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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.12.2012

Josha Zwaan - Parnassia
Dana Strohscheer

In ihrem literarischen Debut widmet sich die Autorin einem bisher kaum bekannten Thema: der Umerziehung j├╝discher Kinder w├Ąhrend der nationalsozialistischen Besatzungszeit in den Niederlanden.



Um ihre S├Âhne und T├Âchter vor der Deportation zu bewahren, gaben um 1942 Hunderte j├╝discher Eltern ihre Kinder in die Obhut christlicher Pflegefamilien in der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Doch gab es neben der Ermordung noch andere Ursachen daf├╝r, dass es f├╝r diese Familien kein Wiedersehen geben sollte.
Oftmals wurde den leiblichen Eltern die R├╝ckgabe verweigert, und die Kinder ihrer religi├Âsen und kulturellen Wurzeln beraubt.

Die Autorin Josha Zwaan nimmt sich in ihrem Erstling "Parnassia" dieser bislang wenig erforschten Thematik an und erz├Ąhlt in R├╝ckblenden die Geschichte von Rivka und Anneke. Diese beiden sind ein und dieselbe Person.

Kindheit und Krieg

Rivka ist ein j├╝disches M├Ądchen, das von ihrem Vater vor der drohenden Verhaftung und der anschlie├čenden Deportation in Sicherheit gebracht wird - bei einer kinderlosen, christlichen Pfarrersfamilie. So wird aus Rivka Anneke, das lang ersehnte Wunschkind der neuen Eltern. Ihre j├╝dische Herkunft vergisst das Kind in der neuen Umgebung schnell. Diese wird ihr auch beharrlich vom Ziehvater ausgetrieben, der es als Gottes Auftrag ansieht, das Kind auf den Weg der "einzig wahren Kirche" zu f├╝hren. Mit der Zeit verleugnet Anneke selbst ihre Herkunft, sie m├Âchte einfach nur dazu geh├Âren und nicht anders sein als die anderen Kinder im Dorf.

Als ihr leiblicher Vater nach Kriegsende bei den Eheleuten erscheint, um seine Tochter mitzunehmen, str├Ąubt sich Anneke. Ihre Pflegeeltern haben sie zu einer "guten Christin" umerzogen, die inzwischen selbst gro├če Ressentiments gegen├╝ber dem Judentum hegt. So bleibt Rivka/Anneke bei ihren Zieheltern und l├Ąsst sich erst im fortgeschrittenen Alter darauf ein, ihre Geschichte zu hinterfragen.

Erste Liebe und Verdr├Ąngung

Als junge Frau verliebt sich Anneke in Joost. Sie wei├č nicht, dass er als j├╝disches Kind im KZ um sein ├ťberleben k├Ąmpfte. Die beiden heiraten, doch Joost ist schwer traumatisiert und kann seine Erlebnisse nicht mit seiner Umwelt teilen. Als das erste gemeinsame Kind geboren wird, verst├Ąrken sich seine manisch-depressiven Phasen, er entfernt sich immer weiter von seiner Familie. Auch Anneke ist in ihrer Sprachlosigkeit gefangen. Sie bringt Kinder zur Welt, ohne eine innere Verbindung zu ihnen aufzubauen. Die Beziehung zu ihrem Mann ist von K├Ârperlichkeit gepr├Ągt, die im Laufe der Jahre abnimmt. Ebenso sp├╝rt Joost, dass seine Frau ein Geheimnis hat, er versucht jedoch vergebens, es ihr zu entlocken - Anneke bleibt ebenso stumm wie er.

Kriegstraumata und historische Fakten

Die Eheleute entfernen sich immer mehr voneinander und es kommt zu Misshandlungen, sowohl zwischen dem Ehepaar, als auch gegen├╝ber den Kindern. Da Joost die Kinder auf "das Schlimmste" vorbereiten will, m├╝ssen diese mitunter splitternackt im Freien ausharren und d├╝rfen nur Rationen von trockenem Brot und Wasser zu sich nehmen, um "abgeh├Ąrtet" zu werden.
Auf der anderen Seite versp├╝rt Joost den Wunsch, so viele Kinder wie m├Âglich in die Welt zu setzen, um Nachkommen des j├╝dischen Volkes zu zeugen, ohne zu wissen, dass auch seine Frau J├╝din ist.

Zwaan erz├Ąhlt in R├╝ckblenden, beginnend mit dem ersten Treffen zwischen Mutter und Tochter nach vielen Jahren der Sprachlosigkeit auf beiden Seiten. Eindringlich schildert die Autorin die gro├če Distanz und das Nicht-Verstehen-Wollen. Beide sind nicht nur Opfer, sondern m├╝ssen sich auch ihrem eigenen Handeln stellen.

Auch die unr├╝hmliche Rolle offizieller niederl├Ąndischer Gremien wird durch Zwaans Erz├Ąhlung deutlich, wie die Ermutigung von beh├Ârdlicher Seite an christliche Eltern, j├╝dische Pflegekinder auf den "richtigen moralischen Weg" zu bringen. Hier zitiert die Autorin historische Dokumente und verkn├╝pft sie mit pers├Ânlichen Erlebnissen Betroffener, die sie selbst ├╝ber einen Zeitraum von mehreren Jahren interviewte.

AVIVA-Tipp: Sachlich und ohne Pathos schildert Zwaan die Befindlichkeiten ihrer Figuren und enth├Ąlt sich jedweder Wertung. Gerade dadurch gewinnen die pers├Ânlichen Dramen ihrer ProtagonistInnen an Dringlichkeit und machen deutlich, wie sehr l├Ąngst ├╝berwunden geglaubte Traumata auch die Generationen der Kinder und Kindeskinder beeinfluss(t)en.

Zur Autorin: Josha Zwaan geboren 1963, lebt in Zutphen in der Provinz Gelderland in den Niederlanden. Sie schreibt regelm├Ą├čig f├╝r Zeitungen und arbeitet zudem als Coach und Prozessbegleiterin. "Parnassia" ist ihr erster Roman. Zuvor hat sie sich eingehend mit der Geschichte j├╝discher Heimkinder befasst, die w├Ąhrend des Zweiten Weltkrieges in christlichen Pflegefamilien aufwuchsen.
Weitere Infromationen zur Autorin finden Sie unter:
www.joshazwaan.nl (in niederl├Ąndischer Sprache)
(Quelle: Verlagsinformationen)

Zur ├ťbersetzerin: Christiane Kuby, Jahrgang 1952, studierte Romanistik und Germanistik in Amsterdam , wo sie auch heute lebt. Sie ist frei- und hauptberufliche Redakteurin und ├ťbersetzerin aus dem Niederl├Ąndischen und Franz├Âsischen ins Deutsche f├╝r Belletristik und Sachb├╝cher ├╝ber Kulturgeschichte und Philosophie. Kuby ist Mitglied im Verband deutschsprachiger ├ťbersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.

Josha Zwaan
Parnassia

Originaltitel: Parnassia
Aus dem Niederl├Ąndischen ├╝bersetzt von Christiane Kuby
Berlin Verlag, erschienen 01. Oktober 2012
Gebunden, 352 Seiten
ISBN: 978-3-827-010926
19,99 Euro
www.berlinverlag.de

Weitere Informationen zum Schicksal j├╝discher Kinder, die w├Ąhrend der Shoah von christlichen Pflegeeltern adoptiert wurden:

www.hagalil.com

www.juedische-allgemeine.de

www.ifs.uni-frankfurt.de

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Literatur Beitrag vom 17.12.2012 Dana Strohscheer 





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