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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 08.12.2012

Miriam Gebhardt - Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor
Claire Horst

Eigentlich nervt schon der Titel und die Anmaßung, die darin steckt. Es gibt keine Feministinnen mehr, und daran ist Alice Schwarzer schuld, das scheint die Leitaussage dieses ungefĂ€hr 300sten...



... Buches zu Schwarzer zu sein.

Ich nenne mich Feministin, und ich kenne noch ziemlich viele weitere Frauen, die das tun, sogar solche unter dreißig – auch wenn die Autorin sich das kaum vorstellen kann. Auch der Klappentext irritiert: Der deutsche Feminismus werde "von einer einzigen Medienfigur besetzt", ist da zu lesen. Das einerseits zu beklagen und dann andererseits mit einer weiteren Schwarzer-Biografie zu diesem Medienzirkus beizutragen, anstatt sich der sehr lebendigen feministischen Bewegung zu widmen, ist zumindest widersprĂŒchlich, vielleicht aber auch wohlkalkuliert. Anklagen verkaufen sich besser. Wer kauft schon ein Buch mit dem Titel "Dem Feminismus geht es gut"?

Gebhardt ist nicht die einzige, die den gegenwĂ€rtigen Feminismus als kaum existent wahrnimmt. So wird Alice Schwarzer in einer Besprechung von Gebhardts Buch im Deutschlandradio tatsĂ€chlich als "bekennende Feministin" bezeichnet, so als sei das ein Titel, den frau sich nur mit der grĂ¶ĂŸten Überwindung anhĂ€ngen könne. Dass in demselben Land, von dem da gesprochen wird, unzĂ€hlige LehrstĂŒhle fĂŒr Gender Studies, nebenbei aber auch Politgruppen, Blogs, Zeitschriften und Fanzines mit feministischer Ausrichtung existieren, kommt in dieser Darstellung gar nicht vor.

Gebhardts Darstellung der politischen Lage in Deutschland ist akkurat: Immer noch ist der Gender Pay Gap unverĂ€ndert groß, sind Frauen auf allen leitenden Ebenen unterreprĂ€sentiert, existiert das Ehegattensplitting immer weiter. Ebenso erhellend sind ihre persönlichen Betrachtungen zu ihrer Karriere im mĂ€nnerdominierten Sportjournalismus und der ebenso frauenfeindlichen Hochschullandschaft. Daraus bastelt sie aber in der Folge den Vorwurf an Schwarzer, sich weiterhin an den alten HĂŒten Pornografie, Abtreibung und neuerdings auch dem politischen Islam abzuarbeiten, statt die "wirklich wichtigen" Fragen anzugehen.

Die Ablehnung einiger von Schwarzers Thesen ist nachvollziehbar, tatsĂ€chlich hat ihre Pauschalverurteilung des Islam ebenso wie ihre Arbeit als Kolumnistin der Bild-Zeitung bei vielen großes Unbehagen ausgelöst. Nur ist der Zusammenhang nicht ganz ersichtlich. Persönliche Anfeindungen gegen Schwarzer als "alten BĂ€ren", der am Nasenring durch die FußgĂ€ngerzone gefĂŒhrt werde, als "Mutation zum Monster, abschreckend fĂŒr MĂ€nner und Frauen zugleich" sind einfach nur eine peinliche UnverschĂ€mtheit. Dass Schwarzer eine "Fernsehfeministin" sei, die wir uns nicht zur Diskussion der Geschlechterordnung, sondern zur Unterhaltung leisteten, ist vielleicht nicht falsch, aber sicher nicht nur ihr selber anzukreiden.

Wer zwingt eigentlich all ihre KritikerInnen, Alice Schwarzer als Übermutter zu interpretieren und sich stĂ€ndig von ihr absetzen zu wollen? Gebhardts umfassende historische Darstellung der Erfolge und Misserfolge der deutschen und internationalen Frauenbewegung, angefangen bei Mary Wollstonecraft und Olympe de Gouge und den frauenfeindlichen Angriffen von AufklĂ€rern wie Kant und Rousseau, hĂ€tte gewonnen, wenn sie sich nicht mit einer kritischen NacherzĂ€hlung von Schwarzers Biografie zwischen zwei Buchdeckel hĂ€tte quetschen mĂŒssen.

FĂŒr Gebhardt besteht der Feminismus in Deutschland einzig aus den beiden Strömungen des Differenz- und des Gleichheitsfeminismus, die sie verkĂŒrzend als den "Ändere dich gefĂ€lligst"- und den §Werde, der du bist"-Feminismus bezeichnet. In Deutschland gebe es keine Verbindung zwischen Theorie und Praxis, einen Third Wave-Feminismus habe es nie gegeben, außer vielleicht Charlotte Roche und ein paar andere, die sie mit einer Handbewegung vom Tisch wischt. Auf der Straße kenne die niemand. Es ist schon gewagt, einerseits Schwarzer ihre MedienprĂ€senz vorzuwerfen und zugleich anderen Feministinnen nicht einmal einen Platz in der Geschichte einzurĂ€umen, weil die ja keineR kenne.

Der "Kargheit und Fantasielosigkeit" des heutigen Feminismus stellt Gerhardt die Mitgliederzahl des "Bundes Deutscher Frauenvereine" entgegen, die 1918 320.000 betragen habe. Waren das noch Zeiten. Bis Alice Schwarzer kam? Nein, so einfach macht es sich Gebhardt nicht, die natĂŒrlich weiß, welche Einschnitte der Nationalsozialismus bedeutete. Nur zieht sie auch daraus wieder RĂŒckschlĂŒsse auf Schwarzers Fehler: So wichtig der Hinweis auf die Rolle von Frauen als TĂ€terinnen im Nationalsozialismus, auf Frauenrechtlerinnen wie Henriette FĂŒrth ist, die im Einklang mit den Nazis fĂŒr die Zwangssterilisierung von Menschen mit Behinderungen eintrat, so unfair ist es, daraus einen Vorwurf an Alice Schwarzer abzuleiten, die geschichtsvergessen eine "ambivalenzfreie Position in Sachen Abtreibung oder PrĂ€implantationsdiagnostik" vertrete.

Im Rekurs auf Schwarzers Autobiografie nennt Gerhardt sĂ€mtliche Momente, die Schwarzer vielen so unsympathisch machen: die Mythisierung der eigenen Familie als samt und sonders mutiger WiderstandskĂ€mpferInnen, die Betonung der eigenen ReflexionsfĂ€higkeit schon als Kleinkind, ihre teilweise rassistischen und unsolidarischen Äußerungen, ihre Eitelkeit und Herrschsucht, ihre VorwĂŒrfe an heterosexuelle Frauen, sich mit der "OrgasmuslĂŒge" unterdrĂŒcken zu lassen, das Kokettieren mit der Boulevardpresse, die Lustfeindlichkeit der PorNo-Kampagne und so weiter. All das ist bekannt und richtig. Nur, was soll es bringen, es noch einmal zu erzĂ€hlen?

AVIVA-Tipp: Zuzustimmen ist vielen von Gerhardts Thesen, die Judith Butlers Theorie gegen Schwarzers vereinfachende Kritik verteidigt, fĂŒr eine Verbindung von Theorie und Praxis plĂ€diert und sich sowohl gegen binĂ€re Einteilungen als auch gegen die Nutzbarmachung von Emanzipationsbestrebungen fĂŒr das neoliberale System ausspricht. Nur schade, dass sie es in dem altbekannten Modus der Abgrenzung von Schwarzer tut, den sie zugleich anderen vorwirft. Zudem kann die Autorin sich leider nicht entscheiden, ob sie nun die Geschichte der Frauenbewegung erzĂ€hlen oder eine Anklage an Alice Schwarzer Ă€ußern will. Als Einstieg in die Geschichte der Frauenbewegung trotzdem ein umfassend recherchiertes und unterhaltsam zu lesendes Buch.

Zur Autorin: Miriam Gebhardt ist Historikerin und Journalistin. Neben ihrer journalistischen Arbeit unter anderem fĂŒr die SĂŒddeutsche Zeitung, die Zeit, den Stern und mehrere Frauenzeitschriften promovierte sie in MĂŒnster und habilitierte sich mit einer Arbeit ĂŒber "Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert" (2009). Sie ist Privatdozentin an der UniversitĂ€t Konstanz, bei DVA erschien von ihr zuletzt die Biographie "Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet" (2011). (Verlagsinformationen)
Die Autorin im Netz: miriamgebhardt.de

Miriam Gebhardt
Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten
Verlag: DVA Sachbuch, VÖ: 17. September 2012
ISBN: 978-3-421-04411-2
19,99 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin zum Feminismus:

Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl - Wir AlphamÀdchen - Warum Feminismus das Leben schöner macht

Thea Dorn - Die neue F-Klasse

50 Jahre Gleichberechtigung - Interview mit Katja Kullmann

Grethe Nestor - Die Badgirl-Feministin. Ein Handbuch fĂŒr Frauen, die sich munitionieren wollen

Generationenkonflikt im Feminismus (mit Links)

Alice Schwarzer - Die Antwort

Alice Schwarzer - Alice im MĂ€nnerland. Eine Zwischenbilanz

Alice Schwarzer - Lebenslauf



Literatur Beitrag vom 08.12.2012 Claire Horst 





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