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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.03.2012

Riot Grrrl Revisited. Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung. Herausgegeben von Katja Peglow und Jonas Engelmann. Erweiterte Neuauflage mit Pussy Riot und Slutwalks
Evelyn Gaida

Rebellion und laute Gitarren f├╝r `angry young men┬┤, eine Bandbreite von Essst├Ârungen f├╝r `angry young women┬┤? Ach was: "Revolution Girl Style Now!" lautete Anfang der 1990er Jahre der...



... Schlachtruf einer feministischen Musikbewegung, die von Bands wie Bikini Kill, Bratmobile oder Heavens to Betsy ins Leben gerufen wurde. Sie schlug international Wellen, ├Âffnete Musikerinnen wie PJ Harvey oder Liz Phair die T├╝r und brachte Bands wie Sleater-Kinney oder L7 hervor. Beth Ditto von "Gossip" beruft sich heute ausdr├╝cklich auf die Riot-Grrrl-Inspiration ÔÇô doch Female Anger wird 20 Jahre sp├Ąter wieder als "unsexy, uncool oder hysterisch" verstanden, so die "Riot Grrrl Revisited"-HerausgeberInnen Katja Peglow und Jonas Engelmann.

Frauen und Wut. Eine Kombination, die Anh├ĄngerInnen genormter Rollenverteilungen und Frauenbilder sofort in h├Âchste Alarmbereitschaft versetzt. Der etablierte Typus des `angry young man┬┤ darf sich auf den B├╝hnen und Kinoleinw├Ąnden dieser Welt w├Ąlzen und seinen Frust herausschreien, er gilt als begehrenswert und wild. Frauen, die extreme Gef├╝hle ├Âffentlich zum Ausdruck bringen, haftet dagegen noch immer das Negativ-Image der hysterischen Ziege oder aufs├Ąssigen Hexe an. Wor├╝ber sollten Frauen sich auch aufregen? Ihr Lebenszweck besteht schlie├člich in erster Linie darin, zu gefallen, so pl├Ąrrt es ringsherum. Die Ur-Dominanz von M├Ąnnern in den Territorien der Wut, der Auflehnung, des lauten Protests ist der Zement ihrer Dominanz auf weiteren Ebenen. Eine Fundgrube von Themen und Blickwinkeln, die mitten ins Herz dieses Zustands sto├čen, ist die Aufsatzsammlung "Riot Grrrl Revisited", und das trotz akademischer Schreibweise. Hoch anzurechnen ist diesen Darstellungen, dass sie Widerspr├╝chlichkeit betonen, nicht unterschlagen.

Sie hatten es satt. Ausgehend von der Punk- und Hardcoreszene der amerikanischen St├Ądte Olympia, W.A. und Washington D.C. formierten sich zu Beginn der 90er Jahre Bands, die sich ├╝berwiegend aus Frontfrauen zusammensetzten. Ihre Musik war dementsprechend ein heftiger Frontalzusammensto├č mit einer Konstruktion von Weiblichkeit, die Frauen zielsicher auf den R├╝cksitz verfrachtet. Ihre Kritik entz├╝ndete sich auch an den eigenen Reihen: "Einer der Gr├╝nde f├╝r das Entstehen von Riot Grrrl liegt darin, dass viele Frauen und M├Ądchen innerhalb der Szene merkten, wie sehr die Punk-Szene in vielen Punkten mit der Mainstream-Gesellschaft identisch war. Wir hatten all diese Ideen von einer besseren Gesellschaft, trotzdem schlich sich durch die Hintert├╝r der ganze Mist wieder ein", berichtete Sharon Cheslow, Musikerin von Chalk Circle und Fotografin.

Inspiriert von der Do-It-Yourself-Haltung des Punk schrieben die Riot Grrrls das Ziel auf ihre Fahnen, Frauen dazu zu ermutigen, sich in der m├Ąnnerdominierten Musikszene Geh├Âr zu verschaffen, selbst Bands zu gr├╝nden ÔÇô den "Ausziehen!"-Rufen zum Trotz. Wo waren die weiblichen Vorbilder? Bis Riot Grrrl gab es in der Musikgeschichte nur sp├Ąrlich verteilte Einzelk├Ąmpferinnen und Ausnahmek├╝nstlerinnen. Nicht allein in der Musik, sondern auch durch politische Vernetzung, Ladyfeste und soziales Engagement sollte Frauen Raum gegeben werden, ihre Sicht und ihr Erleben zu artikulieren, die im Malestream sonst keinen Platz fanden: Themen wie Sch├Ânheitsterror, Abwertung und Missbrauch offen zu verhandeln und sich gegenseitig zu unterst├╝tzen, statt gegeneinander um (m├Ąnnliche) Aufmerksamkeit zu konkurrieren. Sie holten zum Rundumschlag gegen Sexismus, Homophobie und Diskriminierung aus, wobei nat├╝rlich auch abstruses Agitieren nicht ausblieb, jedoch mit einem selbstkritischen Blick.

Mitrevolutioniert wurde in vieler Hinsicht der Feminismus selbst, bis dahin auf einer vornehmlich politischen Ebene in akademischen Diskursen verhandelt und f├╝r Jugendliche unzug├Ąnglich. "Bei Riot Grrrl ging es zudem stark um die R├╝ckgewinnung von tabuisierten Bildern oder Dingen, die nicht mit Feminismus in Zusammenhang gebracht wurden. Es war der Versuch, sie sich wieder anzueignen und zu sagen, dass sogar ein Girl feministisch sein kann, (...) dass wir R├Âcke tragen k├Ânnen und trotzdem Feministinnen sind", h├Ąlt Allison Wolfe, Leads├Ąngerin von Bratmobile, fest. Corin Tucker von Sleater-Kinney zufolge wurde Feminismus in eine emotionale Sprache verwandelt und kam laut Autorin Marisa Meltzer endlich nicht mehr "so machom├Ą├čig wie es geht" r├╝ber. F├╝r beide ein bahnbrechendes Schl├╝sselerlebnis.

Der mediale Backlash lie├č nicht lange auf sich warten: Riot-Grrrl-Musikerinnen wurden als m├Ąnnerhassende Rotzg├Âren portr├Ątiert oder die Bewegung zum marketingtauglichen Trend-Etikett reduziert. In Deutschland war von Riot Grrrl herzlich wenig zu sp├╝ren, berichtet Katja Peglow: Die "m├Ąnnerdominierte Schreibumgebung" bel├Ąchelte das Ph├Ąnomen als "marginalen `M├Ądchenkram┬┤" und lie├č kaum Identifikationspotential ├╝brig. Angesagt war nicht die Auseinandersetzung mit den Widerspr├╝chlichkeiten und Zw├Ąngen des M├Ądchen-Daseins, sondern dessen domestizierte Variante: das Girlie. Peglow bringt es auf den Punkt: "(Girlies) sind so, wie M├Ądchen schon immer am liebsten gesehen wurden. Niedlich, verspielt, harmlos, statt aggressiv, laut und bedrohlich. Lieber feminin, als feministisch. Die Presse feierte den (von ihr kreierten) neuen M├Ądchentypus geradezu frenetisch, v├Âllig ungeachtet dessen, dass doch nur wieder altbekannte Scheinl├Âsungen f├╝r das weibliche Selbstbewusstsein geliefert wurden (gutes Aussehen), aber egal: endlich sahen `Feministinnen┬┤ wieder besser aus!"

Was ist geblieben von Riot Grrrl, 20 Jahre sp├Ąter? Mehr Musikerinnen tummeln sich in verschiedenen Bands auf den B├╝hnen, Beth Ditto darf dick und lesbisch sein, wird aber dennoch st├Ąndig wegen ihres Aussehens und ihrer Klamotten besprochen, meint Autorin Maren Volkmann. 2001 fand in Portland, Oregon, das erste Girls Rock Camp statt, das M├Ądchen Raum, Instrumente, Workshops und Beratung zum intensiven Ausprobieren anbot. W├Ąhrend dieses Projekt in den U.S.A. und Schweden seither gro├čz├╝gig gef├Ârdert wird, ist der deutsche Tr├Ągerverein Ruby Tuesday e.V. auf ehrenamtliche Mitarbeit und Leihgaben angewiesen. "Die Frage `...und warum ist das jetzt eigentlich nur f├╝r M├Ądchen?┬┤ kommt selbst auf den Camps immer mal auf", so die Veranstalterinnen Juliane Juergensohn und Anette Profus. Ihre Antwort: "Weil es Jungs- und M├Ąnner-Rock-Camps schon gibt, aber ohne, dass die so hei├čen."

AVIVA-Tipp: Dieses Buch trifft so vielfach den Nerv, ins Schwarze und den Nagel auf den Kopf, dass die oft sperrigen Gender-Studies-Satzgebilde daran letztlich auch nichts ├Ąndern k├Ânnen. Die Lese-M├╝he wird mit starkem Stoff belohnt, der wirkt.

Die HerausgeberInnen: Katja Peglow, geboren 1982 in Potsdam hat schon zur Schulzeit lieber Hole als Nirvana geh├Ârt. Schreibt am liebsten ├╝ber Popfeminismus. Lebt und arbeitet als Kulturwissenschaftlerin und freie Journalistin in Essen.
Jonas Engelmann lebt, promoviert und arbeitet in Mainz. Er ist Literaturwissenschaftler, Mitherausgeber der testcard und eines Buches ├╝ber Emo. Dank Riot Grrrl hat er Mitte der Neunziger seine Hardcore-Plattensammlung noch einmal ├╝berdacht.

Katja Peglow / Jonas Engelmann (Hg.)
Riot Grrrl Revisited. Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung

Ventil Verlag, erschienen 2013
Broschur, mit Abbildungen, 216 Seiten
16,90 Euro
ISBN 978-3-931555-47-4
www.ventil-verlag.de

Weitere Informationen finden Sie unter:

Ruby Tuesday - Rock- und HipHop-Camp f├╝r M├Ądchen, Trans* und Inter*

Shut Up And Speak Spoken-Word- und Poetry-Show f├╝r Frauen, Lesben und Trans*

L7: "Pretend We┬┤re Dead"

Bikini Kill: "Rebel Girl"

PJ Harvey: "Man Size"

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