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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.09.2012

Sofi Oksanen - Stalins K√ľhe
Dana Strohscheer

"Ich hatte geglaubt, es w√ľrde schrecklich, schwierig, schmutzig und schleimig sein (...) Es gab keine Alternative. Es war himmlisch." Ein fulminanter Romanbeginn, der viele M√∂glichkeiten offen...



... lässt.

Geht es um eine Geburt oder eine Operation? Nein, es ist der Zustand der absoluten Gl√ľckseligkeit, den die Protagonistin Anna immer wieder erleben m√∂chte. Sie erreicht ihn, nachdem sie Unmengen von Essen vertilgt hat und diese dann wieder von sich gibt.

Aus Annas Sicht schildert die finnische Erfolgsautorin Sofi Oksanen, wie schrecklich schön das Verlangen nach dem Rausch sein kann und wie intensiv sich die Protagonistin der Droge und Krankheit "Essstörung" hingibt.

Der kurze Weg vom "Gewichthalten" zur schweren Erkrankung

Angefangen hat bei Anna alles im Schulm√§dchenalter. Gemeinsam mit einer Freundin begann sie die Kalorien von Lebensmitteln zu z√§hlen. Unterst√ľtzt wurden diese Bestrebungen durch ein streng gef√ľhrtes Regime der Mutter der Freundin, die ihre Tochter regelm√§√üig der Prozedur "Datum, Gr√∂√üe, Gewicht. Einmal pro Woche" unterzog.

Dieser Wettbewerb setzte sich fort, irgendwann zog die Freundin weg, aber der Kampf um jedes Gramm K√∂rpergewicht blieb. Gleichzeitig kennt sich Anna mit ihrem Stoffwechsel und den Funktionsweisen ihres K√∂rpers genau aus, sie wei√ü, wie sich verhalten muss, um ihm nicht gr√∂√üeren Schaden zuzuf√ľgen ‚Äď oder zumindest ist sie selbst √ľberzeugt, das Richtige zu tun. Denn ihr "Herr", wie Anna ihre Sucht bezeichnet, wird im Laufe der Jahre immer fordernder. Sie teilt die Lebensmittel in "sichere" (kalorienarme) und "unsichere" ein, nimmt Medikamente und versucht es mit Therapien.

Nach und nach verdr√§ngt die gedankliche Besch√§ftigung mit dem Essen alles andere aus Annas Leben ‚Äď Studium, Verdienstm√∂glichkeiten, pers√∂nliche Beziehungen. Nichts hilft gegen ihr Verlangen, einen "vollkommenen K√∂rper" zu besitzen, der nur ihr geh√∂rt und der sie vor der Umwelt sch√ľtzt.

Das große Schweigen hinter der Sucht

Mit ihrer unbedingten Selbstkontrolle will die Protagonistin den Makel ihrer Herkunft entkr√§ften, der als unausgesprochenes Tabu in der Familiengeschichte existiert. Ihre Mutter Katariina ist Estin und heiratete in den 1970er Jahren einen Finnen, Annas Vater. Die Mutter, selbst Ingenieurin, ging aus Liebe zum Mann und aus Patriotismus gegen√ľber dem sowjetisch besetzten Estland fort. Doch die Wirklichkeit im "Paradies" stellt sich als tr√ľgerisch heraus: Von den Finnen wird sie als "Russenhure" bezeichnet, die sich einen einheimischen Mann "geangelt" hat, um auf dessen Kosten zu leben.

All diese Erfahrungen f√ľhren dazu, dass Katariina ihrer einzigen Tochter einsch√§rft, nie √ľber ihre estnische Vergangenheit zu sprechen: "Mutter hat mit mir kein einziges Wort estnisch gesprochen, nicht einmal aus Versehen."
Oksanens Erz√§hlton ist eindringlich und k√ľhl, in R√ľckblenden erz√§hlt sie die Geschichte von Mutter, Tochter und Gro√ümutter zu Zeiten der Sowjetunion und danach.

R√ľckzug ins Selbst

Trotz b√ľrokratischer H√ľrden besuchen Katariina und Anna immer wieder die Gro√ümutter in deren estnischen Dorf, allerdings sind diese Aufenthalte immer aufreibend. So m√ľssen die ewig unzufriedenen Verwandten und FreundInnen mit Geschenken bedacht und die GrenzbeamtInnen bestochen werden. Dar√ľber hinaus ist der sowjetische Geheimdienst immer darauf bedacht, Angst und Schrecken zu verbreiten. Sp√§ter erf√§hrt sie, dass ihr Vater (der weiterhin als Ingenieur in Russland arbeitet), sich mit M√§dchen vergn√ľgt, die f√ľr eine Nylonstrumpfhose ihren K√∂rper hergeben. Besch√§mt schildert Anna, wie ihr Vater mit ihr einkaufen geht und sie als Tochter Unterw√§sche anprobieren soll ‚Äď da sie ungef√§hr die gleiche Konfektionsgr√∂√üe hat wie seine russische Geliebte.

All diese verst√∂renden Erlebnisse f√ľhren zu Annas R√ľckzug in den eigenen K√∂rper: "So m√§chtig ist mein Herr und Sch√∂pfer, und so genehm bin ich meinem Herrn, in dessen starker Umarmung mein Frauenfleisch erbl√ľht (‚Ķ) Beauty hurts, baby."

AVIVA-Tipp: Die LeserInnen erfahren viel √ľber die Krankheit / Sucht "Essst√∂rung" ‚Äď der Begriff wirkt geradezu verharmlosend. Durch die drastischen Schilderungen gewinnt die Erz√§hlung noch an St√§rke. Nach der Lekt√ľre sieht mensch m√∂glicherweise auch das Coverbild des Buches mit anderen Augen.

Zur Autorin: Sofi Oksanen geboren 1977 im finnischen Jyv√§skyl√§, hat eine estnische Mutter und einen finnischen Vater. Sie studierte Dramaturgie an der Theaterakademie von Helsinki. 2003 ver√∂ffentlichte sie ihren ersten Roman "Stalins K√ľhe", der ihr eine Nominierung f√ľr den prestigetr√§chtigen finnischen Literaturprize "Runeberg Award" einbrachte und nun in deutscher √úbersetzung vorliegt. 2005 folgte "Baby Jane". Ihr dritter Roman, "Fegefeuer" (2008) war monatelang Nummer eins der finnischen Bestsellerliste und erschien in √ľber 40 L√§ndern. 2008 erhielt Oksanen den "Finlandia-Preis sowie 2010 den "Literaturpreis des Nordischen Rates". Oksanen ist die bisher j√ľngste Autorin, der dieser Preis verliehen wurde. Ebenfalls 2010 wurde sie mit dem "Femina Prize" ausgezeichnet. Die Autorin ist verheiratet und lebt in Helsinki. (Quelle: Verlagsinformationen)

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.sofioksanen.com

Sofi Oksanen
Stalins K√ľhe

Originaltitel: Stalinin Lehm√§t / Stalin¬īs Cows
Aus dem Finnischen von Angela Plöger
Kiepenheuer und Witsch, erschienen August 2012
Gebunden, 496 Seiten
ISBN 13: 978-3-462-04374-7
22,99 Euro
www.kiwi-verlag.de

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Literatur Beitrag vom 13.09.2012 Dana Strohscheer 





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