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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.03.2012

Irene Pimminger - Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit? Normative Kl├Ąrung und soziologische Konkretisierung
Annika H├╝ttmann

Die Antwort auf die im Titel gestellte Frage ist schwer zu finden, denn: Was ist ├╝berhaupt Gerechtigkeit? Woraus setzt sich "Geschlecht" zusammen? Die Autorin begegnet einer theoretischen...



...Leerstelle, indem sie Soziologie und Philosophie zusammen f├╝hrt, um den meist vagen Terminus "Geschlechtergerechtigkeit" zu konkretisieren.

Allein die Bezeichnung "Geschlechtergerechtigkeit" birgt Definitionsschwierigkeiten: Hier werden zwei Begriffe miteinander vereint, die aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachrichtungen stammen. W├Ąhrend Geschlechtertheorien der Soziologie zugeordnet werden, ist "Gerechtigkeit" ein Feld der Philosophie, das von SoziologInnen gerne gemieden wird. Philosophische Gerechtigkeitstheorien ber├╝cksichtigen die Kategorie "Geschlecht nicht, oder nur wenig. Bei soziologischen Fragestellungen fehlt durch die mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema Gerechtigkeit h├Ąufig ein Bezugsrahmen f├╝r die Einordnung empirischer Forschungsergebnisse. Um zu untersuchen, inwiefern ein Dialog zwischen beiden Fachrichtungen neue Impulse geben kann, f├╝hrt Pimminger in ihrer Dissertation beide Felder zusammen. In der Einleitung formuliert sie ihre Ziele folgenderma├čen:

"Es geht mir hierbei nicht darum, ein Bild eines mehr oder weniger utopischen Gesellschafts(end)zustands zu entwerfen und Empfehlungen abzugeben, ob und wie dieser zu erreichen w├Ąre. Sondern es geht um die Erarbeitung eines normativ-theoretischen Bezugsrahmens, der einer kritischen Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen und politischer Strategien dienen kann(...)"

Bevor sie Gerechtigkeit und Geschlecht zu einem mehrdimensionalen Konzept zusammenf├╝hrt, betrachtet Irene Pimminger zun├Ąchst beide Begriffe getrennt voneinander. Sie erm├Âglicht durch einen ausf├╝hrlichen ├ťberblick beider Felder jeweils fachfremden LeserInnen eine gemeinsame Basis und verdeutlicht gleichzeitig die Grundlagen ihrer eigenen ├ťberlegungen. Gerechtigkeit betrachtet Pimminger vor allem im Hinblick auf das Verh├Ąltnis zwischen Gleichheit und Freiheit. Um der Komplexit├Ąt der Kategorie Geschlecht gerecht zu werden, teilt sie diese in drei Dimensionen auf: das strukturelle Geschlechterverh├Ąltnis, die symbolische Geschlechterordnung und Geschlecht als Identit├Ątskategorie. Abschlie├čend zusammen gef├╝hrt geben normative Prinzipien und soziale Zusammenh├Ąnge keine endg├╝ltigen Antworten darauf, wie eine geschlechtergerechte Gesellschaft aussehen soll oder kann. Pimminger betont dies selbst, kann aber am Ende ein Fazit ziehen, das zeigt, das der von ihr eingeleitete Dialog tats├Ąchlich zu fruchtbaren Ergebnissen f├╝hrt:

"Weit entfernt von abschlie├čenden Antworten wurden als Fragen der Geschlechtergerechtigkeit ins Zentrum ger├╝ckt, wer zu welchen Bedingungen reproduktive Arbeit leistet und wie eine angemessene materielle Anerkennung dieser gesellschaftlich relevanten Arbeit geleistet werden k├Ânnte, wie eine nicht hierarchische, weder sexuell restriktive noch verdinglichende Geschlechter- und Begehrensordnung aussehen k├Ânnte und wie Freiheitsr├Ąume f├╝r unterschiedliche Seins- und Lebensweisen unabh├Ąngig von Geschlecht, f├╝r verschiedene Formen famili├Ąrer Vergemeinschaftung er├Âffnet werden k├Ânnten, ohne bestimmte Lebensformen zu privilegieren."

Pimmingers Verlag nennt als Zielgruppe der Arbeit ForscherInnen und BeraterInnen im Bereich Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik, gleichstellungspolitische AkteurInnen, Lehrende und Studierende der Sozialwissenschaften, Erziehungswissenschaft, Politikwissenschaft, Philosophie und Gender Studies.
Tats├Ąchlich ist zumindest ein wissenschaftliches Interesse erforderlich, um den ├ťberlegungen und Ergebnissen der Autorin zu folgen. Schon aus der Tatsache, dass es sich bei "Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit" um eine Dissertation handelt, ergibt sich trotz der vieler thematischer Einf├╝hrungen ein anspruchsvolles Leseniveau. WissenschaftlerInnen die sich mit diesem Thema besch├Ąftigen oder besch├Ąftigen wollen, werden von Pimmingers Arbeit allerdings sicherlich einige wertvolle Denkanst├Â├če bekommen.

Zur Autorin: Irene Pimminger ist Soziologin mit den Arbeitsschwerpunkten Geschlechterforschung, Gleichstellungspolitik, Besch├Ąftigungs- und Arbeitsmarktpolitik, Europ├Ąische Strukturfonds sowie Evaluation. (Verlagsinformationen)

AVIVA-Tipp: Eine ├╝bersichtliche und umfangreiche wissenschaftliche Arbeit, deren Anspruch gelingt, sich einem komplexen Begriff auf eine neue Weise zu n├Ąhern und ihn dadurch vielseitig anwendbar zu machen.

Irene Pimminger
Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit? Normative Kl├Ąrung und soziologische Konkretisierung

Verlag Barbara Budrich, erschienen im Februar 2012
Taschenbuch, 164 Seiten
978-3-86649-482-4
19,90,- Euro
www.budrich-verlag.de

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Literatur Beitrag vom 22.03.2012 Annika H├╝ttmann 





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