eule anvertraut, die immer im Maulbeerbaum vor dem Fenster sitzt, bis die Gro├čmutter sie von dort verscheucht. Tagt├Ąglich sehnt sie sich nach den Eltern und nach der Heimatstadt am Schwarzen Meer.

Nach zwei Jahren kehren die Eltern wieder, aber nur, um die Kinder mit sich nach Deutschland zu nehmen. Die anf├Ąngliche Aufregung und Erleichterung ├╝ber den Abschied von der Gro├čmutter verfliegen schnell, als Fatma merkt, wie anders dieses Land ist, in dem sie nun leben soll. Sie vermisst den morgendlichen Ruf des muezzins, den Geruch von frischgebackenem Brot und die Maulbeerb├Ąume. Immer wieder tr├Âstet sie sich mit den Worten des Vaters ÔÇô "F├╝r nur f├╝nf Jahre sind wir hier". Aus diesen f├╝nf Jahren wird ein ganzes Leben, wie f├╝r viele Einwanderer, die kamen um zu arbeiten.

Je mehr Zeit verstreicht, umso unzug├Ąnglicher und mutloser werden die Eltern. Ihr Leben besteht nur noch aus Arbeit, f├╝r die Familie bleibt keine Zeit und so muss Fatma die meisten Aufgaben im Haushalt ├╝bernehmen. Aus Angst, die westlichen Werte k├Ânnten sie zu sehr beeinflussen, verbieten ihr die Eltern den Kontakt zu Gleichaltrigen. Freunde sind ihr nicht erlaubt, Freizeit oder ein eigenes Leben schon gar nicht. Fatma ger├Ąt immer tiefer in einen Strudel aus Selbsthass, Angst und innerer Zerrissenheit, weil sie sich weder als T├╝rkin noch als Deutsche f├╝hlt.

Erst Jahre sp├Ąter, als sie schon selbst Kinder hat, gelingt es ihr, zur├╝ckzuschauen und dem kleinen M├Ądchen zu begegnen, das viel zu schnell erwachsen wurde. Ausgel├Âst durch den Tod ihres Vaters und eine Reise in die T├╝rkei beginnt sie, einer Freundin ihre Geschichte zu erz├Ąhlen.

Fatmas Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit erfolgt ├╝ber das Schreiben von Briefen. Die Empf├Ąngerin, die Ich-Erz├Ąhlerin des Buches, darf auf diese Briefe nicht antworten. Sie wird zur stillen Mitwisserin, zur Mitleidenden und f├╝r die Leserin auch zu einem Reflektionsmedium. Sie ist es, die das Gelesene, das Unerh├Ârte analysiert und den LeserInnen dadurch begreiflicher macht. Im Zuge dieses Reflektionsprozesses kommt die Erz├Ąhlerin dabei St├╝ck f├╝r St├╝ck auch ihrer eigenen Vergangenheit n├Ąher.

Zur Autorin: Bet├╝l Licht wurde 1955 in der T├╝rkei geboren und emigrierte im Alter von 10 Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihre eigene Geschichte sensibilisierte sie fr├╝h f├╝r das Thema Migration. Sie begleitet in einem sozialpsychiatrischen Beratungszentrum in Hamburg MigrantInnen.

AVIVA-Fazit: Bet├╝l Licht ist es mit "In meiner Not rief ich die Eule" gelungen, eine einf├╝hlsame und ber├╝hrende Geschichte zu erz├Ąhlen, die nicht nur Zeugnis ├╝ber das Leben der T├╝rkInnen in Deutschland ablegt, sondern vor allem die Zerrissenheit und Heimatlosigkeit von Menschen dokumentiert, die fern der Heimat leben. Einziger Wermutstropfen ist der psychologisierende Unterton, der abschnittsweise das Buch durchzieht.

Bet├╝l Licht
In meiner Not rief ich die Eule
Hoffmann und Campe Verlag, erschienen August 2008
Hardcover, 256 Seiten
ISBN 978-3-455-50089-9
19,95 Euro


"Eure Ehre - unser Leid. Ich k├Ąmpfe gegen Zwangsehe und Ehrenmord." Von Serap ├çileli
"namus" - das ist t├╝rkisch und steht f├╝r Ehre und geh├Ârt damit zu einem der wichtigsten Werte in der t├╝rkischen Familien- und Gesellschaftstradition. Serap ├çileli, vielen Leserinnen als Autorin des Buches "Wir sind eure T├Âchter, nicht eure Ehre" bekannt, hat ein neues Werk zum Thema geschrieben. ├ťber die Unterdr├╝ckung muslimischer Frauen in patriarchisch gespr├Ągten Gesellschaften, die sich in arrangierten Ehen, Zwangsheiraten, Kopftuchzwang und gar in Ehrenmorden zeigt.

Es ist ihr Lebensthema, denn sie selbst wurde Opfer einer Zwangsehe und h├Ąuslicher Gewalt. Nun versucht die Autorin anderen Frauen in Not den Weg zu weisen, sie aufzukl├Ąren und das tabuisierte Thema der deutschen ├ľffentlichkeit zug├Ąnglich zu machen. Anhand ihrer eigenen Geschichte und vielen ausgew├Ąhlten Fallbeispielen zeigt sie, dass die Unterdr├╝ckung muslimischer Frauen in Deutschland der Regel- und nicht der Ausnahmefall ist und von der vielbeschworenen Multikulti-Gesellschaft keine Rede sei kann.

Im Gegenteil: Das muslimische Leben spielt sich, laut ├çileli, in einer Parallelgesellschaft ab, in der die Erhaltung der Familienehre als das oberste Gebot, unter Einsatz aller zur Verf├╝gung stehenden Mittel, bewahrt werden muss. Schockierend an ihren Berichten ist dabei die Gleichm├╝tigkeit der M├╝tter, Gro├čm├╝tter und Tanten, die selbst unterdr├╝ckt, ihren T├Âchtern in vielen F├Ąllen nicht beistehen, sondern zu Komplizinnen der M├Ąnner werden.

├çilelis Unrechtsempfinden ├╝ber die untergeordnete Stellung der M├Ądchen und Frauen in der t├╝rkischen Gesellschaft und ihre Wut ├╝ber beispielsweise die ersch├╝tternde Bemerkung eines australischen Imams, der unverschleierten Frauen unterstellt, eine Vergewaltigung zu provozieren, l├Ąsst sie allerdings nie zu voreiligen Verurteilungen und Wertungen hinrei├čen. Das erfrischende und bereichernde an "Eure Ehre ÔÇô unser Leid" ist ihr Versuch, auch die andere Seite zu verstehen und f├╝r das eigentlich unverst├Ąndliche m├Ąnnliche Verhalten gesellschaftliche Ursachen zu finden.

Sie zeigt, dass auch die M├Ąnner eine Last zu tragen haben, dass S├Âhne ihren V├Ątern, Br├╝dern oder Cousins hinterher eifern, weil sie sonst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Auch macht sie auf die Rolle der Religion aufmerksam, die in Bezug auf den Propheten Mohammed und eine seine Ehefrauen, die 9-j├Ąhrige Aisha, eine Heirat mit Minderj├Ąhrigen quasi per religi├Âsem Gesetz legitimiert. Klare und kompromisslose Worte findet sie bez├╝glich der t├╝rkischen Regierungspartei AKP, die versuchte, das Kopftuchverbot aufzuheben und, laut ├çileli, eine schleichende Islamisierung des Landes vorantreibt.

Ersch├╝tternd ist der letzte Teil des Buches, in dem die Autorin Schicksale muslimischer Frauen wie Zeitungsberichte aneinander reiht. Obwohl das Buch die Ph├Ąnomene der Zwangsheirat und der Ehrenmorde, die uns Deutschen so fremd sind, begreiflicher machen konnte, dr├Ąngt sich angesichts der Grausamkeit der Taten das "Warum" auf, das als Antwort nur die Sinnlosigkeit des Geschehenen kennt.

AVIVA-Tipp: Serap ├çileli ist es gelungen, ein ersch├╝tterndes und ber├╝hrendes Buch zu schreiben, das durch die Fallbeispiele zugleich anschaulich und durch Exkurse zur t├╝rkischen Geschichte, Gesetzgebung und Familientradition erkl├Ąrend und aufkl├Ąrend wirkt.

Zur Autorin: Serap ├çileli, am 29. Januar 1966 in Mersin, T├╝rkei geboren, kam mit acht Jahren nach Deutschland und wurde mit 15 Jahren in die T├╝rkei zwangsverheiratet. Sie ist eine der ersten Frauen, die sich ├Âffentlich gegen die Unterdr├╝ckung muslimischer Frauen einsetzte und ihre eigene Geschichte publik machte. F├╝r ihr Engagement erhielt sie unter anderem im Jahre 2005 das Bundesverdienstkreuze am Bande. Ende 2007 gr├╝ndete Serap ├çileli den Verein "peri e.V." (deutsch: "Die gute Fee"), der sich f├╝r Menschenrechte und Integration stark macht. Vor allem Frauen mit Migrationshintergrund, die sich in Konflikt- und Notsituationen befinden, k├Ânnen sich an "peri e.V." wenden. Im Internet kann der Verein unter folgender Seite aufgerufen werden: www.peri-ev.de. Heute lebt sie unter anonym gehaltener Adresse im Odenwald.

Eure Ehre ÔÇô unser Leid
Serap Çileli
Blanvalet Verlag, erschienen September 2008
240 Seiten
ISBN 978-3764503017
14,95 Euro


"Ali zum Dessert - Leben in einer neuen Welt". Von Hatice Aky├╝n
Sharon Adler
Die "T├╝rkin mit deutschem Pass" kam als Dreij├Ąhrige mit ihrer Familie nach Duisburg und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. Sie "tr├Ągt kein Kopftuch und ist nicht zwangsverheiratet". Vermutlich sei sie deshalb noch immer Single, meinte sie anl├Ąsslich der Ver├Âffentlichung ihres Debutromans "Einmal Hans mit scharfer So├če" - Leben in zwei Welten" in 2005 manchmal l├Ąchelnd.
Ging es damals der klugen Beobachterin der Parallelwelten noch darum, den perfekten Mann f├╝r das Leben zu finden, mit dem sie ebendiese zu einer konstruktiv-kreativen Einheit ausbauen k├Ânne, so verh├Ąlt es sich mit "Ali zum Dessert" in 2008 etwas anders. Hatice Aky├╝n ist angekommen. Nicht in der Parallelwelt. Da gibt es noch reichlich zu tun. Doch die Suche nach dem perfekten Mann ist abgeblasen, denn sie hat ihn inzwischen gefunden, ist in Nullkommanichts schwanger geworden und hat ein Kind bekommen.

W├╝nschte sie sich damals noch den Mann, dessen Eigenschaften die eines deutschen, zuverl├Ąssigen "Hans" durch die Charakteristika eines feurigen, emotionalen Liebhabers gekr├Ânt wurden, so stellen sich Hatice Aky├╝n heute neue Schwierigkeiten.
Ihr "Ali zum Dessert" ist ein smarter, intelligenter Deutsch-T├╝rke, der seine Frau anhimmelt und ihr dabei alle Freiheiten l├Ąsst, stolz auf sie und auf das gemeinsame s├╝├če M├Ądchen ist.
Ach, warum kann es nicht immer solche Happy-Endings geben?
Hatice Aky├╝n und ihre Familie sind das Paradebeispiel daf├╝r, dass es funktioniert: Das Leben zwischen, in und mit zwei Welten. Sie sinniert und philosophiert gewohnt charmant und dabei scharf beobachtend ├╝ber das eigene Verhalten, die Gefahr von Klischeebildung auf beiden Seiten und nicht zuletzt ├╝ber die Vision einer Welt, in der keine Reglementierung immerw├Ąhrende G├╝ltigkeit besitzt.
Lesen Sie auch unser Interview mit Hatice Aky├╝n anl├Ąsslich der Buchver├Âffentlichung von "Einmal Hans mit scharfer So├če".

AVIVA-Tipp: Erfrischend realistisch, warmherzig und humorvoll, dabei streckenweise ironisch beschreibt Hatice Aky├╝n das Dilemma eines Lebens zwischen und mit zwei Welten, das eine neue Dimension durch die Geburt ihres ersten Kindes erh├Ąlt.

Zur Autorin: Hatice Aky├╝n wurde 1969 in Akpinar K├Ây├╝ in Zentralanatolien geboren. 1972 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie seither lebt. Hatice Aky├╝n schreibt als freie Journalistin u.a. f├╝r den "Spiegel", "Emma" und den "Tagesspiegel". Sie lebte in New York, lange in Berlin und heute in Hamburg. Hinweise zu Lesungen mit Hatice Aky├╝n in vielen St├Ądten finden Sie unter:. www.akyuen.de/unterwegsMehr Infos zu "Einmal Hans mit scharfer So├če" unter: www.einmalhansmitscharfersosse.de

Hatice Aky├╝n
Ali zum Dessert

Leben in einer neuen Welt
Goldmann Verlag, erschienen September 2008
Gebundenes Buch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-442-31147-7
Euro 17,95


Zu Hause in Almanya. Ayseg├╝l Acevit erz├Ąhlt vom t├╝rkischen Leben in Deutschland. Von Ayseg├╝l Acevit

Was hat Hip-Hop mit t├╝rkischer Musik zu tun? Warum verehren die T├╝rken Mustafa Kemal Atat├╝rk? Welche Bedeutung hat eine "abla"?
Ayseg├╝l Acevit, in der T├╝rkei geboren und in Deutschland aufgewachsen, erz├Ąhlt in diesem Jugendbuch witzig und lehrreich ├╝ber das t├╝rkische Leben in Deutschland. Altbekanntes, wie die Geste des Handkusses findet ebenso Erw├Ąhnung wie eher Unbekanntes, so beispielsweise die t├╝rkischen Wurzeln des deutschen Hip-Hops.

Acevit webt dabei t├╝rkische Br├Ąuche, Lebensarten und kulturelle Selbstverst├Ąndlichkeiten in selbst erlebte oder geh├Ârte Geschichten und Texte ein, die thematisch verschiedenen Kapiteln unterstellt sind und der Vielfalt der t├╝rkischen Kultur gerecht werden sollen.

Formal wechselt die Autorin zwischen anekdotischen Erz├Ąhlungen, Sachtexten und Meinungs├Ąu├čerungen. Der aufkl├Ąrerische Impetus, den sie zuweilen zu verfolgen scheint, ist dabei zwar gut gemeint, aber schlecht umgesetzt, da er zur Glorifizierung neigt. Wenn sie beispielsweise davon spricht, dass viele Deutscht├╝rken nicht zwischen den Kulturen hin- und hergerissen sind, sondern beide miteinander vereinen, ist das eine Wunschvorstellung, die sicher nicht der Realit├Ąt entspricht. An anderer Stelle beschreibt sie dann wiederum das zuvor negierte Ph├Ąnomen der Parallelgesellschaft und pl├Ądiert f├╝r eine Integration, die nicht Anpassung, sondern kulturelle Bereicherung bedeutet.

Interessant und leicht verst├Ąndlich geschrieben ist der Exkurs zur t├╝rkischen Geschichte. Aber auch hier h├Ątte Ayseg├╝l Acevit gut daran getan, die historischen Fakten nicht zu kommentieren, sondern diese f├╝r sich sprechen zu lassen. Dennoch kann positiv vermerkt werden, dass die Autorin trotz mangelnder Differenzierung versucht, mit Vorurteilen aufzur├Ąumen und die t├╝rkische Kultur in Deutschland fern von der negativen Medienberichterstattung ├╝ber Kopft├╝cher und Ehrenmorde darzustellen.

AVIVA-Fazit: "Zu Hause in Almanya" ist ein am├╝sant geschriebenes, leicht verdauliches aber leider manchmal etwas moralinsaures Sachbuch, das Jugendlichen die t├╝rkische Lebensart und Kultur n├Ąher bringen soll.

Zur Autorin Ayseg├╝l Acevit: wurde 1968 an der t├╝rkischen Schwarzmeerk├╝ste geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und arbeitet als Radio ÔÇô und Fernsehjournalistin und als freie Autorin in K├Âln.

Zu Hause in Almanya
Ayseg├╝l Acevit
Campus Verlag, erschienen September 2008
198 Seiten
ISBN 978-3593386997
17,90 Euro


"Tante Semra im Leberk├Ąseland". Von Lale Akg├╝n
Lale Akg├╝ns Tante Semra nimmt es als bekennende Muslime mit den Essens- und Verhaltensvorschriften des Islam nicht so genau. Das obligatorische Morgengebet wird einfach ausgelassen, da es angeblich ihrer psychischen Gesundheit abtr├Ąglich ist, der Ramadan mit einer Kreuzfahrt umgangen, denn das Fastengebot gilt nur eingeschr├Ąnkt auf Reisen. Auch der Verzehr von Leberk├Ąsebr├Âtchen ist f├╝r Semra kein Problem, denn schlie├člich sei ja gegen K├Ąse nichts einzuwenden. So lustig, verschroben und eigensinnig ist Akg├╝ns ganze Familie, die sie in "Tante Semra im Leberk├Ąseland" lebendig und anschaulich beschreibt.

In den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen, ging es Lales Eltern im Gegensatz zu vielen ihren t├╝rkischen Landsleute nicht um die verlockenden Arbeitsaussichten, sondern um pure Abenteuerlust. Der Vater ist von dem exotischen Deutschtum mit Wei├čw├╝rsten und P├╝nktlichkeit begeistert und kann die Mutter mit der Aussicht auf ein Ingenieurstudium zum Bleiben ├╝berreden. Schnell finden sie in Deutschland Anschluss und werden, trotz auftretender kultureller Differenzen, herzlich aufgenommen. Kleine Missverst├Ąndnisse verpackt Lale Akg├╝n in ├Ąu├čerst unterhaltsame Anekdoten, die nicht nur die typisch deutschen, sondern auch die t├╝rkischen Eigenarten aufs Korn nehmen und vor allem als eine Liebeserkl├Ąrung an die Verschrobenheit ihrer Familienmitglieder gelesen werden k├Ânnen.

Die Auseinandersetzungen zwischen der analytischen und humorlosen Mutter und dem abenteuerlustigen und verschmitzten Vater werden von Akg├╝n als zwischenmenschliche Zwistigkeiten ohne kulturelle Erkl├Ąrungsmuster beschrieben. ├ťberaus erheiternd erz├Ąhlt sie beispielsweise von dem unerm├╝dlichen Drang des Vaters, sein sozialistisches Gedankengut unter der t├╝rkischen Arbeiterschaft in Deutschland zu verbreiten. Ein Versuch, den die Mutter, eine Mathematikerin und gl├╝hende Kemalistin, nur mit einem m├╝den L├Ącheln quittiert. Genauso erfrischend dargestellt ist Tante Semras unorthodoxer Umgang mit Religion und das ├╝berm├Ą├čige Interesse von Lale Akg├╝ns Schwester an den europ├Ąischen K├Ânigsh├Ąusern. Durch diese skurrilen Charaktere gelingt es der Autorin, eine ganze Palette an Vorurteilen, die sich in der deutschen Gesellschaft gegen├╝ber t├╝rkischen Mitb├╝rgerInnen manifestiert haben, aufzuweichen.

Dennoch darf bei der Lekt├╝re nicht in Vergessenheit geraten, dass f├╝r die Familie der Autorin, gut b├╝rgerlich situiert ,liberal und demokratisch eingestellt, viele Probleme und Integrationsschwierigkeiten ihrer Landsleute nie ein Thema waren. Und es stellt sich nur an wenigen Stellen im Buch das Gef├╝hl ein, dass Lale Akg├╝n diese privilegierte Position der Familie ├╝berhaupt reflektiert. Diese Einseitigkeit und ÔÇô b├Âswillig ausgedr├╝ckt - Undifferenziertheit kann ihr allerdings nicht zum Vorwurf gemacht werden kann, denn sie erhebt keinen Anspruch, das t├╝rkische Leben in Deutschland in seiner Vielfalt zu beschreiben oder gar zu erkl├Ąren, sondern will lediglich Geschichten aus ihrer "t├╝rkisch-deutschen Familie" erz├Ąhlen. Dass diese Herangehensweise die Integrationsdebatte weitestgehend unber├╝hrt l├Ąsst, ist aber gerade hinsichtlich von Akg├╝ns Funktion als Bundestagsabgeordnete, in der sie sich unter Anderem mit Fragen der Migration und Integration besch├Ąftigt, irritierend.

AVIVA-Tipp: Lale Akg├╝n ist es mit "Tante Semra im Leberk├Ąseland" gelungen, ein unterhaltsames und leicht verdauliches Buch zu dem Leben einer t├╝rkischen Familie in Deutschland zu schreiben.

Zur Autorin: Lale Akg├╝n, geboren 1953 in Istanbul, kam als Neunj├Ąhrige mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie studierte Medizin und Psychologie, arbeitete lange in der Jugendhilfe und Familienberatung und leitete dann das Landeszentrum f├╝r Zuwanderung. Seit 2002 ist sie Bundestagsabgeordnete. Sie befasst sich mit Fragen der Migration und Integration und fungiert als Islampolitische Sprecherin der SPD. Lale Akg├╝n hat seit 1981 die deutsche Staatsb├╝rgerschaft und lebt mit Mann und Tochter in K├Âln.

Tante Semra im Leberk├Ąseland
Kr├╝ger Verlag, erschienen Oktober 2008
256 Seiten
ISBN 978-3810501196
14,90 Euro


"Mrs. Atat├╝rk. Latife Hanim. Ein Portr├Ąt". Von Ipek ├çalislar
Jahrzehntelang wusste die ├ľffentlichkeit fast nichts ├╝ber Latife Hanim. Als Ehefrau Atat├╝rks, dem Staatsgr├╝nder der T├╝rkei, hatte sie w├Ąhrend ihrer zweieinhalbj├Ąhrigen Ehe einen gro├čen Einfluss auf das politische Geschehen, wurde aber nach der Scheidung in der ├ľffentlichkeit denunziert und verleumdet. Weder sie noch Atat├╝rk sprachen jemals ├╝ber ihre Ehe.

Die t├╝rkische Journalistin Ipek ├çalislar hat sich auf Spurensuche gemacht und zeichnet in ihrer Biographie ein detailliertes und beeindruckendes Portr├Ąt dieser hochgebildeten und eigensinnigen Frauenrechtlerin, die einen so ma├čgeblichen Einfluss auf die Politik ihres Mannes aus├╝bte.

Latife Hanim zeigte sich in der ├ľffentlichkeit immer ohne Gesichtsschleier und posierte auch mal in Reithosen. Aus einer reichen Izmirer Gesch├Ąftsfamilie stammend, genoss sie eine exzellente Ausbildung in England und in Frankreich, die sie mit westlichen Werten vertraut machte. Nach der Heirat mit Mustafa Kemal, der 1934 den Namen "Atat├╝rk" (zu dt. "Vater der T├╝rken") erhielt, setzte sie sich aktiv f├╝r ein Frauenwahlrecht und f├╝r die ├änderung des Scheidungsrechts ein, das bis dahin nur den M├Ąnnern vorbehalten war.

Im Gegensatz zu vielen ihrer Landsleute strebten Latife und Atat├╝rk in ihrer Ehe eine gleichberechtigte Beziehung an, die insbesondere f├╝r viele t├╝rkische Frauen eine Vorbildsfunktion hatte. Atat├╝rk war stolz auf die Bildung und die Redegewandtheit seiner Frau und beteiligte sie so oft es m├Âglich war an offiziellen Treffen und auch Besprechungen. Trotz allem lie├č er sich im Jahre 1925 in Berufung auf das islamische Recht von ihr scheiden.

Dass dieser fortschrittliche Staatsmann, der selbst die ├änderung des Scheidungsrechts antrieb, seine eigene Frau ohne deren Einverst├Ąndnis und ohne Erkl├Ąrung nach alter und ├╝berholter Tradition verlie├č, provozierte Emp├Ârungsst├╝rme in der ganzen Welt. Die internationale Presse, die Latife aufgrund ihrer westlichen Orientierung und ihrer Emanzipation schon immer zugeneigt war, reagierte entsetzt. Latife selbst verlor in ihrem Heimatland durch die Scheidung jegliche gesellschaftliche Anerkennung und Akzeptanz und floh in die Isolation.

Zur Autorin: Ipek Çalislar ist Politikwissenschaftlerin und Journalistin. Zuletzt war sie Nachrichtenchefin der Zeitung "Cumhuriyet".

AVIVA-Fazit: Die Biographie ist in jedem Falle zu empfehlen, da sie nicht nur die Lebensgeschichte der Latife Hanim, sondern auch einen pr├Ągenden Abschnitt der Geschichte der T├╝rkei erz├Ąhlt. Bedauernswert ist nur die rabiate K├╝rzung, die der Orlanda Frauenverlag am Text vorgenommen hat. Gut 250 Seiten wurden gestrichen, wodurch der Erz├Ąhlstil von ├çalislar im Deutschen f├Ąlschlicherweise h├Âlzern und holprig wirkt.

Ipek Çalislar
Mrs. Atat├╝rk. Latife Hanim. Ein Portr├Ąt

Orlanda Frauenverlag, erschienen September 2008
272 Seiten
ISBN 978-3936937640
17,90 Euro


"Am Rand" von Sebnem Isig├╝zel
Wie Schachfiguren man├Âvriert Sebnem Isig├╝zel ihre ProtagonistInnen an den Rand Istanbuls. Im Original hei├čt ihr Roman "├ç├Âpl├╝k", was so viel bedeutet wie "M├╝ll" oder "M├╝llplatz" - eine treffende Bezeichnung f├╝r Sujet und Plot des Buches. Ihre Figuren graben im M├╝ll, im fig├╝rlichen und ├╝bertragenen Sinne des Wortes. An den Rand der Gesellschaft gedr├Ąngt, leben sie das Leben der Verachteten, Heimatlosen und Gesetzlosen. Sie sind der M├╝ll der Gesellschaft, ein Abfallprodukt, die letzte Konsequenz eines an sich selbst krankenden Systems.

"Eine Gesellschaft und ein Land sind zugleich wie ein Mensch", sagt die Autorin und h├Ąlt der seit 1980 im rasanten Wandel befindenden T├╝rkei mit ihrem Roman einen Spiegel vor. Obwohl der Niedergang ihrer beiden Hauptfiguren Leyla und Yildiz aus ihren jeweils dicht erz├Ąhlten individuellen Geschichten erkl├Ąrt werden kann, l├Ąsst Sebnem Isig├╝zel keinen Zweifel daran, dass vor allem die Gesellschaft sie zu dem machte, was sie geworden sind.

Leyla hat ihr fr├╝heres Leben als Schachgenie und Diplomatentochter abgestreift wie einen alten zerschlissenen Mantel. Unwiderruflich ist das Vergangene verloren, in ihr altes Leben kann und will sie nicht mehr zur├╝ck. Dennoch holen sie die Erinnerungen nach und nach wieder ein, denn, so die Autorin, "Erinnerungen haben Gravitationskraft".

├ähnlich ergeht es der Musikwissenschaftlerin Yildiz. Besessen von dem Komponisten Karacan, an deren Biographie sie arbeitet und besessen auch von der zerst├Ârerischen Beziehung zu der verschwundenen Mutter, gelingt es ihr nicht, ein unabh├Ąngiges, selbstbestimmtes Leben in der Gegenwart zu f├╝hren. Stundenlang verharrt sie auf einem Bein stehend in der Strafecke, in die sie das in der Wohnung umhergeisternde Muttergespenst bei Ungehorsam verweist. Diese perfide Mutter-Tochter-Beziehung, in vielerlei Hinsicht an Elfriede Jelineks "Klavierspielerin" erinnernd, bestimmt ihr Leben und macht sie komplett handlungsunf├Ąhig.

Die Buchautorin entwickelt die zwei Lebens- und Leidensgeschichten der Frauen parallel zueinander, l├Ąsst gegen Ende des Romans aber immer mehr Verquickungen und Bez├╝ge entstehen. Obwohl wie eine Schachpartie aufgebaut, k├Ąmpfen sowohl Yildiz, als auch Leyla ihren ganz eigenen Kampf.

Ist das alles nun Fiktion oder Realit├Ąt? Am Ende des Romans erkl├Ąrt Sebnem Isig├╝zel die Entstehungsgeschichte der Figuren und stellt den LeserInnen Gespr├Ąche mit den im Roman vorkommenden Personen zur Verf├╝gung. Ob als erz├Ąhlerisches Mittel oder als Hilfestellung f├╝r die LeserInnen gedacht, sei dahingestellt. Gebraucht h├Ątte der Roman diesen Zusatz nicht, denn mit der sprachlichen, sowie stilistischen Pr├Ązision und einer eindringlichen Erz├Ąhlerstimme hinterl├Ąsst die Lekt├╝re dieses Buches einen ersch├╝tternden und bleibenden Eindruck. W├Ąren Worte Schachfiguren, h├Ątte Sebnem Isig├╝zel eine geniale Schachspielerin werden k├Ânnen.

AVIVA-Tipp: Dicht erz├Ąhlt, nimmt die Autorin die LeserInnen mit in die Tiefen und Untiefen der menschlichen Seele und der Gesellschaft. Die ProtagonistInnen ihres Romans sind Randgestalten und bei der Beschreibung ihrer Lebensumst├Ąnde spart die Autorin nicht an Gewaltszenarien und Perversionen. Trotz diesen zum Teil schwer ertr├Ąglichen Beschreibungen entwickelt dieses Buch einen unheimlichen Sog, der die LeserInnen auch nach Beendigung der Lekt├╝re nicht mehr losl├Ąsst.

Zur Autorin: Sebnem Isig├╝zel, geboren 1973 in Yalova, T├╝rkei, studierte zun├Ąchst Anthropologie und arbeitete dann als Journalistin bei privaten Fernsehsendern. F├╝r ihr bisheriges literarisches Schaffen bekam sie in der T├╝rkei zahlreiche Preise. Sie lebt und arbeitet in Istanbul.

Am Rand
Sebnem Isig├╝zel
Berlin Verlag, erschienen September 2008
416 Seiten
ISBN 978-3827008053
19,90 Euro


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Literatur Beitrag vom 09.10.2008 AVIVA-Redaktion 





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